Stranger Things 1x08

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Die Netflix-Serie Stranger Things schafft es innerhalb von gerade einmal acht Episoden, sämtliche Facetten der menschlichen Gefühlspalette abzurufen. Die Mittel dafür sind nicht immer originell, altbekannte Genretropen hagelt es nahezu im Minutentakt. Und trotzdem funktioniert es.

It's a kind of magic: Winona Ryder in „Stranger Things“ / (c) Netflix
It's a kind of magic: Winona Ryder in „Stranger Things“ / (c) Netflix

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann liebe ich die erste Staffel von Stranger Things, der Netflix-Serie, die seit dem 22. Juli weltweit abrufbar ist und uns gekonnt in die 1980er Jahre verfrachtet, wo eine Gruppe von Freunden einem gewaltigen Geheimnis in ihrer beschaulichen Heimatstadt nachgeht. Im Gegenzug würde ich aber auch nicht behaupten, dass „Stranger Things“ perfekt oder mit das Beste ist, was das Seriengeschäft in den letzten paar Jahren hervorgebracht hat. Schaut man sich die komplette erste Staffel der Retro-Mystery-Erzählung an, dann merkt man schon - wenn man denn die nostalgische Fanbrille abnimmt -, dass hier nicht immer alles Gold ist, was glänzt.

Dennoch klebt man bis zur letzten Sekunde der ersten Staffel wie gebannt am Bildschirm, fiebert ununterbrochen mit den jungen Helden und Heldinnen dieser Geschichte mit, möchte gemeinsam mit ihnen Rätsel lösen, Abenteuer erleben, im dunklen Keller sitzen und selbst erdachte Rollenspiele spielen. Die verantwortlichen „Duffer Brothers“, Matt und Ross, nennen Größen wie Steven Spielberg, John Carpenter, Stephen King oder Guillermo del Toro als kreativen Einfluss für ihre Serie. Stimmig dazu reihen sie im Laufe der acht Folgen so einige Stereotypen und so manches Klischee, das dieses Genre (ein Mix aus Mystery, Coming of Age und Low-Sci-Fi) bisweilen zwangsläufig mit sich bringt, aneinander. Trotzdem gehört „Stranger Things“ bereits jetzt zu einer der sehenswertesten Serien, die Netflix bisher hervorgebracht hat.

Feed your head

Aber warum ist das so? Warum erwischen sich nicht wenige dabei, nach der Sichtung der ersten Staffel von „Stranger Things“ bereits jetzt schon einen Rewatch zu planen? Man könnte meinen, dass es die geheimnisvolle, mit Mysterien gespickte Handlung ist, die uns zu der Serie hinzieht. Nimmt man jedoch etwas Abstand, wird einem auffallen, dass man die Geschichte der ersten Staffel von „Stranger Things“ eigentlich längst kennt, dass man fast schon genau vohersagen kann, was passieren wird. Womöglich fesselt hier gar nicht der klassische Genreplot, sondern einfach nur die clevere Inszenierung der Gebrüder Duffer sowie Shawn Levy, der für zwei Episoden auf dem Regiestuhl Platz nahm. Das Trio schwingt sich nämlich zu Meistern der emotionalen Manipulation auf. Das hört sich gemein und gefährlich an, ist aber eigentlich gar nicht schlimm - wenn man als Zuschauer willens ist, sich darauf einzulassen.

Finn Wolfhard und Millie Brown in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix
Finn Wolfhard und Millie Brown in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix

Waiting for a girl like you

Beginnend mit der ausgezeichneten Pilotepisode, die so hervorragend ins Schwarze trifft, dass sich nicht nur Genrefans angesprochen fühlen werden, fahren die Serienmacher Folge für Folge die klassischsten Elemente des Genres ab. Es ist, als würde man durch ein Buch von Stephen King blättern: Verschlafene Kleinstadt. Jugendliche Protagonisten in einer Gruppe von Freunden mit typischer Rollenverteilung (heimlicher Star: Gaten Matarazzo als „Toothless“ Dustin), deren erwachsene Gegenparts oft nur die zweite Geige spielen. Ein gefährliches Monster aus einer finsteren Fantasywelt. Geheime, staatlich finanzierte Experimente und Laborversuche mit Kindern. All das sind außerdem die perfekten Zutaten für einen Spielfilm, der vor gut 30 Jahren im Kino hätte laufen können und heute als Kultklassiker gefeiert werden würde, siehe „Stand by Me“, „The Goonies“ oder „E.T. - Der Außerirdische“.

