The Fall 2x06

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Es gibt bisher keine Nachricht von offizieller Seite darüber, ob die britische Dramaserie The Fall eine weitere, dann dritte Staffel, erhalten wird. Hauptdarstellerin Gillian Anderson hat bereits verkündet, dass sie dafür zur Verfügung stehen würde, ja sogar hofft, noch einmal in die Rolle der strengen, unterkühlten Mordermittlerin Stella Gibson zu schlüpfen. Diese Information habe ich erst recherchiert, als ich die letzte Episode, What is in Me Dark Illumine, gesehen hatte. Ich wollte mir schlicht nicht das Ende dieser faszinierend langsam erzählten Kriminalgeschichte verderben.
It's just begun
Während des Verlaufs der zweiten Staffel kam ich zu dem Entschluss, dass ich ein Serienende danach für sehr sinnvoll erachten würde. Die Geschichte, die vom psychologischen Duell zwischen Jägerin (Gibson) und Gejagtem (Jamie Dornan als Serienmörder Paul Spector) handelt, funktioniert am besten, wenn sie sich auf genau das konzentriert, auf dieses Duell. Natürlich kann man davon mehrere Staffeln produzieren, aber dann muss man sich am Ende einer Staffel stets überlegen, wie man den Bösewicht entkommen lässt, obwohl er in der Falle steckt.
Solche Erzählstränge wirken dann meist sehr konstruiert, wie das nun auch in diesem Staffelfinale der Fall ist. Am Ende, als Rose Stagg (Valene Kane) aus ihrem Martyrium befreit ist, kommt ein Handlungsbogen zum Greifen, der über den Verlauf der Staffel merkwürdig aufgesetzt wirkte. Ohne die persönliche Vendetta von James Tyler (Brian Milligan) gegen Paul Spector wäre es weder zu dessen Verhaftung gekommen noch wäre er am Ende angeschossen worden.
Es ist nur verständlich, dass Tyler persönlichen Groll gegen Spector hegt, schließlich macht er ihn dafür verantwortlich, dass seine Ehefrau Liz (Seainin Brennan) samt Kind abgehauen ist (und weil er glaubt, Spector und Liz hätten eine Affäre gehabt). Selbst wenn diese Mordgelüste (die ja zwangsläufig mit dem Ende des eigenen Lebens einhergehen) zur Figurenzeichnung des Hitzkopfes Tyler passen, ist doch das Zustandekommen des Feuergefechts am Ende der Episode zumindest fragwürdig. Dafür muss mit dem Reporter selbst ein Charakter in die Serie zurückkehren, der zuvor in der gesamten zweiten Staffel nicht ein einziges Mal aufgetaucht war.

Diese Entwicklungen hätte es nicht gebraucht, wenn man sich für ein definitives Ende der Serie entschieden hätte. Aber, weil das TV-Geschäft so nicht funktioniert, musste die Geschichte einmal mehr so hingebogen werden, dass genug Raum für Spekulationen (und natürlich eine dritte Staffel) bleibt.
Now they're gone and you're alone
Ich will wegen meiner Unzufriedenheit mit dem Ende aber nicht gleich die ganze Staffel in ein schlechtes Licht rücken, denn ein Großteil davon hat mir sehr gut gefallen. Ein Kommentar zum Ende - oder allgemein zu Enden von Serien - soll aber noch erlaubt sein: In diesen Tagen ging ja der „Serial“-Podcast zu Ende und im Zuge dessen wurde viel über die Erwartungshaltung von Zuschauern vor dem Ende einer Serie oder einer Staffel diskutiert (am Sonntag erscheint dazu eine neue Ausgabe von Axelzucken).
Es bleibt natürlich jedem Zuschauer selbst überlassen, wie viel Wert er oder sie darauf legt, ein wirklich abschließendes, kein offenes Ende zu bekommen. Für mich war das Ende der zweiten Staffel von The Fall der beinahe schwächste Teil der Serie. Die größte Faszination geht für mich indes von der enormen atmosphärischen Dichte aus, die Allan Cubitt (der dieses Mal bei sämtlichen Episoden die Drehbücher schrieb und Regie führte) mit seiner präzisen Inszenierung und der gelungenen Führung seiner überaus fähigen Schauspieler erreichte.
Es ist ein psychologisches Duell auf Augenhöhe, das sich da zwischen Paul Spector und Stella Gibson abspielt. Die interessantere Figur ist aber Spector, weil wir bis zum Schluss nicht wissen, was ihn eigentlich antreibt. Als er am Schluss angeschossen in den Armen von Stella Gibson liegt, die verzweifelt versucht, ihn vor dem Ausbluten zu beschützen, da macht sich ein zufriedenes, sanftes Lächeln auf seinem Gesicht breit. Hat er diesen Ausgang etwa so geplant? Die Szene im Wald war definitiv inszeniert, sie war sein Meisterstück. Doch konnte er davon ausgehen, dass James Tyler ihn dort findet, dass er sich auf ein Selbstmordkommando begibt, um ihn zu töten?

Zweifel an dieser Theorie sind angebracht, für mein Sehvergnügen ist es aber eigentlich gar nicht wichtig, eine abschließende Erklärung für Spectors wahre Beweggründe zu finden. The Fall ist eine hochgradig ästhetisierte und künstlerische Serie. Zwar vermittelt sie manchmal durch die minutiöse Nacherzählung polizeilicher Fahndungstechniken den Eindruck, als wolle man hier ein realistisches Bild von Polizeiarbeit zeichnen. Dieses Bild kollidiert jedoch sowohl mit der Figurenzeichnung als auch mit der bisweilen nervenzerreißend langsamen Inszenierung.
I elevated the aestheticism
Mehr noch als in der ersten Staffel versucht Cubitt, ein Psychogramm seiner Hauptfigur Paul Spector zu zeichnen. Diese Versuche bleiben jedoch an der Grenze vom Gewöhnlichen zum Außergewöhnlichen hängen. Spectors Mutter beging einst Selbstmord, weswegen der Junge in Kinderheimen landete, dort missbraucht wurde und daraufhin seine Mord- und Gewaltfantasien entwickelte - alles nichts Neues.
Das Drehbuch begibt sich außerdem in gefährliches Fahrwasser, wenn es versucht, seinen Dialogen eine philosophische Note, eine größere Tiefe zu geben. Vor allem die Figur von John Lynch, Jim Burns, hat darunter zu leiden. Sie darf dann Sätze sagen wie: „I've been face to face with pure evil.“ („Ich habe bereits dem reinen Bösen ins Auge gesehen.“) Oder: „He's not a human being, he's a monster.“ („Er ist kein Mensch, er ist ein Monster.“)
Umso eklatanter wird dieser Malus, wenn man The Fall mit einem anderen Format vergleicht, das in diesem Jahr ebenfalls eine philosophisch durchdrungene Kriminalgeschichte erzählte: True Detective. Die Dialoge aus der Feder von Serienschöpfer Nic Pizzolatto sind vielleicht nicht unbedingt gehaltvoller, dafür aber geschliffener (und von Matthew McConaughey gesprochen). Außerdem passen solche - manche würden sagen: trashige - Dialoge besser in die Ausrichtung von „Detective“, wo ja niemand davor zurückschreckt, mit beiden Füßen ins „Pulp“-Becken zu springen.
Dadurch entsteht eine Dichotomie dieser zweiten Staffel von The Fall. Die Teile, die sich auf die Jagd von Gibson nach Spector (und dessen akribische Vorbereitungen und Durchführungen) beschränken, bestechen durch hervorragende schauspielerische Leistungen und eine wunderbar distanzierte, gleichzeitig einnehmende und atmosphärisch außergewöhnlich dichte Inszenierung. In den Teilen, in denen jedoch psychologisiert und räsoniert wird, verharrt die Serie in einem Käfig aus Vorhersehbarkeiten und Altbekanntem. Insgesamt und trotz konstruierten Endes war dies aber eine sehenswerte zweite Staffel.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 19. Dezember 2014(The Fall 2x06)
Schauspieler in der Episode The Fall 2x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?