
Im Zentrum des Mysteriums namens The Leftovers stehen Polizeichef Kevin Garvey (Justin Theroux) und seine Familienmitglieder. Das göttliche Ereignis, durch das an einem 14. Oktober zwei Prozent der Weltbevölkerung einfach verschwanden, ließ die Garveys eigentlich undezimiert, riss aber trotzdem tiefe Wunden und Gräben in ihre Einheit.
We know who they were
Kevins Ehefrau Laurie (Amy Brenneman) hat sich in den drei Jahren, die seit der Katastrophe vergangen sind, einer sektenartigen Gruppierung namens Guilty Remnant („schuldiger Rest“) angeschlossen. Kevins Sohn Tom (Chris Zylka) folgte dem selbsternannten Wunderheiler Wayne (Paterson Joseph) in die Wüste des US-Bundesstaats Nevada, nachdem er auf dem Campus seiner Universität Zeuge eines Doppelselbstmordes geworden war. Die jüngste Tochter Jill (Margaret Qualley) ist die einzige, die Kevin noch geblieben ist - zumindest physisch. Geistig hat sich auch der orientierungslose Teenager längst aus dem Familienalltag ausgeklinkt.
Früh in der Pilotepisode wird klar, dass The Leftovers nicht an der Erforschung des zentralen Mysteriums interessiert ist. Auch Serienschöpfer Damon Lindelof (Lost) und Buchautor Tom Perrotta wurden im Vorfeld nicht müde, zu betonen, dass eben nicht dieses übernatürliche Ereignis im Mittelpunkt stehen wird, sondern die Reaktionen der Betroffenen darauf. Schon gleich zu Beginn zeichnet sich eine düstere Meditation über die Nachgeschichte ab.
Die Reaktionen auf die vermeintlich göttliche Intervention könnten denn auch unterschiedlicher nicht sein. Der Guilty Remnant geht wohl davon aus, dass es keinerlei Hoffnung mehr geben kann. Die Mitglieder reduzieren ihre eigene Existenz folglich auf das Nötigste, tragen weiße Kleidung, ernähren sich von einem farblosen Brei, haben aufgehört zu sprechen. Sie scheinen sich nur ein einziges Vergnügen zu gönnen - das Rauchen. Ihr Name verrät eine religiös angehauchte Ideologie: Sich selbst betrachten sie als übriggebliebene Sünder. Ob das im Umkehrschluss auch bedeutet, dass sie die Entrückten als Gottes heimgeholte Kinder ansehen, bleibt im Piloten unklar.

In mehreren Fetzen diverser Nachrichtensendungen wird die allgemeine, weltweite Unwissenheit offenbar. Eine Radiostimme liest zu Beginn die Opferzahlen einzelner Nationen vor, ein Experte versucht das Ausmaß der Katastrophe zu relativieren, indem er die Zahl der Verschwundenen mit Opferzahlen aus vergangenen Pandemien aufwiegt. Ein vom amerikanischen Kongress eingesetzter Untersuchungsausschuss aus Wissenschaftlern und Theologen kommt nach dreijähriger Recherchetätigkeit zu keinem Ergebnis.
They just go primal
Weil die menschliche Natur aber nicht darauf ausgerichtet ist, unerklärliche Phänomene einfach hinzunehmen, haben religiöse, ideologische und agnostische Theorien Hochkonjunktur. Weil es keine nachvollziehbare Erklärung gibt, kann es in den Augen vieler Zurückgebliebener nur eine Erklärung geben. Für sie ist das Ereignis der endgültige Beweis für die Existenz Gottes und die Wahrhaftigkeit einer in der Bibel vorhergesagten Begebenheit, die im Englischen The Rapture heißt, im Deutschen aber mit Entrückung nur eine sprachlich dürftige Entsprechung findet.
Der Begriff aus der christlichen Eschatologie (die Lehre von den letzten Dingen) taucht in der heiligen Schrift jedoch nur im Zusammenhang mit rechtschaffenen Gläubigen auf. Demnach würden die Anhänger des christlichen Glaubens vor dem Ende der Welt vom zurückgekehrten Jesus Christus in den Himmel gebracht. Danach existiere die Welt noch mehrere Jahrhunderte weiter, bevor es zu einer Schlacht namens Armageddon käme.
Eben weil dieses theologische Konstrukt davon ausgeht, dass nur die Rechtschaffenen von Gott in den Himmel geholt werden, kämpft der Pfarrer Matt Jamison (Christopher Eccleston) in The Leftovers gegen die weitere Verbreitung dieser Theorie. Auf einer Festparade anlässlich des dritten Jahrestags der Departure verteilt er Flugblätter über die Vergangenheit der Verschwundenen. Er versucht damit zu beweisen, dass es sich bei dem Ereignis gar nicht um eine Entrückung gehandelt haben konnte.

