The Affair 1x10

© (c) Showtime
Es ist sehr passend, dass die erste Staffel der hochkarätig besetzten Dramaserie The Affair kurz vor Weihnachten zu Ende geht. Für viele - mich eingeschlossen - ist das nämlich immer eine Zeit, in der man zurückkehrt - zurück in die Heimat, zurück zur Familie, zurück zu alten Freunden. Dabei kommen immer auch alte Erinnerungen hoch, Unterhaltungen kreisen sich oft um das, was man gemeinsam erlebt hat. Eines wird dabei stets offenbar: Die Erinnerungen über vergangene Ereignisse divergieren bisweilen sehr stark.
Das Gedächtnis lügt gerne
The Affair ist nun eine Serie, die das Gedächtnis, die Erinnerung ihrer Protagonisten als zentrales Stilmittel einsetzt. Von Anfang an waren die Episoden mittels eines Point of View-Instruments aufgeteilt. In der ersten Hälfte einer Episode wurden Ereignisse aus der Sicht von Noah (Dominic West) erzählt, in der zweiten Hälfte aus der Sicht von Alison (Ruth Wilson). Dies hatte zwei gegenläufige Effekte zur Folge. Einerseits eröffnete sich dadurch für die Autoren die Möglichkeit, die Charakterzeichnung ihrer Figuren anhand ihrer Erinnerungen auszudifferenzieren.
Andererseits lenkte der Einsatz des Stilmittels manchmal von der eigentlichen Geschichte ab. Für manche Zuschauer - vor allem für diejenigen, die an der Lösung jedweder Mystery interessiert sind und dabei gerne mitknobeln - hätte es also passieren können, dass die Auflösung unterschiedlicher Erinnerungen einen größeren Stellenwert einnimmt als die eigentliche Geschichte. Für mich waren die unterschiedlichen Erinnerungen von Noah und Alison stets nur ein geschickter Schachzug, dieses Element in eine Serie einzubauen. Genau das ist schließlich das Alleinstellungsmerkmal von The Affair.
Im Finale gab es nun eine Szene, die ganz maßgeblich vom Einsatz des Stilmittels beeinflusst wurde. In beiden Rückblenden zieht Cole (Joshua Jackson) eine Pistole und richtet sie auf Noah. In Noahs Erinnerung macht er das nur, um ihn davon abzuhalten, Coles Bruder Scotty (Colin Donnell) zu verprügeln. In Alisons Erinnerung bedroht Cole aber nicht nur Noah, sondern auch dessen Ehefrau Helen (Maura Tierney) und Tochter Whitney (Julia Goldani Telles), bevor er die Waffe auf sich selbst richtet. Alison kann ihn gerade noch davon abhalten, woraufhin Noah sich entscheidet, doch seinem Herzen zu folgen und bei ihr zu bleiben.

Man könnte sich nun darüber streiten, ob es realistisch ist, dass die Erinnerung der beiden Protagonisten wirklich so stark auseinanderläuft. Zu echter Erkenntnis würde das nicht führen, gibt es doch (noch) keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, wie das Gedächtnis wirklich funktioniert. The Affair hat in der ersten Staffel wunderbar illustriert, wie sehr Erinnerungen von äußeren Einflüssen, von Beziehungen und Lebensumständen abhängig sind.
Erinnerung ist nie solitär
Genau da liegen auch die Stärken des Formats. Für mich war die Serie immer dann am interessantesten, wenn Noah und Alison die Auswirkungen ihrer Affäre verhandeln mussten. Es war für mich weniger spannend, ob und wie sie zusammenkommen würden. So war im Finale denn auch nicht die Szene auf der Lockhart-Ranch die emotional mitreißendste, sondern die zwischen Noah und Helen, in der sie ihn darum bittet, wieder zu ihr zurückzukommen - und die Szene zwischen Alison und Cole, in der er sie um das gleiche bittet.
Bevor wir aber diese herausragend geschriebenen und exzellent gespielten Szenen bekommen, liefert uns Autorin und Serienschöpferin Sarah Treem ein Recap der Ereignisse in den vier Monaten, die seit dem Ende der letzten Episode vergangen sind. Damals hatte sich Noah schon einmal entschlossen, seine Ehefrau für Alison zu verlassen, nur um festzustellen, dass die sich nicht zwischen ihm und Cole entscheiden konnte oder wollte.
Nun holt Noah alles nach, was ihm während seiner Ehe verwehrt blieb. Er lässt keine Gelegenheit zu bedeutungslosem Sex aus, selbst unter seinen Kolleginnen sucht er sich One-Night-Stands. Das führt schließlich dazu, dass er im berühmt-berüchtigten „rubber room“ landet, einer Art Nachsitzen für Lehrer, die einen Disziplinarverstoß begangen haben. Noah wurde beim Sex in der Hausmeisterkammer erwischt und muss nun darauf warten, dass über seine weitere Zukunft als Beamter entschieden wird. Es gibt diese rubber rooms wirklich, von dort werden Horrorszenarien kolportiert, in denen Lehrer über mehrere Jahre darin ihr Dasein fristeten - bei vollem Gehalt.
Noah macht jedenfalls das Beste aus einer suboptimalen Situation und schreibt in der Zwangspause seinen Roman zu Ende, der von seinem Agenten Harry (Stephen Kunken) enthusiastisch aufgenommen wird und ihm einen hohen Vorschuss einbringt. Alison geht es ebenfalls besser als jemals zuvor im Laufe der Serie. Sie hat sich dazu entschieden, sich bei ihrer Mutter Athena (Deirdre O'Connell) in einem Yogacamp zu erholen und neu zu sortieren. Voller neuer Tatkraft und Lebensmut kehrt sie nach Montauk zurück.

