The Boys 1x08

The Boys 1x08

Die garstige Garth-Ennis-Adaption The Boys legte mit ihrem Einstand ein sehr vielversprechendes Debüt hin. Stellt die Serie das Superheldengenre tatsächlich auf den Kopf und kann sie ihr Momentum bis zum Staffelfinale halten?

The Boys (c) Amazon
The Boys (c) Amazon
© he Boys (c) Amazon

Mit der ersten Staffel von The Boys scheint Amazon einen neuen Hit gelandet zu haben. Wir sind tief in den Sumpf aus moralischen Bankrotterklärungen der Superhelden von Vought American und ihren Widersachern eingetaucht und haben uns davon überzeugt, dass die starke Pilotepisode kein Zufallstreffer war.

Kurzrecap: Was geschieht in der ersten Staffel von The Boys?

Als Elektronikfachmann Hughie Campbell (Jack Quaid) mit ansehen muss, wie Superheld A-Train (Jessie T. Usher) versehentlich seine Freundin in ihre Bestandteile zerlegt, tritt ein Mann namens Billy Butcher (Karl Urban) an ihn heran, um mit ihm gemeinsam auf seine ganz eigene Weise dafür zu sorgen, dass korrupte und moralisch verkommene „Supes“ zur Rechenschaft gezogen werden. Ihr Versuch, Vought zu infiltrieren, erregt allerdings die Aufmerksamkeit des unsichtbaren The-Seven-Mitglieds Translucent (Alex Hassell), der Hughie auch gleich besuchen kommt. Butcher ist im richtigen Augenblick zur Stelle und gemeinsam können sie den Supe in die Knie zwingen.

Während sie beraten, was sie mit Translucent anstellen, zieht Butcher seinen alten Kumpel Frenchie (Tomer Capon) mit in die Sache hinein, der ihnen Unterschlupf gewährt. Doch die Uhr tickt, denn der psychopathische Seven-Anführer Homelander (Antony Starr) ist ihnen auf den Fersen, während sie einen Weg suchen, ihre schier unverwundbare Geisel ins Jenseits zu befördern, bevor dieser sie bei den Supes verpetzen kann. Nachdem sie eine Lösung finden, ist es schließlich Hughie, der sich gezwungen sieht, ihn in die Luft zu jagen, bevor dieser entkommen kann. Als eindeutige Nachricht kratzen sie die Reste von Translucent von der Wand und hinterlassen diese für ihre Widersacher in einem Koffer.

Parallel dazu stellt das neue The-Seven-Mitglied Starlight (Erin Moriarty) ernüchtert fest, dass ihre Heldenidole weit entfernt von ihrem makellosen Ruf sind und trifft nach einem harten Tag auf einer Parkbank zufällig Hughie, mit dem sie ihre Sorgen teilt und sich auf Anhieb sehr gut versteht. Als die beiden damit beginnen, sich zu daten, sieht Butcher es als Chance, an Informationen über The Seven und Vought zu kommen, äußert dafür aber auch Bedenken, dass Hughie „dem Feind“ zu nahe kommt.

Nachdem Butcher mit Mother's Milk (Laz Alonso) einen weiteren alten Bekannten in die Reihen der Boys rekrutiert hat, observieren sie A-Train und seine Freundin Popclaw (Brittany Allen), die eine gemeinsame Schwäche für eine Substanz namens Compound-V haben, die Superkräfte temporär verstärkt und nebenbei hochgradig süchtig macht. Ein Cunnilingus-Unfall und ein kleiner Erpressungsversuch später und schon nehmen sie die Spur auf und stolpern in einem Drogenkeller über eine junge Frau mit Superkräften, die sie spontan und kreativ „The Female“ (Karen Fukuhara) taufen und nach einigen Eskapaden ebenfalls in ihre Reihen aufnehmen.

Schließlich kommen sie dem Geheimnis von Voughts Heldentruppen auf die Schliche, die heimlich Neugeborene mit Compound-V aufpäppeln, um ihnen Kräfte zu verleihen. Doch richtig finster wird es erst, als sie feststellen, dass der Homelander alles andere als innovationsfrei gewesen ist, um den Vought-Helden einen lukrativen Platz in den Reihen des Militärs zu sichern, um die Profitmaschinerie des Konzerns anzukurbeln: Mit ein paar logistischen Kniffen ließ er Terroristen Compound-V zukommen, um so Superschurken zu schaffen, gegen die nur Vought ankommen kann. Das hilft auch seiner Chefin Madelyn Stillwell (Elisabeth Shue), den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, als Butcher mit seinen Entdeckungen an die CIA herantritt.

Die Boys landen nach ihrer Kampferklärung und einem Verrat im Visier der Seven, die, nachdem Butcher und Hughie sich nach Meinungsverschiedenheiten getrennt haben, Frenchie, The Female und Mother's Milk in Gewahrsam nehmen. Während Butcher loszieht, um seinen persönlichen Rachefeldzug gegen Homelander weiterzuführen, versucht Hughie, seine Kameraden zu retten. Ihr Fluchtversuch wird von A-Train unterbrochen, dem sich jedoch sehr zu ihrer Freude Starlight entgegenstellt, bis dieser schließlich durch die Folgen seines übermäßigen Compound-V-Konsums zu Boden geht. Butcher muss derweil gleich doppelt feststellen, dass er sich verkalkuliert hat: Zum einen hat Homelanders Schwäche für Madelyn Stillwell ihre Grenzen und zum anderen haben dieser und seine totgeglaubte Freundin (Shantel VanSanten) eine Nachwuchsüberraschung mit Laseraugen für ihn parat...

Hier kannst Du „The Boys Staffel 1 (dt./OV)“ bei Amazon.de kaufen

Die erste Staffel von The Boys hat mit ihren acht Episoden, die allesamt eine Laufzeit von ungefähr einer Stunde bekamen, einiges zu bieten. Wie im Pilotreview erwähnt, sticht einem direkt der technische Aspekt ins Auge, der sich nicht nur im Auftakt, sondern auch über die gesamte Staffel auf hohem Niveau sehen lassen kann. Die Mischung aus praktischen und CG-Effekten sowie grundsätzlich gelungenen Sets und Kulissen macht definitiv etwas her, so dass man schon behaupten darf, dass Amazon der Serie einen ordentlichen Vertrauensvorschuss gegeben hat, um das definitiv nicht gerade kleine Produktionsbudget zu genehmigen. Gerade im Vergleich zu anderen Superheldenserien hängen speziell die CG-Effekte die Konkurrenz um eine weite Strecke ab, da man aber auch zusätzlich clevere alternative Lösungen wie etwa im Duell von A-Train und Starlight findet, um die Actionszenen stimmungsvoll zu inszenieren. Zudem wird man auch nicht mit übernatürlichen Effekten bombadiert, da die Supes ihre Kräfte nur in raren Momenten demonstrieren.

Butcher und seine Jungs (und Mädel)

Aber hangeln wir uns doch mal anhand der Figuren die erste Staffel entlang und schauen auf die Boys. Butcher selbst hat mit Karl Urban den idealen Darsteller bekommen, der wie die Faust aufs Auge passt. Dieser bringt den rauen Humor, die trockenen Sprüche und den ambivalenten Charakter des zynischen Mantel- und Hawaiihemdträgers charismatisch herüber. Butcher ist eine der Kernfiguren der Geschichte und dementsprechend bildet Urbans starke Performance ein wichtiges Fundament, auf das man sich verlassen kann. Auch Frenchie (Tomer Capon) kann speziell durch seine glaubwürdige Verbindung zu The Female (Karen Fukuhara) aka Kimiko (in den Comics bleibt sie, soweit ich mich erinnere, namenlos) überzeugen und bekommt an vielen Stellen mit ihr oder den Dialogen mit Hughie mehr Tiefe verliehen. Karen Fukuhara macht ihre Sache als das einzige weibliche Mitglied der Boys mit traumatisiertem, ruhigem, aber gleichzeitig explosivem Charakter ebenfalls gut, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie alle Emotionen ohne Dialog herüberbringen muss. Mother's Milk (Laz Milk) hingegen ist rationaler als seine Kollegen und agiert oft als die Stimme der Vernunft der Truppe und er ist derjenige, der Butchers losen Umgang mit der Wahrheit am schnellsten durchschaut. Mit Hughie bin ich zunächst nicht ganz so warm geworden, doch je mehr Jack Quaid in seine Rolle wächst, desto mehr kann ich ihm schließlich abgewinnen. Für seine Entwicklung als Figur ist in der nächsten Staffel aber noch ein bisschen Luft nach oben.

Die einzige kleine Beschwerde in Bezug auf das Team der Boys wäre, dass Butchers Hund „Terror“, der sich in der Vorlage im Übrigen prima mit Kimiko versteht, leider keinen richtigen Auftritt hat. Das hatte laut Showrunner Erik Kripke einen simplen, aber plausiblen Grund: Er wollte es vermeiden, über so große Strecken mit einem Tier zu arbeiten, das wirklich permanent an Butchers Seite ist und das möglicherweise die Arbeit erschwert, da es dem Hund sicherlich egal ist, wie viel Takes eine Szene braucht, während man von ihm abhängig ist. Gleichzeitig wollte er den Zuschauer/-innen eine CG-Dogge ersparen, verspricht aber zumindest, dass wir in der nächsten Staffel mindestens eine komplette Episode mit Butchers treuem Begleiter sehen werden.

