The Get Down 1x11

The Get Down 1x11

Netflix' The Get Down liefert reichlich Stoff für beides, einen Verriss und eine Liebeserklärung. Ich habe mich für letzteres entschieden. Die Baz-Luhrmann-Serie ist extravagant, elektrisierend, poetisch, mutig und inspirierend.

Die Bronx, der Ort, an dem Träume entstehen, die meist zum Platzen verurteilt sind. / (c) Netflix
Die Bronx, der Ort, an dem Träume entstehen, die meist zum Platzen verurteilt sind. / (c) Netflix
© ie Bronx, der Ort, an dem Träume entstehen, die meist zum Platzen verurteilt sind. / (c) Netflix

Mit der Netflix-Serie The Get Down präsentiert der visionäre Filmkünstler Baz Luhrmann („The Great Gatsby“) seine Version der Entstehungsgeschichte des Hip-Hops. Es ist eine verklärte Version, bei der vieles weggelassen und anderes überspitzt wurde. Das Setting, die South Bronx im Jahr 1977, wird als fantastischer Ort dargestellt, an dem das pulsierende Leben im Schmelztiegel der Kulturen Poeten und Träumer zu Tage fördert. In der Realität muss die Zeit jedoch ganz anders ausgesehen haben: grau, hoffnungslos und deprimierend. Nur ist die wahre Geschichte nicht immer - oder eher selten - die beste. Und die Luhrmann'sche, so verkehrt sie auch sein mag, strotzt zumindest vor Energie und schenkt uns Zuschauern die beflügelnde Illusion, dass im Leben für jeden alles möglich ist.

Dass Luhrmann bei The Get Down keine halben Sachen machen würde, muss Netflix im Prinzip schon beim ersten Blick auf die Rollennamen der Serie erkannt haben. Hier ein paar Kostproben: Shaolin Fantastic, Papa Fuerte, Fat Annie, Cadillac, Thor und zu guter Letzt die Brüder Ra-Ra, Boo-Boo und Dizzee. Solche Prachtexemplare findet man normalerweise nur in Noah-Hawley-Serien wie Legion und Fargo. Dem Massenpublikum könnten sie eventuell zu albern sein. Und so erscheint es umso beeindruckender, dass der VoD-Anbieter trotzdem mitgezogen ist.

Das Produktionsbudget für die erste und vielleicht auch einzige Staffel soll geschätzte 120 Millionen US-Dollar betragen haben. Damit liegt The Get Down ungefähr gleichauf mit dem HBO-Hit Game of Thrones. Vergleichbare Zuschauerzahlen wird das verquere Musicaldrama wahrscheinlich aber nie erreichen können, zumal der Cast der Serie vollständig aus Afro- und Lateinamerikanern besteht. Quoten spielen für Netflix allerdings auch keine allzu große Rolle. Priorität war es, mit einer Weltmarke wie Baz Luhrmann ins Geschäft zu kommen. Und was für ein Glück, dass dabei obendrein noch eine so eigenartige und liebenswürdige Serie entstanden ist.

Unfold Your Own Myth

Nun aber zur Handlung der Serie: Im Mittelpunkt steht der puerto-ricanische Waisenjunge Zeke Figuero (Justice Smith), der als begabter, wenn auch zielloser Schüler kurz vor seinem Abschluss auf den etwas weniger begabten, aber dafür umso zielstrebigeren Drogendealer und Möchtegern-DJ Shaolin Fantastic (Shameik Moore) trifft. In ihm findet er den Paul McCartney zu seinem John Lennon - obwohl ihm diese beiden Musiker, da sie aus einer völlig anderen Richtung stammen, nichts sagen dürften. Die Analogie stimmt aber trotzdem, denn gemeinsam kreieren Zeke und Shao Kunst, die größer ist als die Summe ihrer Teile.

Welches Genre wird die 70er für sich entscheiden - die Discomusik mit ihren Liebesballaden...
Welches Genre wird die 70er für sich entscheiden - die Discomusik mit ihren Liebesballaden... - © Netflix

Rasch gesellt sich zu ihrem Hip-Hop-Kollektiv, den Get Down Brothers, das erwähnte Brüdertrio Ra-Ra (Skylan Brooks), Boo-Boo (Tremaine Brown Jr.) und Dizzee (Jaden Smith) hinzu - Ra-Ra ist der Vernünftige, Boo-Boo das Wunderkind und Dizzee der Träumer. Zeke ist als Wordsmith für die Lyrics und Shao als Conductor für die Beats zuständig. Ihr Stil ist Old School - wie sollte es auch anders sein, wenn der Hip-Hop ein paar Blocks weiter gerade erst erfunden wurde?

Es dauert nicht lang, bis Zeke und Co sich auf der Straße einen Namen machen. Doch nicht jeder steht ihrem Aufstieg wohlwollend gegenüber; einer ihrer größten Gegner ist der gefährliche Gangster und Discofanatiker Cadillac (Yahya Abdul-Mateen II), mit dem Shao unter anderem beruflich zu tun hat. Zeke hat derweil ganz andere Sorgen, obwohl auch bei diesen Cadillac eine tragende Rolle spielt; der Schuft hat es nämlich auf Zekes große Liebe abgesehen, die aufstrebende Discodiva Mylene Cruz (Herizen Guardiola), mit der Zeke seit frühsten Kindheitstagen befreundet ist.

