The Good Wife 7x09

The Good Wife 7x09

Alicia und Lucca stehen vor einer kniffligen Aufgabe: Sie müssen die Beweismittel zusammenstellen, welche die Gegenseite einsehen darf. Was ist relevant? Was nicht? Was versucht man, vor der anderen Seite verborgen zu halten?

Kontrahenten vor Gericht. / (c) CBS
Kontrahenten vor Gericht. / (c) CBS

Das passiert in der The Good Wife-Folge Discovery:

Monica Timmons (Nikki M. James), die junge afro-amerikanische Anwältin, die in der Episode Lies den institutionellen Rassismus in der Personalpolitik von Lockhart Agos bloßgestellt hatte, ist zurück. Sie möchte die Hilfe der Kanzlei in Anspruch nehmen, um Klage gegen einen wahrhaft mächtigen Gegner zu erheben: den Internet-Giganten Chumhum. Timmons vertritt eine Restaurant-Besitzerin, deren Geschäft nicht mehr läuft, seit Chumhum in seinen Maps standardmäßig einen Filter verwendet, welcher dem Nutzer „sichere“ und „unsichere“ Stadtviertel anzeigt.

Das Restaurant der Klägerin liegt in einer angeblich unsicheren Gegend. Vor allem handelt es sich um eine vorwiegend von Schwarzen bewohnte Gegend. Ist Chumhum also rassistisch? Oder ist das alles nur das Ergebnis eines durch und durch objektiven Algorithmus, wie die Firma behauptet?

Louis Canning (Michael J. Fox) ist der Anwalt von Chumhum, seit die Firma Lockhart Agos verlassen hat. Da seine eigene Kanzlei im Augenblick ein bisschen „zu blass“ ist (sprich: keine nicht-weißen Anwälte beschäftigt), holt er sich Alicia (Julianna Margulies), besonders aber Lucca (Cush Jumbo) als Unterstützung an Bord. „Ernie und Bert.“ Hehe.

Der Richter (Dominic Chianese) ordnet an, dass Chumhum im so genannten Discovery-Verfahren der Gegenseite alle Materialien offenlegen muss, welche mit Chummy Maps zu tun haben. Alicia und Lucca stehen damit vor der wenig beneidenswerten Aufgabe, unter den wachsamen Augen von Canning die Unterlagen zusammenzustellen, welche Diane (Christine Baranski) und Cary (Matt Czuchry) als Beweismittel zu Gesicht kriegen sollen. Dabei ist natürlich die Versuchung (und der Druck Cannings) groß, mit belastenden Dokumenten möglichst hinter dem Berg zu halten.

Alicia und Lucca werden erneut von Jason Crouse (Jeffrey Dean Morgan) als Ermittler unterstützt. Das führt zu nicht unerheblichen Problemen: Ruth (Margo Martindale) beobachtet nämlich, wie vertraut Alicia und Jason miteinander umgehen - und vermutet gleich eine Affäre dahinter.

Eli (Alan Cumming) wird von Ruths Verdacht auf dem völlig falschen Fuß erwischt. Schließlich arbeitet er daran, das Image von St. Alicia wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Dabei geht es ihm gar nicht so sehr um Peters Präsidentschaft. Vielmehr, so erfahren wir, hat er es darauf abgesehen, Alicia selbst erneut ins politische Rennen zu schicken - um einen Posten im Senat. Die Chancen, dass Alicia dabei mitmacht, stehen allerdings denkbar schlecht: Die Einmischungen Elis in ihr Privatleben nimmt sie nämlich nicht mehr so ohne Weiteres hin...

Previously

Bevor wir die aktuelle Folge Discovery diskutieren, komme ich kaum umhin, noch einmal kurz auf die vorangegangene Episode Restraint zu sprechen zu kommen. Wir erinnern uns: Im Fall der Woche ging es um ein heimlich gefilmtes Video, in dem Abtreibungsgegner sich als Vertreter einer Biotec-Firma ausgegeben hatten, um von einer Abtreibungsklinik fötales Gewebe und Organe anzukaufen. Die Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit, die in den US-Medien hohe Wellen geschlagen hat.

Wellen, die am Freitag möglicherweise zu drei Todesopfern geführt haben: Einer Zeugenaussage zufolge soll der Schütze, der in Colorado Springs das Feuer vor einer Klinik von Planned Parenthood eröffnet hat, von „keine weiteren Babyteile“ gesprochen haben.

Es ist ein - trauriger - Beleg dafür, wie dicht The Good Wife an den aktuellen Themen und gesellschaftlichen Diskussionen in den USA dran ist.

