Hunters (2020) 1x01

© l Pacino und Logan Lerman in Hunters (c) Amazon Prime Video
Jordan Peele, der sich durch „Get Out“ und „Us“ vom gefeierten Sketch-Komiker hin zum gefeierten Horrorregisseur entwickelt hat, ist derzeit das, was J. J. Abrams vor ungefähr drei Jahren war. Soll heißen: Sein klangvoller Name kommt immer dann zum Einsatz, wenn ein neues Serienprojekt aufregender erscheinen soll als es in vielen Fällen ist. So gilt der zurecht gehypte Oscarpreisträger bereits als Produzent von The Twilight Zone, Lovecraft Country und The Last O.G.. Und auch der neuen Eigenproduktion von Amazon Prime Video, Hunters (2020) mit Al Pacino, hat Peele sein persönliches Gütesiegel gegeben.
Das Drehbuch zur zehnteiligen Auftaktstaffel stammt vom Erstlingsautor David Weil, während Alfonso Gomez-Rejon (American Horror Story) die Regie der Pilotepisode übernahm. Dass Jordan Peele also wieder nur symbolisch involviert wurde, ist fraglos spürbar. Denn, wenn es der Nazi-Jäger-Serie an einer Sache fehlt, dann an einer einzigartigen Stimme, wie er sie hätte bieten können. Stattdessen eifert „Hunters“ dem Stil von Steven Spielberg nach, wobei sie sich dummerweise nicht entscheiden kann, ob sie sich den „Indiana Jones“-Spielberg oder den „Schindlers Liste“-Spielberg zum Vorbild nehmen will, was in einer verstörenden Mischung aus lockerleichtem Spaß und tieftraurigem Existenzialismus resultiert.
Nazis in New York
Was man der Serie definitiv zugute halten muss, ist die Tatsache, dass sie den Zuschauerinnen und Zuschauern mit ihrer Eröffnungsszene direkt klar machen dürfte, ob sie dranbleiben sollten oder lieber nicht. Wir sehen eine Grillparty, die als Inbegriff des American Dream herhalten könnte. Der Gastgeber ist ein gewisser Biff Simpson (Dylan Baker), dessen perfekter Tag ruiniert wird, als ein weiblicher Gast plötzlich durchzudrehen scheint. Schwerste Vorwürfe erhebt sie gegen ihn, da sie in ihm einen abgetauchten SS-Verbrecher sieht. Natürlich hat sie recht, obwohl der Beschuldigte die Fassade zunächst verblüffend gut aufrechterhält. Doch dann zückt er die Pistole und ermordet alle Zeugen. Sogar seine eigenen Kinder erschießt das Monster kaltblütig. Die Holocaust-Überlebende, die seine geheime Identität hat auffliegen lassen, tötet er als Letzte. Vorher hält er aber noch eine widerwärtige Rede, wodurch an seiner bösen Ideologie keine Zweifel mehr bleiben.
Es ist das altbekannte Dilemma bei der Darstellung von Nazis in Film und Fernsehen: Natürlich muss man die Schrecklichkeit dieser Leute so klar wie möglich porträtieren, gleichzeitig darf das Ganze aber nicht zu genussvoll inszeniert erscheinen. Wie gesagt: Entweder man entscheidet sich für theatralisch überzeichnete Schurken, wie man sie aus „Indiana Jones“ kennt, oder aber für den brutalen Realismus der Sorte „Schindlers Liste“. Beides zusammen funktioniert nur in den wenigsten Fällen, wie zum Beispiel Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“. Auch von diesem Streifen hat sich Hunters (2020) zweifelsohne inspirieren lassen. Allerdings mangelt es der aufsehenerregenden Amazon-Produktion nicht nur an einem Christoph Waltz...

