The Lost Flowers of Alice Hart 1x01

The Lost Flowers of Alice Hart 1x01

Die siebenteilige australische Serie „The Lost Flowers of Alice Hart“ ist ein ebenso erschütterndes wie Hoffnung machendes Drama mit Tiefsinn. Im Review könnt Ihr nachlesen, was uns an der Pilotfolge beeindruckt hat.

Szenenfoto aus der Serie „The Lost Flowers of Alice Hart“
Szenenfoto aus der Serie „The Lost Flowers of Alice Hart“
© Prime Video

Das passiert in „The Lost Flowers of Alice Hart“

Die neunjährige Alice (Alyla Browne) lebt mit ihrer schwangeren Mutter (Tilda Cobham-Hervey) und ihrem Vater Clem (Charlie Vickers) in The Lost Flowers of Alice Hart auf einer Farm in Australien. Clem führt ein schreckliches Regiment zwischen Zuckerbrot und Peitsche, ist aber klug genug, weder seine Frau noch sein Kind so zu verletzen, dass Außenstehende Verdacht schöpfen.

Als er wieder einmal für mehrere Tage unterwegs ist, wagt Alice etwas, das ihr streng verboten ist: Sie geht in einem ärmellosen Kleidchen in die Stadt in die örtliche Bibliothek, wo die Leiterin ihre mit blauen Flecken übersäten Arme bemerkt. Trotz einer Anzeige unternimmt die Polizei nichts. Eines Tages geschieht das Unvorstellbare. Alices Eltern sterben bei einem mysteriösen Brand. Das Mädchen kommt zu ihrer Großmutter (Sigourney Weaver), die ihr eine neue Welt eröffnet.

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Erschütternd

Die ersten 30 Minuten der Pilotepisode von „The Lost Flowers of Alice Hart“ (aka „Die verlorenen Blumen der Alice Hart“) gehören womöglich zu den erschütterndsten der letzten Jahre. Gewalt gegen die eigenen Kinder ist ein heißes Eisen, das in der TV-Landschaft bis heute nur ungern aufgegriffen wird. Das Produktions-Team stößt mit diesem Themenkomplex ein Pendel an, das schnell in die falsche Richtung ausschlagen kann.

Die Gefahrenpotentiale für die Macher multiplizieren sich unter Umständen ins Unendliche und die Stolpersteine werden unüberwindlich groß. Wie drastisch stellt man die Gewaltszenen dar? Wie porträtiert man die Täter und die oft aus Angst schweigenden Angehörigen? Welche Rolle schreibt das Drehbuch den oft überlasteten und überforderten Behörden zu, oder den Nachbarn, die die Schreie hörten, aber nichts unternahmen?

Solche und viele weitere Fragen gilt es im Vorfeld zu beantworten, um nicht ins Unsensible oder gar Sensationslüsterne abzudriften. Showrunnerin Sarah Lambert, deren Geschichte auf einem Roman der australischen Autorin Holly Ringland basiert („Die verlorenen Blumen der Alice Hart“, 2018, Limes Verlag), entschied sich für einen zwar drastischen, aber nicht effektheischenden Weg.

Gewalt

Szenenfoto aus der Serie „The Lost Flowers of Alice Hart“
Szenenfoto aus der Serie „The Lost Flowers of Alice Hart“ - © Prime Video

Die Pilotfolge von „The Lost Flowers of Alice Hart“ beginnt mit einem Blick auf eine oberflächlich betrachtet glückliche Familie. Clem und Agnes sind ein junges Paar, das soeben ein zweites Baby erwartet. Lachend tanzen sie durch ihr kleines Farmhaus und schließen ihr neunjähriges Kind Alice liebevoll mit ein.

Die Idylle scheint perfekt. Die nächste Szene zeigt Mutter und Tochter einen Tag später gemeinsam auf dem Rasen vor dem Haus kuschelnd, doch etwas stimmt nicht. Alice bittet Agnes darum, mit ihr in die Stadt zu gehen, weil „es“ für einige Tage fort sei. Während des Gesprächs rutscht der Frau die Strickjacke von der Schulter und es folgt ein Schock, denn ihr Arm ist mit blauen Flecken übersät.

Schon diese ersten Szenen führen dem Publikum, die Perfidität und die krankhafte Kontrollsucht eines gutaussehenden, klugen Mannes vor Augen, der seine Emotionen nicht im Griff hat. Doch damit nicht genug, denn Clem schlägt nicht nur seine Gattin, sondern auch Alice so geschickt, dass die Auswirkungen der Gewalt nur schwer erkennbar sind.

Macht

Szenenfoto aus der Serie „The Lost Flowers of Alice Hart“
Szenenfoto aus der Serie „The Lost Flowers of Alice Hart“ - © Prime Video

Die eigentliche Drastik liegt in The Lost Flowers of Alice Hart allerdings nicht darin, dass die Gewalt explizit und voyeurhaft inszeniert wäre. Im Gegenteil verzichtet das Produktions-Team fast gänzlich auf Plakativität und setzt auf die subtile Kameraarbeit von Sam Chiplin, die Clems Taten noch erschreckender wirken lässt.

