The Bear: Kritik zur 1. Staffel der hitzigen Kochdramaserie

© eremy Allen White ist The Bear in der gleichnamigen Serie. (c) FX/Hulu
Das Thema Essen, so wichtig es auch sein mag, spielt in Serien leider viel zu selten eine Rolle (hier dazu eine kleine Kolumne). Mit The Bear hat der Kabelsender FX nun ein ganzes Format dem Essen - oder eigentlich eher dem Kochen - gewidmet. Die achtteilige Auftaktstaffel der hitzigen Dramaserie von Showrunner Christopher Storer (Ramy, Dickinson) erschien schon am 23. Juni. Letzte Woche kam dann eine weitere Season als Bestellung in die Küche.
Man kann nur hoffen, dass der Streamingdienst Disney+ so schnell wie möglich für die Deutschlandpremiere von „The Bear“ sorgt. Inhaltlich und stilistisch lässt sich die mitreißende Serie mit dem Shameless-Star Jeremy Allen White irgendwo zwischen dem Pixar-Streifen „Ratatouille“ und dem stressigen Schlagzeugthriller „Whiplash“ einordnen. Auf jeden Fall hat sie viel mehr Würze als Starz' Sweetbitter, das nach nur zwei Staffeln abgesetzt wurde.
Ebenfalls zum Ensemble gehören Ebon Moss-Bachrach (NOS4A2), Ayo Edebiri (Dickinson), Lionel Boyce (Hap and Leonard), Liza Colon-Zayas (In Treatment) und Abby Elliott (Indebted). Gastauftritte legen außerdem Oliver Platt (Chicago Med), Joel McHale (Community), Jon Bernthal (Punisher) und Molly Ringwald (Riverdale) hin.
Worum geht's?
Im Zentrum der Geschichte steht der junge Spitzenkoch Carmen „Carmy“ Berzatto (White), der im Sommer 2022 in seine Heimatstadt Chicago zurückkehrt, um das beliebte Sandwichrestaurant seiner Familie auf Vordermann zu bringen. Niemand kann so recht verstehen, warum der talentierte Träger des hochangesehenen James Beard Awards nun ausgerechnet Brötchen belegen will, nachdem er zuletzt noch im besten Restaurant der Welt, dem Kopenhagener Noma, an den Herdplatten stand. Und auch er selbst hinterfragt diesen Entschluss fast jede freie Sekunde.
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Es sind vor allem persönliche Gründe, die Carmy dazu veranlasst, das sogenannte „Original Beef of Chicagoland“ zu seiner neuen Lebensmission zu machen. Er hat den abgewrackten Laden nämlich von seinem älteren Bruder Mikey (Bernthal) geerbt, der sich ohne Vorwarnung für den Selbstmord entschied. Kein Wunder also, dass sich Sugar (Elliott), die Schwester des Titelhelden, große Sorgen macht, ihn könnte ein ähnliches Schicksal ereilen, wenn er nicht auf aufpasst...

Zunächst muss sich Carmy mit seinen neuen Mitarbeiter:innen herumschlagen, die lieber weiter Spaghetti für Jedermann zubereiten wollen statt Sandwiches der Spitzenklasse. Der eifrige Chefkoch braucht eine Souschefin, die seine Ambitionen teilt und findet sie in Sydney (Edebiri), die Absolventin einer der prestigereichsten Kochschulen des Landes ist und selbst eine persönliche Verbindung zu dem Restaurant hat. Mit der Zeit kann Carmy dann auch den Rest des Teams hinter sich bringen: die taffe Tina (Colon-Zayas), den sensiblen Marcus (Boyce) sowie den sympathisch Technikexperten Neil (Matty Matheson). Nur einer bleibt ein konstanter Störfaktor: Carmys Cousin Richie (Moss-Bachrach).
Dessen kriminelle Eskapaden setzen immer wieder die Existenz des Restaurants aufs Spiel. Zudem versucht Richie Carmys neuen Liebling Sydney rauszuekeln, weil er neidisch ist. Trotzdem hat Richie irgendwie seinen Platz, denn er hat den Laden am Laufen gehalten, nachdem Carmys Bruder Mikey, der auch sein bester Freund war, starb. Außerdem braucht man manchmal einen Wirrkopf wie ihn, um auf Lösungen zu kommen, die sich die meisten nicht mal denken trauen würden.
So hat fast jeder irgendwie seinen perfekten Platz in der Küche - und obwohl sich alle die ganze Zeit anschreien und streiten, läuft das Getriebe wie geölt. Dennoch gibt es zwei Probleme, die dem Hauptcharakter einfach keine Ruhe lassen: Erstens die katastrophalen Finanzen, die sein Bruder ihm hinterlassen hat; und zweitens die eigene Psyche, die von Albträumen und Schuldgefühlen geplagt wird. Ist das original beef für ihn nur ein verzweifelter Versuch der Wiedergutmachung, nachdem er seine Familie so lange im Stich gelassen hat?
Wie ist es?
Wer sich auf The Bear einlässt, wird vermutlich gleich mal einen kleinen Hitzeschock erleben, weil das Kochdrama so laut und schnell und wirr daherkommt. Der Serienschöpfer Christopher Storer will so das authentische Klima einer Spitzenküche einfangen, wo es offenbar sehr hektisch und rabiat zugeht. Dieses Gefühl wird auch stilistisch beeindruckend umgesetzt, zudem traut man sich an hypnotische Traumbilder heran. Der Hauptdarsteller Jeremy Allen White strahlt die konstante Anspannung genauso großartig aus. Man hat immer die Befürchtung, dass hier gleich jemand kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht (eine Trigger-Warnung ist an dieser Stelle sicher angebracht).
All das klingt wahrscheinlich wenig verlockend, aber dieses ungemütliche Setting kann eben auch sehr faszinierend sein, wenn man sich daran gewöhnt hat. Der Vergleich zum Musikfilm „Whiplash“ passt in meinen Augen sehr gut, weil wir wirklich merken, wie unfassbar ernst die Figuren ihre Kochkunst nehmen. Sie würden dabei sogar ihr eigenes Wohlergehen opfern, was alle unausgesprochen zusammenschweißt - so grob sie auch miteinander umgehen mögen.
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Mir wurde es nach zwei Folgen ebenfalls zu viel, weshalb ich erst mit etwas Abstand weiterschauen konnte. Erst dann hat sich mir erschlossen, wie viel Tiefsinn in der Serie steckt, vor allem auch mit Blick auf das Innenleben des Protagonisten. Auch viele soziale Probleme in Chicago werden überaus lebensecht thematisiert. Die größte Stärke liegt aber im Zusammenspiel des Ensembles, das wie in einem meisterhaften Rezept perfekt aufeinander abgestimmt scheint. Immer ist irgendwer am Reden, es klingt wie bei einer Free-Jazz-Improvisation (um noch mal auf „Whiplash“ zurückzukommen).
Die Sprüche, die man sich hier gegenseitig vor die Kochschürze knallt, haben teils sogar Succession-Niveau. Und auch die Kamera bleibt ständig in Bewegung. Als Zuschauer:in steht man einfach in der Mitte und beobachtet mit offenem Mund das köstliche Spektakel. Hoffentlich hat Carmy noch ein Sandwich für uns übrig...
Hier abschließend noch der Trailer zur ersten Season der neuen Serie „The Bear“ beim US-Kabelsender FX: