The Chi ist nicht das nächste The Wire - und das ist auch gut so!

© evin (Alex R. Hibbert, m.) und seine Freunde sind die heimlichen Stars von „The Chi“ (c) Showtime
2017 schrieb die amerikanische Fernsehautorin Lena Waithe Geschichte, indem sie als erste schwarze Frau einen Emmy Award in der umkämpften Kategorie „Outstanding Writing for a Comedy Series“ erhielt. Ausgezeichnet wurde sie für ihr Drehbuch zur Master of None-Episode Thanksgiving, die am Ende des Jahres auf vielen Bestenlisten der Branche landete. So viel Talent konnte nicht lange übersehen werden - und so war es schließlich der Kabelsender Showtime, welcher der 33-Jährigen die erste eigene Serie ermöglichte.
Waithe wählte die South Side von Chicago, ihre Heimat, als Handlungsort und Thema von The Chi. Ein Stadtteil, der aufgrund seiner außergewöhnlich hohen Kriminalität und einer überwiegend unterprivilegierten Bevölkerung zu den am meisten geächteten Wohngegenden Amerikas zählt. Doch, wo Ungerechtigkeit herrscht, herrscht auch immer das Streben nach Verbesserung. So brachte die South Side zahlreiche politische Hoffnungsträger wie den ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson, die erste schwarze US-Senatorin Carol Moseley Braun sowie den ehemals mächtigsten Mann der Welt, Barack Obama, hervor. Wohin die Reise der von Waithe geschaffenen Figuren geht, bleibt abzuwarten. Doch von Beginn an liegen sie uns Zuschauern am Herzen.
Fight the power
Wie fast jeder Pilot eines potentiellen Prestigedramas krankt The Chi anfangs an Überladung. Die erste halbe Stunde besteht mehr oder weniger nur aus Alltagsszenen, in denen die zukünftigen Protagonisten eher zufällig aufzutauchen scheinen. Dennoch gewinnt man als Zuschauer einen guten ersten Eindruck über die Charaktere, wenngleich es auch schwer fallen mag, den Überblick zu behalten. Waithe nutzt hier vor allem ihr Geschick als Komikerin, um trotz der Informationsflut ausreichend Unterhaltung zu bieten. Außerdem beweist sie mit Dialogperlen wie „You Denzel wannabe motherfuckers“ oder „These pretty bitches run in packs“ ihre phänomenalen Sprachkünste. Ein weiterer kluger Schachzug: die Verpflichtung des „Dope“-Regisseurs Rick Famuyiwa, der mit bunten Bildern, schnellen Schnitten und einem shazam-freudigen Soundtrack auch die nötigen inszenatorischen Anreize schafft.
Erst zur Mitte des Piloten werden die Verbindungen der Figuren langsam deutlich: Da wären zum einen der bikende Wuschelkopf Coogie (Jahking Guillory) sowie sein älterer Halbbruder Brandon (Jason Mitchell), der gemeinsam mit seiner Freundin Jerrika (Tiffany Boone) ein Restaurant eröffnen will. Weiterhin treffen wir den Schuhfetischisten und verantwortungslosen Teenievater Emmett (Jacob Latimore) und den hoffnungslos verliebten Unterstufenschüler Kevin (Alex R. Hibbert). Aufseiten der Erwachsenen kommen zudem der verständnisvolle Polizist Detective Cruz (Armando Riesco) und das getrennt lebende Elternpaar Ronnie (Ntare Guma Mbaho Mwine) und Jada (Yolonda Ross) hinzu. Letztgenannte müssen früh in der Episode einen tragischen Verlust verkraften. Mit dem Tod ihres Sohnes wird eine Kette von unglücklichen Ereignissen losgetreten, die in der Folge noch mindestens einen weiteren Protagonisten das Leben kostet.