Amazon
Amazon - © Amazon

The Seven

Mit Blick auf die rücksichtslose Egomanenelite an der Spitze von Vought kommt man nicht am Homelander vorbei, der auf der Gegenseite der wichtigste Antagonist der Serie ist. Während Karl Urban als Billy Butcher schon abliefert, ist es vor allem Antony Starr, der den instabilen psychopathischen Supe dermaßen überzeugend darstellt, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Stillwells (Elisabeth Shue) Geständnis, dass sie Angst vor der Massenvernichtungswaffe mit Cape hat, lässt sich nach seinen Taten und Andeutungen sehr gut nachvollziehen. Eine labile, aber auch gleichzeitig rücksichtslose tickende Zeitbombe zu spielen, die mit jeder Geste und Betonung unterschwellig bedrohlich wirkt, ist eine schwierige Aufgabe, die Starr mit Bravour meistert. Wie sehr Stillwell und Vought Homelander bereits in Sachen immerwährende Öffentlichkeitsarbeit und kommerziellen Ambitionen getrimmt haben, demonstriert er mitsamt seiner Missachtung von Menschenleben, als die Sache mit der Flugzeugentführung schiefläuft und er lieber den ganzen Kasten mitsamt aller Passagiere abstürzen lässt, bevor auch nur ein einziger von ihnen öffentlich im Falle einer Rettung behaupten kann, er habe jemanden im Stich gelassen. Eine Szene, die trotz aller überspitzten Satire unter die Haut geht.

Das führt uns zu Queen Maeve (ebenfalls gut gecastet: Dominique McElligott), die längst nicht mehr bei allen Entscheidungen von Homelander mit an Bord ist. Sie besitzt zwar noch einen moralischen Kompass, begräbt diesen jedoch tief unter einer Decke von Zynismus und Alkohol. Sie hat gelernt, die düsteren Aspekte ihres Jobs zu tolerieren, auch wenn Starlight (Erin Moriarty) es schafft, stückweise zu ihr durchzudringen. Es wird spannend zu sehen, was sie tun wird, sollte sie eines Tages gezwungen sein, sich für eine Seite zu entscheiden.

Starlight selbst muss schnell ernüchtert feststellen, wie viel Blendwerk Teil ihres Jobs und Teil der Persönlichkeiten ihrer Kollegen ist. Aus der demütigenden Situation, in die sie The Deep (Chace Crawford) gebracht hat, macht sie zunächst das Beste, um gestärkt aus dieser furchtbaren Erfahrung emporzusteigen, um gleich wieder von der Vought-PR-Walze überrollt zu werden, welche alles medial bis auf den letzten Tropfen ausschlachtet. Auch Hughie wird als ihr Anker zunächst unter ihren Füßen weggezogen, genauso wie ihre Vergangenheit, die auf den Lügen ihrer Mutter aufbaute. Nachdem sie nun Hughie und den Boys aushilft, kommt sicherlich noch eine komplizierte Zeit auf sie zu, doch zumindest weiß sie nun, wo sie steht und auf wen sie zählen kann. Ihren bereits glaubwürdigen Bindungen zu Hughie oder auch zu Maeve, gilt es in Zukunft etwas mehr Emotionalität zu verpassen, denn diese enthalten noch weiteres Potential. Gleiches gilt für Butcher, der zwar nicht die Zuschauer/-innen auf seine Seite ziehen muss, aber gerade im Angesicht seiner letzten Entdeckung lässt sich sicher noch einiges aus seiner Persönlichkeit herausholen.

Amazon
Amazon - © Amazon

The Deep wird uns als ziemlicher Armleuchter vorgestellt, der zudem außerhalb der Seven nicht wirklich etwas auf die Reihe bekommt. Es spricht schon für das Drehbuch, wenn man trotz seiner Persönlichkeit und miesen Aktionen am Anfang der Serie Genugtuung, aber auch einen Funken Mitleid mit ihm verspürt, wenn es ihm an die Kiemen geht - oder wenn seine kläglich dilettantischen Rettungsversuche diverser Meerestiere auf bittere, aber auch brüllend komische Art und Weise (sorry, lieber Delphin) scheitern.

