The Crowded Room: Review der ersten beiden Episoden

The Crowded Room: Review der ersten beiden Episoden

„The Crowded Room“ greift ein komplexes Thema auf und unterfüttert dieses mit einem hochkarätigen Cast. Ob die Geschichte allerdings dazu angetan ist, über zehn Folgen zu tragen, muss sich nach der Sichtung des Serienstarts erst noch beweisen. Im folgenden Review erfahrt Ihr, warum wir skeptisch sind.

Szenenbild aus der Serie „The Crowded Room“
Szenenbild aus der Serie „The Crowded Room“
© Apple TV+

Das passiert

Danny Sullivan (Tom Holland, „Spiderman: No Way Home“) wird 1979 in New York wegen versuchten Mordes und mehrfacher schwerer Körperverletzung verhaftet. Als die Ermittlerin Rya Godwin (Amanda Seyfried, The Dropout) sich des Falls annimmt und den Täter im Laufe der Zeit immer wieder interviewt, findet sie etwas heraus, das die Rechtsprechung in den USA auf den Kopf stellen wird.

In die Vollen

Eine möglichst spoilerfreie Rezension zu The Crowded Room (zu Deutsch etwa: „Der überfüllte Raum“) zu verfassen, ist unmöglich. Deshalb sei an dieser Stelle für diejenigen Zuschauenden, die bisher nicht wissen, worum es in der Serie geht, explizit auf diesen Umstand hingewiesen. Showrunner Akiva Goldsman (Star Trek: Discovery) adaptierte für die erste Staffel der neuen Apple TV+-Serie das Buch „The Minds of Billy Milligan“ (in Deutschland 1985 unter dem Titel „Die Leben des Billy Milligan“ erschienen), das sich mit dem Leben eines Menschen mit dissoziativen Identitätsstörungen befasst.

Der Verfasser war der Science-Fiction-Autor Daniel Keyes („Kontakt radioaktiv“), der zwei Jahre mit dem Betroffenen und seinen insgesamt 24 Persönlichkeiten verbrachte, von denen eine ein Mörder war. Milligan war der erste Mensch, der aufgrund der oben genannten Erkrankung, die früher auch als multiple Persönlichkeitsstörung bekannt war, freigesprochen wurde.

Perspektiven und Ebenen

Nur welches der Individuen, die sich den Körper mit dem Mann teilten, ist die Täterin oder der Täter? Das ist die Frage, der die Ermittlerin Rya Godwin auf den Grund geht, als sie 1979 Danny Sullivan kennenlernt. Der junge Mann hat einige Tage zuvor auf offener Straße mehrere Menschen mit einer Schusswaffe verletzt und sitzt nun in Untersuchungshaft, als Godwin in sein Leben tritt. Der vermeintliche Clou: Godwin weiß nichts von Sullivans Zustand und hört sich seine Lebensgeschichte zunächst unbedarft an. Aus narrativer Sicht bedeutet das vornehmlich, dass Goldsman die Geschichte auf zwei Ebenen erzählt, wobei er im Laufe der Zeit immer mehr Personen einführt.

Da ist der aus Israel stammende Yitzhak (Lior Raz), ein harter Hund, der sich seiner Haut zu wehren weiß, aber offensichtlich ein Herz für Danny hat. Er lebt mit der flippigen Ariana gemeinsam in einer von den Kids der Gegend nur „Das Geisterhaus“ genannten alten Villa. Die Jugendliche (Sasha lane) ist eine Rebellin, die Drogen und Alkohol in rauen Mengen zu sich nimmt, nachts tanzen geht und mit wechselnden Partnern ungeschützten Sex hat.

Andererseits ist sie aber auch zerbrechlich und weint sich die Augen aus dem Kopf, wenn sie morgens zurückkommt. All diese Menschen existieren, sie leben ihr eigenes Leben, verfügen über eine unverwechselbare Handschrift, sind unterschiedlich alt und haben ihre speziellen Vorlieben und Abneigungen. Und dennoch sind sie in einem einzigen Körper gefangen und buhlen dort teilweise im Minutentakt darum, die Führung zu übernehmen.

