The Good Wife 7x13

Das passiert in der The Good Wife-Folge Judged:
Alicia (Julianna Margulies) ist weiterhin ziemlich neben der Spur. Die Tatsache, dass Eli (Alan Cumming) die Voicemail von Will gelöscht hat, geht ihr nicht aus dem Kopf. Sie befindet sich an der Grenze zur Depression - wenn nicht sogar schon darüber hinaus. Auch die überraschende Rückkehr von Jason (Jeffrey Dean Morgan) kann sie nicht aufmuntern.
Vor Gericht lässt sich Alicia auf einen sehr riskanten Fall ein: Clayton Riggs (Daniel J. Watts) ist vor acht Monaten ihr zweiter Mandant vor dem Kautionsgericht gewesen. Er war wegen Störung des öffentlichen Friedens festgenommen worden. Richter Schakowsky (Christopher McDonald) hatte die Kaution damals auf vollkommen unangemessen hohe 150.000 Dollar festgesetzt, die Riggs hätte zahlen müssen, um bis zum Prozessbeginn freizukommen. Schakowsky hatte damit Alicia treffen wollen, welche die Fließbandabfertigung in seinem Gerichtssaal gestört hat. Riggs konnte nicht zahlen. Und befindet sich nach wie vor ohne Prozess hinter Gittern.
Mehrfach schon ist ein Prozesstermin anberaumt, aber auf Antrag der Staatsanwaltschaft jeweils wieder ohne großes Federlesen von Schakowsky verschoben worden. Um Riggs freizubekommen, zerren Alicia und Lucca (Cush Jumbo) nun den Richter selbst vor Gericht. Sie verklagen ihn wegen willkürlicher Verletzung von Claytons Bürgerrechten. Das Problem dabei: Damit seine Immunität als Richter nicht greift, müssen sie den Nachweis führen, dass er wissentlich gehandelt hat. Das stellt sich jedoch als sehr schwierig heraus, da die anderen am Kautionsgericht tätigen Anwälte - allen voran Bernie (Rob Bartlett) - viel zu sehr von Schakowsky eingeschüchtert sind, als dass sie jemals gegen ihn aussagen würden.
Es kommt knüppeldick: Alicia und Lucca verlieren vor Gericht. Schlimmer noch: Bernie schnappt sich ihren Mandanten und bewegt diesen, nun seinerseits Alicia zu verklagen - wegen anwaltlichen Fehlverhaltens.
Diane (Christine Baranski) vertritt unterdessen die Studentin Imogen Stowe (Francesca Carpanini) in einem Streit, den diese mit ihrer Uni austrägt. In einem Leitartikel der Studentenzeitung hatte sie sich - gegen die Mehrheitsmeinung am Campus - scharf gegen eine Kennzeichnungspflicht israelischer Waren aus dem besetzten Gebieten ausgesprochen. Daraufhin hat die Uni, repräsentiert von Direktor Randolph (John Billingsley, Star Trek: Enterprise) die Mittel für die Studentenzeitung gestrichen.
Lebenskrise
Okay. Fangen wir mal mit der Szene an, die ganz ohne jede Frage der Dreh- und Angelpunkt von Judged ist: Nachdem Alicia durch weite Teile der ersten Hälfte der Folge wie eine Zombie gewandelt ist, stellt Lucca sie zur Rede und lässt nicht locker, bis es schließlich aus ihrer Kollegin herausbricht. Und zwar alles.
Was wir vorher allenfalls vermuten konnten, bestätigt sich: Alicia hat sich so sehr über das Was-wäre-wenn mit Will den Kopf zermartert, dass sie darüber in eine noch viel umfassendere und grundsätzlichere Lebenskrise, ja Depression, geraten ist, in der sie ihr gesamtes bisheriges Leben in Frage stellt.
Lebensmüde?