Das mysteriöse, wortkarge Mädchen Eleven verkommt zwischendurch immer wieder zu einem einfachen Plotelement, dass die rätselhaften Geschehnisse in der Kleinstadt Hawkins vorantreibt. Im nächsten Augenblick avanciert die junge Millie Brown dann aber zum Herz der Serie und weckt Beschützerinstinkte und Faszination in uns Zuschauern. Nicht wenige werden eine Träne verdrückt haben, als sich Eleven am Ende der ersten Staffel für ihre neu gefundenen Freunde opfert. Selbst ein kleiner, unschuldiger Kuss zwischen ihr und Mike (Finn Wolfhard) dürfte für die zu nah am Wasser gebauten Zuschauer zu viel sein. Wir alle kennen diese Bilder, die Geschichten von kindlichen Abenteuern, der ersten Jugendliebe, den Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens nur zu gut, sei es aus Filmen, Büchern oder eben aus eigener Erfahrung. Die Duffer-Bruder sind in der Lage, diese sehr persönlichen Empfindungen zu bündeln und weichen keine Sekunde von ihrer nostalgischen, melancholischen, sentimentalen Inszenierung ab - mit Erfolg.

My illusion

Im Grunde genommen werden wir ausgetrickst. Mit einfachsten Mitteln gelingt es den Serienmachern, dass man sich mit den jungen Hauptfiguren in Stranger Things identifiziert. Dafür muss man kein Kind der Achtziger sein, dafür muss man einfach nur Kind gewesen sein. Das glückliche Händchen beim Casting spielt eine ebenso wichtige Rolle: Der Jungdarstellerriege merkt man an, dass sie sich wohl fühlt, dass sie frei aufspielen kann. Natürlich schmeißt man gespannt die nächste Episode an, weil man wissen möchte, was es nun mit Eleven und ihren Fähigkeiten oder dem Verschwinden von Will Byers (Noah Schnapp) auf sich hat. Doch wie so oft bei guten Serien ist der Weg das Ziel. Und so schaltet man in „Stranger Things“ vor allem auch ein, weil man gerne Zeit mit den Charakteren verbringt. Weil man sich vorstellen kann, dass das eigene, elfjährige Ich an der Seite unserer Freunde auf dem Fahrrad über die düsteren Straßen von Hawkins heizen könnte.

Die Duffer-Zwillinge Matt und Ross gaukeln uns eine traurig-schöne Illusion vor. Nostalgie pur eben, die vor allem auf einem emotionalen und nicht rationalen Level funktionieren will. Dafür nutzen sie abgedroschene, archetypische, klischeehafte Bilder, was sich bei jeder anderen Serie wie ein vernichtendes Urteil anhört, in „Stranger Things“ aber eine Stärke ist und bizarrerweise den Reiz ausmacht. Während viele ins Schwärmen kommen, bleiben andere jedoch kalt und können nicht viel mit dieser suggestiven Art des Serienmachens anfangen. Und das ist verständlich. „Stranger Things“ spricht einen persönlich an. Vielleicht handelt es sich sogar um die persönlichste, subjektivste Serie, die Netflix bis dato hervorgebracht hat.

Monsters

Nun steht aber auch die Frage im Raum, wie viele vermeintliche Schwachpunkte man mit so einer Art von Serie und manipulativen Inszenierung übertünchen kann. Die Duffer Brothers können sich rein theoretisch bei etwaiger Kritik immer auf das Genre verlassen, auf das sie sich beziehen und zu dem sie eine lupenreine Hommage abliefern. Schaut man sich zum Beispiel die Antagonisten der ersten Staffel an, wird man nach heutigen Standards im Fernsehgeschäft enttäuscht: Gesichtslose Anzugs- und Kittelträger, angeführt von einem weißhaarigen Matthew Modine, der nicht besonders viel zu tun bekommt und insgesamt vielleicht auf 20 Sätze Dialog kommt. Das erscheint dürftig, geht aber konform mit den referenzierten Vorlagen der Duffers einerseits und dem Zeitgeist der 80er Jahre sowie des Kalten Krieges andererseits. Staatsangestellte und geheimnisvolle Doktoren verlieren hier nicht viel Worte, bleiben stets vage in ihrer Figurenzeichnung und repräsentieren „The Man“, eine kühle, nahezu ausdruckslose Autoritätsperson.

Matthew Modine (m.) in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix
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Vale of shadows

Diesen möglichen Kritikpunkt finde ich aufgrund des Genres und der Serienwelt, durch die wir uns in „Stranger Things“ bewegen, gar nicht mal so problematisch, verstehe aber, dass einige sich fragen, warum es diese Komponente überhaupt gebraucht hat (die denkbar einfache Antwort: Für den Plot). Ich persönlich störe mich da schon eher an einer anderen Sache, die viele als Pluspunkt werten: Winona Ryder. Ja, die erfahrene Schauspielerin legt wirklich alles in ihre Performance, auch wenn sie ebenfalls nur einen Stereotyp spielt. Für mein Empfinden nimmt dies jedoch oft überhand, weshalb sich Ryders Darbietung nach etwas zu viel des Guten, wenn nicht sogar übertrieben anfühlt, gerade zu Beginn der Staffel. Das es anders, einfühlsamer und empathischer geht, zeigen die letzten Folgen, in denen sie mit Hopper dem Aufenthaltsort ihres Sohnes nachgeht oder eben eine kleine Mutter-Tochter-Beziehung zu Eleven aufbaut.

Diese ruhigen Momente sagen mir mehr zu als die nachvollziehbare, hysterische Seite Joyces, der als besorgte Mutter lange Zeit keiner so richtig glauben will. Und wo wir gerade schon bei Hopper waren: David Harbour schlägt sich gut in dieser Rolle. Sein Charakter dient aber lange Zeit nur dem Plot statt sich selbst zu entwickeln. Bereits früh wird eine tragische Vorgeschichte um den Tod seiner Tochter ins Rollen gebracht, was dann jedoch bis zum Finale eigentlich keine große Rolle mehr spielt, ganz ähnlich wie Hoppers Tablettensucht. Auf den letzten Metern der Staffel holen die Duffer-Brüder aber dann noch einmal die große Gefühlskeule heraus: Sie spiegeln Joyces mütterliche Liebe für ihren Sohn Will, für den sie durchs Feuer gehen würde (oder eben in eine gruselige Parallelwelt, wo ein Monster auf sie wartet), mit Hoppers einstigen Gefühlen als leidender Vater einer sterbenskranken Tochter. Das Ergebnis: Einer von vielen magischen Momenten, die Rettung Wills und das Zusammenfinden zweier Charaktere, die einander auf emotionaler Ebene komplett verstehen, ohne unsterblich ineinander verliebt zu sein.

A little bit of love

Die Liebe und die ersten Erfahrungen mit dieser sind vor allem in dem Handlungsstrang um Mikes Schwester Nancy (Natalia Dyer) ein zentrales Thema, wobei die Macher hier erfrischenderweise einen anderen Weg einschlagen, als man zunächst erwarten würde. Nachdem Nancy mit Außenseiter Jonathan (Charlie Heaton) mehr und mehr Zeit verbringt, wird ihr eigentlicher Freund Steve (Joe Keery) von der Eifersucht gepackt. Auf dem Papier sah es schon zu Beginn der Serie nach einer klassischen Dreiecksbeziehung zwischen Nancy, Jonathan und Steve aus, erneut gespickt mit Klischees und klassischen Tropen. Der kleine Twist zum Ende der Staffel, als Steve einsieht, dass er ein kindischer Idiot war und dann sogar noch in der Bekämpfung des Monsters mithilft, kam für mich daher etwas unerwartet und ist eine nette Abwechslung. Am Ende kommt es eben nicht zur traumhaften Beziehung zwischen Nancy und Jonathan. Er und Steve gehen im Guten auseinander, während Nancy in dessen Armen liegt, nachdenklich dreinblickend ob Jonathans kritischer Ausführungen zum Gesellschaftsideal der biederen Kernfamilie.