An der Stelle divergieren die Pfade von Noah und Alison wieder. Während Noah sich in der stärksten Szene der Episode (in der Maura Tierney endlich mal ihr gesamtes Potential zeigen darf) dazu entscheidet, zu seiner Familie zurückzukehren, ist sich Alison in der zweitstärksten Szene der Episode (in der Joshua Jackson grandios aufspielt) vollkommen sicher, dass sie mit Cole keine glückliche Ehe wird führen können. Sie ist sich darüber sogar so sicher, dass sie Cole ihr Haus einfach schenken würde.
Ähnliche Wege, unterschiedliche Ausgänge
Nun sind beide Entscheidungen überaus verständlich - Alison erscheint aber weniger scheinheilig als Noah. Er weiß genau, dass er Helen nicht mehr liebt und nicht mehr mit ihr zusammen sein möchte. Genau das hat er kurze Zeit zuvor Harry wissen lassen. Trotzdem ist es nachvollziehbar, dass er die Mutter seiner Kinder - und vor allem seine Kinder - in einer kritischen Phase nicht im Stich lassen will. Im Ansinnen von Treem und ihrem Co-Schöpfer Hagai Levi sind diese Auseinandersetzungen aber sowieso nur eine Präambel für die große Konfrontation auf der Lockhart-Ranch - und die große Enthüllung am Ende der Episode.
Da erfahren wir, dass Noah und Alison tatsächlich ein Paar sind und eine gemeinsame Tochter haben. Überdies hat sich Noah mit einigen verdächtigen Aktionen (der Angriff auf Scotty, die Bestechung des Automechanikers) auf den Spitzenplatz der Verdächtigenliste für den Mord an Scotty gearbeitet. Am Ende wird er dafür von Detective Jeffries (Victor Williams) verhaftet. Außerdem wird hauchdünn angedeutet, dass Noah und Alison tatsächlich etwas mit dem Mord zu tun haben könnten.
Die Lösung des Mordfalls ist für mich jedoch der uninteressanteste Teil der Geschichte, ganz einfach weil Scotty keine echte, ausgereifte Figur war. Mir ist es schlicht egal, wer ihn ermordet hat. Sogar im Finale haben wir ihn nur in einer sehr kurzen Sequenz gesehen - und da auch nur, um noch einmal zu illustrieren, welch großen Hass Noah auf ihn hat. In der bereits bestellten zweiten Staffel wird es wohl hauptsächlich um die Auflösung gehen - und darum, was in der Zeit zwischen den Ereignissen auf der Lockhart-Ranch und dem endgültigen Staffelfinale passiert ist.
The Affair hatte in dieser ersten Staffel manche Schwächen, entwickelte sich aber dank seiner herausragenden Hauptdarsteller und der geschliffenen Dialoge zu einem sehenswerten neuen Format. Das Veröffentlichungsdatum der neuen Staffel wird sicher meine Vorfreude wecken.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 23. Dezember 2014(The Affair 1x10)
Schauspieler in der Episode The Affair 1x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?