Stranger Things 3x01

Stranger Things 3x01

Unser aller 80er-Jahre-Lieblingsmixtape Stranger Things feiert am heutigen Donnerstag seine Rückkehr beim Streaminganbieter Netflix. In der dritten Staffel des Mystery-Coming-of-Age-Dramas gibt es von allem ein bisschen mehr. Der hohe Unterhaltungswert ist nicht abzustreiten. Und dennoch macht sich eine gewisse inhaltliche Leere bemerkbar...

„Stranger Things“ (c) Netflix
„Stranger Things“ (c) Netflix
© ??Stranger Things“ (c) Netflix

Es ist die Serie, die Marke, der Titel schlechthin für das Medienunternehmen Netflix: Stranger Things. Seitdem die Retroserie der beiden Brüder Matt und Ross Duffer im Sommer 2016 auf der Streamingplattform ihre Premiere feierte, ist für Netflix gefühlt eine neue Zeitrechnung angebrochen. Mit der im peppigen 80er-Jahre-Stil gehaltenen Genreserie, die mit popkulturellen Referenzen geradezu zugepflastert ist, traf man auf Anhieb den Nagel auf den Kopf. „Stranger Things“ passte einfach hervorragend in den Zeitgeist. Die charmanten Kleinstadtabenteuer der jugendlichen Protagonist/-innen um die mächtige Eleven (Millie Bobby Brown) weckten in vielen Zuschauerinnen und Zuschauern eigene Erinnerungen an die gute alte Zeit, als man mit den besten Freunden durch die leeren Straßen seines Heimatortes radelte, sich komplett seiner kindlichen Fantasie hingab und das Leben per se ziemlich unkompliziert war.

Die nahezu perfekte Symbiose aus wohliger Nostalgie, aufregender Monstergeschichte und nachvollziehbaren Coming-of-Age-Elementen mobilisierte Massen an Fans und treuen Zuschauerinnen und Zuschauern, in deren Serienherzen „Stranger Things“ einen ganz besonderen Platz einnimmt. Nach einer zweiten Staffel, die zwar nach wie vor vertraute Gefühle hervorrufen konnte, aber die Meinungen auch durchaus spaltete, präsentiert man uns nun das dritte Kapitel der Saga - passend zum amerikanischsten Feiertag überhaupt, den 4. Juli, also den Unabhängigkeitstag. Und so, wie an diesem Tag in den USA allerorts mit reichlich Feuerwerkskörpern und ausladenden Festen auf den Putz gehauen wird, fahren auch die Gebrüder Duffer in den neuen acht Episoden von „Stranger Things“ schwere Geschütze auf, um den Effekt ihrer wohlig-nostalgischen Erzählung zu potenzieren.

Das Resultat: Die dritte Staffel von „Stranger Things“ macht ungemein und mitunter sogar absurd viel Spaß. Plot ist König, so lautet offensichtlich die Devise, und ebenjener Plot wird herrlich flott und variabel erzählt, ohne große Ruhepausen, was jedoch alles andere als anstrengend ist. Ganz im Gegenteil: Als Außenstehende/-r lässt man sich nur zu gerne mitreißen und letztlich ist „Stranger Things“ genau das, was man ab und zu einfach braucht: eine harmlose, herzliche Popcorn-Serie. Mit voller Absicht türmen sich in den neuen Folgen die Genretropen (fiese Sowjets als Widersacher, die Irrungen und Wirrungen komplizierter Teenagerliebe, „Odd Couple“-Dynamiken, wohin man auch schaut), denn das Gezeigte soll allen voran eine Funktion erfüllen: Die Zuschauer/-innen sollen sich gut fühlen.

So wird „Stranger Things“ auf das Einfachste runtergebrochen, das sich in der Netflix-Produktion verbirgt. Und das ist... okay? Also, wenn man genau das sehen möchte. Denn, wer sich womöglich erhofft, dass die verschiedenen Charaktere große Sprünge innerhalb der acht neuen Episoden vollführen, der darf sich von den Machern keinesfalls an der Nase herumführen lassen. Grundsätzlich passiert an dieser Front nämlich denkbar wenig, auch wenn man alles dafür tut, um mit überschaubarem Aufwand Figuren weiterzuentwickeln. Da reicht auch mal eine einzige Dialogszene, um jemanden erkennen zu lassen, was sie oder er wirklich vom Leben will. Nun kann man die Frage stellen, ob das wirklich problematisch ist, wenn man sich doch im Klaren darüber ist, was „Stranger Things“ darstellt. Sicherlich kein tiefgreifendes Charakterdrama. Sondern eben ein kurzweiliges 80er-Jahre-Vehikel, in dem mit hoher Schlagzahl und stilsicher eine Feel-Good-Illusion abgeliefert wird.

