Supernatural: Zur Hölle mit dem Bösen 6x11

Supernatural: Zur Hölle mit dem Bösen 6x11

Supernatural verabschiedet sich mit einer Episode, in der die Zuschauer auf alte Bekannte treffen und Dean zur letzten Möglichkeit greift, Sams Seele zurückzuholen. Serienjunkies.de-Redakteur Vladislav Tinchev ist mit einem bleichen Herrn in Schwarz zum Hot-Dog-Essen verabredet; das Bier trinkt man aus Plastikbechern.

Dean trifft auf Death (c) CW
Dean trifft auf Death (c) CW

Eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis wir Death wieder zu sehen bekommen mussten. In Appointment in Samarra kommt es zu einem Treffen zwischen ihm und Dean. Die Episode, mit der sich die Serie in die Winterpause verabschiedet, fällt positiv aus - aus mehreren Gründen.

Ich weiß nicht, ob es an meiner Vorliebe für die Bücher Terry Pratchetts liegt: aber Death als Figur einer fiktionalen Erzählung empfinde ich als sehr interessante Angelegenheit. Außerdem arbeitet Supernatural jedes Mal, wenn es sich der eigenen Mythologie widmet, auf mehreren Ebenen, was den Zuschauer - falls er sich darauf einlässt - zum Nachdenken bringt.

Supernaturals Entscheidung, Death als letzte Instanz eines Universums zu postulieren, in dem es von Übernatürlichem nur so wimmelt, finde ich sehr passend. Wir erinnern uns an Two Minutes To Midnight, als Death zu Dean sagte, dass er sogar Gott ein Ende setzten könnte, falls das Schicksal es erfordere. Hier, beim Appointment in Samarra, ist von einer 'natürlichen Ordnung der Dinge' die Rede, einem festgelegten Ablauf, einer Liste, die Death bekannt gibt, wer als nächstes sterben soll.

Wie aber kommt diese Liste zustande? Kann man dem Schicksal nicht entkommen? Kann man die Ordnung durcheinander bringen? Supernatural hat immer schon mit der Opposition Schicksal - Freier Wille gearbeitet; in dieser Episode kommt es zu einer Gegenüberstellung beider Seiten. Dean glaubt nicht an das Schicksal bzw. will nicht daran glauben - und bekommt vom Gream Ripper gesagt, dass alles schon vorherbestimmt sei und dass jeder Versuch einer Änderung verheerende Konsequenzen habe: es werde eine Kettenreaktion ausgelöst, die auf den vorher bestimmten Weg zurück führt.

Der Titel der Episode bezieht sich meiner Meinung nach direkt auf die alte Überlieferung des Treffens in Samarra. Die Geschichte lautet folgendermaßen: Der Diener eines reichen Kaufmanns aus Bagdad stößt auf dem Markt mit dem Tod zusammen, der ihn böse anzublicken scheint: erschrocken kehrt er nach Hause zurück und erzählt seinem Herrn: "Der Tod verfolgt mich, in der Nacht will er mich holen; leihe mir, o Herr, dein Pferd, ich will Tag und Nacht reiten und morgen in Samarra sein. Dort wird mich der Tod gewiß nicht finden." Der Herr leiht ihm also sein Pferd und geht dann selbst zum Markt. Dort sucht er den Tod auf und spricht ihn an: "Warum hast du meinen Diener so böse angeschaut?" Der Tod aber antwortet ihm: "Es muss sich wohl um ein Missverständnis handeln, dein Diener hat meinen Blick ganz falsch gedeutet: keineswegs wollte ich ihm drohen, ich war nur verwundert, ihn hier zu sehen, da ich doch morgen mit ihm in Samarra verabredet bin!"

Die falsche Deutung, der Verdacht schaffen erst die Voraussetzungen für das Zustandekommen einer Wahrheit, die implizit schon im Verdacht enthalten war. Die Wahrheit wird durch das Verkennen konstituiert. Hier greift, mit dem Philosophen Jacques Derrida gesprochen, die Logik des "wird gewesen sein": Die Illusion der Subjekte besteht darin, dass sie vergessen, ihre eigenen Taten zum Lauf der Dinge hinzu zu rechnen. Sie sind blind für Folgendes: „Es zählt, es ist gezählt und in dem Gezählten ist das Zählende schon enthalten.“ (Jacques Lacan)

In den ersten Minuten der Episode sehen wir Dean (Jensen Ackles) einen gewissen Dr. Robert aufsuchen (Robert Englund, der hier definitiv zu wenig zu tun bekommt) - mit einer Bitte: zu sterben! Aber nur für ein paar Minuten, so lange, dass er kurz mit Death sprechen und ihn um einen Gefallen bitten kann. Dean will Death seinen Ring zurückgeben, wenn Death dafür Sams Seele zurückholt. Death (Julian Richings) geht auf den Deal ein, aber unter einer Bedingung: Dean soll den Ring 24 Stunden lang tragen und Deaths Job verrichten.

Und er soll sich entscheiden, wer gerettet werden soll: Sam (Jared Padalecki) oder Adam. Oh, Adam, ich hatte ihn fast vergessen! An dieser Stelle nehmen wir, schätze ich, endgültig Abschied von ihm: denn die Serie fand nicht wirklich eine interessante Verwendung für den dritten Bruder. Also sagt Dean in Sekundenschnelle: Sam.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber Deaths Erscheinungsbild schien mir verändert - als wäre er müde geworden (ich weiß, er wird nicht müde) darüber, wie die Sterblichen immer wieder in seine Geschäfte eingreifen. Vor allem die Winchester-Brüder. Aber - wie schon gesagt - die falsche Deutung konstruiert die Wahrheit! Wie wir am Ende der Episode erfahren, will Death, dass Dean und Sam weiterhin die Balance stören, damit sie herausfinden, was überhaupt vor sich hin geht.

Die Mitte der Episoden-Erzählung mit Dean und Tessa (der Reaperin aus Death Takes a Holiday und My Time Of Dying), die Deaths Liste abarbeiten, wirkte zwar vorhersehbar und gelangte nach meinem Gefühl nicht recht zur erwarteten emotionalen Schwere, passte sich aber sehr gut in das Gesamtbild ein, das diese Episode malt: Alles ist vorhersehbar. Sogar Deans Rebellion ist mit eingerechnet. Es gibt kein Entkommen - wir sind gezählt; zwar macht der freie Wille den Zählvorgang komplexer, aber unterm Strich hat die Gleichung immer dasselbe Ergebnis. Es scheint, als seien Deans und Sams Auferstehungen in Deaths Augen nur Mittel zum Zweck, um die Balance der großen Gleichung zu sichern.

Etwas geht vor sich, sagt Death zu Dean, und es hat mit den Seelen zu tun. Wir erinnern uns, dass Balthazar (Sebastian Roche) dabei war, Seelen "aufzukaufen". Dazu die sich seltsam verhaltenden Monster, die Alphas, Crowleys Suche nach dem Purgatorium... Wie ist alles miteinander verbunden? Der Vampir-Alpha sagte: „We all have our mothers.“ Versuchen die Mütter, die Herrschaft über das Universum der Väter zu übernehmen - während Gott durch Abwesenheit glänzt und himmlische und höllische Ordnungen zerfallen?

In Appointment in Samarra rebelliert nicht nur Dean gegen das Schicksal, sondern auch Sam. Er will seine Seele nicht zurück haben und mit Balthazars Hilfe die Wiederkehr verhindern. Dafür muss er aber das Blut seines Vaters beschaffen: also einer Vaterfigur, wie Balthazar ihm erklärt. Sam macht sich tatsächlich daran, Bobby über die Klinge springen zu lassen, aber es funktioniert nicht ganz... Am Ende sehen wir, wie Death Sams Seele zurückbringt. Er verbarrikadiert, wie er es Dean versprochen hat, das schreckliche Trauma des Höllenaufenthalts hinter einer Mauer in Sams Kopf. Aber wie lange wird die halten? Wird Sam Erinnerungen haben? Wird er der alte Sam sein?

Das alles werden wir erst Ende Januar erfahren - und bis dahin ist es jedem Zuschauer überlassen, sein TV-Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Verfasser: Vladislav Tinchev am Sonntag, 12. Dezember 2010
Episode
Staffel 6, Episode 11
(Supernatural: Zur Hölle mit dem Bösen 6x11)
Deutscher Titel der Episode
Der Tod wartet in Samarra
Titel der Episode im Original
Appointment in Samarra
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 10. Dezember 2010 (The CW)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 6. Februar 2012
Autoren
Sera Gamble, Robert Singer
Regisseur
Mike Rohl

Schauspieler in der Episode Supernatural: Zur Hölle mit dem Bösen 6x11

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