Die letzten Tage des Ptolemy Grey 1x01

© oster zur Serie The Last Days of Ptolemy Grey (c) Apple TV+
Die Prämisse
Der 91-jährige Ptolemy Grey (Samuel L. Jackson) leidet unter progredienter Demenz. Er lebt zurückgezogen in seiner verwahrlosten Wohnung, vergessen von der Welt und sogar seiner Familie. Nur sein Großneffe Reggie (Omar Benson Miller) kümmert sich um ihn und sorgt für das Nötigste. Als er erschossen wird, bricht Ptolemys mühsam aufrecht erhaltenes Kartenhaus in sich zusammen, bis sich seine Urgroßnichte Pity (Percy Daggs IV) seiner annimmt. Sie bringt ihren Onkel zu dem Psychologen Dr. Rubin (Walton Goggins), der ein neuartiges Medikament entwickelt hat, das Alzheimer-Patienten kurzzeitig ihre Erinnerungen zurückbringt. Der alte Mann nimmt dieses einzigartige Geschenk an und nutzt seine letzten Tage, um den Tod seines geliebten Neffen aufzuklären. Dabei stellt er sich auch den Dämonen seiner Vergangenheit, die ihn immer wieder quälen.
Touching TV
Es ist schon äußerst selten, dass der Autor dieser Zeilen nach der Begutachtung einer Miniserie so beeindruckt war, wie bei The Last Days of Ptolemy Grey. Das liegt nicht nur an der Golden-Globe-verdächtigen Leistung von Samuel L. Jackson, sondern an der berührenden Geschichte nach dem gleichnamigen Roman von Walter Mosley. Der US-amerikanische Schriftsteller veröffentlichte sein Werk bereits 2010 und hat es auch selbst als Drehbuch adaptiert. Die Story berührt, bewegt und schockiert gleichermaßen. Die Serie zeigt in eindrucksvollen Bildern, was aus einem hochintelligenten Menschen werden kann, wenn er nach und nach seine kognitiven Fähigkeiten einbüßt und am Ende noch nicht einmal mehr weiß, wer er selbst ist.
Ptolemy Grey lebt in einer Zwischenwelt, in der Fantasie und Realität, Vergangenheit und Gegenwart untrennbar ineinander verschwimmen. Nur dem Einsatz seines Neffen ist es verdanken, dass er überhaupt noch mehr schlecht als recht in seiner zugemüllten, und von Kakerlaken befallenen Wohnung leben kann. Emotional und schonungslos erlebt man hautnah die wahnhafte Paranoia, die Zwangshandlungen bis hin zur Selbstverletzung und die Aggressionsschübe mit, die so typisch für das Krankheitsbild sind. Manchmal hat Ptolemy kurze, gute Phasen, in denen er der Welt vorgaukeln kann, dass er zwar alt, aber ansonsten noch recht fit ist. Nur Reggie nimmt die fortschreitende Wesensveränderung seines Onkels wahr und tut das einzig Richtige.
Er bringt ihn zu einem Arzt, der das bestätigt, was er schon lange geahnt hat. Um Greys Wahnvorstellungen zu visualisieren, arbeiten die Regisseure mit einigen Techniken, die zum Teil eine große Symbolik entfalten. Wenn Grey einen Schub durchlebt, wird seine Wahrnehmung getrübt. Er sieht und hört wie durch Watte oder erblickt seine verstorbene Frau in der Menge, die in Zeitlupe auf ihn zugeht. Ein andermal steht der Protagonist in einem langen, dunklen Korridor, an dessen Ende sich eine Tür befindet, hinter der das Licht auf ihn wartet. Diese und einige weitere Stilmittel wie Weichzeichner und Close-up-Portraitaufnahmen wirken keineswegs aufgesetzt, sondern ergänzen das oben bereits gelobte meisterhafte.
Die Wunderdroge
Der Zuschauer wird in die verwirrende Welt des Demenzkranken entführt und erlebt hautnah mit, welch schlimme Auswirkungen die Erkrankung auf ihn hat. Als Ptolemy zu allem Überfluss nichts ahnend von seinem gleichgültigen Urgroßneffen zu seiner Familie gebracht wird, hat es niemand für nötig erachtet, ihn über die Ermordung von Reggie zu informieren. Für den alten Mann bricht die Welt zusammen. Der Mensch, an dem er sich festklammern konnte, der sich bedingungslos um in gekümmert hat, liegt tot vor ihm in einem Sarg. Die Szene aus der Pilotfolge Absense of Mind ist so heftig inszeniert und so wirkungsvoll gespielt, dass es einem fast die Kehle zuschnürt. An dieser Stelle ist die Serie sogar bis ins Mark erschütternd und weckt ein grenzenloses Mitgefühl mit der Figur.
Der Tod von Ptolemys eigenem Ich schreitet die nächsten Tage gnadenlos voran. Die Angst- und Paranoiaschübe, die durch Reggies Tod ins Extrem auszuufern drohen, finden in der zweiten Episode (The Good Daughter) durch seine Urgroßnichte Pity (toll gespielt von Percy Daggs IV) ein Ventil. Die Jugendliche wird im Haus ihrer Tante fast von ihrem nichtsnutzigen Cousin vergewaltigt und entschließt sich kurzerhand, zu Ptolemy zu ziehen. Der Schock über den Zustand seiner Wohnung ist schnell überwunden und pragmatisch macht sich das Mädchen ans Aufräum-Werk. Sie spürt instinktiv, dass sie ihm mit Samthandschuhen, aber auch Respekt begegnen muss. Im Gegenzug schenkt er ihr Vertrauen und Achtung. Mehr noch. Pity fühlt sich gebraucht und großväterlich geliebt und entwickelt bald eine einfühlsam gespielte, tiefe Zuneigung zu ihm.
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Genreschwenk
Ein Arztbesuch bei dem von Walton Goggins (The Shield) mit eigenwilliger Attitüde dargestellten Psychologen Dr. Rubin führt sogar ein fantastisches Element in die Geschichte ein. Der Wissenschaftler hat ein spezielles Antidementivum entwickelt, dass Patienten für einen kurzen Zeitraum vollen Zugriff auf ihre Erinnerungen gewährt. So ein Medikament existiert in der Realität nicht. Tatsächlich wird die Wirkweise von Antidementiva immer noch stark diskutiert und zielt sinnvollerweise auf eine möglichst langanhaltende Verbesserung der Lebensqualität ab. Für den weiteren Verlauf der Geschichte muss man die Existenz der erwähnten Wunderdroge also schlicht als gegeben hinnehmen.
Der kurze Science-Fiction-artige Schwenk eröffnet der Art des Storytellings aber neue Perspektiven, denn das Gesellschaftsdrama wird ab hier mit Krimi-Elementen angereichert. Dank seiner (wenn auch nur kurzfristig) zurückgekehrten kognitiven und nicht-kognitiven Fähigkeiten ist es Ptolemy plötzlich möglich, sich an die Aufklärung der Ermordung von Reggie zu machen. Die Idee funktioniert deshalb so gut, weil Autor Walter Mosley keinen Zweifel aufkommen lässt, dass die Einnahme seiner Droge einen Preis hat. Denn die Wirkung hält nicht lange vor und bleibt daher letztlich eine Falle ohne Ausweg. Nichtsdestotrotz verschafft sie dem alten Mann genug Zeit, den letzten Tagen seines Lebens einen Sinn zu verleihen und sich seiner Vergangenheit zu stellen. Das ist erstklassig geschrieben.
Fazit
Was für ein Drehbuch, was für eine mitreißende Geschichte voller Menschlichkeit und Wärme, aber auch Spannung! Sie ist Gesellschaftsdrama, Krimi und zeigt manchmal sogar einen Hauch Dramedy. Das schwere Thema Demenz wird nach wie vor tabuisiert, obwohl es immer mehr Menschen direkt oder als Angehörige und Pflegende betrifft. Zudem gewährt die Miniserie Einblicke in das Leben der schwarzen Bevölkerung in den armen Außenbezirken der US-amerikanischen Großstädte (in diesem Fall Atlanta). In gewissen Gegenden bemisst sich der Wert eines Menschenlebens viel zu oft an der Hautfarbe. Polizeibeamte, die nach dem Racial-Profiling-Prinzip vorgehen sind gang und gäbe, wie in Teil zwei gezeigt wird. Walter Mosley hat also in jeder Hinsicht voll ins Schwarze getroffen.
Es ist absolut nachvollziehbar, warum Samuel L. Jackson als Hauptdarsteller und Executive Producer auftritt. Die Figur ist ihm auf den Leib geschrieben und es gäbe niemanden, den man sich in der komplexen Rolle besser vorstellen könnte. Doch auch die Nebenrollen sind fantastisch besetzt und das Produktionsteam inklusive Regisseure, Kameraleute und der wundervollen Musik von Craig DeLeon leistet Großes. Mit einem Satz: The Last Days of Ptolemy Grey ist ein aufregender und emotionaler Trip in die Welten der hohen Serienkunst.
Hier noch der Trailer zur Serie „The Last Days of Ptolemy Grey“:
Verfasser: Reinhard Prahl am Freitag, 11. März 2022Die letzten Tage des Ptolemy Grey 1x01 Trailer
(Die letzten Tage des Ptolemy Grey 1x01)
Schauspieler in der Episode Die letzten Tage des Ptolemy Grey 1x01
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