Die Juristerei macht ihr nicht gerade Freude, was man insbesondere angesichts ihres aktuellen Falls durchaus nachvollziehen kann. Sie weiß nicht, ob sie ihre Kinder überhaupt mag (!). Ihre Erfüllung im Muttersein hat Alicia jedenfalls ganz klar nicht gefunden. Dann ist da die Liebe ihres Lebens, die mit Wills Tod unwiederbringlich verloren gegangen ist. Mit dem Resultat, dass Alicia ihr ganzes Leben einfach nur noch zuwider ist. Sie hat mittlerweile selbst erkannt, dass sie ein Alkoholproblem hat. Sie braucht ihn, um ihre geballte Verdrossenheit herunterzuspülen. Sie sehnt sich danach, dass es einfach nur noch „zu Ende ist“.
Alicia lebensmüde?! An dieser Stelle bekommt es nicht nur Lucca, sondern auch das Publikum mit der Angst zu tun. Wie schlimm es um ihren Gemütszustand steht, mag im ersten Augenblick überraschen. Tatsächlich ist es aber durchaus folgerichtig: So sehr, wie sie sich in die Sache mit Will verbissen hat, konnte das kaum gut gehen. Wer jemals Depressionen aus nächster Nähe beobachten konnte, der kennt das nur zu gut: das Fixieren auf diese eine negative Sache im Leben, die dem Betroffenen wieder und wieder im Kopf herumgeht - und die dabei größer und größer wird, bis sie das gesamte Wahrnehmungsfeld ausfüllt.
Umarmung
In Wirklichkeit lässt sich eine derart tiefgreifende depressive Verstimmung kaum mit nur einer einzigen Umarmung lösen. Trotzdem ist es auch nicht ganz und gar weit hergeholt. Ein emotional einschneidendes Erlebnis kann sehr wohl dabei helfen, sich aus der gedanklichen Fixierung zu befreien und eine neue Perspektive einzunehmen (wie Alicia später auch gegenüber Jason kundtut). Und es ist ein emotional einschneidendes Ereignis, das sich an Alicias Ausbruch anschließt.
Lucca schließt ihre Kollegin in die Arme und bietet sich ihr als Freundin an. Ihr Geständnis, die meisten Menschen eigentlich nicht leiden zu können und keine engen Freunde zu haben, macht die Verbindung, die sie zu Alicia aufbaut, nur um so bedeutungsvoller. Das ist nicht irgendeine Freundschaft, die sie Alicia anbietet, sondern eine ganz besondere Verbindung, die sie zwischen ihnen beiden herstellt.
Tränen
Ich müsste vielleicht noch einen Augenblick darüber nachdenken. Aber wenn mich nicht alles täuscht, dann könnte dies der warmherzigste Moment in der gesamten sechseinhalbjährigen Geschichte von The Good Wife gewesen sein. So oder so ist es eine Szene, die einem die Tränen in die Augen treibt. So berührend ist sowohl Alicias Tränenflut als auch die anschließende Umarmung.
Die Szene ist dabei nicht nur dramaturgisch der große Wendepunkt der Episode (möglicherweise sogar der gesamten Staffel), sondern setzt natürlich auch ein schauspielerisches Glanzlicht: Ich kann und will nicht verschweigen, dass meine Sympathien für Julianna Margulies seit der ganzen Archie Panjabi-Geschichte Schaden genommen haben. Gleichzeitig kann ich nach ihrer Leistung in Judged nur den Hut ziehen. MEINE. GÜTE. KANN. DIESE. FRAU. SPIELEN.
Vergebung
Tatsächlich verändert sich von diesem Moment an Alicias Perspektive. Sie findet ihr Lachen zurück, sogar ungeachtet der eher niederschmetternden Ereignisse, die sich bei ihr auf beruflicher Ebene abspielen. Sie schafft es, Eli ihre Vergebung auszusprechen - und ihm dabei sogar ein zaghaftes Lächeln zu schenken. Wenn es etwas gibt, was man an Judged kritisieren könnte, dann vielleicht die Häufigkeit, mit der sich Eli (auch in der Zusammenschau mit den vorangegangenen Episoden) bei Alicia entschuldigt.
Irgendwann kommt einem alles, was er sagt, doch etwas repetitiv vor. Angesichts der immensen Zahl von Entschuldigungen, die Eli ohnehin schon vorgetragen hatte, wäre es vielleicht besser gewesen, wenn man seine Szenen in Judged umgedreht hätte: dass er also am Anfang an Alicias Tür klopft, um sich zu entschuldigen, sie ihn aber nötigt, Wills Worte zu wiederholen, und es am Ende so läuft, dass sie auf einmal bei ihm im Büro sitzt und seine Entschuldigung annimmt. Das wäre möglicherweise die dramaturgisch sinnvollere Anordnung gewesen.
