The Expanse 3x11

© nna (Elizabeth Mitchell) in der Serie „The Expanse“(c) Syfy
Langweilig und spannend?
Als Serienjunkie ist man eine Menge gewohnt. Wie beispielsweise übergreifende Handlungsbögen, auf deren Ausgang man sehr gespannt ist, erst im entsprechenden Staffelfinale, Midseasonfinale oder einfach kurz mal zwischendurch aufgegriffen werden. Ansonsten wird die Staffel mit Episoden aufgefüllt, die relativ belanglos erscheinen und das große Fragezeichen ruhen lassen. Im Grunde genommen ist Fallen World eine solche Folge. Nach dem letzten Cliffhanger sind wir gespannt darauf, was James Holden (Steven Strait) in den letzten Minuten von Dandelion Sky gesehen hat und vor allem, was das bedeutet.
Eine (klare) Antwort gibt es diese Woche aber nicht, weil Holden erst am Ende der Episode die Augen aufschlägt und durch wenige Worte den Übergang zum zweiteiligen Staffelfinale liefert. Man könnte da mit Blick auf das Protomolekül gar von der Ruhe vor dem Sturm sprechen. Wie auch in anderen Serien üblich, werden wir hingehalten und bekommen erst in den letzten Minuten neue Hinweise zum WTF-Moment der letzten Woche. Das kann doch nur langweilig sein, oder?
NEIN! Ich muss zwar gestehen, dass mir die Hinhaltetaktik der letzten Episoden nicht gefällt, weil sich da allmählich ein Schema abzeichnet, was doch eher gewöhnlich ist (jede Woche ein Cliffhanger). Aber dennoch hat mich Fallen World kalt erwischt und ist eine der spannendsten Folgen, die die Serie bis dato abgeliefert hat. Ähnlich wie in IFF liegt der Fokus bei den g-Kräften, aber doch wieder ganz anders als in besagter Episode. Faszinierend ist dabei, dass man als Zuschauer die genutzte Spannung überhaupt nicht auf dem Schirm hat. Klar, letzte Woche wurde uns gezeigt, wie alles gestoppt wurde. Sämtliche Schiffe innerhalb des Rings wurden zum Stillstand gezwungen und irgendwie nimmt man als Science-Fiction-Fan dann halt an, dass das kein großes Ding ist. Die Gravitationsdämpfer werden es schon richten. Aber halt, so etwas gibt es bei The Expanse nicht. Und genau darauf bauen die Macher auf.
Da werden uns eben erst einmal Bobbie (Frankie Adams) und ihr verbleibendes Team gezeigt, die den bewusstlosen Holden mitnehmen, aber der Vollbremsung nicht ausgesetzt waren. Anschließend geht es zu Naomi (Dominique Tipper), die den plötzlichen Stopp trotz anschließender Probleme gut überstanden hat (anschnallen lohnt sich halt). Dann springen wir zu Ashford (David Strathairn) und Drummer (Cara Gee), wo uns so langsam bewusst wird, wie schwerwiegend die Folgen der Vollbremsung doch sind. Aber das volle Ausmaß sehen wir erst an Bord der Thomas Prince und durch die Augen von Anna (Elizabeth Mitchell). Da fällt uns dann auch wieder ein, was mit Maneo (Zach Villa) passiert ist. Obendrein sehen wir lange Zeit nichts von Alex (Cas Anvar) und Amos (Wes Chatham), was unterschwellig den Spannungsfaktor enorm steigen lässt.
Unterm Strich ein wirklich sehr guter Episodenaufbau. Zwar wird der Cliffhanger von letzter Woche bis zum Ende umschifft, aber es zählen erneut die Figuren und deren Lage nach der Vollbremsung. Besser kann man es kaum machen. Aber genug vom allgemeinen Gefasel. Werfen wir doch mal einen Blick auf die einzelnen Handlungsbögen.
Dropship

Wenn es ein Ereignis gibt, welches Tote und Verletzte fordert, neigen wir dazu, einen Sündenbock zu suchen. Bobbies Team geht es da nicht anders, als ihnen die Ausmaße des neuen Geschwindigkeitslimits bewusst wird. Dass sie selbst dafür verantwortlich sind (Stichwort: Granate), kommt ihnen ebenso wenig in den Sinn wie die Vermutung, dass Holden Teil einer Lösung sein könnte. Sie sind verängstigt, wütend und ratlos, wie sie sich aus ihrer Lage im Ring befreien können. Da fällt es nur allzu leicht, Holden als Verantwortlichen auszumachen - schließlich scheint seine Aktion von letzter Woche mindestens verdächtig in ihren Augen.
