
ABCs The Forgotten wird mit einem Voice Over eröffnet (wie kaum anders zu erwarten). Die Stimme gehört einem toten Mädchen, dessen Leiche in einem Waldstück liegt. Es ist wie in dem Roman The Lovely Bones, in dem das getötete Mädchen auf ihre Familie und Freunde blickt und erzählt: „I was on my way somewhere“ sagt die Stimme. „I had plans, dreams. I had people who loved me.“
Diese Narration könnte glatt aus dem Mund eines ABC-Verantwortlichen kommen. Man kann ABC zwar keinen Vorwurf daraus machen, dass das Network auch mit ins Procedural-Horn blasen will und daher ein Krimi-Produkt beim „Vater“ des neuen Procedurals, Jerry Bruckheimer, entwickeln ließ. Nun ist es aber so, als hätte Bruckheimer einen so exklusiven Vertrag mit CBS, dass er für die Konkurrenz nur Flops produzieren soll.
Kleiner Scherz -- aber nach dem CSI-Franchise und anderen Produkten wie Without A Trace bekam die Konkurrenz Serien wie Justice, Just Legal, E-Ring etc. Und in Dark Blue und The Forgotten haben wir zwei weitere, die auf diesem Level verweilen werden. Das heißt nicht, dass die Produktionen so schlecht sind, sondern Markt und Zuschauer sind etwas übersättigt. Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt.
ABC hat seit NYPD Blue so gut wie keinen Krimi-Erfolg mehr gehabt und ist verzweifelt auf der Suche. Um es gleich vorweg zu nehmen: The Forgotten wird diese Suche mit ziemlicher Sicherheit nicht beenden. Übrigens erscheint das Photo von Sipowicz (NYPD Blue) im Auto einer The Forgotten-Figur in diesem Zusammenhang fast wie ein ironischer Kommentar der ABC-Krimisituation... beabsichtigt war das wohl kaum.
Zurück zum Inhalt des neuen Krimi-Dramas, in dem Christian Slater (Alex Donovan) den Anführer einer Gruppe von „civilian volunteers“ spielt, die von der Polizei nicht identifizierte Leichen mit einem Namen und einer Geschichte versieht. An dem Punkt wissen wir schon, wie das Konzept aussieht. Eins muss man Bruckheimers Procedural-Maschine lassen: kinematographisch und dramaturgisch arbeitet sie immer einwandfrei. Nur sehen wir alles „over and over and over again“ ... Wenn man es netter beschreiben möchte, dann ist The Forgotten eine weitere ordentlich produzierte Variation eines Themas.
Wir erfahren im Piloten, dass die achtjährige Tochter des Ex-Cop Alex vor zwei Jahren entführt wurde - das wird der übergreifende Handlungsstrang; die Motive der übrigen Mitglieder seiner „Einheit“, Candace (Michelle Borth), Lindsey (Heather Stephens) und Walter (Bob Stephenson), so einen Nebenjob zu machen, bleiben unklar. Der Künstler Tyler (Anthony Carrigan) schließt sich gezwungenermaßen der Gruppe an und hilft, die Gesichter der unbekannten Opfer zu rekonstruieren. Oh, fast vergessen (passiert, wenn eine Serie solchen Namen trägt): Sie sind nicht allein, denn überall im Land gibt es solche Gruppen. Also ein Network! Spannend?
Die Figuren verbringen fast die ganze Stunde mit Erklärungen, wieso es so wichtig ist, die Namenlosen mit einer Identität auszustatten. Der Fall der Woche ist ... der Fall der Woche. Sorry, aber Nacherzählungen und Unterhaltungen über narrative Lücken und nicht existierende Puzzles braucht wir wirklich nicht. Das Wichtigste: Christian Slaters Haare fallen ihm nach dem Anfang nicht mehr in die Augen.
Die Werbung sagt: „An inspiring new series!“ Nein, das ist keine gute Werbung für einen Krimi. Und was The Forgotten betrifft, nicht wirklich zutreffend. Bruckheimers neue Produktion wird die Zuschauer, die keine Krimi-Procedural-Fans sind, nicht dazu inspirieren, ihre Meinung zu ändern. Und die Fans solcher Produkte haben tonnenweise Besseres zu sehen. Übertreibe ich hier - oder sprechen Slaters Serientitel für sich: My Own Worst Enemy und The Forgotten???