Der Kuss
„Halleluja“ hört man derweil die Fans rufen, die sich schon längst gewünscht haben, dass endlich mal etwas zwischen Alicia und Jason „passiert“. Sah es zuletzt fast so aus, als hätten die Autoren ihn ähnlich sang- und klanglos entsorgen wollen wie zuvor Finn (Matthew Goode), kehrt er in Judged auf die Bildfläche zurück. Und wird von einer Alicia, die nach der Unterredung mit Lucca ihre Hemmungen beiseite gelegt und eine neue Perspektive aufs Leben angenommen hat, erst im Fahrstuhl geküsst, später noch mal in ihrer Wohnung.
Dabei hat Lucca gleich im doppelten Sinne ihre Finger im Spiel. Zum einen lässt sie die beiden in der Szene gegen Ende der Folge ziemlich eindeutig zweideutig allein in der Wohnung zurück. Zum anderen ist sie es, die Jason zuvor in der Barszene ins Gebet genommen - und ihn ziemlich unverblümt auf seine Wirkung angesprochen hat, die er auf Frauen ausübt. Diese Szene ist insofern sehr interessant, weil hier zum ersten Mal überhaupt, solange wir Jason kennen, seine Fassade der coolen Gelassenheit und des überlegenen Lächelns aufbricht und für einen winzigen Augenblick ein überraschter, nachdenklicher Jason hindurchscheint.

ABM
Neben dem großen emotionalen Bogen der Folge gibt es in Judged sogar noch zwei Fälle der Woche. Die Story um die Pressefreiheit an der Uni ist nicht uninteressant, erinnert strukturell aber sehr an Restraint.
Erneut wird der (linksliberale) Zuschauer vor die Frage gestellt, wie er es mit der Rede- und Pressefreiheit hält, wenn sie einem Anliegen zugutekommt, welches seinen Überzeugungen und Sympathien wahrscheinlich/möglicherweise zuwiderläuft. Alles in allem wirkt der Subplot jedoch vor allem wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Christine Baranski - und wie ein verzweifeltes Aufseufzen der Autoren: „Lasst uns Alicia bald in die Kanzlei nach Hause holen, damit unsere Protagonisten wieder zusammen agieren können...“
Nach Hause?
Nun, da Alicia selbst nicht unerheblichen juristischen Ärger am Hals hat und auf die Hilfe von Cary (Matt Czuchry) angewiesen ist, da wirkt das Angebot, zu Lockhart Agos zurückzukehren, auf einmal schon sehr viel verlockender als es noch in der letzten Folge der Fall war. Alicia muss bei der Vorstellung, als „Juniorpartner“ in die Kanzlei zurückzukommen, zwar lachen. Es macht jedoch klar den Anschein, dass sie der Idee nicht mehr gänzlich abgeneigt ist.
Der Fall, der Alicia in die Bredouille gebracht hat, hatte es derweil durchaus in sich. Sie kämpft für eine gute Sache. Der Umgang des Rechtssystems mit ihrem Mandanten kommt einem Justizskandal gleich. Doch gegen die „Bruderschaft der Roben“ (Lucca) gibt es vor Gericht kein Ankommen. Beides ist dazu geeignet, den Zuschauer in Empörung zu versetzen. Weitergehen dürfte es dann wohl in der kommenden Folge mit dem Prozess gegen Alicia.
Fazit
Keine 100-prozentig perfekte Folge. Über den Satz „Ich weiß nicht mal, ob ich meine Kinder noch mag“ werde ich, glaube ich, in den kommenden Wochen noch mal reflektieren müssen... Alles in allem ist Judged aber eine enorme Steigerung gegenüber den vorangegangenen Folgen (seit KSR) - mit einem wahrhaft dramatischen Wendepunkt.
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 2. Februar 2016(The Good Wife 7x13)
Schauspieler in der Episode The Good Wife 7x13
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