The Irregulars 1x01

© Netflix
Ein bisschen fühlt sich die Grundidee zu The Irregulars („Die Bande aus der Baker Street“) schon nach Komiteearbeit an, oder? „Sherlock Holmes“-Geschichten sind seit den Filmen mit Robert Downey Jr., aber vor allem seit der BBC-Serie Sherlock auch beim jungen Publikum beliebt und wenn man das Ganze noch mit Young-Adult-Fantasystoffen verbindet, hat man sich theoretisch den perfekten Marktforschungs-Funzo in Serienform fabriziert. Ob das in der Praxis auch alles so zusammenkommt, wie es sich Netflix und der Autor der Serie, Tom Bidwell („Unten am Fluss“, My Mad Fat Diary), ausgemalt haben, nehmen wir heute mit Blick auf die elementare Auftaktepisode Chapter One: An Unkindness in London unter die Lupe.
Die Baker Street Irregulars oder Baker-Street-Spezialeinheit, wie sie auch auf Deutsch heißen, sind in den Originalgeschichten von Autor Arthur Conan Doyle jene Straßenkinder, die Sherlock Holmes und Dr. Watson bei ihren Kriminaluntersuchungen in London unter die Arme greifen, indem sie ihre Augen und Ohren überall haben. Eine Idee, die in „Sherlock“ als das sogenannte Homeless Network Wiederverwendung fand. In der neuen Netflix-Serie sind das die aufgeweckte Bea (Thaddea Graham), ihre von Albträumen heimgesuchte Schwester Jessie (Darci Shaw) sowie deren Freunde Spike (McKell David) und Billy (Jojo Macari, der schockierenderweise nicht mit Matthew Lillard verwandt ist). Ihr drolliges Zusammenspiel könnte direkt in einem Joss-Whedon-Projekt, aber auch in einer Jugendserie von The CW zu Hause sein, ganz wie schon im Fall der Scheibenwelt-Adaption The Watch von BBC America, die sich ebenfalls das jugendliche Aufpeppen eines Klassikers vorgenommen hatte. Altherrenpuristen der Vorlage werden aber gleich in den ersten fünf Minuten durch den aggressiven Electropop-Soundtrack ausgeräuchert.
Nach dem ersten Kennenlernen mit den jungen Charakteren dauert es nicht lange, bis Bea von Dr. Watson (Royce Pierrson) rekrutiert wird, der einen so zwielichtigen Auftritt hinlegt, dass man ihn erst für Jack the Ripper halten könnte. Der Fall, um den es geht, dreht sich um vier verschwundene Babys, die ihren Eltern direkt unter der Nase weg entführt wurden. Watson erhofft sich Informationen sowie Anhaltspunkte und verspricht einen guten Silberpreis, so dass sich Bea und Co gleich an die Arbeit machen. Ein Großteil der Investigation wird clever dadurch abgekürzt, dass Spike seine Recherchen im Schnelldurchlauf Revue passieren lässt, wobei er den Dialog seiner verschiedenen Gesprächspartner nachplappert, während wir eine Montage sehen. Bei bodenständiger Schnüfflerarbeit bleibt es aber nicht, denn kurz darauf wird die junge Detektivtruppe von wenig überzeugenden CGI-Raben angegriffen, was in Trashfilm-Connaisseuren Flashbacks zu „Birdemic“ hervorrufen wird.
Der straßenschlauen Bande schließt sich kurz darauf der adelige Leopold (Harrison Osterfield) an. Ein junger Aristokrat, der aufgrund seiner Hämophilie-Erkrankung wie im goldenen Käfig gehalten wird, sich aber auf die Straßen Londons wagt, um Bea ausfindig zu machen, von der er im Vorbeifahren einen Blick erhascht hatte. Nach einigen Umwegen findet der unbeholfene Junge seinen Crush ziemlich flott und stellt der Gruppe sein Buchwissen zur Verfügung, was sie in ihren Ermittlungen voranbringt. Diese führen sie schließlich zu einem vor Trauer in den Wahnsinn getriebenen Ornithologen, der die Hitchcockschen Vögel kontrolliert und durch normale Mittel nicht aufgehalten werden kann, weil hier dunkle Kräfte im Spiel sind. Nur gut, dass die fragile Jessie, deren größte Sorge es ist, ebenfalls ihren Verstand zu verlieren, auch übersinnlich veranlagt ist, wie ihr im Traum von einem Shining-Mentor aus Louisiana (Clarke Peters) erklärt wird.
Gespielt wird der dämonische Ornithologe übrigens von Rory McCann aka The Hound aus Game of Thrones, der sich mit mehr (vielleicht sogar zu viel) Einsatz als der gesamte Jungcast durch die Szenerie kaut, was ehrlich gesagt ziemlich glorreich ist, aber leider auch das Unterhaltsamste am Auftakt bleibt. Auftraggeber Holmes (Henry Lloyd-Hughes) macht sich bis auf ein paar Huster aus dem Nebenzimmer in der Baker Street 211b komplett rar, was man sich höchstens hätte erlauben dürfen, wenn der Stoff der ersten Episode für sich absolut umwerfend gewesen wäre.
Fazit
The Irregulars macht selbst, wenn man sich auf ein übersinnliches Sherlock-Holmes-Spin-off aus dem Young-Adult-Jugendgenre einigen kann, wenig Lust auf mehr. Der Cast hinterlässt keinen großen Eindruck, die Story wirkt absolut generisch, die Effekte sind lachhaft und nicht einmal das alte London sieht gut aus, dabei hatte Drama Republic auch bei Peaky Blinders und Ripper Street seine Finger im Spiel. Kombiniere: Wer unbedingt ein jünger gerichtetes Krimiabenteuer mit Sherlock-Bezug braucht, sollte beim Netflix-Film „Enola Holmes“ bleiben.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „The Irregulars“:
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Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 26. März 2021The Irregulars 1x01 Trailer
(The Irregulars 1x01)
Schauspieler in der Episode The Irregulars 1x01
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