The Killing 2x06

Bisher nebensächliche Figuren werden plötzlich zentral. Alte Bekannte kehren zurück. Neue Namen tauchen auf. Spuren aus der ersten Staffel spielen wieder eine Rolle. Und - untypisch für The Killing - schon in den ersten Minuten der Folge Openings werden überraschende Wendungen offenbart.
Der neunzehnte Tag
Eine Überlegung vorweg: Seit April 2011 sind wir mit The Killing auf Mördersuche. Doch eines muss man sich deutlich machen: Die sechste Folge der zweiten Staffel von The Killing bringt uns erst den neunzehnten Tag seit dem Mord: Rosie ist noch keine drei Wochen tot.
Unter diesem Aspekt erscheint einiges plötzlich logischer. Zum Beispiel das plötzliche Auftauchen ganz neuer Beweise. Manchmal ist der Zuschauer verleitet zu denken: „Ja klar, und das ist denen die ganze Zeit vorher nicht aufgefallen!“ Aber diese ganze Zeit sind ja nur knapp drei Wochen.
Dieser kurze Zeitraum jedoch wirft auf andere Umstände ein sehr fragwürdiges Licht. Zum Beispiel darauf, wie Mitch (Michelle Forbes) keine zwei Wochen nach dem Mord an ihrer Tochter allen Ernstes spurlos verschwindet und auch die Zusammenarbeit mit der Polizei verweigert.
Das Netz der Verdächtigen
In der Vergangenheit haben Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) sich stets mit voller Kraft auf einen Verdächtigen gestürzt. Zuerst war es Bennet Ahmed (Brandon Jay McLaren), der dadurch schwer verletzt im Krankenhaus landete. Anschließend Darren Richmond (Bill Campbell), der einen ähnlichen Weg gehen musste.
Nun scheinen die Detectives vorsichtiger ans Werk zu gehen. Denn obwohl die Halbzeitepisode der zweiten Staffel vor Verdächtigen überquillt, beschränken sich die beiden auf Befragungen.
Und lassen damit gleichzeitig den Zuschauer im Dunkeln tappen. Wer könnte es sein?
Die V-, M- und L-Frage
Zu der Frage nach dem Mörder von Rosie Larsen ist jetzt noch die Frage nach dem Vater der Toten getreten. Plötzlich kommen alle Männer im passenden Alter gleichzeitig als Mörder und als Vater in Frage. Und eventuell sogar noch als Liebhaber.
Hier ist eine Aufdröselung der einzelnen Erzählstränge dringend von Nöten.
Der Verdächtige Nummer Drei?
Kurze Auftritte als bestürzter Vater, der sein Geld spielen lässt und noch kürzere Auftritte als jemand, mit dem Terry (Jamie Anne Allman) in seltsamer Verbindung steht. Das war es, was bis jetzt von Michael Ames (Barclay Hope) kam. Doch jetzt rückt er plötzlich ins Zentrum des Interesses. In Sachen Vaterschaft, in Sachen Liebhaber und auch in Sachen Mörder. Unvorhersehbar, aber absolut nicht unglaubwürdig und darum sehr gelungen.
Alle Beweise, die ihn als Vater, Mörder oder Liebhaber entlasten, kommen von seiner Familie. Daher sind sie nicht zwangsläufig glaubwürdig, so scheint es. Wieso sollte Rosie Jungfrau sein, nur weil sie es Jasper (Richard Harmon) so gesagt hat? Und worauf begründet Jasper seine Aussage, dass Rosies scheinbare Prostitution nur ein Witz gewesen sei? Was hat sie dann nachts im Casino und auf der Internetseite der Agentur gemacht?
Wie glaubwürdig ist Jaspers Aussage, dass er seinen Vater mit Rosies Handy erpresst hat? Er nimmt damit das Motiv von Michael Ames. Bisher scheint er keinen Grund zu haben, für seinen Vater zu lügen. Aber immerhin, es geht um seinen Vater und noch dazu einen der mächtigsten Männer in der Serienwelt von The Killing.
Allanwesend und trotzdem nicht im Mittelpunkt
Michael Ames zieht endlich jemanden mit ans Rande des Interesses, der immer mal wieder seltsam verdächtig rüberkam und dann wieder verschwand: Bürgermeister Lesley Adams (Tom Butler). Wie genau der seine Hände im Spiel hat, weiß man noch nicht. Aber auch er könnte nach aktuellem Stand alles sein, vom Vater bis zum Mörder.
Ein weiterer Anwärter auf den Thron des nächsten, überraschend ins Zentrum Rückenden könnte auch Gwens Vater, Senator Eaton (Alan Dale) sein. Bisher hat er keine Verbindung zu dem Fall, aber er ist ebenfalls eine undurchschaubare Machtperson. Und über seine Tochter hätte er sogar Zugang zu einem Wagen der Richmond-Kampagne gehabt. Ob da noch was kommt?
Eine verrückte Familie
Aber es gibt nicht nur potentielle Verdächtige in Openings.
Terry zeigt eine bisher nur angedeutete Facette ihres Charakters. Die Seite, die sie daran hindert, glücklich zu sein. Der Zuschauer sieht eine Frau, die gerne das hätte, was Mitch hatte, aber offensichtlich immer an die falschen Männer gerät. Sie erfüllt das Klischee der abgelegten Mätresse, die sich immer noch an hohle Versprechen klammert.
