Sweet Tooth: Out of the Deep Woods - Kritik der Netflix-Comicadaption

© zenenfoto aus der Serie Sweet Tooth (c) Netflix
Die Entwicklung der neuen Serie Sweet Tooth geht auf eine Zeit zurück, in der HBO Max noch in den Kinderschuhen steckte und WarnerMedia bereit war, auch Geld aus Deals mit anderen Sendern und Streamingdiensten zu verdienen. Deswegen geht die achtteilige Debütstaffel, bei der Team Downey (Robert Downey Jr., Susan Downey und Amanda Burrel) zu den Produzenten gehört, beim Marktführer weltweit online und nicht beim hauseigenen Dienst.
Was ist Sweet Tooth?
Das Konzept basiert auf dem Werk von Autor und Zeichner Jeff Lemire, der die Idee damals für das Vertigo-Label von DC Comics zu Papier brachte. Die Werke von Vertigo richteten sich in der Regel an erwachsene respektive etwas ältere Leser. The Sandman, Preacher, iZombie, „100 Bullets“, Constantine (beziehungsweise „Hellblazer“), Lucifer, „Fables“, DMZ oder Y - The Last Man sind andere längere Werke, die dort entstanden und teilweise bereits adaptiert wurden oder noch werden. Inzwischen heißt das Imprint für Erwachsene DC Black Label.
Die Vorlage brachte es zwischen 2009 und 2013 auf 40 Ausgaben, die in sechs Sammelbänden veröffentlicht wurden. Danach setzte Lemire übrigens eine neue Serie aus dem „Sweet Tooth“-Universum namens „The Return“ um.
Bei der Serienadaption sind Jim Mickle (Hap and Leonard) und Beth Schwartz (Arrow) mit der Serienleitung als Showrunner betreut. Acht Episoden wurden zunächst produziert. Vorab konnte ich die gesamte erste Staffel der Comicadaption anschauen. Zunächst soll es daher um den Piloten gehen und danach gibt es Eindrücke vom Rest der Folgen.
Worum geht es in Sweet Tooth?
Direkt der Beginn der Serie könnte einige Zuschauer abschrecken, denn in „Sweet Tooth“ wird die Handlung durch eine rätselhafte Pandemie ausgelöst. Frauen gebären plötzlich Mischwesen aus Mensch und Tier. Gleichzeitig sterben viele Menschen und die Welt wird ins Chaos gestürzt. Verantwortlich ist das Virus H5G9. Das katastrophale Ereignis wird „The Big Crumble“ genannt und stellt die Wissenschaftler vor große Rätsel. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Virus und den Hybriden?
Inmitten des Chaos bringt ein Mann (Will Forte) seinen Sohn Gus (Christian Convery, Legion), der halb Mensch und halb Hirsch ist, in Sicherheit und sorgt dafür, dass er fast zehn Jahre lang fernab der Großstadtgefahren groß werden kann. Natürlich hält dies nicht ewig und bald trifft Gus auf den Einzelgänger Jepperd (Nonso Anonzie), den er „Big Man“ nennt, während er selbst den Spitznamen Sweet Tooth erhält. Gemeinsam erkunden sie die Welt und wollen Birdie suchen, die Mutter von Gus. Auf dem gemeinsamen Roadtrip begegnen ihnen Gefahren, aber auch Verbündete und sie entdecken einige Geheimnisse rund um die Seuche und die Herkunft der Hybriden.
Begleitet wird die Fabel von der unsichtbaren Erzählerstimme von James Brolin (Life in Pieces), die dem Ganzen eine märchenhafte Qualität verleiht. Und, obwohl man meinen könnte, dass man es mit einem Märchen zu tun haben könnte, geht es oftmals doch mehr zur Sache, als es anfangs scheint...
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Warum sollte man sich Sweet Tooth anschauen?

Die erste Folge Out of the Deep Woods fühlt sich, anders als bei manch anderer Netflix-Produktion, tatsächlich wie eine klassische Pilotfolge an. Das bedeutet, dass die Prämisse und Vorgeschichte der wunderbaren Welt eingeführt wird und wir zunächst die Anfänge gewisser wichtiger Figuren erfahren sowie die Regeln, die sie für sich etabliert haben.
Hier sind besonders Gus und sein Pubba (Forte) zu nennen und wie sie im Wald über die Runden kommen. Im Lauf der Folgen gibt es ein paar kleine Flashbacks und Zeitsprünge, die sich aber sehr natürlich in die Handlung einfügen. Die siebte Episode When Pubba Met Birdie ist dann eine erklärende Rückblickfolge, die viele wichtige Hintergrundinformationen verrät.
Das Zusammenspiel der beiden Figuren geht ans Herz und etabliert sehr schnell die relativ einzigartige Welt, die Lemire geschaffen hat. Sein Comic mag wahrscheinlich sogar noch etwas rauer und weniger für eine Young-Adult-Zielgruppe gewesen sein, aber um als Streaming-Serie zu funktionieren, kann man die Veränderungen nachvollziehen. Meine erste Assoziation war die zu einer meiner Lieblingsserien, nämlich Pushing Daisies. Beide Produktionen sind Teil eines magischen Realismus, also einer Welt, die an unsere erinnert, aber gewisse fantastische Elemente, Regeln und Kräfte hat. Die Erzählung rahmt eine jede Folge und gibt dem ganzen eine Art Kapitelgefühl. Das Casting der Serie ist ebenfalls eine ihrer Stärken. Die Charaktere und ihre Figuren kommen größtenteils sympathisch rüber, mit der Zeit zeigt sich bei vielen eine bittersüße und tragische Komponente, die anfangs nur angedeutet wird, sich mit der Zeit aber dann entblättert. Figuren wachsen und verändern sich innerhalb kurzer Zeit und werden einander wichtig.
Der Weltenaufbau in der ersten Episode ist sehr stark und die Landschafts- und Naturaufnahmen sehen sehr gut aus. Das Make-up und die Effekte der Hybriden halte ich ebenfalls für sehr gelungen und sie reißen mich nur selten aus der Handlung raus. Manchmal gibt es ein paar kleine Schwächen, wenn man zum Beispiel in Actionsequenzen den Green Screen etwas zu deutlich sieht, aber das kann man verschmerzen. Der Soundtrack der Serie ist ebenfalls sehr gelungen und setzt auf nette Indiebands, die das gelungene Gesamtbild abrunden.
Schon im Piloten schaffen es die Autoren, eine schöne Einführungsgeschichte mit Herzbrechpotential zu erzählen. Das gelingt sicherlich nicht jeder Serie so gut wie hier. Manchmal dauert es, besonders im Streaming-Bereich, um herauszufinden, ob eine Serie etwas für einen ist. Bei Sweet Tooth denke ich, dass man bereits nach dem Start weiß, ob das Format Gefallen findet. Streng genommen sind die späteren Episoden nicht ganz so stark wie der Pilot und die Vater-Sohn-Beziehung darin, doch sie liefern immer wieder schöne Momente, bei denen sich das Dranbleiben lohnt. Man sollte nur nicht glauben, dass „Sweet Tooth“ aufgrund der kindlichen Protagonisten etwas für kleine Zuschauer ist, denn dafür behandelt die Serie zu ernste Themen, wie zum Beispiel eine Pandemie, Wissenschaftsexperimente oder Verluste von Familienmitgliedern und geliebten Menschen. Denn kaum eine Figur ist aufgrund der mysteriösen Seuche ohne Tragödie.
Roadtrip als Serie
Im weiteren Verlauf der ersten Season ist Sweet Tooth eine Mischung aus Fabel, Märchen, Roadtrip und Seuchenthriller, bei der die Macher zudem eine Geschichte über Toleranz und Akzeptanz von Fremden präsentieren. Oft trügt der erste Eindruck oder eine negative Vergangenheit muss nicht bedeuten, dass man ewig auf einem Pfad der Verdammnis wandern muss.
Im Lauf der Zeit kommen natürlich weitere Figuren dazu und so zeigt sich ein durchaus komplexes Netz der Beteiligten auf. Ob nun Wissenschaftler, die am Virus geforscht haben oder diejenigen, die mehr über die Hybriden wissen. Natürlich ist Gus nicht der einzige Mischling, doch sein Vermögen, wie ein Mensch zu sprechen, verwundert manchen doch, was ihn wiederum zur Zielscheibe für gewisse Parteien macht.

Eine Prise Stranger Things erhält die Serie durch eine Reihe von Kindern, an denen möglicherweise experimentiert wurde und die sich ein eigenes kleines Refugium aufgebaut haben. Obwohl das Wort Märchen in diesem Text schon sehr oft gefallen ist, überrascht der Anteil von Wissenschaft in der Erklärung gewisser Phänomene dann doch. Aber die genauen Hintergründe entdecken die Zuschauer am besten für sich selbst.
Das Roadtrip-Element der Serie weiß ebenfalls zu gefallen. Mit dem klassischen ungleichen Duo aus Gus und dem großen Mann kann man einige schöne Kontraste und Konflikte kreieren. Gus ist manchmal etwas ungestüm und unbedarft und hinter dem harten Kern von Jep steckt eben doch mehr. Er gehört natürlich zu den Figuren, über die man im Laufe der Handlung sehr viel mehr erfährt. Das gilt ebenfalls für die Figuren Bear (Stefania LaVie Owen), die quasi die dritte Hauptfigur ist, und Aimee (Dania Ramirez), die eine ganz besondere Beziehung zu den „felligen“ Freunden hat und wahrscheinlich mit der süßesten Fellpfote der Serie zusammenlebt.
Mit acht Episoden, der gefühlten neuen Staffellänge von amerikanischen Netflix-Produktionen mit größerem Budget, findet man die richtige Länge und obwohl man manchmal mit den Episoden an der Stundenlänge kratzt, fühlt sich das Pacing für mich ausgewogener an als bei anderen Comicadaptionen der jüngeren Vergangenheit (ja, hier meine ich besonders Jupiter's Legacy, aber auch die Marvel-Produktionen von früher). Zudem sind manche Kapitel mit rund 40 Minuten sogar nur auf Networklänge, was vielleicht mit dem Studio Warner Bros. zu tun hat, das eben reichlich TV-Erfahrung mitbringt und Folgen nicht endlos in die Länge ziehen muss.
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Cliffhanger-Ende: Gewagt oder Gerechtfertigt?

Schaut man sich an, wie oft Netflix in den Augen der Fans in letzter Zeit Serien nach nur einer Staffel beendet hat, wobei es oft Cliffhanger gab, dann muss man sich fragen, was man damit bezweckt. Klar möchte man die Zuschauer dazu animieren zurückzukehren. Doch wenn man Formate dann schon wenige Wochen nach der Weltpremiere absetzt, geht über kurz oder lang das Vertrauen verloren. Das ist eigentlich nur eine logische Folge.
Auch „Sweet Tooth“ beendet die Staffel mit einer solchen Szene, die eine zweite Staffel in Stellung bringt. Ich will hier natürlich gar nicht zu sehr ins Detail gehen, sage aber, dass es vorher einige Antworten auf viele wichtigen Fragen gibt und man die Debütstaffel deswegen gut für sich alleine anschauen kann. Bitter ist es für Serienjunkies trotzdem zweifellos immer, wenn man eine Serie ins Herz schließt, der Fortsetzungsköder ausgeworfen wird, man dann aber auf dem Trockenen sitzen bleiben muss.
Vielleicht ist es eine Art Vertrauensbeweis in die Serie, nur leider passiert es - gefühlt - leider sehr oft, dass etwas angedeutet wird, was dann nie eingelöst wird. Eine Fortsetzung wäre bei „Sweet Tooth“ zu wünschen, denn die aufgebaute Welt bietet etwas, was man nicht jede Woche sieht, wobei der Pandemieeinstieg, wie erwähnt, für manchen, der gerade selbst eine solche Krise mitmacht, etwas Überwindung kosten dürfte.
Muss man das Comic gelesen haben, um die Serie genießen zu können?
Kurze Antwort: Nein. Die TV-Serie und ihre Comicvorlage sind eher lose miteinander verbunden, denn fürs Fernsehen wurden doch eher einige erwartbare Erzählentscheidungen getroffen und die Zielgruppe etwas verjüngt. Die religiöse Komponente fehlt fast vollständig. Gus wirkt jünger, einige Ereignisse wurden entschärft und die Vorlage ist insgesamt rauer und schonungsloser. Zudem wartet man dort auch eine Weile, bis der Wissenschaftsaspekt ins Spiel kommt. Gewisse Schlüsselmomente werden adaptiert, aber deutlich abgewandelt. Es ist nicht so extrem wie bei iZombie, aber die Streaming-Fassung geht deutlich mehr in Richtung einer Wohlfühlerzählung als die Comics. Als Ergänzung kann man dem Lemire-Werk aber sicherlich eine Chance geben. Es ist jedoch nicht ganz frei von einigen gewöhnungsbedürftigen Eigenarten. Sein Zeichenstil ist sicherlich auch nicht unbedingt etwas für jeden Quereinsteiger.
Fazit

Auf den ersten Blick ist „Sweet Tooth“ nicht unbedingt als Comicadaption zu erkennen, denn es geht nicht um Superhelden oder die üblichen Themen, was aber auch am Vertigo-Hintergrund liegt. Die Debütstaffel liefert, begonnen bei der stimmigen Pilotfolge, eine märchenhafte Erzählung, die im Serienbereich relativ einzigartig sein dürfte. Zwar muss man den Pandemiehintergrund schlucken, um zu sehen, wie sich die Erzählung entfaltet, doch dann kann man eine gelungene, relativ intime Story rund um Akzeptanz und Toleranz vorfinden, die mancher sicherlich schnell ins Herz schließt. Ein bisschen Stranger Things, ein bisschen The Last of Us oder „The Road“, ein bisschen „Stand by Me“ und ganz viel eigener Charakter machen „Sweet Tooth“ aus. Für mich eine der besseren Netflix-Produktionen aus diesem Genre und deswegen klar einen Blick wert. Wer Nonstop-Actiongewitter erwartet, wird allerdings eher an andere Stelle fündig.
Hier der Trailer zur neuen Serie „Sweet Tooth“:
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