Eine beängstigende Kameraeinstellung zeigt etwa Alice verprügelt auf dem Boden kauernd, den Blick macht- und hilflos nach oben auf ihren wütenden Vater gerichtet. Die eigentliche Strafe, so vermitteln die wenigen Sekunden, besteht nicht in den Prügeln, sondern in der Vernichtung des Bibliotheksausweises, von dem das Kind so lange geträumt hatte. Clem geht es hier um nichts anderes als Macht, die er sowohl mit Gewalt und Drohungen als auch mit manipulativ gestreuten falschen Versprechungen, Zärtlichkeit und geheuchelter Liebe manifestiert.

Der Ausweisszene geht ein Ereignis voraus, das nicht minder bedrückend ist. Während „es“ mit dem Wagen für mehrere Tage spurlos verschwunden ist, verfällt Agnes in tiefe Depression, so dass Alice auf sich allein gestellt ist. Ohne Schuhe, nur mit einem dünnen Kleidchen am Leib, begibt sie sich in die Stadt, um endlich die Bücherei zu sehen, die ihr Vater ihr vorenthält.

Dort entdeckt eine Mitarbeiterin die Blutergüsse am Arm und alarmiert die Polizei. Als der Beamte einen Tag später das Haus der Harts aufsucht, hat Clem seine Familie so sehr in Angst und Schrecken versetzt, dass sie lügen. Es ist schrecklich mitanzusehen, wie sich Agnes aus nackter Furcht vor ihrem gewalttätigen Mann zur stillen Mittäterin macht, wohlwissend, wie schlimm ihr Kind leidet.

Neuanfang

Aber es gibt einen Neuanfang, eine zweite Chance, zumindest für Alice. In einer beeindruckend gefilmten und geschnittenen Sequenz brennt das Haus der Harts nieder. Doch handelt es sich wirklich um einen Unfall, wie die ersten Bilder nahelegen, oder hat Alice ein Buch über den mythischen Phönix allzu wörtlich genommen und sich entschieden, aus der Asche ihres bisherigen Lebens neu aufzuerstehen? Man mag dem sympathischen neunjährigen Mädchen eine derartige Tat nicht zutrauen, doch die Verzweiflung treibt bisweilen bizarre Blüten.

Wie dem auch sei, die Eltern sterben bei dem Brand. Noch im Krankenhaus beginnt sich der Ton der Serie allerdings zu verschieben. Sigourney Weaver tritt als Clems Mutter in Erscheinung, die sich von nun an um Alice kümmert. Die Figur der June wirkt zunächst wenig sympathisch. Sie scheint vergrämt und kannte weder ihre Schwiegertochter noch ihr Enkelkind.

Anspruchsvoll

Der ambivalente Ersteindruck relativiert sich jedoch, als June ihr Zuhause erreicht und ihrer Lebensgefährtin unter Tränen von den tragischen Ereignissen erzählt. Die Szene ist in warme, aber trübe Brauntöne eingebettet und mit einem melancholischen, von Cello und Klavier getragenen Score untermalt.

In solchen Situationen offenbart sich in „The Lost Flowers of Alice Hart“ eine starke, anspruchsvolle Bildsprache, die leichte Arthouseanklänge nicht verleugnen kann. Hinzu gesellen sich Augenblicke, in denen Alice oder andere Protagonisten eindringliche Passagen aus Mythen- und Märchenbüchern vorlesen sowie der oben bereits erwähnte, leise eindrückliche Score. All dies ergibt einen unaufgeregten ruhigen Inszenierungsstil, der die Aufmerksamkeit dank kurzer, knackiger Dialoge immer wieder auf die hochintelligenten, intensiven Bildkompositionen lenkt.

Die erste Folge endet, als June ihre Enkeltochter abholt und sie in ihr neues Heim führt, einer Blumenfarm, auf der Alice von nun an behütet und frei von Gewalt aufwächst. Denn June wusste sehr wohl über die Gewaltausbrüche ihres Sohnes Clem Bescheid.

Fazit

Die Pilotfolge von „The Lost Flowers of Alice Hart“ ist beklemmend und audiovisuell höchst ansprechend in Szene gesetzt. Keine Bildkomposition wirkt unüberlegt dahingeschludert, keine Einstellung misslungen. Hinzu gesellen sich ein gefühlvolles Timing, ein melancholischer, eindringlicher Score und starke schauspielerische Leistungen.

Alyla Browne hat offensichtlich das Talent ihrer Mutter Nicole Kidman geerbt und glänzt in der Rolle der jungen Alice, wie es nur wenige Kinderstars vermögen. Sigourney Weaver bildet einen großartigen Kontrast zu der Jungschauspielerin, der in der zweiten Episode dieser emotional und tiefgründig erzählten Geschichte sicherlich noch wesentlich stärker zum Tragen kommt. Da schaut man gerne weiter. Viereinhalb von fünf verlorenen Blumen.

Hier der Originaltrailer zur Serie „The Lost Flowers of Alice Hart“:

Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 4. August 2023

The Lost Flowers of Alice Hart 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(The Lost Flowers of Alice Hart 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Episode 1
Titel der Episode im Original
Part 1: Black Fire Orchid
Erstausstrahlung der Episode in Australien
Donnerstag, 3. August 2023 (Amazon Prime Video)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 4. August 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Freitag, 4. August 2023
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 4. August 2023
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 4. August 2023
Autoren
Sarah Lambert, Holly Ringland
Regisseur
Glendyn Ivin

Schauspieler in der Episode The Lost Flowers of Alice Hart 1x01

Darsteller
Rolle
Asher Keddie
Leah Purcell
Frankie Adams
Alexander England
Charlie Vickers
Alyla Browne

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