Das Ensemble von „Hunters“ liest sich mit Blick auf die Namen zwar durchaus nicht uninteressant, aber leider können die Charaktere nicht das halten, was sie versprechen. Der Oscarpreisträger Al Pacino, legendär durch Filme wie „Der Pate“ oder „Scarface“, spielt einen gewissen Meyer Offerman, der selbst Opfer der Nazis war und nun in bester Nick-Fury-Manier eine Gruppe von Rächern anführt. Mit dabei: Carol Kane (Unbreakable Kimmy Schmidt), Saul Rubinek (Warehouse 13), Tiffany Boone (The Following), Kate Mulvany (Secret City), Louis Ozawa (Bosch) und Josh Radnor (How I Met Your Mother), der das „Shmosby“ auf seiner Stirn einfach nicht los wird, was ihn als coolste aller Socken leider unglaubwürdig macht. Lena Olin (Alias) und Greg Austin (Class) machen als Strippenzieher eines drohenden Vierten Reichs ebenfalls nicht viel her.
Offermans Avengers bekommen alle eine eigene kleine Vorstellungssequenz und zeichnen sich durch besondere Gimmicks aus (Killernonne, Verkleidungskünstler etc.). Kennenlernen dürfen wir das Ragtag-Team durch den Neuling Jonah, gespielt von Logan Lerman („Percy Jackson“), der in den Untergrundkrieg zwischen früheren Naziverbrechern und jüdischen Holocaust-Überlebenden hineingezogen wird, als seine geliebte Großmutter ermordet wird. Davor ist er nur ein ganz normaler Junge aus Brooklyn, der sich mit Schulhofschlägern und einer unerwiderten Liebschaft abquält. Nicht zufällig weist die Figur viele Parallelen zum Comiccharakter Spider-Man auf. An einer Stelle wird Jonah sogar direkt mit Peter Parker verglichen.
Wer die Serie schaut, wird schnell erkennen, dass fast alles auf vertrauten Erfolgsformeln basiert - eben der Spielberg'schen Schule, die in Hollywood seit Jahrzehnten den Ton angibt. Der junge Protagonist durchlebt die klassische Heldenreise und Pacino mimt die klassische Mentorenfigur. Und all das funktioniert auch ziemlich gut, dürfte für manche aber einfach zu konventionell sein, zumal man von einer Jordan-Peele-Serie zwangsläufig etwas Außergewöhnliches erwartet. Tatsächlich existiert in den ersten drei Folgen nur eine Szene, die wirklich besonders und überraschend erscheint, nämlich eine kurze Musicalnummer zum Bee-Gees-Schlager „Stayin' Alive“. Andererseits folgt kurze Zeit später wieder ein traumatischer Gewaltakt in einem KZ, was die unfeine Mischung umso mehr unterstreicht. Es bleibt am Ende eine Geschmacksfrage...
Fazit
Ginge es in Hunters (2020) nicht um Nazis, sondern etwa um Sowjets, würde vieles vermutlich anders anmuten. Im Ausland, besonders in Amerika, wurde die NS-Zeit künstlerisch schon immer anders verarbeitet als hierzulande. Das jüngste Beispiel: Die Taika-Waititi-Komödie „Jojo Rabbit“, die bei vielen deutschen Kinogängern Bauchschmerzen verursachte, während sie in den USA mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Die neue Eigenproduktion von Amazon Prime Video schlägt in eine ähnliche Kerbe. Man muss ihr zwar zugestehen, dass sie handwerklich sehr gut gemacht ist, aber vielleicht ist eine Unterhaltungsserie einem derart ernsten Thema einfach nicht würdig. Obwohl andere sicher anmerken würden, dass Al Pacino und sein buntes Team aus Nazi-Jägern die Enkelgeneration der Holocaust-Überlebenden irgendwie mit Stolz erfüllen mag. Insgesamt ein sehr sensibles Projekt, das dafür, dass schon seine bloße Existenz kontrovers ist, erstaunlich wenig Einzigartiges anzubieten hat.
Alle zehn Episoden der ersten Hunters-Staffel stehen nun bei Amazon Prime Video zur Verfügung, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Der Pilot In the Belly of the Whale umfasst satte 90 Minuten. Die übrigen Folgen sind nur einstündig.
Hier abschließend der Trailer zur Amazon-Serie Hunters:
Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 21. Februar 2020Hunters (2020) 1x01 Trailer
(Hunters (2020) 1x01)
Schauspieler in der Episode Hunters (2020) 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?