Schauspiel und Technisches

Das ist zwar spannend, aber als aufmerksamer Zuschauender bemerkt man diese Tatsache relativ schnell. Sie macht sich an gewissen Gesten, Kameraeinstellungen und Dialogen fest. Besonders eindringlich ist beispielsweise eine Szene in der zweiten Folge, in der Danny mit seinem love interest Annabelle (Emma Laird) intim wird und plötzlich Ariana das Ruder übernimmt. Von nun an sitzt Sullivan unbeteiligt, schüchtern und visuell in die Ecke geschoben auf dem Bett und erlebt die Situation wie aus weiter, unerreichbarer Ferne mit.

Ein großes Lob sei an dieser Stelle an Tom Holland und Sasha Lane ausgesprochen, die insgesamt schauspielerisch wirklich tolle Arbeit leisten. Doch auch der bedrückend melancholische Score von Trevor Gureckis („Dead Space“) überzeugt auf ganzer Linie. Den Löwenanteil an der Kameraarbeit hat indes der aus Hunters bekannte William Rexer. Er geht häufig dann in die Halbnahe oder Nahe, wenn Danny an der Oberfläche ist, hält aber stets einen gewissen Abstand ein, sobald zwei oder sogar drei Charaktere miteinander interagieren. Rexer spielt in den jeweiligen Sequenzen mit den Einstellungen und Perspektiven. Der Wunsch, dem Publikum auf diese Weise nicht zu viel zu verraten, aber immer wieder mehr oder weniger dezente Hinweise zu streuen, liegt hier auf der Hand.

Szenenbild aus „The Crowded Room“
Szenenbild aus „The Crowded Room“ - © Apple TV+

Die Problematik

Und damit kommen wir zur Krux an der Sache. Eine Geschichte wie diese lebt nämlich grundsätzlich vom Überraschungsmoment der Auflösung, den die Serie aber schlicht nicht bietet. Wer etwa „The Sixth Sense“ von M. Night Shyamalan oder „A Beautiful Mind“ von Akiva Goldsman gesehen und die Pointe schon früh im Film erfasst hat, versteht möglicherweise, wie langweilig eine derartige Prämisse werden kann. Das gilt vor allem, weil The Crowded Room auf zehn Folgen mit rund acht Stunden Laufzeit ausgelegt ist. Wie hält man das Publikum nach nur zwei Episoden also bei der Stange, wenn längst klar ist, was mit Danny los ist?

So berechtigt die Frage auch ist, bietet zumindest der Serienstart eine Antwort auf sie. Zunächst schicken die Serienmacher ein Star-Ensemble in den Ring und setzen auf eine routinierte Inszenierung. Hinzu kommen detailverliebte Sets sowie ein interessantes Setting. Auf narrativer Ebene verlässt man sich auf eine duale Erzählweise (Danny und Rya) die mit zwei Zeitebenen jongliert und somit einen weiteren Fokus setzt. Angereichert mit einer bedrückenden Grundstimmung, die einen auch dann nicht loslässt, wenn man weiß, was auf einen zukommt sowie einem hochinteressanten Kernthema gibt es also genug zu entdecken, um die Season zu Ende sehen zu wollen.

Fazit

Einige Zuschauer werden „The Crowded Room“ aufgrund der Tatsache, dass man der Lösung schnell auf die Spur kommt, womöglich nach zwei oder drei Teilen enttäuscht das Handtuch werfen. Das wäre durchaus verständlich, zumal schon das eigentlich sehr schöne Intro auf den vermeintlichen Twist hinweist...

Allerdings ist zu bedenken, dass zumindest die beiden Startepisoden emotional zu fesseln wissen und die Vermutung nahe liegt, dass sich die Geschichte noch tiefer auf die Gefühlsebene der Protagonisten einlässt. Die Art und Weise, wie Dannys Erkrankung visualisiert ist, ist zudem ansprechend und gewährt uns jetzt schon tiefe Einblicke in eine komplexe Person, die einer und viele zugleich ist.

Ob die genannten positiven Aspekte aber für ganze zehn Folgen ausreichen, lässt sich bisher kaum beurteilen. Es stellt sich daher die durchaus nicht unberechtigte Frage, ob Goldsman mit der gewählten Staffellänge nicht über das Ziel hinausschießt und im schlimmsten Fall die an sich wichtige Figur der Rya zur Stichwortgeberin degradiert. Deshalb vergeben wir dreieinhalb von fünf Interviews.

Hier abschließend noch der aktuelle Trailer zur hier besprochenen, neuen Serie „The Crowded Room“:

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