The End of the F***ing World 1x08

© rue Romance, eh? (c) Channel 4
Bereits die Auftaktepisode der britischen Comicadaption The End of the F***ing World hat uns vollends überzeugt. Auch nach dem Ende der ersten Staffel bleibt dieses äußerst positive Urteil bestehen, jedoch aus noch mehr Gründen, als das bereits bei der Pilotepisode der Fall war. Zu Beginn bestach das Format von Jonathan Entwistle und Charlie Covell mit hervorragenden Darbietungen, witzigen Dialogen und einer überaus düsteren Weltsicht.
Sometimes it was important to lie
Am Ende hat sich die Serie aber zähmen lassen, und das ist ausschließlich positiv zu verstehen. Vielleicht wäre es auch gar nicht möglich gewesen, ihre nihilistische, bisweilen psychopathische Weltsicht über acht - wenn auch angenehm kurze - Episoden aufrechtzuerhalten. Der Witz, dass sich Alyssa (Jessica Barden) mit James (Alex Lawther) ausgerechnet denjenigen Mitschüler als love interest aussucht, der jemanden sucht, den er umbringen kann, hätte sich wohl allmählich totgelaufen. Aber was Entwistle und Covell daraus machen, ist sowieso viel interessanter.
Sie arbeiten stetig darauf hin, zum Kern des größten Unglücks der beiden Hauptfiguren vorzudringen. Den Weg dorthin garnieren sie mit einer Kriminalgeschichte, die sie zu einem definitiven Ende zwingt, das hoffentlich auch keine zweite Staffel nach sich zieht. Aber dazu später mehr. Die Verzahnung von Thrillerelementen mit der eigentlichen Charakterstudie gelingt den Autoren und ihren Darstellern meisterhaft. Sie konstruieren eine zu gleichen Teilen witzige, dramatische und schockierende Geschichte - die auch noch wahnsinnig gut aussieht.
Nach ihrer Flucht aus der Enge ihres deprimierenden Heimatorts reiht sich ein Unfall an den nächsten, wobei jeweils die nächstschlimmere Eskalationsstufe erreicht wird. Zum negativen Höhepunkt kommt es indes schon in der dritten Episode, als James seinen vermeintlich größten Wunsch erfüllt und den Vergewaltiger Clive (Jonathan Aris) - zugegebenermaßen in Notwehr - absticht. Das Gefühl, das er sich von seinem ersten Mord an einem Menschen erhofft hat, will sich aber nicht so recht einstellen. Ein erster Hinweis darauf, dass er vielleicht doch nicht der Psychopat ist, für den er sich hält.

Diese rapide Eskalation der Gewalt ruft die beiden Mordermittlerinnen Teri Darego (Wunmi Mosaku) und Eunice Noon (Gemma Whelan aka Yara Greyjoy aus Game of Thrones) auf den Plan, die ihrerseits eine wunderbare Dynamik entwickeln, deren Ursprung bis zum Ende nicht wirklich aufgeklärt wird - auch das ein pfiffiger Drehbuchkniff. Offensichtlich ist es zwischen ihnen zu einer körperlichen Begegnung gekommen, worüber die toughe Teri am liebsten gar nicht mehr reden will, während Eunice das Gegenteil für richtig hält.
Really kind, really sad
Diese Charakterzeichnung hat bis zum Ende Bestand. Als Teri erfährt, dass James in nur wenigen Tagen 18 Jahre alt und damit voll straffähig wird, schlägt sie mit todernster Miene vor, mit seiner Ergreifung noch bis dahin zu warten, damit man ihn mit der vollen Härte des Gesetzes bedenken könne. Den alarmierten Blick ihrer Kollegin, die sich ihrerseits dafür einsetzt, die Kinder als ebensolche zu betrachten, beantwortet sie mit der flüchtigen Erklärung, es habe sich dabei um einen Witz gehandelt. Sowohl Eunice als auch wir Zuschauer können uns jedoch keinesfalls sicher sein, ob das stimmt.
Neben den beiden letzten Episoden gehört auch diejenige zu den dramatisch-witzigen Höhepunkten, in der Alyssa und James mit gestohlenem Wagen eine Tankstelle überfallen. Der Besitzerin Jocelyn (Felicity Montagu) schwant sofort Übles, allerdings ahnt sie nicht, dass ihr Sohn Frodo (Earl Cave), der sich ähnlich unterdrückt fühlt wie unsere beiden (Anti-)Helden, nur darauf wartet, es seiner Erzeugerin heimzuzahlen. Für seine Unterstützung wird er vom „True Romance“-Paar jedoch nicht belohnt - sie lassen ihn in seinem Elend einfach alleine.
Hernach ist alles bereitet für das große Finale in den letzten beiden Episoden. Von der Polizei gejagt, kennen Bonny und Clyde nur ein Ziel: Alyssas Vater finden, der sie zwar früh verlassen hat, der aber zumindest jedes Jahr eine Postkarte zum Geburtstag schickt. Als das bewerkstelligt ist, glaubt Alyssa, endlich in der so verzweifelt ersehnten Geborgenheit angekommen zu sein. Leslie (Barry Ward) riecht noch so wie früher, sie wünscht sich nichts sehnlicher, als bei ihm bleiben zu dürfen. Zu keinem Zeitpunkt haben wir sie zuvor so genuin lächeln sehen wie als sie ein Kompliment von ihm bekommt. Lawther spielt diese Szenen grandios.