Wenn die Bewohner der South Side eines wissen, dann dass man als Schwarzer niemals mit der Polizei sprechen sollte. Entweder sie hängt dir ein Verbrechen an oder die örtlichen Gangs stempeln dich als Ratte ab und eröffnen die Jagd. Coogie weiß das, als er an einer berüchtigten Straßenecke über eine Leiche stolpert. Natürlich handelt es sich hierbei um den Sohn von Ronnie und Jada. Doch statt Hilfe zu holen, vergreift sich Coogie stattdessen am Besitz des Toten. Am Ende erwischt ihn die Polizei trotzdem und so findet sich Coogie plötzlich im Verhörraum wieder. Zu seinem Glück gerät er ausgerechnet an den scheinbar einzig anständigen Polizisten der Stadt, nämlich an Detective Cruz. Dieser sieht das Gute in dem Jungen und lässt ihn entgegen aller Erwartungen ziehen. Doch erledigt ist die Sache damit noch nicht...
Ronnie ist blind vor Wut und sinnt nach dem Tod seines einzigen Sohnes, für den er zu Lebzeiten nie wirklich da gewesen zu sein schien, nur noch auf Rache. Als er von dem Verdächtigen der Polizei hört und von dessen Freilassung, lauert er ihm auf. Eigentlich wollte Ronnie nur ein paar Fragen stellen, doch, als er dann die Goldkette seines Sohnes an Coogies Hals baumeln sieht, brennen bei ihm die Sicherungen durch. Kurzerhand erschießt er den vermeintlichen Mörder seines Sohnes. Eine Szene, die emotional schmerzt, da Waithe zuvor ihr Bestes tat, um uns beide Figuren gleichermaßen sympathisch zu machen. Ein Missverständnis, ein Fehler im System und Voreingenommenheit provozieren einen Tod, der sinnloser nicht sein könnte. Und die Frage lautet nun: Wann endet die Spirale der Gewalt? Denn über die Boten Emmett und Kevin kennt nun auch Brandon den Mörder seines Bruders. Wirft also auch er sein Leben weg, um sich zu rächen?
Fazit
Lena Waithe und Rick Famuyiwa stellen in der Pilotepisode von The Chi sowohl die Stärken als auch die Schwächen der Serie klar zur Schau. Einerseits sind da die von Beginn an interessanten Figuren - kompetent porträtiert durch ein facettenreiches Schauspielensemble -, ein realistisches Bild der South Side von Chicago, das dennoch nicht zu trist erscheint, sowie eine eigene Stimme, die sich zeitgemäßen Themen wie der Präsidentschaft eines offenkundigen Rassisten oder den Spannungen zwischen den People of Color und der amerikanischen Polizei widmet. Auf der anderen Seite wirken die Konstellation der Protagonisten und die anfängliche Handlung etwas undurchsichtig beziehungsweise planlos. Wie fast immer im Leben und im Speziellen bei Serienpiloten gilt die Maxime: „Weniger ist mehr“ - und an diese wurde sich hier, wie schon die Laufzeit von knapp einer Stunde zeigt, eindeutig nicht gehalten.
In vielen Besprechungen der Serie wird The Chi mit dem David-Simon-Klassiker The Wire verglichen. Der Grund: Beide Serien machen es sich zum Ziel, die Lebenswirklichkeiten derjenigen abzubilden, die beim American Dream auf der Strecke blieben. Und beide Serien versuchen, mit möglichst vielen Figuren der Komplexität der Problematik gerecht zu werden. Meiner Meinung nach geht Lena Waithe jedoch einen völlig anderen Weg, was besonders anhand der teils verspielten Inszenierung deutlich wird. David Simon hätte zum Beispiel nie einen Soundtrack unter seine Serie gelegt, auch wenn dieses Mittel ein ähnlich hohes Maß an Authentizität erzeugen kann wie sein nüchterner Dokumentarstil. Was bringt es überhaupt, eine vielversprechende Serie so früh einer bestimmten Kategorie zuzuordnen? Geben wir Lena Waithe einfach den Vertrauensvorschuss, den sie sich verdient hat, und schauen was kommt...