The Artful Dodger: Review der Pilotepisode

© Hulu/Disney+
Das passiert in der Serie „The Artful Dodger“
Jack Dawkins (Thomas Brodie-Sangster, Game of Thrones) ist im Australien der 1850er Jahre in The Artful Dodger ein angesehener Chirurg, gehörte aber als Kind in London der Straßenbande des skrupellosen Fagin (David Thewlis, The Sandman) an.
Eines Tages bringt Jack sich beim Pokern in ernste Schwierigkeiten, aus denen er sich nur herausmanövrieren kann, wenn er die für ihn horrende Summe von 26 Pfund auftreibt. Als auch noch der aus England deportierte Fagin plötzlich vor ihm steht, scheint das Chaos perfekt. Doch ausgerechnet dieser bietet ihm einen Ausweg aus seiner Misere durch einen letzten großen Coup an. Ein Unfall scheint dem ungleichen Duo zu Hilfe zu kommen, in den die junge, ambitionierte Lady Belle Fox (Maia Mitchell, Good Trouble) verwickelt ist. Während der Artful Dodger auf dem Wohnzimmertisch des Gouverneurs - der zufällig Belles Vater ist - versucht, das Leben eines Jungen zu retten, bestiehlt Fagin die Gouverneursfrau. Belle bemerkt den Diebstahl und hilft Jack, allerdings nur unter der Bedingung, dass er sie zur ersten Chirurgin Australiens ausbildet.
Ein Wort zur Veröffentlichungspolitik von Streamingdiensten
Bevor wir näher auf die unterhaltsame und sehenswerte Pilotfolge „The Yankee Dodge“ auf Disney+ eingehen, sollen einige einführende Worte über die Veröffentlichungspolitik diverser Streamingdienste in Deutschland vorweggeschickt werden. Es ist nämlich in jeder Hinsicht unverständlich, warum eine Serie wie „The Artful Dodger“, die nach Sichtung der Debütfolge durchaus das Potential zu einem internationalen Hit in sich trägt, hierzulande nicht erscheint.
Lediglich in den USA und in Australien startete die Serie am 29. November. In Großbritannien ist zumindest der 17. Januar vorgesehen. In Anbetracht der stetig steigenden Kosten (Disney+ hat seine Abopreise erst kürzlich um satte drei Euro angehoben) darf man solche Maßnahmen durchaus als unverschämt werten, zumal eine Synchronisation bei Weitem nicht den Löwenteil einer Produktion ausmacht.
Allerdings steht Disney nicht alleine mit dieser Art Missachtung seiner Kundschaft da, auch Paramount+ hat kürzlich erneut gezeigt, dass die hiesige Klientel als Geldeinnahmequelle willkommen ist, während der Service aber zweitrangig scheint. Anders lässt es sich jedenfalls kaum erklären, warum NCIS: Sydney in Deutschland noch immer nicht gestartet ist.
Einführung des Dodgers
Nachdem wir unserem Ärger nun ein wenig Luft gemacht haben, steigen wir damit in die Pilotfolge von „The Artful Dodger“ ein - und die kann sich sehen lassen. Begrüßenswerterweise haben sich die Serienerfinder James McNamara, David Maher und David Taylor gar nicht erst an einer wortgetreuen Umsetzung der aus Charles Dickens Meisterwerk „Oliver Twist“ bekannten Figuren Jack Dawkins und Fagin gewagt.
Vielmehr hat man sich für ein smartes Sequel entschieden, in dem der Dodge kein jugendlicher Taschendieb und Mitglied einer Straßenbande mehr ist. Er hat einige Jahre in London im Gefängnis verbracht und ging dann zur Marine. Dort hat er das Handwerk des Chirurgen (wohl eher: Knochenklempner) gelernt und sich einen Namen als Lebensretter gemacht. In herrlich verrückten Bildern erzählt die Pilotfolge, wie Jack seine Tätigkeit nun in Australien ausübt. Vor einem angetrunkenen Publikum amputiert er Beine, Arme und Finger. Das alles natürlich ohne jegliche Hygienemaßnahmen oder Einhaltung der Regeln der modernen Wissenschaft.
Wir lernen die Hauptfigur während eines gefährlichen Pokerspiels mit einem stadtbekannten Gauner kennen, der ihn natürlich übers Ohr haut und nun 26 Pfund fordert. Für „The Artful Dodger“ stellt dies ein unüberwindlicher Schuldenberg dar, da er von den Spenden der sensations- und blutgierigen Zuschauenden im Operationssaal lebt. Zudem wetteifert er mit seinem Kollegen darum, wer das nächste Bein am schnellsten absägt.
Die Inszenierung
So blutig die folgende Operationsszene auch ist, lädt ein solcher Einstieg doch zum Schmunzeln ein und offenbart eine lockere Gangart, die dem ehemaligen Dieb gut zu Gesicht steht. Doch was wäre eine interessante Hauptfigur ohne einen nicht minder sehenswerten Sidekick?
