John Sugar: Review der Pilotepisode der Apple-TV+-Serie

John Sugar: Review der Pilotepisode der Apple-TV+-Serie

Mit den ersten beiden Episoden des Detektiv-Thrillers „Sugar“ beweist Superstar Colin Farrell einmal mehr, welch grandioser Schauspieler er ist. Darüber hinaus erzählt die Serie eine nach klassischem Vorbild und mit modernen Stilmitteln aufgepeppte Geschichte mit interessanten Schauwerten.

Colin Farrell in „Sugar“
Colin Farrell in „Sugar“
© AppleTV+

Das passiert in der Serie „Sugar“

Sugar (Colin Farell) ist ein Gentleman-Detektiv alter Schule, der auf die Suche nach vermissten Personen spezialisiert ist. Seine Kunden entstammen der High Society, weshalb Diskretion in seinem Job oberstes Gebot ist. Als er von dem berühmten Filmproduzenten John Siegel (James Cromwell) engagiert wird, dessen verschwundene Enkeltochter Olivia (Sydney Chandler) aufzuspüren, bricht er jedoch mit dem Grundsatz, seine Fälle nicht zu sehr an sich heranzulassen. Denn Olivia erinnert ihn an seine Schwester, derer Schicksal der Auslöser für Sugars Berufswahl war. Der Fall erweist sich indes komplizierter als gedacht, denn ausgerechnet Jonathans Sohn Bernie (Dennis Boutsikaris) und sein Enkel David (Nate Corddry) legen dem Privatdetektiv schwer auszuräumende Steine in den Weg.

Was haben die Siegels zu verbergen und warum liegt im Kofferraum von Olivias Wagen die Leiche eines Vergewaltigers und Mörders? Das sind Fragen, denen John nur langsam, aber hartnäckig auf die Spur kommt…

Die gute alte Hollywood-Schule

Wenn man als Fan klassischer Hollywood-Schinken die ersten beiden Episoden von „John Sugar“ schaut, fühlt man sich auf angenehme Weise sofort in die gute alte Zeit zurückversetzt. Die Referenzen an Superstars wie Clark Gable, Humphrey Bogart und Stummfilmikonen wie Buster Keaton sind in der Serie nämlich geradezu omnipräsent vertreten. Das verwundert kaum, denn der von Colin Farrell preisverdächtig gespielte Privatschnüffler John Sugar ist im Großen und Ganzen eine gelungene Mischung aus Dick Tracey und James Bond. Das kommt schon in Äußerlichkeiten wie schicken Oldtimern, edlen Anzügen und sündhaft teuren Drinks zum Tragen und setzt sich nicht zuletzt in dem Stilmittel der von ihm selbst aus dem Off vorgetragenen Gedankenwelt des Ermittlers fort. Wie die großen Schnüfflerlegenden kommentiert Sugar seine neuesten Erkenntnisse, teilt uns Überlegungen zu gerade befragten Personen mit oder lässt uns an seiner Vergangenheit teilhaben, die sich allmählich vor den Zuschauenden ausbreitet.

Doch auch charakterlich ist John Sugar ein Held der alten Schule. Er ist wohl erzogen, höflich, pflegt einen gehobenen Umgangsstil und ist allen Menschen gegenüber stets freundlich und zuvorkommend. Er ist ein ausgezeichneter Kämpfer, doch hasst es, andere Menschen zu verletzten.

So verwendet er seine Fähigkeiten nur zur Verteidigung oder wenn es darum geht, ein Leben zu retten. Waffen verabscheut er und verlässt sich stattdessen lieber auf seine Manieren und seinen messerscharfen Verstand. Darüber hinaus ist John aber auch bestens in der Nutzung moderner Hilfsmittel geschult, eine dramaturgische Entscheidung, die das Drehbuch in die moderne Zeit hebt, ohne dabei aufdringlich das Retro-Feeling der Geschichte zu stören.

Retro-Charme

Denn das nicht nur Colin Farell selbst (der übrigens auch als Executive Producer fungiert), sondern auch Serienerfinder Mark Protosevic („Thor“ ein Fan des klassischen Actionkinos und Detektiv-Genres ist, wird schon in den ersten Minuten genüsslich zelebriert. John dringt in Japan in eine Wohnung ein, in der ein entführtes Mädchen gefangen gehalten wird.

Obwohl er dem Entführer eine faire Chance lässt, entscheidet dieser sich für den Kampf und verliert selbstverständlich. Das große Pech des Schuldigen ist, dass der Vater der Kleinen ein mächtiger Yakuza-Boss ist, der nun auf Rache sinnt. Sugar verlässt den Ort und begibt sich in sein Nobelhotel.

Dieser Einstieg ist nicht nur spannend inszeniert, sondern auch in schwarz-weiß gehalten, um den Grundgedanken der Serie geradezu plakativ zu transportieren. Die restliche Serie ist dann natürlich weitestgehend in moderner Farbgebung gestaltet (kein Technicolor-Look also), doch immer mal wieder greift das Produktionsteam auf jenes Stilmittel zurück, etwa wenn John in seinem schicken Sportwagen mit offenem Verdeck von einem Ermittlungsort zum anderen fährt. Auch die aus den James-Bond-Filmen bekannte sich öffnende und schließende Linse in den bis heute klassisch gehaltenen Openern imitieren Protosevic und Regisseur Fernando Meirelles auf spielerische Art und schaffen damit ein erfrischendes visuelles Erlebnis.

Die Geschichte

Was die Story anbelangt, könnte auch diese beinahe der goldenen Zeit der Traumfabrik entsprungen sein. Der berühmte alternde Filmproduzent Jonathan Siegel vermisst seine drogensüchtige, aber cleane Enkelin und beauftragt John damit, sie zu finden. Dabei wird der Detektiv in eine undurchsichtige Geschichte hineingezogen, in der jeder irgendetwas zu verbergen hat und niemand niemandem trauen kann. Als Publikum sind wir John oft, aber nicht immer einen Schritt voraus, so erfahren wir zum Beispiel, warum Jonathans Sohn Bernie Sugar beschatten lässt, nicht aber, was mit Olivia geschah.

Die geschickte Plotkonstruktion sorgt gerade für genug Input, ohne den Spannungsbogen abflachen zu lassen. Denn im Laufe seiner Untersuchungen trifft John auf immer neue Personen, die auf die ein oder andere Art in den Fall verstrickt sind. Dann findet er eine Leiche im Kofferraum der Vermissten und kommt damit einem Vergewaltiger und Mörder auf die Spur.

Dank solcher Informationshappen wird es nie langweilig, weil uns die Serie Bröckchen um Bröckchen zum Fraß vorwirft, ohne auch nur annähernd ins Detail zu gehen. Gepickt ist das Ganze mit einigen routiniert inszenierten Actionszenen, die zwar durchaus hart, aber nie unnötig brutal gestaltet sind.

Colin Farell ist John Sugar

Interessant ist zudem, dass Colin Farrell in „John Sugar“ nicht nur geradezu genial in die Rolle seines Alter Egos hineinschlüpft, sondern auch viele Details seines eigenen Lebens einfließen lässt. Beispielsweise spielt das Thema Sucht in der Serie eine große Rolle. Es dürfte allgemein bekannt sein, dass Farrell ein Alkohol- und Drogenproblem hat. Erst 2018 wies er sich erneut nach einem Rückfall in eine Entzugsklinik ein. Wenn Sugar also während seiner Ermittlungen auf eine alkoholkranke Schauspielerin trifft oder einem Kokainabhängigen hilft, den er später tot in einem Motel auffindet, spielt der Mime in diesen Situationen sich selbst und trifft mit seinen Off-Kommentaren mitten ins Herz. Außerdem ist Farrell wie Sugar trotz oder gerade wegen seines Jobs sozial engagiert, mitfühlend und warmherzig, klasse.

Fazit

Abschließend lässt sich also festhalten, dass Sugar bislang alles richtig macht und beinahe perfekte Unterhaltung bietet. Colin Farrell zeigt sich in bester Spiellaune, die Inszenierung weist eine tolle Mischung aus Retro-Charme und modernen Elementen auf, die Referenzen an die großen Klassiker machen Spaß und die Story ist undurchsichtig genug, um bei der Stange zu halten.

Hinzu kommt ein gutes Gefühl für das Erzähltempo, eine aparte und interessante Gentlemen-Hauptfigur sowie eine großartige Nebenbesetzung. Viel besser kann man es eigentlich nicht machen. Dafür gibt es von uns die volle Punktzahl.

Wir vergeben fünf von fünf Punkten.

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Hier abschließend noch der Trailer zur Serie „Sugar“:

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