Bei solchen kleinen Wendungen merkt man Matt und Ross Duffer dann doch an, dass sie nicht nur Genrekonventionen abliefern oder mit diesen spielen, sondern auch ein klein wenig variieren. An welcher Stelle die Meinungen derweil etwas auseinander gehen werden, ist wohl das Ende der ersten Staffel von „Stranger Things“. Die Finalepisode The Upside Down verzaubert mehrfach und zeigt noch einmal auf, wie hervorragend die Gebrüder Duffer Musik und Bilder zu einem atemberaubenden audiovisuellen Erlebnis verschmelzen. Schlussendlich lassen sie sich eine kleine Hintertür für eine mögliche Fortführung der Geschichte offen. Oder ist es doch ein Abschluss, jedoch eben nicht das Happy End, was sich viele gewünscht hätten?

The end?

Will Byers ist zurück bei seiner Familie, doch die traumatischen Ereignisse um das Monster in der Parallelwelt haben ihn gebrandmarkt. Zugegeben, ich hätte mich mit einem harmonischen Ende, das uns zum Beispiel die Jungs beim Spielen eines weiteren Fantasyabenteuers zeigt, sehr anfreunden können. Die aufregende Geschichte, das Abenteuer in der realen Welt, welches sich über wenige Tage erstreckte, ist beendet und Will wieder in Sicherheit. „Stranger Things“ könnte so schon fast als eine Art Anthologieserie funktionieren.

Charlie Heaton; Natalia Dyer und Joe Keery in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix
Charlie Heaton; Natalia Dyer und Joe Keery in %26bdquo;Stranger Things%26ldquo; © Netflix

Stranger things have happened

Die finalen Aufnahmen der ersten Staffel von Stranger Things suggerieren jedoch, dass die Geschichte noch nicht beendet ist. Will ist nachhaltig von seinen schrecklichen Erfahrungen gezeichnet. Wie geht es mit ihm unter diesen Umständen weiter? Möglich ist aber auch, dass eine potentielle zweite Staffel gar nicht hier ansetzt, sondern dass man uns einfach dieses schauderliche Schlussbild präsentiert, um zu verdeutlichen, dass Harmonie trügerisch sein kann. Dass man nie wirklich mit derartigen Erlebnissen abschließen kann, die einen psychisch ein Leben lang heimsuchen werden. Wer sagt denn, dass es tatsächlich das Upside Down ist, dass wir hier noch einmal sehen? Vielleicht ist es auch nur ein Blick in den Kopf eines kleinen Jungen, dessen Leben sich für immer verändert hat.

Inwiefern Stranger Things das Leben seiner Zuschauer verändert, lässt sich nicht sagen und klingt fast schon ein wenig vermessen. Fest steht, dass sich viele liebend gerne auch ein zweites Mal auf eine derartig atmosphärische, intensive, romantisch-nostalgische Geschichte einlassen dürften, die uns so wunderbar viele Dinge vorgaukelt und in eigenen Erinnerungen schwelgen lässt. Matt und Ross Duffer ist es erfolgreich gelungen, eine äußerst runde erste Staffel ihrer Retroserie zu formen. Sie wird nicht unnötig in die Länge gezogen, versprüht immer wieder einen Hauch Serienmagie und setzt uns dabei viele bekannte Bilder, Einstellungen und Themen vorsetzt - was unter anderen Umständen als großer Kritikpunkt gesehen werden könnte. „Stranger Things“ fühlt sich aber originell an, weil die hervorgerufenen Emotionen originell, authentisch und für den Zuschauer absolut greifbar sind. Man lacht, man weint, man gruselt sich. „Stranger Things“ ist neben den fantastischen Aufnahmen und dem ausgezeichneten Soundtrack vor allem etwas fürs Herz. Und sowas tut von Zeit zu Zeit einfach mal sehr gut.

Deutscher Trailer zu „Stranger Things“:

Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 19. Juli 2016
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Stranger Things 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Kapitel 8: Die andere Seite
Titel der Episode im Original
Chapter Eight: The Upside Down
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 15. Juli 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 15. Juli 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 15. Juli 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 15. Juli 2016
Regisseure
Matt Duffer, Ross Duffer

Schauspieler in der Episode Stranger Things 1x08

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