You Have Wings, Learn to Fly

Als Tochter eines erzkonservativen Pastors der Zeugen Jehovas (der herrlich unsympathisch vom Breaking Bad-Bösewicht Giancarlo Esposito gespielt wird) hat Mylene ihren eigenen Kampf zu kämpfen. Will sie es in der Musikindustrie zu etwas bringen, benötigt sie Sexappeal - für ihren Vater das ultimative Sakrileg. Einzig ihr Onkel und geheimer leiblicher Vater, Papa Fuerte (der nicht weniger prominent mit Jimmy Smits besetzt wurde), scheint an sie zu glauben und ermöglicht ihr durch seinen Einfluss als wohlhabender Bauunternehmer eine Chance. Durch ihn gerät Mylene an den einst genialen, doch inzwischen abgewrackten Songwriter Jackie Moreno (Kevin Corrigan).

Dank Mylene schöpft Jackie neue Inspiration und schreibt ihr eine Hitsingle nach der anderen. Mit einem besonders verführerischen Auftritt im Szeneclub Ruby Con - der in seinem überwältigenden Exzess Erinnerungen an Luhrmanns „Moulin Rouge!“ hervorruft - macht Mylene schließlich sogar Hollywood auf sich aufmerksam. Für ihren Durchbruch zahlt sie jedoch einen hohen Preis: Ihr Vater nimmt sich vor Enttäuschung das Leben. Und Mylene droht, noch einen weiteren wichtigen Mann an ihrer Seite zu verlieren, Zeke. Er kann sie nicht nach Kalifornien begleiten, da er seinen eigenen Weg gehen muss, welcher ihn, wie sich im Staffelfinale zeigt, zunächst nach Yale führen könnte - und 20 Jahre später zu einer erfolgreichen Solokarriere, von der wir immer wieder Flashforward-Schnipsel sehen.

...oder der junge und aufstrebende Hip-Hop mit seinen wütenden und sozialkritischen Texten?
...oder der junge und aufstrebende Hip-Hop mit seinen wütenden und sozialkritischen Texten? - © Netflix

Bevor Zeke die rauen Straßen der Bronx für immer hinter sich lassen kann, muss er allerdings noch eines erledigen: Zusammen mit seinen Get Down Brothers vereint er die Reiche der drei Könige der New Yorker Hip-Hop-Szene, DJ Kool Herc, Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa. Gemeinsam stürzen sie den Discopapst Cadillac und befreien sich aus ihrer Knechtschaft. Die Get Down Brothers haben den Zenit erreicht und so liegt Abschied in der Luft.

One by One, Into the Dark

Nach diesem Finale scheint eine Fortsetzung der Serie unwahrscheinlich. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, warum Netflix die aus elf Episoden bestehende Staffel in zwei Teile geschnitten hat, um den ersten im August und den zweiten nun im April zu veröffentlichen. Sollte dies tatsächlich das Ende von The Get Down sein, wäre ich zwar enttäuscht, aber dennoch dankbar für den kurzen Ausflug in diese unvergleichliche Welt, die Luhrmann da ersonnen hat. Wenn die Serie eines kann beziehungsweise konnte, ist es Atmosphäre schaffen. Mit Hilfe packender Archivaufnahmen und überstilisierter Animationen wurde ein Bild New Yorks gezeichnet wie ich es noch nie gesehen habe, in das ich mich jedoch auf Anhieb verliebt habe.

Und als Musicaldrama erfüllt The Get Down auch sein oberstes Ziel, nämlich gute Musik abzuliefern. Ich persönlich kann mit Hip-Hop normalerweise nicht viel anfangen, durch die Einbindung berühmter Melodien aus Filmen wie „Star Wars“ und „Rocky“ wurde aber auch ich schnell abgeholt. Am besten haben mir überraschenderweise die Songs gefallen, bei denen Mylenes Discoballaden und Zekes Hip-Hop-Lines symbiotisch vermischt wurden (siehe „Up The Ladder“). Doch nicht nur in ästhetischer Hinsicht erfüllt die Musik der Serie eine wichtige Funktion. Sie ist es, die neben den bunten Kulissen unter anderem den notwendigen Rahmen für Luhrmanns bewährte Extraprise Kitsch und Soapopera bietet, sodass sie nicht wie ein Fremdkörper, sondern als natürlicher Teil des Ganzen wirken.

Und damit wären wir beim Fazit: The Get Down ist genau das, was es sein will, nur ist das, was es sein will, nicht unbedingt, was jeder mag. Auch wenn der Ton und die Themen in der zweiten Staffelhälfte ein klein wenig düsterer geworden sind - vor allem in Bezug auf Shaos Storyline -, ist die Serie weit davon entfernt, ein ernsthaftes Prestigedrama zu sein. Keine Szene beschreibt die Essenz der Serie besser als die, in der Cadillac einem DJ mit dem Tode droht, nur damit er in der Rollschuhdisco seinen Lieblingssong spielt. Wem das zu bizarr ist, der kann in Zeiten von #PeakTV einfach umschalten und etwas Normaleres schauen. Was mich betrifft, werden Sonderlinge wie Luhrmann und Konsorten stets einen Platz in meinem Herzen haben - lieber eine außergewöhnliche Serie mit Makeln als perfekte Einheitskost. Mehr als vier Sterne konnte ich mit meinem Verstand aber trotzdem nicht vereinbaren.

Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 17. April 2017
Episode
Staffel 1, Episode 11
(The Get Down 1x11)
Deutscher Titel der Episode
Nur aus dem Exil können wir heimkehren
Titel der Episode im Original
Only from Exile Can We Come Home
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 7. April 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 7. April 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 7. April 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 7. April 2017
Regisseur
Ed Bianchi

Schauspieler in der Episode The Get Down 1x11

Darsteller
Rolle
Shameik Moore
Skylan Brooks
Tremaine Brown Jr.

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