The World According to Chumhum

Das gilt auch und nicht zuletzt für die aktuelle Folge Discovery: Erst im vergangenen Sommer ist in den USA ein Fall bekannt geworden, in dem Google Photos ein Bild junger Afro-Amerikaner unter Gorillas einsortiert hatte. Erneut bewegt sich The Good Wife also sehr dicht am Zeitgeschehen - und erweckt damit ein Gefühl hoher Relevanz. Was die Serie erzählt, sind Geschichten, die für unsere heutige Gesellschaft von Bedeutung sind. Es geht darin um Fragen, die uns ganz unmittelbar in unserem Alltag betreffen: hier etwa die Frage, wie sehr Technologie unsere Wahrnehmung und unseren Zugriff auf die Welt strukturiert.

Ganz großartig wird dies in der Eingangssequenz von Discovery visuell auf den Punkt gebracht: Schichten von Einsen und Nullen, die sich zu Formeln und Gleichungen verdichten, welche hinter jenen Benutzeroberflächen liegen, die uns die Welt erschließen - durch die wir uns aber auch gleichzeitig in die Hand anonymer Mächte und Kräfte begeben.

Dass die Restaurant-Besitzerin ihre privaten, in der Cloud gespeicherten Dokumente tatsächlich privat wähnte, bis Chumhum sie ihr auf einmal unter Verweis auf die Nutzungsbedingungen im Kleingedruckten genüsslich unter die Nase reibt, ist da nur die Spitze des Eisbergs. Möglicherweise noch bedeutsamer ist die Strukturierung unserer technologievermittelten Wirklichkeit durch vermeintlich objektive Algorithmen, wie Discovery sie zeigt. Natürlich, die Algorithmen laufen nach streng mathematischen Gesetzmäßigkeiten ab. Doch was ist mit den Vorannahmen und Vorurteilen, die bereits in ihre Programmierung eingeflossen sind?

Wie heißt es doch in einer der E-Mails so schön, über deren Weiterleitung Alicia und Lucca grübeln: „Was hat Wohnbesitz damit zu tun, wie sicher oder unsicher eine Gegend ist?“ Am Anfang hatte Chumhum noch keine ausreichenden Daten. Also hat man eine Heuristik genommen, von welcher der Programmierer angenommen hat, dass sie aussagekräftig ist: Eine Gegend, wo wohlhabende (weiße) Menschen ihr Eigenheim haben, wird doch schließlich sicherer sein als eine Ecke, in der (schwarze) Menschen ihre Wohnung nur mieten... Auf diese Weise wird gleichzeitig auch die Erwartungshaltung der Nutzer gelenkt: In einer Gegend, die bereits als schlecht ausgewiesen ist, wird man schließlich eher dazu neigen, jeden Knall in der Ferne für einen Schuss zu halten.

Discovery

Nach Driven beschäftigt sich The Good Wife hier zum zweiten Mal in dieser Staffel sehr eingehend mit den Folgen des technologischen Wandels. Und das erneut auf höchst unterhaltsame Weise. Discovery gehört zu den Highlights der bislang auch sonst sehr starken siebten Staffel - und schrammt nur knapp an den fünf Sternen in der Bewertung vorbei.

Ohnehin ist The Good Wife immer dann gut, wenn die Serie die Juristerei mal von einer ungewohnten Seite beleuchtet und die Figuren damit vielleicht nicht vor gänzlich neue, aber zumindest in dieser Form noch nicht dagewesene Konflikte stellt. Hier ist es der Prozess der Discovery, welcher Alicia und Lucca einen Drahtseilakt abverlangt: für die Gegenseite genau jenes Beweismaterial zusammenstellen, welches dem eigenen Mandanten unter Umständen schaden könnte.

Mindestens zum Teil resultiert der Spaß an diesem Plot aus dem Erfindungsreichtum, mit dem die Anwälte, allen voran Canning, immer wieder argumentieren, warum ein bestimmtes (offenkundig relevantes) Beweisstück nicht zur Discovery gehört. Übertroffen nur noch von Alicias und Luccas Gespräch mit dem Programmierer, in dem sie ja nichts hören wollen, was ihnen hinsichtlich des Falls nicht in den Kram passen würde: „Sprechen Sie bloß nicht weiter!

Immer noch knapp bei Kasse?

Alicia ist sich sogar halbwegs bewusst, dass sie in diesem Rechtsstreit möglicherweise auf der falschen Seite steht. Trotzdem macht sie unermüdlich weiter - und kassiert dafür am Ende die nicht ganz unverdiente Strafe. Ja, sie handelt auf Cannings Geheiß. Aber sie hat sich sehenden Auges in die Situation begeben. Sie wusste, dass das Zurückhalten des Fotos falsch ist und hat es trotzdem getan.

