The Handmaid's Tale 1x10

© ffred (Elisabeth Moss) wird unvorsichtiger. / (c) Hulu
In den Briefen, die Offred (Elisabeth Moss) im Auftrag der Untergrundorganisation Mayday schmuggelt, kann sie noch einmal den ganzen Horror nachlesen, den sie selbst tagtäglich in Gilead erlebt: „We are prisoners. They rape us. They treat us like animals.“ Es ist wahrlich ein abscheuliches Schreckensregime, das in der ersten Staffel von The Handmaid's Tale porträtiert wird. Aber es ist nicht unvorstellbar, dass es eine solche Mysoginistendiktatur geben könnte - die Parallelen zu unserer Realität sind bewusst eingesetzt.
A kind of hope
Unsere Freiheit muss jeden Tag neu ausgefochten werden, und die von Frauen noch viel stärker. Das mag sich reichlich dick aufgetragen anhören, ist aber eine traurige Wahrheit, deren Ursprung sich gerade im vermeintlich so tyranneifesten politischen System Amerikas beobachten lässt. Längst ist es dort noch nicht so weit wie in Gilead, aber der Umgang der Republikanischen Partei mit der Rücknahme von 'Obamacare', einer Krankenversicherung für alle, lässt bereits erahnen, auf welch dunklen Pfad sich das „Land der Freien“ begeben hat.
Das Finale der ersten Staffel, Night, stellt in vielerlei Hinsicht eine Spiegelung der Auftaktepisode dar. Dies ist für die Handmaids natürlich niederschmetternd, da es impliziert, dass sich an ihrer Situation nichts Grundlegendes geändert hat. Hat es auch nicht. So steht es auch in der Buchvorlage von Margaret Atwood geschrieben, deren Inhalt von der Auftaktstaffel nun gänzlich abgedeckt wurde. Offred wird von den dauerschweigenden Mitgliedern der Überwachungsorganisation The Eye verschleppt - wohin, das weiß niemand.
Sie wird wohl einen harschen Preis für ihre Rebellion bezahlen müssen, mag diese auch noch so klein ausgefallen sein. Die Implikationen jedoch sind gar nicht mal so harmlos. Eine echte, schlagkräftige Armee hat Offred trotzdem längst noch nicht hinter sich versammelt: „They should've never given us uniforms if they didn't want us to be an army.“ So mitreißend sich dieses Voice-over deshalb auch anhört, so leer bleibt die Ankündigung am Ende. Da sitzen die Leidensgenossinnen wieder in ihren dunklen Häusern, werden vergewaltigt, gefoltert, geschlagen und zur Zwangsarbeit eingesetzt.

In mancher Rezension wird deshalb auch die Kritik laut, dass es sich bei der Darstellung um „falschen Feminismus“ handelt, um solchen nämlich, der Veränderung predigt, aber nicht willens ist, die dafür nötigen Opfer zu bringen. Andererseits bewegen sich die Handmaids auch in einem sehr engen Handlungsrahmen. Sie werden ständig überwacht, von solchen, die sich als ihre Überwacher ausgeben, aber auch von solchen, die das im Geheimen tun, wie Nick (Max Minghella) vielleicht.
Not worthy
Atwood in ihrem Roman und Bruce Miller in seiner Adaption scheuen eben nicht davor zurück, die gesamte Klaviatur der dystopischen Brutalität zu spielen. Opfer davon sind - in krass unterschiedlichem Ausmaß - nahezu sämtliche Protagonistinnen. Ofglen (Alexis Bledel) wusste sich, beschnitten, gedemütigt und gefoltert, nur noch zu helfen, indem sie einen Amoklauf unternahm. Janine (Madeline Brewer) wollte sich mit ihrem Kind, das ihr nach der Geburt entrissen wurde, in den Selbstmord stürzen, überlebte das aber, nachdem sie von Offred überredet worden war, ihr Baby zu verschonen.
Serena Joy (Yvonne Strahovski) vegetiert in einer miserablen Existenz vor sich hin, mit einem zeugungsunfähigen Ehemann, dem Commander Fred Waterford (Joseph Fiennes), der sich lieber mit seiner Handmaid amüsiert, als mit ihr. Nun könnte ihr gar das Kind entrissen werden, sollte Offred nicht wieder in ihren Haushalt zurückkehren dürfen. Dabei würde dieses Kind sowieso weder ihre noch die Gene ihres Ehemanns in sich tragen. Und trotzdem kämpft sie darum, als wäre es ihr eigenes. Immerhin hat sie kurz zuvor gesehen, was echte Muttergefühle bedeuten.
An dieser Stelle lässt sich denn auch sehr einfach illustrieren, wieso es unmöglich ist, für Serena Joy Mitleid zu empfinden. Zum einen war sie maßgeblich daran beteiligt, die widerwärtige, zutiefst frauenfeindliche Gesetzgebung in Gilead zu konstruieren. Zum anderen nutzt sie sämtliche ihr zur Verfügung stehenden Instrumente der psychologischen sowie körperlichen Gewalt, um Offred in die Gefolgschaft zu zwingen. Nachdem sie deren Schwangerschaft festgestellt hat, kann sie jedoch nicht mehr so rau mit ihr umgehen. Also schwenkt sie auf psychologische Folter um.
Die dazugehörige Szene, in der Offred von ihrer Tochter Hannah (Jordana Blake) ferngehalten wird, ist selbst für den Standard dieser Serie kaum zu ertragen. Das von Elisabeth Moss darin vorgetragene Schauspiel befindet sich auf höchstem Niveau. Durchtrieben mag diese Aktion Serenas sein, besonders schlau ist sie indes nicht. Mit ihr könnte sie Offred wirklich den letzten Lebenswillen rauben, schließlich weiß die noch nichts davon, dass ihr Ehemann Luke (O-T Fagbenle) noch lebt. Kurze Zeit später ist es denn auch so weit.

