The Great 1x01

© erienposter zu The Great (c) Hulu
Als 2018 die schwarze Historienkomödie „The Favourite - Intrigen und Irrsinn“ herauskam, ging man kaum wegen der weniger prominenten, historischen Hauptfigur Queen Anne ins Kino. Man kam wegen Regisseur Yorgos Lanthimos („The Lobster“) und wegen der Hauptdarstellerin Olivia Colman (Broadchurch), die für ihre außerordentliche Arbeit zu Recht mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Auch das Drehbuch von Tony McNamara war nominiert, der sich nun mit der nicht unähnlichen Hulu-Serie The Great zurückmeldet. Eine historische Comedy, bei der man sehr wohl für Historienstar Katharina die Große einschaltet, die Helen Mirren vor kurzem erst in Catherine the Great dargestellt hatte.
Laut dem Trailer und der Serienbeschreibung will „The Great“ es absichtlich nicht ganz so genau mit historischen Fakten nehmen und vielmehr die Geschichte einer idealistischen jungen Frau erzählen, die sich in einer fremden Umgebung wiederfindet, die sie erst mit reichlich Widerstand nach ihren Vorstellungen gestalten muss. Selbst der Vorspann erinnert uns mit der Ankündigung „An occasionally true story“ („Eine gelegentlich wahre Geschichte“) daran. Ähnlich lautete auch die Prämisse von „The Favourite“. Überhaupt macht es einem die neue Serie nicht gerade leicht, nicht ständig an den geistigen Vorgängerfilm zu denken. Zu ähnlich sind die Charaktere, die Dialoge und es wurde sogar an der gleichen Location (dem Hatfield House in England) gedreht. Nach der ersten Episode (The Great) wird aber klar, inwiefern sich die beiden Projekte unterscheiden.
„The Great“ beginnt damit, dass die junge Katharina (Elle Fanning) naiv, lebenslustig und voller Hoffnung auf die große Liebe, die ein ganzes Volk inspirieren wird, ins fremde Russland reist, um Peter III. (Nicholas Hoult) zu ehelichen. Sie stammt aus gutem Hause, das eine Finanzspritze bitter nötig hat und für Peter wird es Zeit, einen Thronfolger in die Welt zu setzen, wie es ihm auch sein von göttlichen Visionen gesegneter Erzbischof (Adam Godley) einbläut. In Moskau angekommen, muss die Braut jedoch feststellen, dass ihr Gemahl ein verwöhnter, arroganter, oberflächlicher, hedonistischer, unsensibler Nichtsnutz ist, der sich weder um sie noch um sein Volk schert. Eine herrlich abscheuliche Rolle, mit der Hoult, der schon als Perücke tragender Staatsmann in „The Favourite“ sein Comedytalent bewies, jede Menge Spaß hat.

Nach und nach schwindet das innere Licht von Katharina immer mehr, während sie bemerkt, in welch auswegloser Situation sie sich befindet und wie lieblos ihre Ehe sich trotz größter Bemühungen ihrerseits gestalten wird. Ihre romantische Vorstellung von der Hochzeitsnacht zum Beispiel muss einem funktionellen Quickie weichen, den Peter im Vorbeigehen vollzieht, während er sich mit einem Untertan über die Details der Entenjagd unterhält. Selbst ihre altruistische Ambition, eine Schule für Mädchen und Frauen aufzubauen, wird im Keim erstickt, als Katharina regelrecht zu Belle aus „Die Schöne und das Biest“ wird, die mit einem Monster im Palast festsitzt und als Bücherwurm anderen Frauen das Lesen beibringen will.
Verbündete findet sie zumindest im sanftmütigen Gelehrten Orlov (Doctor Who-Schurke Sacha Dhawan) und in ihrer gerissenen Bediensteten Marial (Phoebe Fox), einer in Armut gefallenen Exadeligen (Emma Stone aus „The Favourite“ lässt grüßen), die Katharina die nicht uninteressante Information zusteckt, dass Russland keine lineare Thronfolge hat. Das heißt: Sollte der Kaiser ganz zufällig (räusper, hust) den hochwohlgeborenen Löffel abgeben, wird nicht sein Spross zum Herrscher, sondern die Kaiserin. Kling fast, als würde dieser Fun Fact noch wichtig werden...
Auch, wenn es mit Ansage und voller Absicht geschieht: Die Tatsache, dass man sich historisch gesehen künstlerische und erzählerische Freiheiten nimmt, führt unweigerlich dazu, dass man sich ständig fragt, was akkurat ist und was frei erfunden wurde. Hat Peter wirklich seine geliebte Frau Mama mumifiziert bei sich behalten? Konnten die Frauen am russischen Hofe im Gegensatz zu ihren französischen Zeitgenossinnen wirklich nicht lesen? Hat Peter tatsächlich Bärte bei Männern unter 50 verboten? Post-Episoden-Google-Eskapaden lassen sich kaum vermeiden, was zugegebenermaßen sehr lehrreich sein kann.
Das größte Problem von „The Great“ liegt aber ganz woanders. Die Einzelteile sind hervorragend: Fanning spielt eine sympathische Katharina, McNamaras Dialoge sind recht geistreich, die Locations und Kostüme sehen fantastisch aus, Hoult ist zum Schreien komisch... Nur ist die Leidensgeschichte der jungen Kaiserin als russisches The Handmaid's Tale dann doch zu melodramatisch, als dass die Elemente zu 100 Prozent miteinander harmonieren könnten. Eine Spur mehr oder weniger von jeweils Comedy oder Drama hätte es ruhig sein dürfen.
Darüber hinaus stellte Lanthimos mit seinem Film den absoluten Irrsinn des Konzepts Monarchie heraus, was „The Great“ zwar andeutet, indem wir im Hintergrund der opulenten Szenerie ständig Barbarei und gewaltsame Willkür beobachten können, am Ende der ersten Episode möchte die Serie aber trotzdem, dass wir für Katharina - als eine ihr Schicksal in die Hände nehmende Herrscherin auf ihrem Streifzug auf den Thron - jubeln, als wäre sie die verdammte Mother of Dragons aus Game of Thrones.
Fazit
The Great teilt sich mehr als nur einen Strang filmische DNS-Chromosomen mit der Monarchinnensatire „The Favourite“, präsentiert sich aber viel gefälliger und nicht halb so avantgardistisch oder gewagt. Viel eher fühlt sich die Serie nach einer gewöhnlicheren, angeschwärzten Kostümkomödie an, deren melodramatische Elemente sich nur krampfhaft an die komischen Momente schmiegen. Vor allem Nicholas Hoult beweist als royales Scheusal echtes Comedytalent in einer Empowerment-Geschichte, die im Gegensatz zur gekonnten Monarchiekritik etwas zu offensichtlich ausfällt. Die Einzelteile der Produktion sind in diesem Fall viel eindrucksvoller als das große Ganze, das nicht so recht miteinander zurechtkommen will - zumindest in der ersten Episode. Sie sind aber eindrucksvoll genug, dass immer noch guten Gewissens dreieinhalb von fünf Sternen vergeben werden können.
Der Trailer:
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Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 15. Mai 2020The Great 1x01 Trailer
(The Great 1x01)
Schauspieler in der Episode The Great 1x01
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