The Killing 1x01

It's not TV. It's AMC. Nach dem "Rise and Fall" des grandiosen Rubicon Ă€uĂerten manche Branchenkenner Besorgnis, dass AMC in der nĂ€chsten Zeit die Finger von Ă€hnlichen Projekten lassen wĂŒrde, nachdem man sie sich derart verbrannt hĂ€tte. Mit dem Start der neuen, auf dem dĂ€nischen Erfolgskrimi Forbrydelsen (The Crime) basierenden Serie The Killing wurde man eines Besseren belehrt.
Von welchen Projekten ist hier ĂŒberhaupt die Rede? Von solchen, die unser Begehren nach Kunst voraussetzen - und es befriedigen wollen. Diese Befriedigung hat ihren Preis: denn der geneigte Zuschauer möchte nicht nur von A nach B gefĂŒhrt werden, sondern er möchte auf dem verregneten Weg das melancholische GrĂŒn der Grashalme betrachten und diese Melancholie den eigenen RĂŒcken hoch kriechen lassen. Nur so nĂ€mlich kommt er zu einem Ergebnis, das zugleich Einsicht und GefĂŒhl ist: wie leicht ein Grashalm zu brechen ist - und wie gut es tut, sich die Zeit fĂŒr diese Erkenntnis, ihre Erfahrung und ihre Folgen zu nehmen.
Wer diese Art des ErzĂ€hlens nicht mag, braucht an dieser Stelle nicht weiterzulesen, denn das Folgende ist eine Ode an The Killing, das sechs von fĂŒnf Sternen verdient hat. Leider kenne ich das Original nicht und kann hier deswegen keine Vergleiche ziehen, aber was die ausfĂŒhrende Produzentin und Autorin Veena Sud (Cold Case) und ihr Team geschafft haben, ist brillant und erschĂŒtternd. The Killings erste Staffel wird aus dreizehn Episoden bestehen, die sich mit der Frage beschĂ€ftigen: „Who killed Rosie Larsen?“
Jede Episode stellt einen Tag der Untersuchung dar. Abgesehen von Vergleichen mit dem Original, drĂ€ngen sich wĂ€hrend der Eröffnungsepisode andere Assoziationen auf, nĂ€mlich mit David Lynchs Twin Peaks und der Suche nach Laura Palmers Mörder oder aber mit der kanadischen ErzĂ€hlung ĂŒber dunkle Seelen, Durham County. Letzteres schon deswegen, weil Michelle Forbes (True Blood), die in Durham Countys zweiter Staffel eine Hauptrolle spielte, zu The Killings Cast gehört.
Obwohl thematisch und in der kunstvollen AusfĂŒhrung der kanadischen Produktion Ă€hnlich, entfaltet The Killing eine ganze andere, schwer zu beschreibende AtmosphĂ€re. Die Serie hat nichts Humorvolles oder aber Surreales an sich. Sie wirkt zu real. Und sie schöpft diese Wirkung nicht aus der direkten und bildgewaltigen Konfrontation mit menschlichen AbgrĂŒnden, sondern sie ist die Trauer darĂŒber.
Sie inszeniert das halluzinatorische Verharren in den eigenen Gedanken, voller Furcht und Geheimnisse. The Killing setzt in meinen Augen nicht so sehr auf die Lösung von RĂ€tseln oder darauf, den Mörder zu finden, sondern auf das, was der Dauerregen in Seattle nicht weg waschen kann. Es geht bei der AMC-Serie nicht darum, Geduld zu haben, um am Ende belohnt zu werden, sondern sich von diesem fast poetischen Fluss der Gesamtinszenierung mitnehmen zu lassen: ganz egal, ob er schnell oder langsam flieĂt.
The Killing ist unwiderstehlich. Der Zuschauer wird mit den unaufhörlichen Regenfluten in die Serie hinein gespĂŒlt. Man meint darin zu ertrinken, aber greift nach keinem Rettungsring. Nicht, dass The Killing einen anböte: Die AMC-Produktion verspricht dem Zuschauer rein gar nichts - auĂer ihn erfahren zu lassen, was Trauer und Schmerz bedeuten. Obwohl die Serie nicht im Geringsten den visuellen Horror von Krimi-Procedurals erreicht, ist sie schonungslos und zutiefst erschĂŒtternd.
Heutige Krimis lassen die Gewalt im schönen Schein ihrer spektakulĂ€ren Inszenierungen verschwinden, machen ihn zum Gegenstand eines "normalen" Alltagsjobs - und das mit Leichtigkeit, ja manchmal Humor. Wie ein US-Kritiker anmerkte, wollen solche Serien nicht nur unterhalten, sondern auch den Zuschauer vor AlptrĂ€umen bewahren, indem sie letztlich die heile Welt inszenieren. In The Killing ist der Horror nicht Gegenstand, sondern unausweichliches Ergebnis, Erfahrung, bei der einem der Atem stockt. Die Serie philosophiert nicht darĂŒber, dass die Welt gebrochen sei oder Ăhnliches, sondern geht vor die TĂŒr und nimmt sie so, wie sie ist; meistens ohne Regenschirm. Die Szenen entfalten eine Art intimen Horror, einen Horror, den sich in wohl nur Eltern wirklich vorstellen können.