Die Handmaids werden - wie in der Pilotepisode - zu ihrem schaurigen Versammlungsplatz gerufen. Dort steht abermals eine Steinigung an. Dieses Mal soll es jedoch Janine treffen, weil die ihr Kind, das heiligste Gut in einer Welt, in der die Frauen unfruchtbar sind, gefährdet hat. Aunt Lydia (Ann Dowd) verkündet das mit Tränen in den Augen, was sie endlich einmal zu mehr macht, als nur die Verkörperung des reinen Bösen. Angespornt vom überraschenden Protest von Ofglen Nr. 2 (Tattiawna Jones), übt Offred schließlich den zivilen Ungehorsam - mit Erfolg.
American Girls
Ähnlich wie Serena hat sich Lydia mit dieser Aktion ins eigene Fleisch geschnitten. Den Handmaids würde sie den letzten Funken Hoffnung rauben, wenn sie auch noch aufeinander losgehen müssten. Dass die Geschändeten ausgerechnet in diesem Moment ihre Machtposition erkennen - wenn sie zusammenstehen, kann ihnen als einzige Fruchtbare eigentlich nicht viel widerfahren -, hat Lydia nicht antizipiert. Deswegen wirft der daran anschließende, vermeintliche Triumphmarsch (zu den Klängen von „Feeling Good“ von Nina Simone) auch einige Fragezeichen auf.
Müssten die Handmaids nicht viel eher zusammenbleiben, um das bisschen, das sie an Macht haben, zu erhalten? Überhaupt stellt sich hier die Frage, wie es mit der Geschichte nun weitergehen soll. Wie Alan Sepinwall von Uproxx in seiner Rezension darlegt, gibt es für die bereits bestellte zweite Staffel nur zwei Optionen: Entweder gelingt ein Aufstand oder er wird wieder im Keim erstickt. Ein Zwischenweg scheint angesichts der horrenden Zustände in dieser Welt kaum möglich. Gleichzeitig sind beide Ausgangsmöglichkeiten aus dramaturgischer Sicht nicht allzu zufriedenstellend.
Ein weiterer Kritikpunkt fokussiert die fehlende Thematisierung von Rassenverhältnissen in Gilead. Hierzu hat Angelica Jade Bastién für Vulture ein ebenso aufrührerisches wie empfehlenswertes Stück geschrieben, in dem sie unangenehme Fragen stellt wie die folgende: „How can you attempt to craft a political, artistically rich narrative that trades in the real-life experiences of black and brown women, while ignoring them and the ways sexism intersects with racism?“
Sie kommt in dem Artikel, der sich vor allem mit der Rolle von Moira (Samira Wiley) auseinandersetzt, zu einem niederschmetternden Fazit: „The bodies and histories of black and brown women prove to be useful templates for shows like 'The Handmaid's Tale', but our actual voices aren't.“
So wichtig die Formulierung dieser Kritik ist, so unbedingt muss die herausragende technische Umsetzung von The Handmaid's Tale hervorgehoben werden, die mit Ausnahme von zwei Episoden unter der Anleitung von Regisseurinnen entstand. Neben der exquisiten visuellen Gestaltung sind hier sowohl Score als auch Soundtrack zu loben. Insgesamt ergibt das eine hervorragende, wenn auch nicht vor Kritik gefeite erste Staffel.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 21. Juni 2017(The Handmaid's Tale 1x10)
Schauspieler in der Episode The Handmaid's Tale 1x10
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