Bei der Festtagsansprache von Bürgermeisterin Lucy Warburton (Amanda Warren) tauchen schließlich Mitglieder des Guilty Remnant auf. Sie recken ein Plakat mit der Aufschrift „Stop wasting your breath“ empor und werden bald darauf von entsetzten Trauernden verprügelt. Dennoch sind sie am Ende mit einem weiteren Rekrutierungsversuch - der daraus besteht, eine potenzielles neues Mitglied überall hin zu verfolgen - erfolgreich: Die haltlose Meg Abbott (Liv Tyler) will sich von ihrem mondänen Leben lösen und sucht bei der Sekte existenziellen Beistand.
Can you help me?
Bei mir stößt das Ansinnen der Serienschöpfer Lindelof und Perrotta bereits nach der Pilotepisode auf großes Wohlwollen. Die Autoren schaffen es, eine düstere Welt gebrochener, orientierungsloser Suchender zu entwerfen, die mich sofort in ihren Bann zog. Die Fülle an interessanten Charakteren ist überwältigend. Garvey selbst leidet möglicherweise an Wahnvorstellungen, sein Vater ist deshalb verrückt geworden. Seine Tochter existiert in einer gefühlskalten, stumpfen, betäubten Blase vor sich hin. Ihre Teenagerfreunde versuchen, die Erkenntnis über die eigene belanglose Existenz in nacktem Hedonismus zu ertränken.
Der Wanderprediger Wayne verfügt offenbar über psychologische Manipulationstechniken, hält sich einen ganzen Harem an jungen asiatischstämmigen Mädchen und schwadroniert gegenüber Tom: „Grace period's over.“ Am Tag genau nach drei Jahren werde sich eine weitere Katastrophe ereignen. Eine urbane Legende hält sich wacker, wonach Hunde sich in großen Meuten zusammenrotteten, um andere Tiere und sogar Menschen anzugreifen (was Kevin in einer seiner mutmaßlichen Wahnvorstellungen schließlich bezeugen kann).
Diese faszinierenden Figuren werden mit wenigen Ausnahmen von herausragenden Darstellern verkörpert. Im Auftakt sticht vor allem Amy Brenneman als Laurie Garvey heraus, weil ihr Schauspiel völlig stumm sein muss. Es gibt eine herzzerreißende Szene zwischen ihr und Kevin, der sie betrunken anbettelt, doch endlich wieder nach Hause zu kommen. Brenneman transportiert darin die Emotionen ihrer Figur nur über ihre Mimik, eine großartige Leistung. Von Liv Tyler ist ja hinlänglich bekannt, dass sie nicht zur Riege der Charakterdarsteller gehört, ähnliches gilt für Chris Zylka, der für die Rolle etwas zu „CW-ig“ aussieht. Trotzdem ist deren Spiel in der Pilotepisode solide und wird jederzeit durch die Performances ihrer Kollegen bereichert.

Die technische Umsetzung unter der Regie von Peter Berg (der in der Episode einen kleinen Cameoauftritt hat) steigert sich im Zeitablauf. Zu Beginn wirken die Bilder - für HBO-Maßstäbe - reichlich glatt und sauber. Die Steadicam bleibt nah an den Protagonisten. Wenn man Bergs sonstige Regiearbeiten (Friday Night Lights, „Lone Survivor“) kennt, findet man seine typischen Merkmale in The Leftovers schnell wieder. Seine Bilder sind bisweilen expressionistisch angehaucht, er offenbart auch hier seinen emotionalen, fordernden Regiestil. Zum Ende wandelt sich die Bildkomposition in ein opulentes Machwerk, der düstere Verlauf der Episode findet darin seinen Klimax.
Am I awake?
Unterstützt wird die optische Umsetzung durch eine grandiose musikalische Untermalung. Sowohl das Sounddesign des deutsch-britischen Komponisten Max Richter („Shutter Island“, „Waltz With Bashir“) als auch sein Piano-Thema und der Einsatz diverser Popmusik (zum Beispiel von James Blake) unterstreichen die narrative Dringlichkeit, die optische Unmittelbarkeit und die zersetzende Verlorenheit der Protagonisten.
Die Pilotepisode verströmt aus allen Poren ihre trostlose Sicht auf menschliche Existenz und Gemeinschaft. Eine größere Portion Humor hätte ihr durchaus gutgetan, außer einem kleinen Einwurf gibt es weit und breit nur Gefühllosigkeit und emotionale Verwüstung. Aus diversen Quellen ist zu vernehmen, dass die Buchvorlage von Tom Perrotta durchaus leichter daherkommt. Die omnipräsente Tristesse dürfte demnach verhindern, dass die Serie vom Start weg zum großen Publikumserfolg wird - genau wie die Tatsache, dass das zentrale Mysterium für die Serienmacher eben nicht von zentralem Interesse ist.
All diese Elemente und Eigenschaften machen The Leftovers zu einem düsteren existenzialistischen Kunstwerk, zu einer philosophisch-religiösen Meditation über das Unerklärliche - einmalig und absolut sehenswert.