In seiner ersten Episode zeigt The Killing eine Aufnahme, die genau dem Verlauf der Handlung entspricht: Als Rosies Leiche auf dem Autopsietisch liegt, bekommen wir keinen Blick auf sie. Die Kamera befindet sich auf der Höhe des FuĂbodens und hĂ€lt bei einer kleinen Lache inne. Tropfendes Wasser macht die Lache immer gröĂer. Die Kamera verfolgt den Weg der Tropfen rĂŒckwĂ€rts, von unten nach oben, bis sie die dunklen, nassen Haare des toten MĂ€dchens erreicht, die vom Autopsietisch herab hĂ€ngen.
Es geht mir bei dieser Beschreibung nicht nur um die in der Serie omniprĂ€sente Wassermetaphorik - die ĂŒbrigens immer wieder, vor allem mit dem nassen dunklen Haar, weniger an „The Ring“ als an Hideo Nakatas japanische Originalversion von „Dark Water“ (2002) erinnert, einen Film, der von einer ganz Ă€hnlichen Traurigkeit erzĂ€hlt. Hier geht es vor allem darum, wie The Killing seine ErzĂ€hlung im Piloten entfaltet. Zwei Mal wird mit dem Zuschauerblick gespielt: das erste Mal, als Sarah beim Joggen ein totes Tier am Ufer entdeckt, und ein zweites Mal in der Szene, als ihre Kollegen einen "Abschiedstatort" fĂŒr sie inszenieren.
Es dauert sehr lange, bis wir mit Rosies Leiche konfrontiert werden. Die Spannung wird hier rĂŒckwĂ€rts aufgebaut, wie die Kamera zu Rosies tropfendem Haar zurĂŒck wandert. Die Serie beginnt den Tod des MĂ€dchens zu betrauern, bevor Rosie gefunden wurde und Gewissheit herrscht. Nicht nur die Figuren, sondern auch wir Zuschauer empfinden die beinahe erdrĂŒckende Unausweichlichkeit, mit der man sich dieser Gewissheit nĂ€hert. Die Serie versetzt uns in die Rolle des Tropfens, der den Halt in Rosies Haaren verloren hat und hinab fallen muss.
DarĂŒber scheint auch die allein erziehende Mutter Detective Sarah Linden (Mireille Enos) nachzudenken, die eigentlich schon ihren Weg hinaus begonnen hat: hinaus aus ihrem bisherigen Leben und aus dem regnerischen Seattle. Sie will mit ihrem Verlobten (Callum Keith Rennie, Battlestar Galactica) und ihrem Sohn Jack (Liam James) nach Kalifornien umziehen. Genau wie in Breaking Bad mit Bryan Cranstons Walter White oder in Rubicon mit James Badge Dales Will Travers verbringen die AMC-Produktionen auch hier eine Menge Zeit damit, die Figuren beim Denken zu zeigen: Wir wĂŒnschen uns zu erfahren, woran sie denken, wĂ€hrend unser Blick auf ihnen ruht. Diese Figuren - auch Sarah in The Killing - machen das Verharren, das einfach-nur-an-etwas-Denken, das Blicken auf etwas faszinierend, ohne ein Wort zu verlieren.
Sarahs Figur, im Strickpulli, scheint in der heutigen TV-Welt mit ihren exzentrischen, hyperintelligenten Ermittlern fast deplatziert und teilweise zu "normal". Aber Sarah Linden kommt ohne den Genie-Bonus aus, und die Performance von Mireille Enos ist ĂŒberragend. Vor allem das Zusammenspiel mit Joel Kinnaman (aka Sarahs Nachfolger, Detective Stephen Holder) sorgt dafĂŒr, dass wir Zuschauer nicht fĂŒr eine Sekunde die Augen von den beiden lassen können und wollen. Enos und Kinnaman spielen ihre Figuren mit einer seltsamen Unberechenbarkeit, zurĂŒckhaltend und gleichzeitig sehr emotional. Der schwedische Schauspieler Kinnaman feiert mit The Killing ein mehr als ĂŒberzeugendes DebĂŒt auf den US-Bildschirmen.
Michelle Forbes und Brent Sexton spielen Rosies Eltern herzzerreiĂend, und auch Billy Campbell in der Rolle des AnwĂ€rters auf den BĂŒrgermeistersitz passt perfekt ins Ensemble und lĂ€sst den Zuschauer rĂ€tseln, was seine Figur wirklich will und was sie zu verbergen hat. Ăbrigens haben nicht nur die Vorlage und ein Schauspieler mit Skandinavien zu tun, sondern auch der Score: Frans Bak, der die Musik fĂŒr das Original schrieb, ist auch bei The Killing am Werke.
Die neue AMC-Serie ist schon nach zwei Episoden ein Kunstwerk, das sich wie ein nasser Grashalm auf der Haut anfĂŒhlt: leicht und kĂŒhl - und seine unausweichliche, echte NĂ€sse lĂ€sst uns unausweichlich schaudern.
Verfasser: Vladislav Tinchev am Dienstag, 5. April 2011(The Killing 1x01)
Schauspieler in der Episode The Killing 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?