Sunny: Kritik zu den ersten Folgen der Near-Future-Mysteryserie bei Apple TV+

Sunny: Kritik zu den ersten Folgen der Near-Future-Mysteryserie bei Apple TV+

Die US-amerikanische Sci-Fi-Mysteryserie „Sunny“ befasst sich auf ebenso spannende wie bissige Art mit ethischen Fragestellungen rund um die rasant fortschreitende Entwicklung künstlicher Intelligenz in Bezug auf die Robotik. Lest in unserem Review zu den ersten beiden Episoden, was uns an der Serie so gut gefällt.

Rashida Jones in der Serie „Sunny“
Rashida Jones in der Serie „Sunny“
© Apple TV+

Das passiert in den ersten beiden Episoden der Serie „Sunny“

Die in Japan lebende Suzie (Rashida Jones, Angie Tribeca) hat einen schweren Schicksalsschlag zu verarbeiten, da ihr Mann und ihr Kind kürzlich bei einem Flugzeugabsturz umgekommen sind. Als sich allerdings herausstellt, dass ihr Gatte Masa Sakamoto (Hidetoshi Nishijama, „Kamen Rider Black Sun“) keine Kühlschränke, sondern Roboter für einen mächtigen Techkonzern entwickelte, gerät ihr Leben gründlich aus den Fugen.

Plötzlich schenkt man ihr nämlich einen Bot namens Sunny, der von ihm programmiert wurde und dessen Code große Geheimnisse birgt. Zusammen mit der künstlichen Intelligenz macht sich Suzie daran, die Wahrheit über Masas Verschwinden und seine Arbeit herauszufinden, nicht jedoch, ohne dabei auf unlösbar scheinende Rätsel zu stoßen...

Hier schon mal der Originaltrailer zur Serie Sunny:

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Eine starke Idee

Streamingdienst und Chill mit Roboter in „Sunny“
Streamingdienst und Chill mit Roboter in „Sunny“ - © Apple TV+

Sunny“ befasst sich auf mitreißende und beinahe zynisch-humorvolle Art und Weise mit der Frage, wie sich künstliche Intelligenz in der nahen Zukunft entwickelt und was geschieht, wenn Roboter entweder eine Persönlichkeit entfalten oder die eines Menschen bis ins Detail nachahmen können. Wie nah würden die Maschinen dem Post-Personenstatus kommen? Müsste man sie gar als eigenständige Persönlichkeiten anerkennen? Und wie würden sich die großen Firmenbosse verhalten, wenn die vermeintliche Goldgrube plötzlich die drei Asimov'schen Robotergesetze aushebeln und damit eine potentielle Gefahr für die Menschheit würde?

Eingebettet sind diese interessanten, ins Posthumanistische gehenden Themen in eine pfiffige Geschichte mit kurzen, knackigen Episoden. In bester Thrillerserien-Manier siedelt die Serienerfinderin Katie Robbins (The Affair) den Plot in einer unbestimmten nahen Zukunft an und denkt den derzeit aktuellen technologischen Stand geschickt weiter. Besonders smart ist dabei die Idee, das Ganze ausgerechnet in Japan anzusiedeln, einem Land, in dem Menschen virtuelle Figuren heiraten dürfen. So wurde etwa im Jahr 2018 bekannt, dass der Japaner Akihiko Kondo die in dem Land äußerst populäre Animefigur Hatsune Miku heiratete, eine durchaus besorgniserregende Entwicklung.

Near-Future-Thriller

Dieses Setting macht den Near-Future-Thriller um den Home-Bot „Sunny“ um ein Vielfaches anziehender, zumal es das Autoren-Team hervorragend versteht, der vermeintlichen Haushaltshilfe eine starke menschliche Komponente zu verleihen. Während ihre neue Besitzerin Suzie der Wahrheit hinterherjagt und dabei auf ein undurchdringlich scheinendes Netz aus Schweigen, Lügen und Verstrickungen stößt, entpuppt sich der Roboter immer mehr als etwas ganz Besonderes.

Rashida Jones gelingt es allerdings auch, mit einer einzigartigen Art aus US-amerikanischer Kaltschnäuzigkeit, Trauer und Intelligenz, die Dialoge zwischen ihr und dem Bot stets humorvoll, aber auch so rätselhaft zu gestalten, dass am Ende der jeweiligen Szenen mehr neue Fragen auftauchen, als alte geklärt wurden. Das ist starkes Storytelling, gepaart mit einem hohem schauspielerischen Niveau, das bestens unterhält.

Schon in der ersten von insgesamt zehn Episoden stellt sich nämlich heraus, dass Suzies Mann Masa mehr als ein simpler Entwickler von Kühlschränken war. Einerseits leitete er offensichtlich die in der Serie zu sehende Homebot-Revolution maßgeblich mit ein, arbeitete andererseits aber auch heimlich an einem sogenannten „Dark Manual“, mit dem man die zahlreichen Sicherheitsprotokolle der künstlichen Intelligenzen überschreiben und neu programmieren kann. Auf diese Weise gelang es ihm womöglich, seinen Schöpfungen mehr Menschlichkeit zu verleihen, als den großen Bossen seines Arbeitgebers Imatech lieb ist.

Alles auf Anfang

Um das Publikum von Anfang auf diesen Umstand hinzuweisen, beginnt die Serie mit einer kurzen Rückblende, in der einer der Bots soeben einen Mitarbeiter mit den wütend hinausgeschrienen Worten „Ich liebe Dich“ mit einem Stuhl erschlägt. Klar, dass man jenen „kleinen Ausrutscher“ im Sinne der Gewinnmaximierung gerne totschweigen würde, wobei die Frage im Raum steht, ob Masas Dark Manual die Aushebelung des ersten Robotergesetztes (Ein Roboter darf keinen Menschen verletzten) überhaupt erst möglich machte.

Die Serienmacher treiben den Spannungsbogen von nun an dank eines recht schnellen Erzähltempos und regelmäßig eingestreuter Aha-Momente immer weiter in die Höhe, bis Suzie schließlich in Episode zwei in das gesperrte Labor 5 (eine Hommage an den beliebten 80er-Jahre-Film „Nummer 5 lebt“?) eindringt. Durch das Fenster eines Raums sieht sie in der entsprechenden Szene zwei einsame Hunde in einem eigens für sie eingerichteten Spielzimmer, in dem allerdings reichlich Blutspritzer auf dem Teppich und an der Wand kleben.

Die letzten Minuten der Folge nähren dann den schon im Serienauftakt geschürten Verdacht, dass Masa - und mit ihm ihr ebenfalls angeblich bei einem Flugzeugunglück gestorbener Sohn - noch leben könnte. Damit potenzieren sich die Fragen. Wenn Masa noch lebt, wo ist er dann? Was geschah mit ihm und dem Jungen? Was hat es mit dem mysteriösen Dark Manual auf sich, an das Suzie unter allen Umständen herankommen möchte, um Sunnys Sicherheitsprotokolle zu umgehen? Und überhaupt? Was oder wer ist Sunny? Warum erinnert sie in einigen Details so sehr an Masa, dass sich sogar eine freundschaftliche Beziehung zwischen der KI und der Frau entwickelt?

Ein Hauch Philosophisches

Mit Roboter am Wasser. Szenenfoto aus „Sunny“
Mit Roboter am Wasser. Szenenfoto aus „Sunny“ - © Apple TV+

Vor allem das Geheimnis um den Bot und die sich intensivierende Beziehung zwischen Mensch und Maschine münden bei allem Unterhaltungswert in interessanten ethischen Fragestellungen. Wenn Suzie beispielsweise Sunny bittet, sich zu ihr ins Bett zu legen, damit sie nicht allein ist, oder die Barkeeperin erzählt, sie nutze das Dark Manual, um Sex mit ihrem Roboter zu haben, fühlt man sich stellenweise auf unangenehm angenehme Weise an die leider zu früh abgesetzte Serie Almost Human oder dem sogar noch besseren schwedisches Original Real Humans erinnert.

Aber auch die Frage nach einem eigenen Willen, oder ob Computer im Sinne einer starken künstlichen Intelligenz denken können (vgl. hierzu etwa das hervorragende Buch „Kann der Bordcomputer denken?“ der Medienwissenschaftlerin Rebecca Haar), stehen im Raum. Damit ergibt sich abgesehen vom angenehmen Erzähltempo, der starken schauspielerischen Leistung der Darstellenden sowie den ausgiebigen Thrillerelementen eben auch eine auf intellektueller Ebene gut funktionierende Komponente, die zu einem durchweg runden Gesamteindruck führt.

Fazit

Wie oben bereits erwähnt, ist „Sunny“ von den ersten beiden Episoden ausgehend eine erzählerisch ansprechende, unterhaltsame Serie, die neben dem hohen Spannungsbogen nachdenkenswerte Fragen aufwirft und das KI-Szenario klug und angereichert mit einer Prise Zynismus weiterdenkt. Gerade die Tatsache, dass der titelgebende Hausroboter so süß naiv gezeichnet ist, dass wir uns beinahe in einer Jugendserie wähnen, bildet einen starken Kontrast zum eigentlich düsteren, geheimnisumwobenen Plot. Das steigert die Attraktivität enorm und sorgt dafür, dass die nur etwa 35-minütigen Episoden - auch dank des knacken Erzähltempos - flott von der Hand gehen und Spaß machen. So darf es gerne bis zur finalen Episode zehn weitergehen. Bitte weiter so!

Wir vergeben viereinhalb von fünf Homebots.

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