Mitch hingehen läuft sehenden Auges in ein anderes Klischee. Das der verlorenen Seele mit großem Traum und Talent, die man nur zurück auf den richtigen Weg bringen muss - und die die Liebenswürdigkeit mit hinterhältigem Bestehlen belohnt.
Vielleicht hat Tina (Chelsea Ricketts) das vom Klopfen an der Tür an geplant. Vielleicht hat sie sich aber auch erst nachts dazu entschlossen, als Mitch zunehmend seltsamer wurde. Wir wissen es nicht. Vielleicht werden wir es erfahren, vielleicht wird es keine Rolle mehr spielen.
Denn eine Aufgabe hat Tina bereits erfüllt: Sie hat die Kiste, die Rosie von Mitchs Eltern bekommen hat, durchwühlt und Mitch dadurch auf den Brief aufmerksam gemacht, der alles verändert.
Post für D.R.
Es ist der Brief, durch den Rosie offenbar erfahren hat, dass Stan (Brent Sexton) nicht ihr Vater ist. Nun weiß auch Mitch, dass Rosie es wusste.
Und nicht nur Mitch weiß nun alles, auch Stan ist im Bilde. Woher hat er den Brief? Liest er etwa die Vorderseite des Briefes, dessen Rückseite Mitch liest? Beide Briefe sind an einen David Rainer adressiert. D. R. Darren Richmond. Hm. Der smarte Bürgermeisterkandidat als Rosies Vater?
Oder sollte David Rainer wirklich eine bisher völlig unbekannte Person sein, die einfach so ganz neu daher kommt? Das wäre auch irgendwie etwas unbefriedigend in diesem dichten Konstrukt, das The Killing bisher gezeichnet hat.
„I met somebody. He's a really caring, wonderful man - different from you.“ Das liest Stan unter einem Schwangerschaftsgeständnis auf der Vorderseite. Ist er dieser Mann? Jetzt würde die Beschreibung auf ihn passen, doch - so des Zuschauers Bild bisher - vor der Geburt seiner Kinder war er ein Gangster im Netz von Janek (Don Thompson), der so manch schwere Schuld auf sich geladen hat.
Zu Linden hat Stan in der vorhergehenden Episode gesagt, dass manche Leute falsche Vorstellungen davon hätten, was er getan habe. Hat er Alexis Vater nicht ermordet? Ist er schon immer der sorgende Mann gewesen, der den Verdacht des Mordes auf sich genommen hat?
Die Schatten der Vergangenheit
Alle Personen in The Killing werden auf die ein oder andere Art von ihrer Vergangenheit eingeholt. Nun scheint Lindens Stunde näher zu rücken. Schon in der ersten Staffel gab es mehrere Anspielungen darauf, dass sie einst eine Art Nervenzusammenbruch erlitten haben muss, der eventuell mit einem anderen Fall in Verbindung steht.
Unter anderem wurde eine solche Annahme durch Aussagen ihres ehemaligen Vorgesetzten und Jacks Vater gefestigt. Doch welche Art Zusammenbruch es war, das sagen sie nicht.
Schon in der Episode der vorherigen Episode, Ghosts of the Past, scheint Linden eine Art Verfolgungswahn zu befallen. Sie reagierte, indem sie - ohne vorher ihre Waffe zu ziehen - auf den Flur stürmte.
Das wiederholt sie in Openings nachdem sie eine Zeichnung an ihrer Kühlschranktür findet. Die Zeichnung kennt der Zuschauer aus einer kurzen Sequenz der ersten Staffel. Sie gehört zu einem von Lindens alten Fällen. Eventuell der, über den Linden einen Zusammenbruch bekam?
Wie kommt das Bild in Lindens Hotelzimmer? Ist die Bedrohung in ihrem Kopf? Die letzten Sekunden sagen: Nein. Die Bedrohung sitzt in einem Auto vor Holders Wohnung und tut, was eine zünftige Bedrohung halt so tut: Die zerbrechliche Idylle hinter beleuchteten Fenstern beobachten und mit schwarzen Lederhandschuhen rauchen.
Fazit
Die Klischeedichte in The Killing hat mit der Episode Openings hat wieder zugenommen. Hoffentlich fällt diese Kurve in der kommenden Episode wieder unter die Grenze, an der es unangenehm auffällt.
Auch eine andere Grenze berührt diese Episode. Was sonst so schön an The Killing ist, kann schnell zum Problem werden: Die Autoren lassen den Zuschauer mitdenken. Servieren nicht alles auf dem silbernen Tablett mit doppelter Erklärung. Doch in Openings muten sie dem Zuschauer vielleicht etwas zu viel zu. Uralte Spuren, neue Namen, plötzliche Wendungen, die dann wieder aufgehoben werden - man muss schon verdammt aufpassen.
Doch auch wenn man am Ende dieser Episode verwirrter zurück bleibt als gewöhnlich: Es geht immerhin voran im Fall Larsen.
Und wenn die Fäden in der nächsten Episode wieder weiter zusammen laufen und der Nebel sich ein bisschen verzieht, dann wird Openings nur noch eine schöne, aber vage Erinnerung sein, die sich langsam in das große Puzzle fügt.
Sneak Peek zur nächsten Episode 'Keylela' Verfasser: Bernd Michael Krannich am Dienstag, 1. Mai 2012(The Killing 2x06)
Schauspieler in der Episode The Killing 2x06
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