Sweet/Vicious 1x10

Sweet/Vicious 1x10

Der ersten Staffel von Sweet/Vicious ist es in beeindruckender Manier gelungen, ein todernstes Thema bedächtig und humorvoll aufzuarbeiten. Kluge Serien können nun offensichtlich überall entstehen - sogar bei einem ehemaligen Musiksender. Das stimmt hoffnungsvoll.

Ophelia (Taylor Dearden, l.) und Jules (Eliza Bennett) im Kampfoutfit / (c) MTV
Ophelia (Taylor Dearden, l.) und Jules (Eliza Bennett) im Kampfoutfit / (c) MTV
© phelia (Taylor Dearden, l.) und Jules (Eliza Bennett) im Kampfoutfit / (c) MTV

Die MTV-Serie Sweet/Vicious ist eine dieser Perlen, die wohl nur in einem Umfeld wie dem derzeitigen entstehen kann. Die mit dem Schlagwort Peak TV äußerst bündig umschriebene aktuelle Serienlandschaft ist so zerklüftet, dass es möglich ist, ein sehr spezifisches Format zu produzieren, das aller Voraussicht nach kein übermäßiger Publikumshit wird. In diese Kerbe schlagen auch solche Formate wie Rectify, Atlanta oder Rick and Morty - allesamt überragende Serien, die trotz geringer Zuschauerzahlen am Leben bleiben.

What is art even?

„Sweet“ könnte man nun durchaus als das „Rectify“ der Jugendgeneration bezeichnen. Natürlich unterscheiden sich die beiden Formate in technischer und gestalterischer Hinsicht grundlegend voneinander. Ein Merkmal - vielleicht das wichtigste - teilen sie sich jedoch: Sie behandeln beide ein Thema, das Fernsehschaffende vor wenigen Jahren nicht mit der Kneifzange angefasst hätten. Im Falle von „Sweet/Vicious“ ist das die derzeit an amerikanischen Colleges zur Epidemie anschwellende sexuelle Gewalt, während sich „Rectify“ in vier herausragenden Staffeln mit den großen Fragen von Schuld und Sühne auseinandersetzt.

Zugegeben: Als Fan hartgesottener Dramaserien braucht es ein wenig, bis man sich an Optik, Schnitt und allgemeine Quirligkeit eines MTV-Formats gewöhnt hat. Ist man jedoch bereit, eine Welt zu akzeptieren, in der die meisten Menschen aussehen wie Models und die Kulissen wie ebendas - Kulissen -, wird man belohnt mit einer Geschichte, die es ohne Mühen schafft, zwischen düsterem Drama und heiterer Comedy zu oszillieren. Zu verdanken ist das vor allem der kreativen Anleitung von Serienschöpferin Jennifer Kaytin Robinson sowie den fantastischen Darbietungen der beiden Hauptdarstellerinnen.

In den beiden Finalepisoden kulminieren sämtliche Entwicklungen, die über den Verlauf der ersten Staffel aufgebaut wurden. Noch steht eine Verlängerung aus, weshalb es Robinson und Konsorten deutlich daran gelegen ist, einen runden Abschluss und gleichzeitig ein paar offene Erzählstränge für etwaige weitere Episoden zu schaffen. Die großen Fragen - von denen es je nach Lesart ein paar zuviel gibt - werden jedoch aufgelöst. Dabei imponiert nicht unbedingt die Konstruktion der Handlungsbögen, sondern deren Ausgestaltung mit Humor, omnipräsenten Popkulturzitaten und konfliktbehafteten Figuren.

Viel Zeit bleibt Ophelia (Taylor Dearden, l.) und Jules (Eliza Bennett) nicht, um verblüfft zu sein.
Viel Zeit bleibt Ophelia (Taylor Dearden, l.) und Jules (Eliza Bennett) nicht, um verblüfft zu sein. - © MTV

Bei uns Zuschauern löst der moralische Graubereich, in dem Jules (Eliza Bennett) und Ophelia (Taylor Dearden) operieren, einen wohligen Schauer der Unsicherheit aus. Dürfen wir ihnen zujubeln, wenn sie ihre Peiniger mit Schlagstock und Elektroschocker niederstrecken? Oder müssen wir uns auf unsere rechtsstaatliche Erziehung besinnen, wonach Selbstjustiz eine illegale Form der Verbrechensbekämpfung und daher zu verachten ist? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht - ganz ähnlich wie bei der Frage, ob man Nazis verprügeln darf.

I am a dark person

Ein fiktionales Leben in besagtem Nebelwald zeichnet die größten Vertreter der Dramaserienzunft aus: Tony Soprano ist ein mörderisches, frauenverachtendes Arschloch, mit dem man gerne mal ein Bier trinken würde. Don Draper mordet zwar nicht, hat aber keine Probleme damit, seiner Ehefrau in die Augen zu schauen, nachdem er sie zum wiederholten Male betrogen hat. Wir verehren Walter White für seinen Einfallsreichtum, obwohl er spätestens nach einem Drittel seiner Serie größenwahnsinnige Tendenzen entwickelt. Wir finden Avon Barksdale und Stringer Bell total cool, auch wenn sie nicht mit der Wimper zucken, wenn es darum geht, ein eigenes Familienmitglied umbringen zu lassen.