Glücklicherweise behält Bobbie aber einen klaren Kopf und kann verhindern, dass James eine Kugel verpasst bekommt. Und nicht nur das. Ihr kommt auch eingangs die Idee, die neue Geschwindigkeitsbegrenzung auszutesten. Charakterlich kann sie somit erneut Pluspunkte sammeln und managt die neue Situation bestmöglich. Ob sie es allerdings auch schaffen wird, Holden an Bord der Xuesen entsprechend zu verteidigen und zu schützen, bleibt fraglich.
In diesem Handlungsstrang schlägt James dann am Ende auch die Augen auf und gibt ein paar Worte von sich. „The end of everything.“ Hoch gegriffen. Aber bezieht er sich mit seiner „Vision“ auf die Vergangenheit oder die Zukunft oder gar beides? Und worin liegt die potenzielle Bedrohung, wenn doch die Geschehnisse um das Protomolekül dazu geführt haben, dass er die warnende Vision überhaupt erst erhält?
Behemoth
Ein klassisches Szenario erwartet uns an Bord der Behemoth, wo Ashford und Drummer im wahrsten Sinne des Wortes feststecken. Zwei Figuren, die bisher nicht gut miteinander ausgekommen sind und jetzt zusammenarbeiten müssen, um sich irgendwie zu befreien. Uns ist sogleich klar, dass bis zum Ende der Episode die Differenzen beiseite gelegt werden müssen und eine mögliche Meuterei gegen Drummer - wie letzte Woche angedeutet - nicht mehr in Frage kommen wird. Man könnte folglich kritisieren, dass hier einiges zu vorhersehbar ist.
Mein größter Kritikpunkt ist allerdings die Ausgangslage als solche, erscheint es doch sehr unwahrscheinlich, dass eine Figur vor und die andere hinter dem Fahrzeug feststeckt und sich noch dazu wenig später die Krallen nicht lösen lassen oder der Greifarm just in dem Moment den Geist aufgibt, als eine gemeinsam erarbeitete Lösung in Reichweite kommt. Zu viele unglückliche Zufälle für meinen Geschmack.
Aber trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit und diesen Zufällen lässt sich dieser Handlungsstrang in vollen Zügen genießen. Strathairn und Gee sind einfach fantastisch in ihren Rollen und füllen ihre Figuren mit Leben. Da lässt sich leicht mitfiebern, wobei auch die ruhigen Momente mit alten Geschichten oder Gesang zu überzeugen wissen. Man merkt richtig, wie die Figuren zusammenwachsen, was ultimativ dazu führt, dass Drummer den eigenen Tod in Kauf nimmt, um Ashford zu befreien.
Anschließend ist die Vorhersehbarkeit vom Tisch, doch die Spannung bleibt. Drummer überlebt schwer verletzt, hängt aber noch in der Schwebe (sorry für die Wortwahl). Ashfords punktierte Lunge sorgt für Unsicherheit, ob er nicht jeden Moment zusammenbricht. Keine der beiden Figuren ist nach dem Abenteuer wirklich gerettet, womit das klassische Szenario durchbrochen wird.
Überhaupt hängt die Rettung von zahlreichen Besatzungsmitgliedern aller (!) Schiffe innerhalb des Rings von einem wesentlichen Faktor ab: Gravitation. Und genau die kann auf der Behemoth trotz Geschwindigkeitslimitierung künstlich hergestellt werden, was das Belter-Schiff tatsächlich einmalig macht. „Spin the drum!“ ist Ashfords erster Befehl als neuer Captain, direkt gefolgt von einem einladenden Funkspruch an alle im Umkreis, dass sie auf der Behemoth willkommen sind. Eine derartige, humanitäre Hilfestellung hätte man Ashford zuvor nicht zugetraut.
Er betont zwar auffällig oft, dass es sich hier um SEIN Schiff handelt und man kann noch immer annehmen, dass es sein höheres Ziel ist, die Belter als Nation (und im Ansehen der anderen, sprich Mars und Erde) zu stärken. Aber von Intrigen kann da nicht mehr die Rede sein. Ein Intrigant hätte den Befehl für die eigene Sicherheit gegeben und erst nach seiner Rettung in Erwägung gezogen, anderen Unterschlupf und Rettung zu bieten. Ashford reagiert hier aber (mit Blick auf seine eigene Situation) selbstlos. Ein Sadavir Errinwright hätte das sicher nicht getan. Ganz großer Pluspunkt somit für Klaes Ashford.