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Netflix
Netflix - © Netflix

Die dritte Staffel von Stranger Things spielt im Sommer des Jahres 1985 - und was für ein Sommer das für unsere jungen Heldinnen und Helden ist. Ein funkelnder Einkaufstempel ist zum neuen Epizentrum des beschaulichen Hawkins im beschaulichen US-Bundesstaat Indiana geworden und während die Altstadt des kleinen Örtchens immer mehr verwaist, steppt in der Starcourt Mall der Bär. Auch unsere Freunde finden sich natürlich inmitten all der verlockenden Geschäfte und Fressbuden wieder, wobei Eleven nach wie vor von ihrem Ziehvater Jim Hopper (David Harbour) konsequent von der Außenwelt abgeschirmt wird. Aber: „A girl just wants to have fun“, und die Möglichkeiten sind endlos. Zwischen der telekinetisch begabten „El“ und Mike (der etwas in die Höhe geschossene Finn Wolfhard) hat sich darüber hinaus eine kleine Jugendliebe entwickelt, die nicht jeder gutheißt. Für manch eine/-n geht das dann doch alles zu schnell, dieses Erwachsenwerden und das damit einhergehende Auseinanderleben von alten Weggefährten, die doch vor gar nicht allzu langer Zeit völlig unzertrennbar gewesen sind.

Aber was führt gute Freunde wieder zusammen? Genau, ein Abenteuer! Da trifft es sich, dass in Hawkins abermals merkwürdige Dinge vor sich gehen, die an die letzten Auseinandersetzungen mit mystischen Monstern aus einer gespenstischen Parallelwelt erinnern. Und Tatsache: Der „Mind Flayer“ ist zurück und setzt zu einem gewaltigen Gegenangriff an, um die Welt der Menschen ein für alle Mal zu unterjochen! Und wem haben wir das zu verdanken? Den machthungrigen Sowjets natürlich, die Hawkins in bester „Red Dawn“-Manier klammheimlich invadiert haben und die Höllenpforte ins Schattenreich des erbarmungslosen Monsters nach der Versiegelung am Ende von Staffel zwei wieder öffnen wollen. Aber nicht mit Mike, El, Dustin (Gaten Matarazzo), Lucas (Caleb McLaughlin), Will (Noah Schnapp) (jetzt ganz offiziell ein menschlicher Geigerzähler für übernatürlichen Krimskrams), Max (Sadie Sink), Steve (Joe Keery), Nancy (Natalia Dyer) und wie sie alle heißen! Nach ein wenig Vorgeplänkel beginnt schon bald die Suche nach Antworten, die in einem alles entscheidenden Kampf gegen das pure Böse endet...

Was ein Pulp! Wie kann man sich nicht von dieser übertriebenen, sich völlig ihrer eigenen Absurdität bewussten Geschichte angesprochen fühlen? Wie immer: Geschmackssache. Doch, wenn es den eigenen Geschmack trifft, dann weiß die dritte Staffel von „Stranger Things“ sehr zu gefallen, weil man eine recht simple Erzählung, die hier und da mit ein paar Schnörkel verziert wird, sehr zielgerichtet und selbstbewusst Stück für Stück vorantreibt. Fragen bezüglich Logik, wissenschaftlicher Erklärungen und Mythologie werden zur Nebensache, denn letztlich handelt es sich um eine weitere „Quest“, die die „Party“ bewältigen muss, als würden sie im Spielkeller fleißig Schadenswerte und Erfolgsaussichten auswürfeln. Ihre Gegner: gruselige Körperfresser, angeführt von Vorzeigeprolet Billy (Dacre Montgomery), dessen Charakter endlich einen Sinn hat. Das russische Militär, inklusive eines sowjetischen „Terminator“-Verschnitts. Und ein eigentlich viel zu übermächtiges Schattenmonster.

Bis all diese Komponenten letzten Endes gekonnt in einem großen Topf miteinander verrührt werden, teilt sich die Staffel in mehrere verschiedene Handlungsstränge auf, die schließlich kurz vor dem Finale zusammengeführt werden. So wird zum Beispiel Dustin von seiner Freundesgruppe isoliert und mit Steve, seinem großen Bruder im Geiste, kombiniert. Steves Arbeitskollegin Robin (sehr gut: Maya Hawke, Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke) und Lucas' kleine, vorlaute Schwester Erica (Priah Ferguson) runden diese eigenwillige Teamkombination ab, während Eleven und Max kurzzeitig ihr eigenes Ding als power couple durchziehen. Mike, Lucas und Will sind zwischenzeitlich komplett abgemeldet, Joyce (Winona Ryder) jagt gemeinsam mit Hopper einem Mysterium nach und Nancy, unterstützt von Jonathan (Charlie Heaton), versucht sich als Nachwuchsreporterin.

Sämtliche Teile sind permanent in Bewegung, die verschiedenen Charakterkonstellationen fühlen sich frisch an und unterscheiden sich voneinander, erst am Ende der Staffel bilden sie alle eine Einheit. Die anfängliche Distanz zwischen den Figuren ist etwas ungewohnt, aber genau der richtige Schritt, um nicht in einen gewissen Trott zu verfallen, den man zum Beispiel auch in der zweiten Staffel hat beobachten können - selbst wenn sich in dieser Eleven für kurze Zeit komplett abgekapselt hatte. In Staffel drei trägt es wiederum entscheidend zur Kurzweiligkeit der Erzählung dabei, dass wir immer wieder problemlos den Ort des Geschehens wechseln können, ohne dass groß Langeweile aufkommt oder ein herber Spannungsabfall festzustellen ist. Die Duffer-Brüder machen etwas aus ihrem mittlerweile doch recht großen Ensemble und können sich dabei auf ihre Darstellerriege verlassen, die unverändert hervorragend miteinander harmoniert.

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Netflix - © Netflix

Doch wie bereits erwähnt verbleibt Stranger Things in seiner dritten Staffel, was seine Charaktere angeht, für die meiste Zeit an der Oberfläche. Wenn überhaupt, begibt man sich nur ganz knapp darunter. Es ist schön mit anzusehen, dass Eleven weiter eine eigene Persönlichkeit formt und um sie herum bekommt so gut wie jeder Charakter mindestens einen Moment der Selbstfindung zugeschustert, in dem sie oder er sich hinterfragt oder sich damit auseinandersetzt, wie es in der unmittelbaren Zukunft weitergehen soll. Aber da haben wir's auch schon: Es sind Momente. Momente, die durchaus eine emotionale Wucht in sich tragen, aber eigentlich unzureichend etabliert sind, weil die acht sehr actiongeladenen Episoden schlichtweg nicht mehr hergeben. Wir nehmen im Schnelldurchlauf am Erwachsenwerden der jugendlichen Hauptfiguren teil und diese Achterbahnfahrt ist unbefangen, dynamisch, amüsant, spannend und manchmal sogar sehr schockierend, brutal oder zutiefst bewegend.

Aber wie es eben bei einer Achterbahnfahrt so ist, erinnert man sich nach dem Aussteigen eher weniger an die dritte Steigung oder die scharfe Linkskurve, nachdem es ganz kurz nach unten gegangen war. Man erinnert sich an den generellen Thrill, das Gefühl. Und nur wenige Serien bringen dieses so effektiv auf den Punkt wie „Stranger Things“. Kann man diese Methodik und teilweise vielleicht sogar diese Manipulation der Netflix-Produktion nun zum Vorwurf machen? Oder wissen Matt und Ross Duffer einfach nur sehr clever, die Stärken ihrer Show einzusetzen? Am Ende hat man ja dennoch Spaß, oder etwa nicht? „Stranger Things“ funkelt und strahlt und glitzert in den neuen Folgen so sehr wie selten zuvor, es ist inzwischen alles etwas größer und lauter als zuletzt - und davon kann man sich definitiv einnehmen lassen. Doch all der Terz kann eben auch sehr heftig blenden.

Neben diesem ganz allgemeinen Phänomen von „Stranger Things“, das bei weitem nicht neu, in Staffel drei jedoch allgegenwärtiger als jemals zuvor ist, bietet es sich an, noch ein paar einzelne Aspekte der acht Folgen hervorzuheben. So fällt zum Beispiel auf, dass es die meiste Zeit die weiblichen Charaktere sind, die den Ton angeben, den Plot vorantreiben und aktiv an Lösungen arbeiten, während ihre männlichen Gegenüber vielmehr eine unterstützende Funktion übernehmen. Ein angenehmer Kniff der Drehbuchautoren, um alteingesessene Geschlechterrollen und -dynamiken ein wenig auf den Kopf zu stellen und obendrein deutlich zu machen, dass die Welt der Nerds, popkultureller Referenzen und Nostalgieliebe keineswegs männlich dominiert ist. Diese Darstellung war in „Stranger Things“ zuvor stellenweise etwas problematisch (Winona Ryder hatte es in ihrer Rolle als hysterische Mutter nicht wirklich leicht) und wird jetzt dementsprechend mit Erfolg angepasst.

Ebenfalls sehr auffällig ist der bisweilen schamlose Einsatz von Produktplatzierung, so dass man sich gelegentlich so vorkommt, als wäre man mitten in einen Werbespot eines Cola-Herstellers reingeplatzt. Tatsächlich weist Netflix in einer Episode ganz explizit darauf hin, dass diese Produktplatzierung enthält. „Stranger Things“ ist eben das perfekte Paket für etwaige Marken und Unternehmen, Aufmerksamkeit zu generieren und „Synergien zu erzeugen“, spielt sich die Handlung doch zur Hochzeit der Kommerzialisierung der USA ab, als die Eröffnung von monströsen Einkaufszentren das Aus für mittelständische Kleinunternehmer/-innen bedeutete. Diese Facette wird sogar kurz thematisiert und irgendwo versteckt sich ein beißender gesellschafts- und konsumkritischer Kommentar in dieser Randnotiz, wäre es nicht so heuchlerisch, weil die Serie, ihre Macher und Netflix selbst so sehr von dieser Entwicklung profitieren. Betrachtet man das Ganze näher, hat es doch einen eher faden Beigeschmack, aber den Kapitalismus in seinem Lauf hält eben wirklich niemand mehr auf.

Abschließend - und das, ohne Spoiler zur Finalepisode der dritten Staffel zu teilen - möchte ich noch kurz auf eine Punkt eingehen, der mich bereits am Ende der zweiten Staffel beschäftigte. Es geht darum, dass es in der Welt von Stranger Things ja eigentlich nicht ewig so weitergehen kann, auch wenn Netflix sicherlich nichts dagegen hätte. Wo ich am Ende von Staffel zwei den Eindruck hatte, dass wir uns bereits in einer kleinen, sich immer wiederholenden Zeitschleife befinden, stößt das Ende der dritten Staffel nun wahrlich neue Tore auf. Die Entscheidung ist mutig, aber eben auch schlüssig, denn irgendwann müssen wir alle das Alte hinter uns lassen und dem Neuen beherzt entgegentreten. Man findet sogar einen durchaus rührseligen, sehr emotionalen Schlusspunkt, wäre da nicht eine Post Credits-Szene, mit der man sich vieles wieder einreißt, was man zuvor aufgebaut hat... Und so ist „Stranger Things“ womöglich dann doch auf ewig dazu verdammt, das zu bleiben, was es ist. Aber, wenn es halt funktioniert und doch so viel Spaß macht...

Hier zum Abschluss noch der Trailer zur neuen Staffel der US-Erfolgsserie „Stranger Things":

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 4. Juli 2019

Stranger Things 3x01 Trailer

Episode
Staffel 3, Episode 1
(Stranger Things 3x01)
Deutscher Titel der Episode
Suzie, hörst du mich?
Titel der Episode im Original
Chapter One: Suzie, Do You Copy?
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 4. Juli 2019 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 4. Juli 2019
Autoren
Matt Duffer, Ross Duffer

Schauspieler in der Episode Stranger Things 3x01

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