Dieser wird in der Serie von dem aus „Oliver Twist“ ebenfalls bekannten Fagin verkörpert, der sich als verschlagener Haudegen entpuppt. Gerade eben nach Australien deportiert, hat er nichts Besseres zu tun, als seinen „ehrenwerten Beruf“ als Dieb weiter auszuüben.
Als er vor Jack steht, der als geachteter Bürger mit über das Schicksal neu ankommender, nach Australien verbannter Verbrecher entscheidet, droht er ihm, dessen Vergangenheit zu offenbaren. Von nun an reiht sich eine unterhaltsame, geschickt hintereinander geschnittene Szene an die andere. Das Erzähltempo bleibt dabei gleichbleibend hoch und sorgt damit für Kurzweil. Leerlauf erlebt man als Zuschauender nicht, stattdessen gibt es ständig etwas zu sehen. In einem Moment schlendern Jack und Fagin über einen Markt, an dessen Ständen sich der alternde Dieb gütlich tut.
Hier verschwindet ein Kännchen, dort eine Taschenuhr und einige Sekunden später beißt Fagin in eine frisch geklaute Orange. Das alles ist vor einem dreckigen, westernartigen Hintergrund in Szene gesetzt, der das Leben in Australien in den 1850er Jahren gut einfängt und eine Welt widerspiegelt, die sich einerseits krampfhaft an der Großbritanniens orientiert, andererseits aber eine eigene Kultur entwickelt.
Das Leben in der Kolonie ist indes farblich keineswegs so trist und regengrau wie jenes in London. Vielmehr dominieren Brauntöne und heller Sonnenschein das Bild, eine Farbpalette, der auch im Kleidungsstil der Aristokratie eine Entsprechung findet. Abgesehen von den typischen Rotrockuniformen der in Australien stationierten Soldaten tragen die Damen und Herren der feinen Gesellschaft zwar opulente Kleider, aber keineswegs übermäßig auffällige Farben. Das erhöht die visuelle Glaubwürdigkeit der Serie und schafft eine insgesamt stimmige Atmosphäre, in der „The Artful Dodger“ ihre Anziehungskraft voll entfalten kann.
Die Dritte im Bunde
Mit der Einführung der Figur der Lady Belle bringt die Serie zudem eine erfrischend moderne weibliche Komponente ins Spiel. Dabei gehen die Serienmacher gar nicht unbedingt anachronistisch, wie etwa in The Buccaneers vor. Belle kennt die Stellung ihres Geschlechts in der Gesellschaft, will sich aber nur nicht damit abfinden. Sie interessiert sich für Wissenschaften, ist klug und gebildet und träumt davon, Ärztin zu werden.
Ihre Eltern wollen sie indes lieber mit einem reichen Schnösel verheiratet sehen, was der jungen Dame allerdings nicht zu pass kommt. Als ihr Kutscher einen Straßenjungen anfährt und der zufällig in der Nähe befindliche Jack zur Hilfe gerufen wird, nutzt sie die Gunst der Stunde. Statt ins Hospital, bringt sie den smarten Chirurgen ins Herrenhaus, wo sie ihn mehr oder weniger zwingt, das schwer verletzte Bein des Jungen nicht zu amputieren, sondern nach einer Narkose zu operieren.
Die Anästhesie war in den Tagen des Dodgers tatsächlich ein revolutionäres Verfahren, das erst einige Jahre zuvor erstmalig angewendet worden war. Hier vermischen sich auf intelligente Weise historische Fakten mit unterhaltsamer Fiktion, was den Schauwert der Serie weiter erhöht. Fagin nutzt die Tatsache, dass offenbar auch die Reichen der Gesellschaft einer guten Chirurgenshow nicht abgeneigt sind, inzwischen aus und bestiehlt die Herrin des Hauses. Das soeben ergatterte Collier verschwindet in Jacks Tasche und dieser wird beinahe prompt erwischt. Doch Belle eilt ihm zur Hilfe und verspricht, ihn nicht zu verraten, wenn dieser sie zur ersten Ärztin Australiens ausbildet.
Fazit
Damit endet die Pilotepisode von „The Artful Dodger“ und hinterlässt die Zuschauerschaft mit dem Gefühl, bestens unterhalten worden zu sein. Thomas Brodie-Sangster spielt den Jack Dawkins mit der richtigen Mischung aus Verschlagenheit, Gutmütigkeit und Risikofreude. David Thewlis sorgt als Fagin für zahlreiche Schmunzler und Maia Mitchel bringt ein erfrischendes weibliches Element ein, das weder übertrieben modern noch deplatziert anachronistisch daherkommt.
Die Inszenierung wirkt dank toller Kulissen und Kostüme hochwertig, dem Historienthema wird auf charmante Weise Rechnung getragen und die Geschichte ist leichtfüßig und ereignisreich erzählt. Bleibt nur zu hoffen, dass wir bald auch in Deutschland in den Genuss kommen, die Abenteuer des Jack Dawkins zu erleben.
Dennoch vergeben wir für die Produktion schon mal durchaus verdiente viereinhalb von fünf Punkten.