Stranger Things 2x09

© avid Harbour als Chief Hopper in der zweiten Staffel von „Stranger Things“ / (c) Netflix
Ich habe vor kurzem erst ein paar Zweifel geäußert, ob die zweite Staffel von Stranger Things an die Erfolgsgeschichte aus dem letzten Jahr anknüpfen kann. Und ich bleibe dabei, die ersten vier Folgen der neuen Staffel des Netflix-Retro-Dramas haben mich etwas ernüchtert zurückgelassen und verdienen sich meiner Meinung nach gerade mal das Prädikat „okay“. Neben Problemen bei der Charakterzeichnung und mehr vom gleichen 80er-Jahre-Brei, ist mir hier vor allem das - diplomatisch ausgedrückt - sehr behutsame Erzähltempo ein Dorn im Auge.
Wo es die erste Staffel von „Stranger Things“ gekonnt schafft, dem Zuschauer keine Verschnaufpause zu gönnen und die Schlagzahl stets auf einem sehr hohen, packenden Niveau zu halten, kommt es einem in der ersten Hälfte der zweiten Staffel gelegentlich so vor, als würde die Geschichte ein wenig vor sich hindümpeln. Man kann sich nach wie vor am Charme des Settings und der Darstellerriege festhalten, irgendwie fehlt aber das gewisse Etwas, die eine Sache, die einen unentwegt mitreißt. Dies kann weder durch eine frische Prämisse noch mit den Charakteren aufgefangen werden, die anfänglich kaum Tiefe offenbaren. Es fehlt schlichtweg an Biss.
Monster Mash
Doch dieser kommt, wortwörtlich, ab der fünfte Episode der neuen Staffel, und verwandelt „Stranger Things“ urplötzlich in eine actionreiche, aufregende Achterbahnfahrt. In dieser sind die Charaktere, zugegeben, weiterhin eher zweitrangig, dafür wird aber permanent aufs Gaspedal gedrückt und es überschlagen sich dauernd die Ereignisse. Die Duffer Brothers gehen aufs Ganze und ziehen eine packend inszenierte Monsterhatz aus dem Hut, die einige denkwürdige Momentaufnahmen mit sich bringt, die Opferzahlen in die Höhe schnellen lässt (wobei die zentralen Charaktere relativ sicher sind) und, vereinfacht gesagt, unfassbar viel Laune macht.
Ich würde nach wie vor behaupten, dass die Autoren um Matt und Ross Duffer zu wenig aus den verschiedenen Figuren machen, die sie hier versammelt haben, auch wenn in der zweiten Hälfte der zweiten Staffel von „Stranger Things“ etwas mehr Zeit als noch zuvor darin investiert wird, diese komplexer zu zeichnen. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Plot, der unsere Helden von Hawkins gegen das gigantische, Cthulhu-eske Tentakelwesen aus der Parallelwelt „The Upside Down“ antreten lässt. Aus Dustins kleiner Kaulquappe D'Artagnan ist ein brandgefährlicher Abgesandter des Todes geworden, der mit einem Rudel an dämonischen Hundebestien (Demo-Dogs!) auf die Jagd geht, um die Übernahme der Menschenwelt durch das Tentakelwesen herbeizuführen.
Diese Gefahr gilt es aufzuhalten, so simpel ist das. Gleichzeitig muss „Wirt“ Will von dem gemeinen „Virus“ befreit werden, der ihn zum Werkzeug des Tentakelwesens gemacht hat. In der Einfachheit dieser Aufgaben für unsere Protagonisten liegt die Stärke. Nicht, dass es ein Kinderspiel wäre, das Böse und seine monströsen Schergen aufzuhalten. Die Ausgangssituation ist schlichtweg herrlich unkompliziert. Als Zuschauer kann man sich gemütlich hinfläzen und sich komplett der kurzweiligen Genremischung aus Action und Horror hingeben. Dass die meisten Episoden dieses fulminanten Schlussakts gerade mal über eine Laufzeit von gut 45 Minuten verfügen, macht es nur noch umso besser. Langeweile ist kein Thema mehr.

The town where nothing ever happens
Wir sehen einen einfachen Trick, den die Gebrüder Duffer hier vollführen: Es ist ein Ding der Möglichkeit, den gleichen Zauber wie in der ersten Staffel heraufzubeschwören. Also konzentrieren wir uns auf einen Aspekt, der sich als probates Mittel herausgestellt hat, um das Publikum zu fesseln. Manch einer, der mehr Interesse an einem schlüssig aufgebauten, atmosphärisch inszenierten Mysterium hat, wird eventuell ein wenig enttäuscht sein. Der Großteil der Zuschauerschaft, so meine persönliche Einschätzung, genießt jedoch die actionlastige, spaßige Ausrichtung der zweiten Staffel zum Ende hin, in der eifrig Film- und TV-Tropen abgefeuert werden und es von popkulturellen Referenzen an die glorreichen 80er Jahre (so zum Beispiel an James Camerons „Aliens“) und darüber hinaus („The Exorcist“ von 1973 oder auch „Jurassic Park“ von 1993) nur so wimmelt.
Matt und Ross Duffer scheinen haargenau zu wissen, was ihre Zuschauer sehen möchten und setzen letzten Endes alles auf diese eine Karte. Wenn man sich ein wenig mit den Erzählmechaniken in Film und Fernsehen auskennt, kann man die Dialoge fast mitsprechen und problemlos Vorhersagen treffen, was als Nächstes passieren wird. Sei es ein emotionaler Moment zwischen den Charakteren oder ein tragischer Tod einer neuen Nebenfigur oder was auch immer - man sieht es aus meilenweiter Entfernung auf sich zukommen.
Eigentlich sollte das alles nicht so gut funktionieren. Man reitet abermals schamlos auf der Retrowelle und bringt dabei bekannte Klänge der 1980er Jahre in derartig manipulativen Szenen unter, dass es einem fast die Schuhe auszieht. Auf der einen Seite fühlt man sich von diesen vertrauten nostalgischen Elementen angesprochen, auf der anderen weiß man, dass dies wenig mit gutem story telling zu tun hat, sondern vielmehr eine Masche ist, um uns einzulullen. Die zweite Staffel zeigt teilweise hervorragend auf, warum dieses Stranger Things eben doch keine gute 80er-Jahre-Serie ist. Da gibt es zahlreiche Genrevertreter, die weitaus intelligenter mit dieser Ära umgehen und eben nicht nur die popkulturellen Höhepunkte herauspicken, die heutzutage nur allzu gerne zitiert werden.
Und dennoch: Es macht Spaß. Irgendwie. So richtig erklären kann ich es nicht, aber ein Grund dafür ist womöglich, dass man letzten Endes inszenatorisch sehr viel aus den finalen Folgen der zweiten Staffel herausholen kann. Die Monsterangriffe nehmen zu, die Freunde setzen sich beherzt zur Wehr, die Intensität ist greifbar, die Bilder mitunter malerisch schön. Handwerklich stimmt hier vieles, mit Pixar-Veteran Andrew Stanton und Newcomerin Rebecca Thomas (die vielleicht die Episode zu verantworten hat, die am meisten heraussticht, doch dazu gleich mehr) hat man das Team an Regisseuren um die Duffer Brothers und Shawn Levy clever erweitert.
Je länger man darüber nachdenkt, desto mehr wird einem klar, dass „Stranger Things“ extrem leicht verdauliches Fernsehen ist. Das war es schon in Staffel eins, das ist es umso mehr in Staffel zwei. Ist das jetzt gut oder schlecht? Wie man vielleicht merkt, pendel ich mich irgendwo zwischen diesen beiden Polen ein und kann sowohl Verständnis für alle Liebhaber des Formats als auch für entschiedene Gegner aufbringen. Ich bin mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem sich fast schon eine Art Gleichgültigkeit ob dieser Diskussion entwickelt hat. Man sollte wohl einfach nicht mehr und nicht weniger aus „Stranger Things“ machen, als es schlussendlich ist.

Black Hole
Was ich mir persönlich als Konsument und Fan von Serien gewünscht hätte, wäre tatsächlich ein eher an den Charakteren orientierter Ansatz gewesen, der der zweiten Staffel von Stranger Things zu oft abgeht. Zugegeben, in den letzten Zügen macht man noch einmal ein paar Fässer auf und lässt die verschiedenen Figuren in durchaus emotionalen Szenen aufeinandertreffen. Aber auch hier empfindet man eigentlich nur etwas, weil das vermeintliche Ende bevorsteht und diese Momentaufnahmen Abschiedscharakter haben, was automatisch zum Drama beiträgt. Das Drama resultiert nicht aus der Figurenzeichnung, sondern aus dem Plot. Dieser ist wie bereits erwähnt sehr kurzweilig - aber auch nachhaltig?
