The Affair 2x12

The Affair 2x12

Nach der preisgekrönten ersten Staffel kehrte die Showtime-Dramaserie The Affair diesen Herbst mit noch tieferen Einblicken in die Psyche ihrer Charaktere zurück. Doch nicht nur der Ehebruch lastet auf den Gemütern der Beteiligten.

Serienposter zur zweiten Staffel von „The Affair“ / (c) Showtime
Serienposter zur zweiten Staffel von „The Affair“ / (c) Showtime

Mit einer einfachen und doch genialen Idee konnte sich das Showtime-Drama The Affair im vergangenen Jahr zu den vielversprechendsten neuen Formaten der Saison gesellen: man erzählt die Geschichte einer außerehelichen Liebesaffäre von zwei verschiedenen Standpunkten aus und zeigt damit, wie widersprüchlich Wahrnehmungen doch sein können. Dieses Konzept konnte die Serienschöpferin Sarah Treem in der jüngst zu Ende gegangenen zweiten Staffel sogar noch auf die nächste Ebene heben, indem sie zwei zusätzliche Perspektiven miteinbezogen hat.

Bei diesen handelt es sich um die der gehörnten Ex-Ehepartner von Noah (Dominic West) und Alison (Ruth Wilson), Helen (Maura Tierney) und Cole (Joshua Jackson). Und auch diese beiden neuen Point-Of-View-Charaktere erweisen sich als äußerst ergiebig, von den großartigen schauspielerischen Leistungen mal ganz zu schweigen, die voll auf der Höhe des ursprünglichen Hauptdarstellerduos sind. Rückblickend auf das Finale erscheint die kreative Neuerung beinahe schon notwendig, denn die jüngsten Erkenntnisse in dem Mordfall, der die Serie seit jeher begleitet, zeigen, dass jede einzelne Figur eine gewisse Mitschuld an dem mysteriösen Tod von Scotty Lockhart (Colin Donnell) trägt.

Part One: Cole

Der Charakter des Cole Lockhart entwickelte sich eindrucksvoll von einer tragischen zu einer triumphierenden Figur, nur um letztendlich wieder niedergeschmettert zu werden, wobei das wohl erst in der nächsten Staffel zu sehen sein wird. Während sein Tiefpunkt bereits im letzten Jahr lag, als er Noah und dessen Familie mit einer Waffe bedrohte, so zeigten die ersten Episoden von Staffel 2 einen nicht weniger besorgniserregenden Zustand des Ex-Mannes von Alison. Völlig zugedröhnt fährt er da in seinem Taxi herum und hangelt sich von einer flüchtigen Bekanntschaft zur nächsten. Doch am Ende kriegt er doch die Kurve und findet sogar eine neue Ehefrau. Außerdem nähert er sich wieder Alison in freundschaftlicher Absicht an und wird sogar zu ihrem Geschäftspartner, womit er jedoch seinen Bruder Scotty hintergeht und ihn ungewollt ins Verderben stürzt.

Part Two: Alison

Alison muss währenddessen erkennen, dass die Flucht aus ihrem alten Leben in Montauk womöglich überstürzt gewesen ist und dass Noah vielleicht doch nicht die Lösung aller ihrer Probleme darstellt. Tatsächlich erkennt Alison immer mehr, dass Noah sie überhaupt nicht zu verstehen scheint, vor allem nicht ihr unendliches Leid über den Tod des eigenen Kindes. Er sieht sie offenbar als bloßes Sexobjekt und Egobooster („she was sex, the very definition of it“). Und obwohl sie alles daran setzt, sich selbst zu verwirklichen, ist zunächst jede Mühe nutzlos, bis dann schließlich Cole auf den Plan tritt und sie ihre Bestimmung im Lobster Roll findet. An dem Ort also, der so viele gemeinsame Erinnerungen der beiden beherbergt und Noah längst ein Dorn im Auge ist.

