The Curse: Land of Enchantment - Review der Pilotepisode

© Showtime/A24
Mit Formaten wie Nathan For You und „The Rehearsal“ hat der kanadische Komiker Nathan Fielder bewiesen, dass man ahnungslose Menschen im Fernsehen vorführen kann, ohne sie, sondern sich selbst zum Idioten zu machen. Fielder war dabei vor allem ein großer Meister darin, über die Grenzen des Unangenehmen hinauszugehen und dabei nie aus seiner Rolle zu fallen. Die Öffentlichkeit kennt ihn bis heute nur als Kunstfigur, die nun ein neues Experiment wagt.
Siehe auch: The Rehearsal - Kritik zur genialen wie wahnsinnigen HBO-Comedy
Mit der Showtime-Comedy The Curse, die er zusammen mit dem Filmemacher Benny Safdie („Oppenheimer“, „Good Time“) kreiert hat, arbeitet sich Fielder an pseudo-philanthropischen Realitysendungen à la „Zuhause im Glück“ oder „Raus aus den Schulden“ ab, zu denen es in den USA natürlich Vorbilder gibt, die oft noch viel krasser sind. Für die weibliche Hauptrolle der A24-Produktion konnte erstaunlicherweise die Oscarpreisträgerin Emma Stone („La La Land“, Maniac) verpflichtet werden.
Bei der einstündigen Pilotepisode namens Land of Enchantment hat Fielder zusammen mit seinem Partner Safdie nicht nur das Drehbuch und einen der zentralen Parts vor der Kamera übernommen, sondern auch als Regisseur die Inszenierung. Gelungen ist ihm und seinem Team eine so noch nie dagewesene Melange aus Fremdscham und bissiger Branchenkritik. Hierzulande sorgt Paramount+ einen Tag nach der US-Premiere für den zeitnahen Import, also ab dem 11. November.
Worum geht es in der Serie „The Curse“?
Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Ehepaar Asher und Whitney Siegel, gespielt von Fielder und Stone. Gemeinsam treten die Zwei im Fernsehen auf, wo sie sich als Wohltäter:innen in ihrer sozial schwachen Community Española, New Mexico geben. Sie vermitteln armen Menschen Jobs und renovieren Häuser für eine klimagerechte Zukunft. Die einzige Gegenleistung: ein Lächeln oder ein paar Freudentränen für die Kameras.
Jetzt das Angebot von Paramount+ entdecken
Ihr neuer Produzent, Safdie als Dougie Schecter, geht ein bisschen rigoroser vor, um sich die fernsehtauglichen Emotionen zu holen. Einer krebskranken Seniorin schmiert er Wasser in die Augen, weil ihre Reaktion ihm nicht genügt (die erste Szene, die das Schamgefühl des Publikums auf eine ziemlich harte Probe stellt). Aber auch die Siegels - und ganz besonders Whitney - scheinen mit dieser Art von unlauteren Fernsehtricks so ihre Probleme zu haben...

Es dauert nicht lang, bis auch beim Protagonistenpärchen die CO2-freie Hochglanzfassade zu bröckeln beginnt. So wird angedeutet, dass Asher mit dem Douchebag Dougie einen Teufelsdeal gemacht hat, der ihm und seiner Frau höhere Quoten bringen soll - wenngleich das Risiko besteht, dass sie ihre Prinzipien verraten. Dass die TV-Persönlichkeit, die dank Fielder lustigerweise nicht über den geringsten Funken Charisma verfügt - was im Kontrast neben Filmstar Stone umso kräftiger betont wird -, sowieso nur wenig Rückgrat hat, zeigt exemplarisch eine Szene.
Es geht dabei um einen sogenannten B-Roll-Dreh: Asher soll einem kleinen Mädchen etwas Geld schenken und dabei - zumindest dem Anschein nach - heimlich gefilmt werden. Die Kamera läuft dummerweise weiter, als er den 100-Dollar-Schein nach dem Cut zurückhaben will. Doch das Mädchen weiß sich zu helfen: Sie legt einen Fluch auf ihn, was dieser aber eher amüsant findet. Seine Frau Whitney hingegen scherzt nicht mit Flüchen und fordert ihn auf, die Sache zu bereinigen.
Bei ihr rühren die privaten Schattenseiten offenbar von der eigenen Familie her. Ihre Eltern sind offenbar groß im Geschäft der Immobilien tätig und haben sich in einige Skandale verwickeln lassen. So sollen sie sehr ungut mit Mieter:innen aus prekären Verhältnissen umgegangen sein. Das fällt unfairerweise auch negativ auf die Tochter zurück, die wohl genau deshalb umso härter an ihrem Image arbeitet. In Interviews, die das zum Thema machen, können sie und vor allem ihr Gatte schon einmal ungehalten werden.
Auch für ein paar Ehekonflikte ist in der vielleicht etwas überlangen Auftaktfolge noch Zeit: Es geht zum einen um Ashers recht kleinen Penis und wie dieser das Sexleben der beiden beeinflusst sowie um einen asymmetrisch stark vorhandenen Kinderwunsch. Einen denkwürdigen Gastauftritt legt dabei Corbin Bernsen („Kiss Kiss Bang Bang“) als Whitneys Vater Paul hin. Der oscarnominierte „Captain Phillips“-Schurke Barkhad Abdi beehrt die Serie ebenfalls...
Wie ist die Serie „The Curse“?
Alles in allem fällt es sehr schwer, bei einem so einzigartigen Serienprojekt wie The Curse nach nur einer Folge ein Urteil zu fällen. Man ahnt nicht einmal in Ansätzen, wohin Nathan Fielder und Benny Safdie mit ihrer Showtime-Comedy überhaupt hin wollen. Klar taucht Kritik an Realityformaten auf, doch da werden so kluge Köpfe, die hier beteiligt sind, in der Auftaktstaffel wohl noch deutlich tiefer bohren. Eines, was von Beginn an klar ins Auge sticht, ist das Motiv der Spiegel, das prominent in Erscheinung tritt und großen Interpretationsspielraum bietet.
Jetzt das Angebot von Paramount+ entdecken
Was die Serie so oder so sehenswert macht, ist natürlich die Beteiligung der großen Emma Stone, die schon mit ihrer Unterschrift bei einem quotentechnisch völlig irrelevanten Werk des Wunderlings Fielder viel Mut bewiesen hat. Und auch er selbst versucht hier wirklich etwas Neues, denn statt die Grenzen zwischen seiner gespielten Persona und den Reaktionen realer Menschen zu vermischen, gibt es nun deutlich klarere Trennlinien. Das kann für seine Fans erstmal etwas irritierend sein - aber wir müssen dem Ganzen einfach mehr Zeit geben. Vier von fünf Zitronen.