Tatsächlich habe ich mich damit abgefunden, dass „Stranger Things“ seine eintönige, wenn auch unterhaltsame Formel gefunden hat. Umso überraschender ist für mich daher die siebte Folge der zweiten Staffel, Chapter Seven: The Lost Sister, die sich einzig und allein auf Eleven (Millie Brown) konzentriert. Diese macht von allen Charakteren die größten Sprünge und bietet eine unerwartete Tiefe an, die in dieser Einzelfolge von Regisseurin Rebecca Thomas stark eingefangen wird. Einige, vielleicht sogar viele werden behaupten, dass es genau diese Episode ist, die am wenigsten in die Staffel reinpasst. Meiner Ansicht nach wird hier aber nicht nur geschickt das Tempo vor dem Grande Finale gedrosselt (auch wenn alles furchtbar vorhersehbar ist), Eleven bekommt auch mehr Konturen als jeder andere unserer kindlichen Helden. Die Trennung von der eingespielten Freundesgruppe ist gewagt, lange Zeit ist Millie Brown komplett auf sich allein gestellt. „Stranger Things“ lässt in diesem Handlungsstrang aber durchscheinen, dass es mehr zu ergründen gibt als einen bombastischen Plotpunkt nach dem anderen.
Ohnehin ist Elevens Tochter-Vater-Beziehung zu Chief Hopper mein kleines persönliches Highlight dieser Staffel. Nicht nur, weil Millie Brown und David Harbour ein starkes Duo abgeben, sondern auch, weil man in deren gemeinsamen Szenen den Charakteren anmerkt, dass da mehr ist als einfache Stereotypen. Von diesen gibt es nämlich mehr als genug in „Stranger Things“ - sowohl bei den bekannten Figuren als auch bei den Neuzugängen. Sean Astin wird als gutherziger Bob, der neue Freund von Winona Ryders Joyce, viele Herzen gewinnen, entspricht aber dennoch einer bekannten Schablone. Und warum haben wir eigentlich Dacre Montgomery als Vorzeige-80er-Jahre-Prolet Billy gebraucht - ein wandelndes Gimmick mit Vokuhila, über den man nur lachen kann?
Ironischerweise begibt sich „Stranger Things“ in seiner zweiten Staffel unter die Oberfläche von Hawkins, aber eben nicht unter die Oberfläche seiner Charaktere. Ein paar Probleme, die sich einem als junger Heranwachsender stellen, ein bisschen Teenieliebe hier und Gedanken über die Zukunft da... Wie man es dreht und wendet, alle Ausführungen, Persönlichkeiten zu formen, bleiben halbgar. Man mag die Figuren. Man mag, wie sich plötzlich unerwartete Pärchen bilden (Dustin und Steve avancieren zum Ende zu einer Art Brüderpaar, was erstaunlich gut funktioniert). Man mag, wie am Ende gemeinsam triumphiert wird und dieses 80er-Jahre-Märchen seinen Abschluss findet. Doch auch hier versteckt sich ein mittelgroßes Aber.
Denn so harmlos und leicht verdaulich Stranger Things ist, die letzten Minuten der zweiten Staffel wecken gemischte Gefühle in mir und fassen noch einmal perfekt zusammen, warum die Netflix-Serie Gemüter spaltet. Man kann darüber streiten, ob die Ehrenrunde zum Abschluss in Form eines Schultanzes verdient ist oder nicht. Alles ist gut, unsere Protagonisten dürfen endlich mal Kind sein und in einer klischeehaften, wenn auch niedlichen Sequenz unsere Herzen erwärmen. Dazu läuft Musik der Ära, die einfallsloser nicht ausgewählt sein könnte. Was fehlt, ist die Konsequenz. Matt und Ross Duffer bestehen auf ihrer Wohlfühloase namens „Stranger Things“ und haken das Ganze denkbar einfach ab, aber nicht ohne vorher anzudeuten, dass der Kampf noch lange nicht vorbei ist. Und ich wünschte, er wäre es. Auf zu neuen Ufern, bitte. Es fühlt sich so an, als wäre man in einer wohlig warmen Zeitschleife gefangen, irgendwie ganz nett aber irgendwie auch frustrierend, aus der es kein Entkommen gibt...
Geht es nur mir so? Teilt Ihr diese Ansicht mit mir oder seht Ihr das anders? Wie hat Euch die zweite Staffel von Stranger Things gefallen?
Halloween-Trailer zur zweiten Staffel von „Stranger Things“:
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 28. Oktober 2017(Stranger Things 2x09)
Schauspieler in der Episode Stranger Things 2x09
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