Wenn es etwas gibt, das sich an Discovery kritisieren lässt, dann ist es die Motivation von Alicia und Lucca. Es scheint ja so, als würden sie nach wie vor aus der finanziellen Not heraus handeln, in der ihre eigene Kanzlei steckt. Was nach dem Ende von Restraint jedoch nicht mehr ganz schlüssig erscheint. Grace (Makenzie Vega) hatte ihnen doch gerade mehrere millionenschwere Mandanten an Land gezogen. Warum also müssen sich die beiden dann trotzdem als Handlager von Canning verdingen?

Man könnte fast glauben, dass die Reihenfolge der Episoden vertauscht worden ist.

Cary und Lucca?

Ein anderer Punkt, der zumindest eine hochgezogene Augenbraue wert ist: Cary und Lucca. Da hatten sich die The Good Wife-Macher so viel Mühe gegeben, damit gerade nicht der Eindruck entsteht, dass Lucca „die neue Kalinda“ ist. Und sie haben damit Erfolg gehabt. Sie haben sie als eine eigenständige Figur etabliert. Und machen es dann - zumindest ein Stück weit - wieder zunichte, indem sie aus heiterem Himmel ein romantisches Interesse Carys an ihr aus dem Hut zaubern - und damit das Schild „Kalinda-Ersatz“ hochhalten.

Dabei hatte es zumindest für mich so ausgesehen, als ob zwischen ihm und Monica die deutlich interessantere Dynamik besteht. Schauen wir mal. Zwischen Eli und Courtney (Vanessa Williams) hatte ich zunächst auch recht wenig gespürt. In Discovery waren die beiden aber auf einmal wirklich süß zusammen - und eine Chemie vorhanden, die es in den beiden Folgen davor so noch nicht gegeben hatte.

Eli

Apropos Eli: Courtney hat nicht ganz unrecht, als sie sagt, dass Eli wohl in Alicia verliebt sein muss. Er ist vernarrt in sie. Allerdings nicht auf eine romantische Weise. Vielmehr ist sie „sein neuer Peter“. Sein Plan ist, Alicia als eigenständige politische Figur aufzubauen. Hillary, sozusagen. Das Problem dabei ist nur, dass sich Alicia den Anweisungen des Puppenspielers nicht mehr länger fügen will. Ein bisschen ist es bei ihm wie mit Alicia im Fall der Woche: Er weiß im Grunde, dass es falsch ist, Alicia beim Thema Männer auf diese Weise anzugehen. Und doch tut er es.

Fast noch interessanter als die Konfrontation zwischen ihm und Alicia sind jedoch seine Konversationen mit Jason, der ja tatsächlich, wie auch in der Folge selbst angesprochen, ein völlig anderer Typ von Mann ist, wie wir ihn bislang in The Good Wife gesehen haben. Bei ihrer ersten Begegnung scheint Eli noch etwas verunsichert angesichts der virilen Präsenz seines Gegenübers, fast so, als rechne er damit, dass er sich wegen seiner aufdringlichen Fragerei eine Klatsche einfangen könnte. Beim zweiten Aufeinandertreffen macht er dagegen schon einen sehr viel kesseren Eindruck, was natürlich auch dem tatsächlichen/vermeintlichen (?) Belastungsmaterial geschuldet ist, welches er in den Händen hält.

Warum hat Jason ein Dossier über Alicia angefertigt? Nur um mehr über seine Auftraggeberin zu erfahren? Aus privaten Motiven? Oder handelt er im Auftrag von irgendjemandem?

Fazit

Eine ebenso fesselnde wie lustige Episode zu einem aktuellen, äußerst relevanten Thema. Dazu ein Eli, der durch Alicias romantisches Interesse an Jason seine politischen Pläne für sie gefährdet sieht - und sich dazu furchtlos auf eine Konfrontation mit dem mehr als einen Kopf größeren Mann einlässt. Darüber hinaus ist das Ganze wie immer äußerst ansprechend inszeniert - von der ins Thema einführenden Teaser-Montage bis hin zur Kamerafahrt durch den Türspion am Ende. Das Ergebnis: 45 Minuten bester Unterhaltung.

Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 1. Dezember 2015
Episode
Staffel 7, Episode 9
(The Good Wife 7x09)
Deutscher Titel der Episode
Enthüllungen
Titel der Episode im Original
Discovery
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 29. November 2015 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 7. Februar 2017
Autoren
Joey Scavuzzo, Aaron Slavick
Regisseur
Rosemary Rodriguez

Schauspieler in der Episode The Good Wife 7x09

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