Thomas Prince
Auf der Thomas Prince folgen wir die meiste Zeit Anna, die mit toten Besatzungsmitgliedern konfrontiert wird und das Chaos zu sehen bekommt, welches durch die Vollbremsung verursacht wurde. Schaurige Bilder aus der Welt der Schwerelosigkeit, welche es den Verletzten schwer bis unmöglich macht, ihre Verletzungen heilen zu lassen.
Überhaupt ist die Schwerelosigkeit in allen Handlungssträngen die heimliche Hauptfigur. Bereits Naomis durchbrennende Konsole veranschaulicht das. Schwebende Körper, Gegenstände und Blutstropfen (die mit einem Sauger entfernt werden) gibt es zuhauf, aber eben auch Tillys (Genelle Williams) Tränen, die ihre Augen nicht verlassen wollen. Manchmal vergisst The Expanse die besonderen Umstände von Weltraumreisen, aber diese Woche stehen sie mehr denn je im Mittelpunkt, was für schöne aber auch grausame Bilder sorgt.
Storytechnisch passiert nicht unbedingt viel an Bord der Thomas Prince. Melba (Nadine Nicole) kommt mit einem gebrochenen Arm davon und macht sich nach kurzer, medizinischer Versorgung sogleich daran, die neuen Umstände auszunutzen und bricht zur Rocinante auf. Ihr Ziel ist noch immer James Holden und dass alle Schiffe zum Zentrum des Rings gezogen werden, verkürzt ihren Weltraumtrip.
Anna erhält von Tilly eine Nachricht, aber da kommt jede Hilfe zu spät. Sie erfährt aber noch, was Melba beziehungsweise Clarissa vorhat. Außerdem erhält sie mit „In a way it's your fault“ noch den Vorwurf, der sich letzte Woche bereits abzeichnete. Nach einem sehr emotionalen Abschied von Tilly heißt es da, Melba aufzuhalten. Wobei es durchaus überraschend ist, wie weit Anna ihr da folgt.
Rocinante
Erst als Naomi auf der Rocinante eintrifft, fällt uns wieder ein, dass wir diese Woche noch nichts von Alex und Amos gesehen haben. Die unterschwellige Spannung erreicht die Oberfläche. Wie haben die beiden die Vollbremsung überstanden? Leben sie noch? Naomis Suche lässt uns die Luft anhalten, während die Kamera ihr mit ungewöhnlichen, schwerelos anmutenden Blickwinkeln folgt. Erleichterung macht sich erst breit, als die beiden zwar schwer angeschlagen, aber insgesamt doch wohlauf vorgefunden werden. Da ist dann auch ein bisschen Platz für Amos und seine typische Art sowie für ein paar Emotionen.
Für das anstehende Finale werden aber noch zwei weitere Figuren an Bord der Rocinante gebracht. Naomi findet sich da schnell im Kampf mit Melba wieder, womit uns noch ein actionreicher (und ungleicher) Zweikampf geboten wird. Zur Rettung eilt aber nicht Amos, sondern Anna, womit sich eine neue Figurenkonstellation an Bord ergibt, die durchaus interessant werden könnte.
Fazit

Man darf hier ruhig ein wenig hin- und hergerissen sein, was die Episode angeht. Einerseits werden wir eine weitere Woche hingehalten, was die brennenden Fragen angeht. Andererseits sind die Folgen der Vollbremsung und damit einhergehend die Auswirkungen auf unsere Figuren aber sehr spannend und anschaulich umgesetzt, was das Science-Fiction-Herz höherschlagen lässt. In jedem Fall wird aber das anstehende Finale gut vorbereitet, inklusive Standortwechsel einiger Figuren. Persönlich habe ich jetzt das Problem, Dandelion Sky ein bisschen zu hoch bewertet zu haben, denn Fallen World würde ich leicht höher ansetzen, aber nicht die volle Punktzahl vergeben. Bleibt mir nur, erneut 4,5 von 5 Sternen zu vergeben.
Trailer zur Episode Congregation der Serie The Expanse (3x12):
Verfasser: Christian Schäfer am Samstag, 23. Juni 2018The Expanse 3x11 Trailer
(The Expanse 3x11)
Schauspieler in der Episode The Expanse 3x11
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?