
© ??Sun Records“ / (c) CMT
Musikserien haben in den letzten Jahren einen kleinen Aufschwung gefeiert und sich erfoglreich eine eigene Nische in der weiten Serienwelt geschaffen, was heutzutage nicht selbstverständlich ist. Ob Nashville, Glee, Empire, The Get Down, Galavant oder Crazy Ex-Girlfriend, diese Formate, in denen es zum musikalischen Genremix kommt, haben längst ihr Publikum gefunden und erfreuen sich mitunter großer Beliebtheit. In manchen Produktionen wird dabei mehr Wert auf Musik- und Gesangseinlagen gelegt, in anderen dient das musikalische Element eher als passende Begleitung, um Einblick in die facettenreiche Welt des Musikgeschäfts zu geben.
Der Serienneustart Sun Records von Leslie Greif (Walker, Texas Ranger, Texas Rising) fällt sicherlich in die zweite Kategorie, schickt man sich bei diesem ambitionierten TV-Projekt von dem US-amerikanischen Kabelsender CMT doch an, intensiv die Geschichte des gleichnamigen Plattenlabels zu beleuchten. Von Musikproudzent Sam Phillips anfang der 1950er Jahre in Memphis, Tennessee gegründet, war „Sun Records“ bedeutend für die Entwicklung diverser Musikrichtung, so zum Beispiel auch der klassischen Rock 'n' Roll-Musik. Außerdem entdeckte Phillips einige der größten Musiker aller Zeiten, darunter ein gewisser Elvis Presley oder auch Johnny Cash.
How It All Started
Diese Charaktere treten dementsprechend auch in der Serie auf, die sich inhaltlich zum einen Phillips Werdegang sowie die Entwicklung seines Labels widmet und zum anderen einen Blick auf die kommenden Musiklegenden wirft, die ihre ersten Schritte im Geschäft wagen. Die Geschichte, basierend auf dem Musical „Million Dollar Quartet“ von Floyd Mutrux und Colin Escott, bietet genug Futter, um hochinteressante Einblicke zu liefern, auch wenn man sich thematisch sicherlich an ein eher spezielles Publikum wendet. Bei CMT - eigentlich kurz für „Country Music Television“, mittlerweile aber eine Bezeichnung, von der man sich ein wenig distanziert hat - könnte man auf der Suche nach Zuschauern aber eventuell fündig werden.
First Session
Der Sender, in den USA eher bekannt für Reality- und Musik-Shows, traut sich in den Bereich fiktiver, gescripteter Formate vor, was zunächst einmal ein spannender Prozess ist. Qualitativ könnte „Sun Records“ aber genau das passieren, was bei so vielen aktuellen Serienproduktionen im Nischenbereich der Fall ist: das Format wird schlichtweg nicht beachtet und verschwindet recht schnell wieder. Leider muss man nach der Pilotepisode zugeben, dass Leslie Greif und sein Autorenteam auch nicht besonders viel dagegen tun, um diese mögliche Entwicklung zu verhindern.
Letztlich liefert man ein grundsolides Produkt mit ordentlichen Darbietungen der Schauspielerriege sowie ein paar netten musikalischen Einlagen ab. Im Großen und Ganzen fehlt „Sun Records“ aber das gewisse Etwas, ein besonderes, einzigartiges Flair, das mich als Zuschauer komplett fesseln und mitreißen kann. Die Inszenierung fühlt sich gelegentlich ein wenig bieder und monoton an, was sich wiederum auf die Erzähldynamik auswirkt, der oftmals Verve und Tempo fehlt. Ein Grund dafür ist mitunter auch die Struktur der Erzählung und der zu plumpe Einsatz von klassischer Exposition, die wir so oder so ähnlich schon tausend Mal zuvor im Fernsehen gesehen haben. Frische Ideen? Fehlanzeige.

Nothing But Trouble
Das mag nun etwas harsch klingen, doch bei all der Konkurrenz muss man sich im heutigen Seriengeschäft auch einfach ein paar Sachen trauen und eben nicht nur konventionell vorgehen, wie es in Sun Records die meiste Zeit der Fall ist. Ein generelles Interesse an der Thematik ist bei mir ja vorhanden, der Einstieg in diese Welt ist jedoch so herkömmlich und uninspiriert, dass es fast schon ein wenig ärgerlich ist. Anstelle so linear wie in der Pilotepisode die verschiedenen Charaktere einzuführen, hätte man doch viel mehr mit der Musik dieser Zeitepoche arbeiten und die Figuren weniger stiefmütterlich behandeln können. Die origin story von einem Elvis Presley oder Johnny Cash ist hier nicht wirklich spannend oder interessant in Szene gesetzt, eher klischeehaft und platt.
Beide kommen aus schwierigen Familienverhältnissen, führen aber eine tiefe Beziehung zur Musik. Mehr muss man eigentlich auch gar nicht wissen. Trotzdem bekommen wir mehrere Szenen von den beiden zu sehen, die mir letzten Endes nicht sehr viel mehr geben können als den Satz, den ich gerade formuliert habe. Den beiden Darstellern Drake Milligan und Kevin Fonteyne möchte ich aber keine großen Vorwürfe machen, vor allem ersterer passt wie die Faust aufs Auge als junger Elvis Presley, der gerade erst die Musik für sich entdeckt und voll und ganz in diesem Element aufgeht. Die Charakterzeichnungen per se sind jedoch leider etwas fad, so nah man sich auch an der Realität und Historie bewegt.
Anything, Anywhere, Anytime
Für eine Serie über die Anfänge des Rock 'n' Roll geht „Sun Records“ schlichtweg der Schwung abhanden, was eventuell auch damit zusammenhängt, dass man nicht die größten finanziellen Möglichkeiten besitzt, um der Geschichte etwas Feuer einzuhauchen. Als eine Art treibende Kraft verlässt man sich sehr viel auf Chad Michael Murray, neben Billy Gardell (der den exzentrischen Colonel Tom Parker spielt, der notorische Manager von Elvis Presley) der bekanntesten Name der Produktion, was grundsätzlich auch funktioniert. Tatsächlich geht von Murrays Sam Phillips noch die meiste Energie in der gesamte Pilotepisode aus, will der tatenfreudige Musikproduzent doch um jeden Preis durchstarten - was einfacher gesagt als getan ist.
Open Your Soul
Mit dieser Figur fiebert man noch am meisten mit, wobei man auch hier einige Abstriche machen muss, weil die Autoren es sich nicht verkneifen können, ebenfalls tief in die Kiste der TV-Tropes zu greifen, um diesem Charakter Ecken und Kanten zu geben. Die Affäre mit seiner treuen Assistentin fühlt sich so an, als hätte man sie noch schnell in das Drehbuch zur Pilotfolge mit reingeschrieben, um etwas Reibung zu erzeugen. Originell oder schockierend ist es aber nicht. Murray kann jedoch einiges mit seinem Charme herausholen und ist die richtige Wahl für Sam Phillips, dem man in jeder Faser seines Daseins anmerkt, dass er das Musikgeschäft revolutionieren möchte, große Pläne verfolgt und sich nicht von diesen abbringen lässt. Diese Überzeugung von Sam Phillips gibt dem oft zu zahmen „Sun Records“ einen bitter nötigen Puls.
Der Neustart von CMT leistet sich schlussendlich nicht wahnsinnig grobe Schnitzer und spielt seinen Stiefel sehr unauffällig, aber solide herunter. Aus diesem Grund landet man aber auch im Mittelmaß und geht höchstens als durchschnittliches Produkt durch, das so viel Potential für eine weitaus spannendere und aufregendere Geschichte hat, als das, was die Auftaktfolge von Sun Records letztlich geworden ist. Etwas mehr Mut zum Risiko hätte eventuell schon ausgereicht. So bleibt nur ein mittelmäßiges Produkt, das weder richtig swingt noch rockt, sondern einfach nur da ist. Wo Rock 'n' Roll draufsteht, ist in der ersten Folge von „Sun Records“ leider nur Stehblues drin. Wie ärgerlich.
Trailer zu „Sun Records“: