The Buccaneers: American Poison - Review der Pilotfolge

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Das passiert in der Serie „The Buccaneers“
Die US-Amerikanerin Nan St. George (Kristine Froseth), ihre Schwester Jinny (Imogen Waterhouse) und Mabel (Josie Totah) werden in den 1870er Jahren von Lord Richard Marable (Josh Dylan), der soeben deren beste Freundin Conchitta (Alisha Boe) geheiratet hat, nach England eingeladen. Im Laufe ihres Aufenthalts lehnen sich die jungen Frauen gegen die Versnobtheit und Arroganz des Adels auf und treten damit eine Kulturrevolution los.
Anachronismen
The Buccaneers ist peppig, poppig und modern - und damit auch ein einziger großer Anachronismus. Die historische Dramedy um fünf junge Frauen, die aus Amerika kommend den britischen Adel aufrollen, orientiert sich damit zwar an modernen Erzählstandards, nutzt dabei aber die Möglichkeiten des Narrativs nicht aus.
Serienerfinderin Katherine Jakeways ersann die Geschichte auf Basis eines Romans von Edith Wharton aus dem Jahr 1937, der hier allerdings nur als sehr loses Grundgerüst dient. Übernommen wurde vor allem der historische Überbau, der eine Menge Potential für ein feministisches und antirassistisches Statement geboten hätte. Leider konzentriert sich Jakeways allerdings voll und ganz auf Ersteres und lässt das ebenso wichtige Thema der Rassendiskriminierung vollkommen außen vor.
Im geschichtlichen Kontext gilt es zu beachten, dass wir uns in den 1870er Jahren bewegen - einer Zeit, in der der Sezessionskrieg gerade erst ein paar Jahre beendet, und die offenen Wunden noch überall zu spüren waren. England war zudem ein zutiefst vom Kolonialismus geprägtes, weiß-normatives Land. Die unbeschwerte Art, in der Lords in „The Buccaneers“ schwarze Frauen heiraten, Asiatinnen auf dem Debütantinnenball der Queen erscheinen und die Söhne nicht weißer Geschäftsleute mit nahezu naiver Selbstverständlichkeit auftreten, stellt daher nicht nur einen Anachronismus in sich dar, sondern ist darüber hinaus eine verpasste Gelegenheit.
Ressentiments beziehen sich in der Serie lediglich auf die Tatsache, dass es sich bei den jungen Frauen um die Töchter reicher Amerikaner handelt, nicht jedoch auf ihre Hautfarbe, die aber nun einmal in jener Zeit eine wichtige Rolle in der gehobenen britischen Gesellschaft einnahmen.
Das ist überaus schade, weil die Serie ansonsten mit einem großartigen Ensemble punktet, dem man den Spagat zwischen dramatischer Liebesgeschichte, feministischer und antirassistischer Erzählung absolut zutrauen darf. Besser macht es da beispielsweise Lessons in Chemistry, die kernthematische Ähnlichkeiten aufweist, in ihren Statements aber weiter ausholt und diese gezielter an das Publikum heranträgt.
Zu wenig

Wenn wir über Anachronismen reden, spielt die Tatsache, dass die Serienmacher die Zuschauenden mit Popsongs zu modernen Frisuren, peppigen Tanzeinlagen und einer bisweilen zu frechen Dialogführung aus der Immersion ziehen, also nur eine untergeordnete Rolle. Derartige Stilmittel sind seit Jahren in der Fernseh-Popkultur etabliert, wobei mittlerweile ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten ist.
Wenn aber eine Serie wie The Buccaneers so sorglos mit ihrem historischen Kontext umgeht, ist das durchaus schmerzhaft, zumal das Narrativ eben genug Raum geboten hätte, um den gut gewählten Cast auch dementsprechend einzusetzen.
Das ist überaus schade, weil die Pilotfolge grundsätzlich Spaß macht und mit hohen Produktionsstandards punktet. Der Kontrast zwischen den Protagonistinnen und der Welt in die sie geworfen werden, ist feinsinnig herausgearbeitet und mit zahlreichen Spitzen versehen, die mal urkomisch sind, manchmal aber auch melodramatische Züge annehmen.
Bereits in den ersten rund 50 Minuten wird man das Gefühl nicht los, dass die Serie ihre lockere Tonalität nicht beibehalten, und in ein Drama übergehen wird, was der Geschichte zugutekommen dürfte. Hinzu kommt, dass auch die Figuren an sich miteinander kontrastieren.
Die Figurenkonstellation
Nan St. George ist intelligent, neugierig, witzig, lebensbejahend und ein Freigeist, während ihre Schwester Jinny ihr Leben auf die Heirat mit einem Adligen ausrichtet und ihre Erfüllung in der hohen Gesellschaft sieht. Mabel eifert wiederum Jinny nach, steht aber zwischen den Stühlen und Conchitta ist im Grunde genommen eine freiheitsliebende Person, die sich aber nach ihrer Ehe mit Lord Richard hochschwanger in einer Welt voller Intrigen und Boshaftigkeit gefangen sieht.
Auf der männlichen Gegenseite stehen der von Matthew Broome charmant gespielte Guy Thwarte, der Nan mag, sie aber eigentlich auf Wunsch seines hoch verschuldeten Vaters heiraten möchte. Lord Richard indes beteuert immer wieder seine Liebe zu Conchitta, verhält sich aber konträr dazu. Als dritter im Bunde kommt Theo (Guy Remmers), der Duke of Tintagel hinzu, dessen Mutter ihn zu einer arrangierten Ehe drängen will, der aber in Nan die Frau seiner Träume sieht.
Diese Figurenkonstellation verspricht eine packende Historien-Dramaserie und gerade in den Momenten, in denen Nan auf die ihr so fremde Welt des britischen Adels prallt, offenbart „The Buccaneers“ ihre Stärken. Nan ist ein Sonnenstrahl im Nebel und ebenso ein alles aufwühlender Sturm, die nur aufgrund ihrer erfrischenden Persönlichkeit das Potential hat, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Vor allem die Szenen mit ihr sind wundervoll anzuschauen und durchweg gut gelungen. Mit anderen Worten: Das Serienformat hat auf figuraler Ebene Potential und erweist sich insofern als recht unterhaltsam. Doch dies allein genügt leider nicht, um einen insgesamt runden Eindruck zu hinterlassen.
Fazit

Anachronismen sind in der heutigen Serienlandschaft nichts Ungewöhnliches. Wenn sie intelligent eingesetzt werden und das narrative Umfeld einer Serie unterstützen, ist gegen das Stilmittel auch nichts einzuwenden. Das Problem an „The Buccaneers“ ist allerdings, dass die Serie es nicht schafft, ihrem historischen Kontext sein volles Potential zu entlocken. In Sachen Feminismus macht die Serie ihre Sache sehr gut, doch der bunte Cast hätte das Potential zu einem starken antirassistischen Statement geboten, der in der heutigen Zeit voller Populismus und rechtsradikaler Tendenzen ebenso wichtig gewesen wäre. Das vor allem auch, weil sich die Geschichte in der Art ihrer Inszenierung vorrangig an ein jüngeres Publikum richtet. Dreieinhalb von fünf Punkten.