
© (c) HBO
A Body in the Bay. Der Titel der ersten Episode der HBO-Dokuserie The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst lässt sogleich erahnen, womit die darin aufgespannte Geschichte ihren Anfang nimmt. Im Jahre 2001 wird am Ufer der Galveston Bay in Texas eine zerstückelte Leiche gefunden, deren Einzelteile in schwarze Plastiksäcke gefüllt und dann im Wasser entsorgt wurden. Die nachfolgende Untersuchung der zuständigen Mordermittler, die in den ersten Minuten dieser neuen Serie rekonstruiert wird, führt zu einem Mann, der mit seiner bizarren Lebensgeschichte seit über 30 Jahren die Medien füttert: Robert Durst.
One Man's Life
Er wurde 1943 als Erbe eines unvorstellbaren Vermögens geboren. Seiner Familie gehören mehrere Wolkenkratzer in Manhattan, darunter auch der neue One World Trade Center. Der unvorstellbare Reichtum war aber begleitet von unvorstellbaren Schicksalsschlägen - und später einer unvorstellbar verworrenen Lebensgeschichte. Im Jahre 1950 musste der junge Robert mitansehen, wie sich seine Mutter vom Wohnhaus der Familie in den Tod stürzte. 1982 verschwand schließlich seine Ehefrau Kathleen - bis heute wurde dieser Fall nicht aufgeklärt, von Kathleen fehlt weiterhin jede Spur.
Die zerstückelte Leiche in der Galveston Bay führte die Ermittler wieder zu Robert Durst. Er hatte sich in einem naheliegenden Ort mit falscher Identität eine heruntergekommene Wohnung gemietet. Die Leiche war der tote Körper seines Nachbarn. Mehrere Spuren führten zu ihm als Täter - und trotzdem wurde er von der Anklage freigesprochen, wie er auch in mehreren anderen Mordfällen stets als Verdächtiger galt und niemals verurteilt wurde. Die Familie seiner verschwundenen Ehefrau Kathleen geht bis heute davon aus, dass Robert sie ermordet und ihre Leiche verschachert hat. Beweise dafür hat sie freilich keine.
Im Jahre 2010 machten Regisseur Andrew Jarecki („Capturing the Friedmans“) und Drehbuchautor Marc Smerling daraus einen Spielfilm namens „All Good Things“, mit Ryan Gosling und Kirsten Dunst in den Hauptrollen. Der Film floppte, zog jedoch eine Reaktion nach sich, die für Jarecki und Smerling nicht überraschender hätte sein können: Robert Durst meldete sich per Telefon bei den Filmemachern und schlug aus freien Stücken vor, eine Dokumentation zu drehen, in der er sich zu seiner eigenen Lebensgeschichte äußern würde. Wie konnten sie dazu Nein sagen?

Während der Dreharbeiten, die unzählige Stunden Interviews zwischen Jarecki und Durst und noch mehr Gerichtsunterlagen beinhalteten, wurde indes schnell klar, dass dieses Leben und die Auskunftsfreude Dursts nicht in einen konventionellen Dokumentarfilm passen würden. Also musste ein längeres Format her. Fündig wurden die Filmemacher schließlich bei HBO, was dem Sender nun die uninformierte Kritik einbringt, auf der Popularitätswelle des Massenphänomens Serial mitreiten zu wollen.
Kein Vergleich
Diese Vorwürfe lassen sich leicht entkräften, denn als Sarah Koenig mit ihrer investigativen Analyse um die Schuld von Adnan Syed Millionen von Zuhörern in ihren Bann zog, hatten Jarecki und seine Mitstreiter schon mehrere Jahre Recherchearbeit hinter sich. Es ist ein Lebensprojekt - was angesichts des aufsehenerregenden Lebens von Robert Durst durchaus angemessen ist. Der Protagonist taucht (mit Ausnahme von Ausschnitten aus Nachrichtensendungen) jedoch erst am Ende der Auftaktepisode auf - ein überaus gelungener Schachzug des Regisseurs.
Beinahe über den gesamten Verlauf des Piloten kommen nur diejenigen zu Wort, die einst nach ihm trachteten - aus welchen Gründen auch immer. Vertreter der Strafverfolgungsbehörden suchen ihn wegen diverser unaufgeklärter Mordfälle und dem Verschwinden seiner Ehefrau. Seine neue Ehefrau sucht ihn, weil sie sich im Clinch mit seiner übrigen Familie um das Vermögen befindet, das sie einmal erben soll. Seine Familie hat ihn längst verstoßen, besteht aber trotzdem darauf, den Anwalt für seine Verteidigung zu stellen, weil damit die Sicherung des familiären Vermögens zusammenhängt.
Mittendrin sitzt und steht und flüchtet und kapituliert Robert Durst, ein Mann, der so willensstark erscheint wie undurchdringlich. Bald stellt sich heraus, dass sich Durst unter mehreren Pseudonymen in Hotelräumen und Mietwohnungen einquartierte, und dass er sich dafür bisweilen als Frau verkleidete. Dieser außerordentlichen Vorsicht steht eine unvorstellbare Leichtsinnigkeit gegenüber, als er sich, auf der Flucht befindlich, dazu entschließt, ein Sandwich zu klauen, statt mit einem seiner 37.000 Dollar zu bezahlen, die er zu dem Zeitpunkt bei sich führte. Wollte er erwischt werden? War er müde und deswegen leichtsinnig? Ist er wahnsinnig? Wir wissen es nicht.

In den nachfolgenden Vernehmungen, deren Aufnahmen in dieser Serie verarbeitet werden, wiederholt Durst mantrahaft seine Unschuld. Dabei wird zum ersten Mal offensichtlich, was am Ende der Episode durch Dursts erstes Auftreten vor Jareckis Kamera bestätigt wird: Das Beste, was dem Regisseur passieren konnte, ist nicht die Geschichte des Protagonisten, sondern der Protagonist selbst.
Der größte Trumpf
Das liegt vor allem an Dursts Physiognomie und seiner mysteriösen Aura. Seine Augen sind pechschwarz, sie sehen manchmal aus wie ein tiefer, klarer See und manchmal wie die Augen des leibhaftigen Teufels. Fragen nach seiner möglichen Schuld wehrt er nach kurzer Kontemplation entschieden ab, wobei er aber nie die Räson verliert, sondern immer ruhig und gelassen bleibt. Ein Lächeln umspielt dabei seine Lippen. Es ist das Lächeln eines Mannes, der sich seiner Sache sehr sicher ist. Es ist das Lächeln eines Mannes, der wegen seiner Sozialisation eventuell glaubt, dass ihm nichts passieren könne, dass er durchs Leben gehen kann, wie es ihm gefällt.
Gleichzeitig spiegeln sich in seinem Gesicht all der Schmerz und all der Wahn, den er in seinem Leben erfahren musste. Sitzt hier vielleicht ein Psychopath vor uns? In der ersten Episode können wir das nicht beantworten, vielleicht können wir es auch nach der sechsten und letzten Episode noch nicht. Was ich aber von der ersten Minute an wusste: Ich will unbedingt mehr von dieser Geschichte erfahren, am besten gleich.
HBO ist aber nicht Netflix und deswegen müssen wir uns nach jeder Episode eine Woche gedulden, bis uns neue Informationshappen zugeworfen werden. Mit einiger Berechnung hat der Pay-TV-Riese dieses neue Format nicht am Montagabend platziert, wo traditionell Dokumentarfilme und -reihen laufen, sondern am prestigeträchtigen Sonntagabend. Dort versammelt sich Amerika seit 15 Jahren vor dem Fernseher, um Antihelden wie Tony Soprano, Walter White und Don Draper bei dem Versuch zuzusehen, ihr antisoziales Verhalten gegenüber sich und der Welt zu rechtfertigen.
Die Aufgezählten sind aber allesamt fiktionale Figuren. Robert Durst ist echt. Seine Geschichte ist echt. Diejenigen, denen er Schaden zugefügt haben könnte, sind echt. Das muss man sich während dieser Auftaktepisode immer mal wieder vor Augen führen. Den Schlusssatz überlasse ich deshalb Andy Greenwald von Grantland: „The bodies on The Jinx aren't metaphors or plot points. They're heavy reminders of the cruel world we live in, not the televised one we so often look to for escape.“ („Die Leichen in 'The Jinx' sind keine Metaphern oder plot points. Sie sind schwerwiegende Erinnerungen an die grausame Welt, in der wir leben - nicht die im Fernsehen übertragene, an die wir uns so oft wenden, um zu entkommen.“)