The Flatshare: Der Einzug - Review zur Pilotfolge

© Paramount+
Das passiert
Tiffany hat es nicht leicht. Soeben hat sie sich von ihrem Freund getrennt und ist nun nach London gezogen. Dort teilt sie sich eine kleine Wohnung mit dem Pfleger Leon, der nur nachts arbeitet und einen Nebenjob ausübt, um seinen zu Unrecht verurteilten Bruder aus dem Knast zu holen. Tiffany ist wiederum Junior-Autorin bei einem Onlinemagazin und braucht ihren nächtlichen Schönheitsschlaf. Zunächst funktioniert das Agreement, denn die beiden begegnen sich aufgrund ihrer Arbeitszeiten nie. Doch als sich die Post-its häufen und der Kontakt immer intensiver wird, fangen die Probleme an.
Gewöhnlich ungewöhnlich
Manchmal sind es die „ganz normalen“ Geschichten, die auf den ersten Blick unscheinbar und langweilig wirken, sich aber als großes Kino erweisen - und das ganz ohne Spezialeffektgewitter und Weltuntergangsszenarien. Was das angeht, entwickelt sich Paramount+ allmählich zu einem Garanten für ungewöhnliche Erzählformate, die es aber in sich haben. So geschehen erst kürzlich mit der brasilianischen Dramedy The Followers (das Review dazu ist übrigens hier zu finden) und nun bei The Flatshare.
Die Story der sechsteiligen ersten Season könnte simpler kaum klingen. Junge Frau teilt sich in London aus Geldmangel eine Wohnung mit einem fremden Mann, den sie nie sieht, weil er nachts und sie tagsüber arbeitet. Dass sich aus so einem schlichten Pitch eine moderne, coole und höchst unterhaltsame Show zusammenbauen lässt, erscheint fast unmöglich. Und doch ist genau das der Fast-Newcomerin Rose Lewenstein gelungen. Als Basis diente der Autorin das gleichnamige Werk der britischen Schriftstellerin Beth O'Leary von 2019, die auch in Deutschland über eine große Fangemeinde verfügt.
Aller Anfang ist schwer
Schon der Beginn der Serie ist launig und regt zum Schmunzeln an. Tiffany (herrlich überdreht von Jessica Brown Findlay, Downton Abbey gespielt) sitzt in einer Mini-Wohnung auf dem Sofa und weint bitterlich über ihre verflossene Liebe Justin (Bart Edwards, The Witcher. Dass der sich im Verlauf der ersten Folge noch als Riesen-Armleuchter herausstellen wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ahnen es aber bereits.
In der nächsten Minute erfahren wir, dass sie nun die Mitbewohnerin eines Mannes ist, den sie weder kennt, noch überhaupt je kennenlernen wird, wenn alles nach Plan läuft. Leon (Anthony Welsh, Pure), so sein Name, ist ein netter Kerl, der seinen Lebensunterhalt als Pfleger in einem Hospiz verdient, während, Tiffy Junior-Autorin eines Online-Magazins ist und arg unter Druck steht. Nachdem sie dem neuen Heim ihre persönliche Note verlieh und angeekelt ein schwarzes Haar aus der Wanne entfernt hat, gönnt sie sich ein Schaumbad zum 10cc-Song „I'm Not in Love“. Überhaupt spielen Musik und die Songauswahl eine große Rolle. Beim problemgeplagten Leon, der zwei Jobs macht, um seinem unschuldig im Gefängnis sitzenden Bruder den Anwalt zu bezahlen, bleibt der Score, wenn überhaupt, unauffällig im Hintergrund.
Folgen wir Tiffany, wird es peppig und poppig. „Only Love Can Hurt Like This“ von Paloma Faith, „Don't Fail Me Now“ (Joy Crookes) oder „Lesson Learnt“ von Aaron Taylor sind zu vernehmen, allesamt Songs, die die derzeitige Lebenssituation der Protagonistin passend umschreiben. In Verbindung mit dem oft eingesetzten Stilmittel des Splitscreens, der die Handlungen der Hauptfiguren gegenüberstellt, kommt es so immer wieder zu witzigen, bisweilen sogar skurrilen Situationen, die rundweg Spaß machen.
Kommunikationswege
Wie oben bereits angedeutet, klappt das Arrangement, „Bett teilen, ohne sich kennenzulernen“ genau eine Nacht lang. Schon am nächsten Morgen beginnen Leon und seine Mitbewohnerin Post-its austauschen. Das fängt ganz harmlos an, steigert sich dann aber nahezu ins Unermessliche. Einmal nimmt Tiffy ein Gespräch aus der Haftanstalt Handsworth entgegen und notiert eine Nachricht von Leons Bruder Richie, in der er ihm mitteilt, dass seine Berufung abgelehnt wurde. In solchen Momenten nimmt die Folge dramatische Züge an, denn Leon ist sichtlich erschüttert darüber, dass all seine Bemühungen umsonst waren und Richie nun 15 Jahre Haft drohen. Die weiteren Zettelnachrichten, die sich das ungleiche Duo an den Küchenschrank klebt, fallen da schon aus Sicht des Publikums weniger ernst, dafür aber umso lustiger aus. Da geht es um den Milch-Einkauf, wer Klopapier kauft oder das Tauschen der Streamingplattform-Passwörter „SASHIMI7“ und „P9L8XA25NWT“, das sie auswendig lernen und vernichten soll.
Dumm ist nur, dass Leon auf dem entsprechenden Post-it anmerkt, dass nicht einmal seine Freundin Kay (Klariza Clayton, House of Anubis) das Passwort kennt. Als diese das Zettelchen in der Wohnung entdeckt, weckt das entsprechend Rachegelüste, die sie herrlich fies auslebt. Kurzerhand durchwühlt sie Tiffys Unterwäsche und lässt es so aussehen, als sei Leon es gewesen, was einige wütende Nachrichten nach sich zieht. Ganz nach dem Motto „trau', schau', wem du deinen Wohnungsschlüssel überlässt“ eben. Trotz aller Widrigkeiten kommen sich die Flatsharer aber näher, immer noch, ohne überhaupt auch nur zu wissen, wie sie aussehen. Dass sich hier eine komplizierte Beziehung anbahnt, bedarf wohl kaum einer weiteren Erklärung.
Jobs
Abschließend noch ein kurzes Wort über die Jobs der Protagonisten, die den „Zweikanalton“ der Serie maßgeblich mitdefinieren. Während Tiffy sich ein aufregendes Leben als Journalistin erträumt, die in eine spannende Story nach der anderen eintaucht, geht es bei Leon im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Als Pfleger in einem Hospiz hat er es mit sterbenden oder todkranken Menschen zu tun, deren Schicksale ans Herz gehen. So sitzt er eines Abends neben dem Bett einer alten Dame, die soeben verstorben ist oder kümmert sich beinahe aufopferungsvoll um das Teenagermädchen Holly (Alis Waters). Aus diesem scharfen Kontrast bezieht die erste Folge eine starke Energie, die unterschiedliche Lebensweisen aufeinanderprallen lassen und doch vereinen, klasse.
Fazit
Die Pilotfolge der Produktion The Flatshare hinterlässt einen großartigen Eindruck. Rose Lewenstein erzählt die Geschichte charmant, witzig, einfühlsam und bedient sich pfiffiger Stilmittel, um die Story zu transportieren. Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg gelungen, der Soundtrack versprüht Stimmung und die Dramedy-Elemente sorgen dafür, dass das Ganze nicht albern wirkt. Das macht Lust auf mehr. Deshalb gibt es von uns viereinhalb von fünf Post-its.
Abschließend noch der Trailer zur Dramedy-Serie „The Flatshare“ auf Paramount+: