The Man in the High Castle 1x01

The Man in the High Castle 1x01

Was wäre, wenn Nazideutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Diese Frage stellt Philip K. Dicks Alternativgeschichtsroman The Man in the High Castle, der nun von Amazon als Serienpilot umgesetzt wurde.

The Man in the High Castle / (c) Amazon
The Man in the High Castle / (c) Amazon
© (c) Amazon

Die Werke von Sci-Fi-Autor Philip K. Dick, der mit „Do Androids Dream of Electric Sheep?" die Vorlage zum Film Blade Runner lieferte, stehen im Moment wieder hoch im Kurs. Das auf seiner Kurzgeschichte basierende „Minority Report“ soll eine Serienfortsetzung erhalten „64976“ und bei Amazon ging jüngst der Pilot zu The Man in the High Castle online, welches auf dem gleichnamigen Roman beruht, der hierzulande unter dem Titel „Das Orakel vom Berge" erschien.

Dicks Werke sind stets spannend, wenn es um Adaptionen im Film- beziehungsweise aktuell Serienbereich geht, denn der Aufbau seiner Romane eignet sich nicht unbedingt dazu, eins zu eins in das audiovisuelle Erzählmedium übertragen zu werden. Seine Narration springt oft - eher wie ein überschauender Beobachter einer Gesamtsituation, nicht selten ohne erkennbaren Protagonisten. Den Filmemachern obliegt somit die Aufgabe, dies in einen Plot mit abgewandelter Struktur zu verwandeln, der vom Publikum angenommen wird, ohne die Grundaussage der Quelle zu verraten.

Joe (Luke Kleintank) erhält seine geheimnisvolle Ladung. © Amazon
Joe (Luke Kleintank) erhält seine geheimnisvolle Ladung. © Amazon

Amazons Serienpilot zu The Man in the High Castle stellt einen löblichen Versuch dieses Unterfangens dar. Abweichend von den Büchern aus dem Genre der Science-Fiction, für die der Autor bekannt ist, ist die Geschichte in einem alternativ-historischen Setting des Jahres 1962 (dem Erscheinungsjahr der Buchvorlage) angesiedelt. Nazideutschland und Japan haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen (anders als im Roman wird angedeutet, dass der deutsche Abwurf einer Atombombe dazu führte) und daraufhin die Vereinigten Staaten von Amerika besetzt. Der Westen der ehemaligen USA macht nun die Japanese Pacific States aus, während der Osten zum Großdeutschen Reich gehört. Zwischen ihnen befindet sich die neutrale Pufferzone der Rocky Mountain States.

Der 27-jährige Joe Blake (Luke Kleintank) schließt sich im deutsch besetzten New York einer Widerstandsbewegung an und erhält den Auftrag, einen beladenen Truck quer durch das Land zu fahren, um eine Lieferung zu überbringen. Kurz nach seiner Abfahrt werden seine Auftraggeber von den Nazis hochgenommen und deren Anführer verhört. Der Mann hält tagelanger Folter stand und hält dicht, doch, wie sich herausstellt, weiß Obergruppenführer Smith (Rufus Sewell, der in der Rolle des überzogenen Nazischurken brilliert) bereits, was sich in dem Truck befindet und was dessen Zielort ist.

Juliana Crain (Alexa Davalos) lebt im von Japan kontrollierten San Francisco. Sie hat sich längst mit der allgegenwärtigen asiatischen Kultur angefreundet, nimmt Aikidô-Stunden und lebt mit ihrem Freund Frank Frink (Rupert Evans) zusammen. Dieser hat jüdische Vorfahren, was er um jeden Preis geheimhalten muss, und möchte Schmuck entwerfen und verkaufen. Allerdings verdient er seinen Lebensunterhalt als Waffenschmied in einer Fabrik, da moderne Kunst als verkommen gilt. Als Julianas Schwester Trudy (Conor Leslie) plötzlich wieder aus dem Untergrund auftaucht, ist die Wiedersehensfreude nur von kurzer Dauer. In Eile übergibt sie ihrer Schwester ein Paket und wird kurz darauf von der japanischen Polizei erschossen.

Was Juliana in dem Paket entdeckt, werden mit der Vorlage nicht vertraute Zuschauer vermutlich sehr interessant finden - wenn das provokante Gedankenspielsetting nicht schon ansprechend genug ist - und gleichzeitig großes Stirnrunzeln bei Buchkennern verursachen: Beim Inhalt handelt es sich um eine Filmrolle mit dem Titel „The Grasshopper Lies Heavy", die Nachrichtenmaterial aus unserer tatsächlichen Realität enthält, in der die alliierten Mächte den Krieg für sich entscheiden konnten. In der Vorlage existiert ebenso ein Roman im Roman, der - wie der Roman selbst - von einer alternativen Geschichtsschreibung erzählt. In der Serienadaption eine audiovisuelle Version daraus zu machen, ist zum einen ziemlich clever, zum anderen bringt es aufgrund der Entstehungsgeschichte des Buches zahlreiche Fragen und gegebenenfalls noch Probleme mit sich.

