Sean Bean ermittelt in der neuen britischen Serie The Frankenstein Chronicles gegen einen Mörder, der Kinderteile zu neuen Körpern zusammenschneidert. Früher oder später wird ihm dabei auch Autorin Mary Shelley über den Weg laufen.

„The Frankenstein Chronicles“ / (c) ITV
„The Frankenstein Chronicles“ / (c) ITV

Erst letzten Monat lief mit Jekyll & Hyde eine Mysteryserie bei ITV an, die sich viele Freiheiten mit der viktorianischen Literaturvorlage nahm. Nun zieht mit The Frankenstein Chronicles vom britischen Bezahlsender ITV Encore ein ähnliches Projekt nach, welches Mary Shelleys frühe Science-Fiction-Monstergeschichte in ein Murder-Mystery verwandelt.

London, 1827

In World Without God, der ersten von sechs Episoden, machen wir die Bekanntschaft des finster dreinblickenden Polizisten John Marlott - gespielt von dem Grund, aus dem die Hälfte der Zuschauer zugeschaltet hat: Le bon Sean Bean. Kein schlechter Einschaltgrund, denn der Schauspieler verleiht der tragischen Ermittlerrolle Gewicht, welches absolut notwendig ist, denn der Trauerkloß hat viele gute Gründe für seine nach unten gerichteten Mundwinkel.

John Marlott (Sean Bean) und Sir Peel (Tom Ward) © ITV
John Marlott (Sean Bean) und Sir Peel (Tom Ward) © ITV

Abgesehen von einer wenig heiteren Familiengeschichte, die jäh damit endete, dass Frau und Kind anscheinend durch eine von ihm angeschleppte Syphilis getötet wurden, hat Marlott keinen besonders erfreulichen Arbeitstag, als wir zum ersten Mal über die polizeiliche Schulter blicken. Zuerst muss er Korruption unter seinen Kollegen feststellen und dann findet er auch noch eine Kinderleiche am Themse-Ufer. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Fund aber nicht um einen Körper, sondern um das Ergebnis von acht zusammengeflickten Teilen verschiedener Kinder. Und hat sich die tote Kreatur etwa eben bewegt?

Quite enough for one lunch-time

Von Sir Robert Peel (Tom Ward) wird Marlott dazu angehalten, in dem Fall zu ermitteln, der einiges an politischer Brisanz mit sich bringt. Zufälligerweise wird nämlich gerade der Anatomy Act im Parlament diskutiert, welcher die Medizin modernisieren soll und nur noch lizenzierte Chirurgen praktizieren lassen würde. Der frühe Verdacht gilt somit einem unbekannten Quereinsteiger aus der Branche. Einige forensische Versuche mit einem Schweinekadaver später heuert der Ermittler einen Waisenjungen als Informant an und ermittelt mit seinem Partner Mr. Nightingale (Richie Campbell) in Fällen vermisst gemeldeter Kinder.

Die Polizeiarbeit wird nicht leichter für Marlott, als er feststellen muss, dass die garstige Syphilis zurückgekehrt ist. Für ihn bedeutet das wiederholte Quecksilberbehandlung, die ihm schlechte Träume und Halluzinationen bereitet. Die Spur eines vermissten Mädchens namens Alice führt ihn schließlich trotz widriger Umstände zu einem zwielichtigen Unterschlupf, wo der Dickenssche Schurke Billy Oates (Robbie Gee) eine räuberische Gruppe Kinder anführt und offenbar auch Handel mit ihnen treibt. Das Mädchen im roten Kleid ist leider nicht die Gesuchte, führt Marlott aber zu einem kryptischen Gedicht von William Blake (Steven Berkoff), der sich in der zweiten Episode die Ehre geben wird.

Marlott (Sean Bean) und Nightingale (Richie Campbell) © ITV
Marlott (Sean Bean) und Nightingale (Richie Campbell) © ITV

Für den kleinen Informanten geht die Folge leider nicht gut aus. Er wurde vom mörderischen Schneiderlein verarbeitet und in eine weitere Kreatur gefrankensteinert.

Fazit

Nach dem recht enttäuschend ausfallenden Jekyll & Hyde (hier ist das Pilotreview) und wenig ansprechendem Promomaterial bestand wenig Hoffnung für The Frankenstein Chronicles. In der Tat ist die erste Stunde aber viel unterhaltsamer und insgesamt gelungener ausgefallen, als sie vermutlich ein Recht hätte zu sein. Es bestehen jedoch glücklicherweise Ambitionen jenseits der Bemühung, mit dem bekannten Namen im Titel zu punkten.

Der Fall der zusammengeflickten Kinder gibt angemessen düster inszeniert brauchbares Thrillermaterial ab und während der abgehalfterte Ermittler im Prinzip etwas abgedroschen sein mag, ist es doch zumindest interessant, einmal keinen alkoholkranken oder drogensüchtigen Detective vor sich zu haben, sondern einen, dem seine aus heutiger Sicht fragwürdige medizinische Behandlung das Leben schwer macht. Die daraus resultierenden Träume dürfen für meinen Geschmack aber noch etwas abgefahrener ausfallen.

Getragen wird der Part von Marlott komplett von Sean Bean, der selbst in den weniger inspiriert geschriebenen Passagen 100 Prozent Einsatz zeigt und an welchem man sich nicht sattsieht, auch wenn er so gut wie jede Szene der Pilotepisode okkupiert. Einziger Wermutstropfen: Frankenstein-Autorin Mary Shelley, gespielt von Anna Maxwell Martin, die zuletzt in der Hauptrolle der Susan Gray in The Bletchley Circle ermittelte, macht sich bisher rar.

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