Und jetzt feuern wir also Ophelia und Jules an, wenn sie sich einer übermächtig erscheinenden Gruppe Bro-Dudes erwehren. So geschehen in der Finalepisode Pure Heroine, deren Titel schon einen eindeutigen Hinweis darauf gibt, auf wessen Seite Serienschöpferin Robinson, Drehbuchautorin der Folge, steht. Zu besagter Handlung sehen sich die beiden (Anti?)-Heldinnen aber auch nur gezwungen, weil die Institutionen, die sie eigentlich beschützen sollen, wissentlich versagen - und das auf beängstigend realistische Weise.

Das Rächerinnen-Duo reagiert darauf auf seine Weise, mit einem „public shaming à la Cersei“. Diese popkulturelle Referenz ist übrigens bezeichnend für die Serie und auch einer der Gründe, warum sie so viel Spaß macht. In An Innocent Man beschreibt Ophelia zum Beispiel ihre Übellaunigkeit mit einem Verweis auf den dänischen Regisseur Nicolas Winding Refn und korrigiert damit die Annahme ihres Bettgespielen Evan (Stephen Friedrich), sie befinde sich in Lars-von-Trier-Stimmung. Gegenüber dem Football-Trainer, Schutzpatron von Vergewaltiger Nate (Dylan McTee), versucht dessen Kumpel Miles (Ethan Dawes) indes, mit einem gestotterten „clear eyes, full hearts“ zu punkten.

Nate (Dylan McTee) bekommt nur teilweise, was er verdient.
Nate (Dylan McTee) bekommt nur teilweise, was er verdient. - © MTV
Aber zurück zum institutionellen Versagen: Weil die Uni keinesfalls als Ort wahrgenommen werden will, wo Vergewaltigungen stattfinden, reagiert die Führung auf die denkbar schlechteste Art. Statt das interne Problem aufzuarbeiten, wird versucht, die Anschuldigungen zu vertuschen. Die Argumente dafür sind die immer gleichen: Nate ist angeblich ein Aushängeschild für die Schule, weil er gut Football spielen kann. Und für manche Rektoren gibt es anscheinend wirklich nichts wichtigeres als eine erfolgreiche Football-Mannschaft. Wer das nicht glaubt, dem sei das exzellente Sachbuch
empfohlen.

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Dank Ophelias Hackerkünsten und Jules' Qualitäten als Einbrecherin bekommt Nate schließlich doch das, was er verdient - wobei am Ende offen bleibt, welche schulrechtlichen Konsequenzen sein unabsichtliches Geständnis hat. Darin führt er jedenfalls all jene unsäglichen Ausflüchte an, die man in solchen Fällen immer wieder zu hören bekommt: Frauen und Mädchen, die sich knappe Kleider anziehen, bettelten doch nur darum, vergewaltigt zu werden. Die meisten, die behaupten, keinen Sex haben zu wollen, wollten es eben doch. Es ist immer das gleiche ignorante und frauenverachtende Vokabular.

Für Jules und alle Vergewaltigungsopfer im echten Leben dürfte das schwer auszuhalten sein. Immerhin bekommt die fiktive Figur etwas, was den meisten realen Betroffenen versagt bleibt - einen halbwegs zufriedenstellenden Abschluss. Ich kann verstehen, wenn man dieses sehr runde Ende kritisiert, allerdings wäre es schwierig gewesen, die von Sweet/Vicious angestrebte Balance zu halten, ohne am Ende ein Erfolgserlebnis zu präsentieren. Aber nur, weil sich das Kreativteam für ein Happy End entschieden hat - sofern es so etwas für einen Fall wie diesen überhaupt geben kann -, bedeutet das nicht, dass es die Ernsthaftigkeit des Themas missachtet.

Im Gegenteil: Wie wichtig ihm weitere Aufarbeitung ist, merkt man alleine schon daran, dass Jules und Ophelia nach getaner Arbeit nicht etwa aufhören, sondern sich dazu berufen fühlen, einen Selbsthilfe-Rächerinnen-Club zu gründen. Sogar der rechtsgläubige Harris (Brandon Mychal Smith) kann als überzeugter Mitstreiter im Kampf gegen die korrupten Institutionen gewonnen werden. Und auch Jules' beste Freundin Kennedy (Aisha Dee) bekommt einen würdigen Abschluss, der ihre widersprüchliche Trauer nicht vergisst.

Das einzige echte Manko der ersten Staffel ist für mich der Handlungsbogen um den von Jules und Ophelia aus Versehen umgebrachten Bruder von Tyler (Nick Fink). Dieser lässt sich problemlos in die aus dramaturgischer Sicht völlig unnötigen Morde der Seriengeschichte einreihen - Killer Landry lässt grüßen. Davon abgesehen ist die Debütstaffel von „Sweet/Vicious“ eine rundum gelungene Auseinandersetzung mit einem äußerst heiklen Thema.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 25. Januar 2017
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Sweet/Vicious 1x10)
Titel der Episode im Original
Pure Heroine
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 24. Januar 2017 (MTV)
Regisseur
Leslie Libman

Schauspieler in der Episode Sweet/Vicious 1x10

Darsteller
Rolle
Eliza Bennett
Brandon Mychal Smith
Nick Fink

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