Juliana (Alexa Davalos) sieht ungläubig das unmögliche Filmmaterial an. © Amazon
Juliana (Alexa Davalos) sieht ungläubig das unmögliche Filmmaterial an. © Amazon

Anstatt dem Rat ihres Freundes Frank (im Buch sind sie bereits geschieden) zu folgen, nimmt Juliana die Identität ihrer ermordeten Schwester Trudy an und macht sich auf den Weg in die neutrale Zone, wo ihre Schwester für den Widerstand einen Kontakt treffen sollte. Als ihr ihre Habseligkeiten gestohlen werden (zum Glück ohne die mysteriöse Filmrolle), lässt sie sich in einem Diner von Joe, der mit seinem Truck ebenfalls in der Landesmitte angekommen ist, zum Essen einladen. Wie wir erfahren, ist seine geheimnisvolle Lieferung ebenfalls eine Kopie des Films, der vom sogenannten „Mann im hohen Schloss“ stammen soll. Joe ist jedoch nicht der rebellische Held, für den wir ihn gehalten haben, wie ein Anruf beim Obergruppenführer enthüllt, den beide mit dem Hitlergruß beenden.

Zwischen die road trips der beiden Quasihauptfiguren sind Szenen mit dem japanischen Handelsminister Mr. Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa) gestreut, der auch in der Romanvorlage eine wichtige Rolle spielt und im Hintergrund der Geschichten der anderen Charaktere auftaucht. Er trifft sich mit dem Deutschen, Rudolf Wegener (Carsten Norgaard), der ihn vor der aktuellen Situation in Deutschland warnt. Da es um die Gesundheit des Führers nicht gut steht (hier ist es Parkinson, im Roman Syphilis), streiten sich Goebbels und Himmler bereits um seine Nachfolge und rasseln mit den Säbeln. Sollte Hitler sterben, werden die Deutschen Japan auf amerikanischem Boden mit einer weiteren Nuklearbombe angreifen und als Erstes San Francisco auslöschen.

Mr. Tagomi, fantastisch besetzt mit Cary-Hiroyuki Tagawa, welcher der Rolle wirkliches Gewicht verleiht, führt uns auch in die Welt des I Ging ein. Dabei handelt es sich um die chinesische Orakeltechnik, welche in der Realität von The Man in the High Castle weit verbreitet ist, von Dick beim Schreiben seines Romans verwendet wurde und womöglich auch etwas mit dem Blick in die parallele Geschichtsentwicklung zu tun hat.

Philip K. Dick wollte mit seinem Werk Themen wie die Beziehung zwischen Fiktion und Realität erforschen und, solange die Macher der Serienadaption nicht zu sehr in Richtung Abenteuergeschichte abdriften oder nur ein neues „Fatherland“ (Film mit Rutger Hauer) drehen wollen, könnte aus The Man in the High Castle ein wahrer Serienschatz mit Anspruch werden. Die von japanischer und deutscher Kultur beeinflussten Besatzungsgebiete liefern spannende Settings. Kleine Details, wie die retrofuturistischen Flugzeuge und weitere Eigenheiten dieser Alternativrealität, die sich teils im Hintergrund abspielen und zu einer dichten Atmosphäre beisteuern, tun neben der durch die Bank weg guten Besetzung ihr Übriges.

Mr. Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa) und Rudolf Wegener (Carsten Norgaard) © Amazon
Mr. Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa) und Rudolf Wegener (Carsten Norgaard) © Amazon

Die erste Stunde dieser ambitionierten Verfilmung hat für mich, der den Roman zuletzt vor Jahren in der Hand hatte, schon einiges sehr richtig gemacht, mich obendrein gut unterhalten und teilweise sogar beeindruckt. Eine Serienbestellung seitens Amazon wäre in jedem Fall wünschenswert. Gespannt wäre ich vor allem darauf, ob die abgehobeneren Konzepte aus der Vorlage in der Serie beibehalten werden oder handlungstechnisch schließlich zu einem mehr oder weniger kohärenten Abschluss gebracht werden. Was wir bei absoluter Quellentreue am Ende nämlich vorliegen hätten, wäre mehr oder weniger „Sophies Welt" mit Nazis.

Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 16. Januar 2015
Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Man in the High Castle 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Die neue Welt
Titel der Episode im Original
The New World
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 15. Januar 2015 (Amazon Prime Video)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 18. Dezember 2015
Regisseur
David Semel

Schauspieler in der Episode The Man in the High Castle 1x01

Darsteller
Rolle
Alexa Davalos
Rupert Evans
Luke Kleintank
Joel de la Fuente
Cary-Hiroyuki Tagawa
Rufus Sewell
Carsten Norgaard
Arnold Chun

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