Alison (Ruth Wilson) und Cole (Joshua Jackson) schließen Frieden miteinander. © Showtime
Alison (Ruth Wilson) und Cole (Joshua Jackson) schließen Frieden miteinander. © Showtime

Nach wie vor macht die Figur der Alison und vor allem die grandiose Darstellung Ruth Wilsons eine der größten Faszinationen dieser Serie aus. Sie hat eine derart gelittene Seele, strahlt ständige Unsicherheit und Verlegenheit aus und wird dennoch nur von den wenigstens entsprechend einfühlsam behandelt. Vor allem Noah belastet ihr Selbstvertrauen, lässt sie sogar bei der Geburt ihres Kindes allein und scheint auch sonst bloß ständig wütend auf sie zu sein; seine Entschuldigungen bestehen meist aus einem spontanen Quickie. Doch auch Alison ist keineswegs nur Opfer, sie trägt ihren Teil zur Kabale bei. So lässt sie Noah beispielsweise lange Zeit in dem Glauben, die kleine Joanie wäre seine Tochter, wobei eigentlich Cole der Vater ist. Und sogar beim Tod Scottys hatte sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre Finger im Spiel.

Part Three: Helen

Helens Geschichte fühlte sich über weite Strecken wie die schwächste - wenn man von Whitneys mal absieht - und belangloseste an, was sich gegen Ende jedoch schlagartig änderte. Während Maura Tierney in den ersten Episoden hauptsächlich bloß eine zynische Frau in ständiger Wut auf ihren treulosen Ex-Mann darstellen durfte, was sie übrigens ganz wundervoll tat, so nahm ihre Entwicklung bald eine recht dramatische Richtung. In der vierten Episode erlebt sie quasi ihren Worst-Day-Ever und baut volltrunken einen Autounfall, der auch das Leben ihrer Kinder in Gefahr hätte bringen können. Als sie sich dann jedoch von ihrer giftigen Mutter lossagt, schafft sie es sogar, Freundschaft mit Noah zu schließen und steht ihm anschließend mehrmals tatkräftig zur Seite. Doch nach den Ereignissen im Finale der Staffel ist sie nun wiederum auf seine Hilfe angewiesen.

Part Four: Noah

Dieser stand in diesem Jahr auf der Agenda von Sarah Treem und Kumpanen an oberster Stelle, was womöglich zulasten anderer Charaktere ging. Ihm gehören mitunter die denkwürdigsten Szenen der Staffel, man denke beispielsweise an die Hurrikane-Party oder das spontane Bad im Ozean mit Helen. Über seine Persönlichkeit haben wir mehr erfahren als über alles andere. Was wir längst ahnten, wurde nun endlich in Stein gemeißelt: Noah ist ein Egomane. Doch auch wenn diese Tatsache in beinahe jeder seiner Handlungen deutlich wird - immerhin verlässt er seine Familie für eine Geliebte, zerstört den Ruf der Lockharts für seinen Roman und untergräbt Alisons Wünsche, wo er nur kann - der Vorwurf, egoistisch zu sein, ist für ihn ein rotes Tuch. Das liegt offenbar an Noahs gestörtem Verhältnis zu seinem Vater, der sich seiner Meinung nach wirklich selbstsüchtig verhalten habe, als er ihn mit seiner kranken Mutter alleine ließ.

Noah geht in dem fesselnden Einzelgespräch mit der Paartherapeutin, in dem Sarah Treems In Treatment-Wurzeln deutlich werden, sogar noch einen Schritt weiter und erhebt seine Fehler zur Tugend. Er vergleicht sich dabei mit geschichtsträchtigen Männern wie Ernest Hemingway und Omar Bradley, über den er auch seinen dritten und hoffentlich epochalen Roman schreiben will. Diesen Männern hätten Treue und Alltagsmoral nichts bedeutet, sie mussten sich mit Wichtigerem rumzuschlagen. Und am Ende wäre es vielleicht gerade dieser unstillbare Hunger gewesen, der sie zu den großen Persönlichkeiten gemacht hat, die sie wohl waren. Bei all dem klingt der eindeutige Wunsch Noahs durch, ebenfalls ein solcher Mann zu sein, einer, den man nicht verurteilt, sondern bewundert.

Noah (Dominic West) muss für seine Sünden geradestehen. © Showtime
Noah (Dominic West) muss für seine Sünden geradestehen. © Showtime

Und diese übersteigerte Sehnsucht erklärt auch, wieso der Zauber um Alison bei ihm inzwischen verflogen ist. Eine einzige Frau kann seine Aufmerksamkeit einfach nicht dauerhaft halten und wenn, dann nur um sich selbst zu beweisen, wie treu er doch sein kann und dass sein Schicksal von größerer Bedeutung ist, wie er ihr gegenüber zugibt, nachdem sie die Baby-Bombe platzen ließ. In seiner letzten Szene in diesem Jahr darf sich Noah jedoch mit einem unfassbaren Akt der Selbstlosigkeit verabschieden, indem er vor Gericht die volle Verantwortung für den Tod Scotty Lockharts auf sich nimmt, um Helen und Alison von ihrer Schuld zu entlasten. Oder ist etwa auch diese Tat nur Symptom eines Heldenkomplexes?

Wie auch immer, was nach diesem turbulenten Finale passieren wird, ob und wie lange Noah ins Gefängnis gehen muss, liegt in der Zukunft. Vielleicht schreibt er dort ja gar sein nächstes Meisterwerk, so wie einst in dem Quasigefängnis aus der ersten Staffel, dem Rubber Room. Zumindest die Frage nach dem Schuldigen konnte endlich geklärt werden und ähnlich wie im 74er-Kultfilm „Mord im Orient-Express“ sind sie alle teilweise für den Scottys Tod verantwortlich, wenn auch ungewollt: Cole hat ihn in die blinde Verzweiflung getrieben, Alison hat ihn auf die Straße geschubst, Helen hat ihn überfahren und Noah hat Helen hinters Steuer gesetzt und dann im falschen Moment abgelenkt. Man kann den Autoren durchaus vorwerfen, dass des Rätsels Lösung, auf das seit Ewigkeiten Stück für Stück hingearbeitet wurde, recht konstruiert erscheint.

Fazit

Und trotzdem, alles in allem schafft es The Affair, die gewohnte Qualität auch in der zweiten Staffel an den Tag zu legen, was so manch anderer Showtime-Serie nicht gelungen ist. Nach wie vor erweist sich das Konzept der verschiedenen Perspektiven als äußerst fruchtbar und funktioniert offenbar sogar mit vier Blickwinkeln. Die größte Stärke des Formates sind aber eindeutig die begnadeten Hauptdarsteller um Ruth Wilson, Dominic West, Maura Tierney und mittlerweile auch Joshua Jackson, wobei man diesem vorwerfen könnte, dass er in den niedergeschlagensten Momenten seines Charakters einfach noch zu attraktiv aussieht - das ist doch unglaubwürdig. Doch diese vier bescheren der Serie die notwendige Authentizität, die es schlichtweg braucht, wenn man eine psychologische Charakterstudie mit Niveau auf den Fernsehbildschirm bringen will.

Dazu kommt, wie erwähnt, die Erfahrung der Serienschöpferin Sarah Treem aus ihrer Zeit bei der HBO-Therapiestunde In Treatment. Die Momente, die mich persönlich immer wieder an dieses andere psychologiegetränkte Format zurückdenken ließen, die in denen zwei Figuren beispielsweise nicht verstanden, was plötzlich zwischen ihnen stand oder erneut erkannten, wieso sie sich einst liebten, diese stillen und subtilen Momente, die waren mir die liebsten. Wohingegen die spektakuläre Storyline um den Mordfall bei mir auf wenig emotionale Resonanz stieß und mich da schon eher an House of Cards, einem weiteren ehemaligen Projekt Treems, erinnerte. Hoffentlich besinnt sich The Affair in der nächsten Staffel verstärkt auf die leisen Töne, nun da der große Vorhang endlich gelüftet ist.

Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 25. Dezember 2015
Episode
Staffel 2, Episode 12
(The Affair 2x12)
Titel der Episode im Original
Episode 12
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 20. Dezember 2015 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 22. Dezember 2015
Autor
Sarah Treem
Regisseur
Jeffrey Reiner

Schauspieler in der Episode The Affair 2x12

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