A-Train (Jessie T. Usher) ist ähnlich wie Deep ein Beispiel dafür, dass Superkräfte einen nicht davor beschützen, ein Idiot zu sein. Im Fall von A-Train ist das aber weniger Dummheit, sondern vielmehr eine Mischung aus Gewissenlosigkeit, selbstzerstörerischer Gier nach Ruhm und fehlendem Rückgrat, da er mehr viel mehr Angst vor Homelander hat, als dass er es auch nur ansatzweise in Erwägung zieht, seine Freundin Popclaw (Brittany Allen) wirklich vor ihm zu beschützen. Das mag natürlich ein Stück weit rationaler Selbsterhaltungstrieb sein, da wir wissen, was Homelander mit Menschen und Supes macht, die ihn enttäuschen, doch A-Train ist gleichzeitig auch ein Meister darin, die Schuld für seine Entscheidungen anderen zuzuschieben.

Black Noir (Nathan Mitchell) bleibt wie auch in weiten Teilen des Comics ein Mysterium. Wie man mit ihm vorgeht, ist aber nun besonders spannend, denn, um es spoilerfrei zu formulieren: Da man mit einer anderen Figur, die in direktem Zusammenhang mit ihm steht, eine ganz andere Route als in der Vorlage zu gehen scheint, ist ziemlich offen, was man nun für ihn in der Hinterhand hält, da dies einiges für ihn verändert.

Was noch auf uns zukommt

Wer sich gefragt hat, ob man es tatsächlich wagt, die Sonderausgabe „Herogasm“ umzusetzen, in der die Superheldenteams ihren jährlich ausschweifenden Urlaub auf einer Insel mit einer gepflegten Dauerorgie feiern, der kann sich darauf laut Showrunner Eric Kripke bereits vorbereiten - allerdings nur, sofern es eine dritte Staffel gibt. Kripke suchte bisher nämlich „nach einem Weg, ,Herogasm' umzusetzen, ohne dass es zu einer Stunde Hardcore-Pornografie ausartet.“ Das sei ihm und seinem Team aber nun gelungen.

Der übrigens an mehreren Stellen erwähnte „zurückgetretene“ The-Seven-Veteran Lamplighter ist, vorsichtig ausgedrückt, ein ganz spezieller Charakter, dem wir sicherlich noch einmal begegnen werden, was definitiv interessant wird. Während wir, wie erwähnt, eine Episode mit Butchers Hund „Terror“ zu sehen bekommen, begegnen wir auch Aya Cash als Stormfront (ihr Comicpendant ist männlich), der Anführerin des Superheldenteams Payback, das auf die Boys angesetzt wird. Ob sie ebenfalls so eine abgedrehte Hintergrundgeschichte (Link mit potentiellem Spoiler!) haben wird, bleibt abzuwarten.

Fazit

Ich habe kaum eine Serie in letzter Zeit so schnell gebingt wie die erste Staffel von The Boys. Vielleicht revolutioniert man nicht das komplette Superheldengenre, bringt aber eine Perspektive, die einladend genug ist, um frischen Wind wehen zu lassen. Technisch bringt man ein hochwertige Produktion mit sehenswerten Effekten mit und bekommt darüber hinaus unter anderem tolle charismatische Performances von Antony Starr und Karl Urban geliefert. Die satirischen Elemente und der trockene Humor sorgen für etliche komische Momente, auch wenn man hin und wieder ein paar Grenzen austestet. Trotzdem hat man es geschafft, ein paar schwierig zu verfilmende Szenen aus der Vorlage sinnvoll umzuschreiben und gleichzeitig eine eigene Geschichte vorzutragen, die sowohl Neulinge als auch Comickenner anzusprechen vermag. Ich für meinen Teil fühlte mich jederzeit bestens unterhalten, so dass die erste Staffel zwar vielleicht nicht perfekt, aber gerade, was den besagten Unterhaltungswert betrifft, doch sehr nah dran war.

Der Serientrailer:

Hier abschließend der Serientrailer zu „The Boys“:

Hier kannst Du „The Boys Staffel 1 (dt./OV)“ bei Amazon.de kaufen

Verfasser: Tim Krüger am Samstag, 3. August 2019
Episode
Staffel 1, Episode 8
(The Boys 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Du hast mich gefunden
Titel der Episode im Original
You Found Me
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 26. Juli 2019 (Amazon Prime Video)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 26. Juli 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 26. Juli 2019
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 26. Juli 2019
Autoren
Anne Cofell Saunders, Rebecca Sonnenshine, Rebecca Sonnenshine
Regisseur
Eric Kripke

Schauspieler in der Episode The Boys 1x08

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?