Obwohl die ersten Stunden glänzend verlaufen - inklusive Messerwurftraining, verbrannten Hamburgern, einem versprochenen Bootsausflug und Plattitüden über die Verkommenheit der Welt (Alyssa: „He's basically Ghandi.“) - schwant James und uns Zuschauern, dass dieser Typ nicht der Heiland ist, den Alyssa erwartet. Eher das Gegenteil ist der Fall, und der Beweis dafür lässt nicht lange auf sich warten. Alyssa muss nach dem kurzen Anfangshoch gleich mehrere emotionale Magenschläge verkraften. So erfährt sie nicht nur von einem Stiefbruder, um den sich Leslie ebensowenig kümmert wie um sie, sondern auch, dass die Postkarten nicht von ihm waren, sondern von ihrer Mutter.
I love him so much
Das mühsam errichtete Fantasiekonstrukt, das das verlassene Mädchen über Jahre hinweg aufgebaut hat, bricht daraufhin in sich zusammen. Da spielt es auch keine große Rolle mehr, dass Leslie seine eigene Tochter an die Polizei verraten hat, weil er sich das ausgeschriebene Kopfgeld erhofft. Sie erkennt daraufhin eine einfache Wahrheit: „People can't be answers, they're just more questions.“ So sehr man sein Heil auch bei anderen Menschen sucht, vor allem den Eltern, so unwahrscheinlich ist es, dass man dieses jemals dort findet. Aus einer solchen Projektion entsteht oftmals ein großes Unglück, da die Gefahr der Enttäuschung so groß ist.
Alyssa ist dafür das beste Beispiel, aber auch James hat ein solches Trauma des Verlassenwerdens vorzuweisen. In der mutmaßlich letzten Nacht seines Lebens küsst er Alyssa und meint es zum ersten Mal ernst. Er hat sich genuin in sie verliebt und traut sich nun, vom Selbstmord seiner Mutter zu berichten, den er bezeugt hat und von dem er bisher glaubte, dass er ihn zum Psychopathen gemacht hat. Aber das ist er nicht, er ist nur ein wahnsinnig trauriges Kind, das niemals ein gesundes Ventil für seine Trauer gefunden hat - bis jetzt. Auf diesem Roadtrip ist ihm dank Alyssa genau das klargeworden: dass er dieses Trauma überwinden kann.
„I think I understand what people mean to each other“, erzählt er uns im Voice-over, als er Alyssa niederschlägt, um sie als seine Geisel auszugeben, während er sich ein letztes Mal auf die Flucht begibt. Das SEK feuert einen Schuss auf ihn ab, der knapp neben ihm einschlägt. Als der zweite Schuss fällt, erscheint ein schwarzer Bildschirm (The Sopranos, anyone?) und die Serie ist vorbei. Sie endet genau so, wie diese Geschichte enden sollte, in der alles über diese beiden Figuren gesagt ist, was gesagt werden musste.
Denn was soll jetzt noch kommen, das ähnlich interessant sein könnte wie dieser Höllentrip dieser zwei zutiefst traumatisierten Kids? Sollte es wirklich ein Todesschuss gewesen sein, wäre die Serie bei einer etwaigen Verlängerung nur noch halb so interessant, weil James fehlen würde. Sollte er überlebt haben, könnte das Roadtrip-Format nicht wiederholt werden, da er sich für all seine Straftaten verantworten müsste und wohl im Gefängnis landen würde. An Channel 4 und vor allem Netflix ergeht meinerseits also die dringende Bitte, den Sirenenrufen einer Verlängerung zu widerstehen, auch wenn die Versuchung groß ist. Weniger ist in diesem Falle definitiv mehr.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 17. Januar 2018(The End of the F***ing World 1x08)
Schauspieler in der Episode The End of the F***ing World 1x08
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