Stranger Things 2x01

© ??Stranger Things“ / (c) Netflix
Diese Vorabkritik bezieht sich auf die ersten vier Folgen der zweiten Staffel von „Stranger Things“ und enthält Spoiler zur ersten Staffel der Netflix-Serie.
Mit Stranger Things hat Netflix im Sommer 2016 den perfekten Selbstläufer gefunden. Die Coming-of-Age-Mystery mit ansteckendem Retroflair hatten vor ihrer Premiere nicht viele auf dem Schirm, doch plötzlich ging ein spürbarer Ruck durch den lauen Seriensommer. Die Geschichte über ein paar beste Freunde, die in einer verschlafenen Kleinstadt einem gewaltigen Geheimnis nachgehen, das so viel größer ist, als man anfangs noch denkt, fand sofort ihr Publikum. Ob es nun die sympathischen Jungdarsteller oder die zahlreichen Referenzen an die gern zitierte Epoche der 1980er Jahre gewesen sind - die acht Episoden der ersten Staffel bereiteten vielen Zuschauern große Freunde. Viele konnten sich selbst in den Abenteuern der jungen Freunde wiederfinden oder aber wurden vom nostalgischen Blick in den Rückspiegel mitsamt unverkennbarem Score als musikalische Begleitung verzaubert.
Nun erwarten uns am Freitag, den 27. Oktober neun neue Folgen aus dem Mikrokosmos Hawkins, der unscheinbare Handlungsort von „Stranger Things“, wo nach wie vor seltsame Dinge vorgehen, die aufgeklärt werden wollen. Passend zum Starttermin um Halloween soll das Ganze sogar jetzt noch etwas gruseliger, ernster und finsterer werden. Die große Frage, die mich und sicherlich auch viele andere im Vorfeld beschäftigt hat, ist jedoch, ob die federführenden „Duffer Brothers“ Matt und Ross noch einmal den gleichen 80er-Jahre-Zauber heraufbeschwören können, der ihnen so viele gespannte Fans eingebracht hat.
Play it again, Matt and Ross!
Die Antwort gestaltet sich schwierig, was aber nicht überrascht. Nachdem man sich völlig frei von jedweden Erwartungen (da man schlichtweg nicht wusste, was da auf einen zukommt) in die erste Staffel von „Stranger Things“ hat hineinfallen lassen können, hat man nun nicht nur eine Vorstellung, was dies für ein Format ist, nein, man hat auch Hoffnungen und Wünsche, was eine zweite Staffel mit sich bringen muss. Doch es wäre zu einfach, um zu sagen, dass es allein die Erwartungen des Zuschauers sind, die es der zweiten Staffel von „Stranger Things“ schwerer machen als noch zuvor. Die Serie selbst findet sich zu Beginn seiner neuen Folgen in einem altbekannten Trott wieder, der durchaus nett mit anzuschauen ist. Aber da haben wir es schon: Es ist „nett“.
Ich möchte der zweiten Staffel von „Stranger Things“ nicht absprechen, dass man immer noch recht überzeugend die Knöpfe drückt, welche nostalgisch-romantische Gefühle aufkommen lassen und einen als Beobachter beseelt durch diese Ära voller unvergesslicher Popmusik, muffiger Videospielhallen und popkultureller Meilensteinen des Kinos gleiten lässt. Aber irgendwann ist es vielleicht auch mal gut. Irgendwann wird dieser „Zauber“ zur Routine und nettes Beiwerk ohne eigene Aussagekraft. Das mag harsch klingen, doch ich persönliche schaue mir eine Serie nicht an, um mich an einer Referenz nach der nächsten zu erfreuen.
Staffel eins ist der Spagat gut gelungen, eine aufregende Mystery-Erzählung mit dem Stil und Lebensgefühl der 1980er Jahre zu kombinieren. Doch bereits vor einem Jahr wurden Stimmen laut, dass „Stranger Things“ mit diesem Aspekt hausieren geht und nicht wirklich viel darüber hinaus anbieten kann. Ganz ehrlich, mich packte es dennoch. Ich war mir dieses Kritikpunkts mehr als bewusst, was jedoch nicht viel daran änderte, dass „Stranger Things“ meiner Meinung nach nicht nur eine perfekte Pilotepisode aufs Parkett zauberte, sondern mich in der Gänze seiner ersten Staffel hervorragend unterhalten konnte, von einigen Momenten mal abgesehen.

Mystery and plot over character
Warum tue ich mich also jetzt mit den ersten Episoden der zweiten Staffel von Stranger Things schwerer als zum Beispiel viele US-amerikanische Kollegen und Kolleginnen, die zu großen Teilen sehr angetan von den neuen Folgen sind? Vorab muss man festhalten, dass „Stranger Things“ nach wie vor eine unterhaltsame Genreserie ist, die sich nach dem starken ersten Jahr nun keine allzu groben Schnitzer leistet. Viele Serien zerbersten am Druck einer gelungenen und hochgelobten ersten Staffel, wenn es in die Fortsetzung der Geschichte geht. „Stranger Things“ gehört nicht dazu.
Dennoch ist jetzt irgendetwas merklich anders. Die Geschichte um Publikumsliebling Eleven und ihre Freunde wird weitergesponnen. Größer. Fantastischer. Schauriger. Die Welt öffnet sich ein Stück weit, die Bedrohung für unsere Freundesgruppe wird gewaltiger, die Mystery-Elemente teilweise noch gigantischer. Man sollte sich im Vorfeld nicht zu sehr an irreführende Trailer klammern, die die Action in den Vordergrund stellen. Es gibt nach wie vor Momente der großen Aufregung, gleichzeitig spielen die Macher mehr denn je mit beliebten Horrortropen und kosten diese komplett aus. Die meiste Zeit bastelt man aber eher am zentralen Mysterium der neuen Staffel. Und da setzt doch tatsächlich etwas Ernüchterung bei mir ein.
Denn „größer, fantastischer, schauriger und noch viel mysteriöser“ reicht mir persönlich nicht. Bisweilen entsteht der Eindruck, dass die Gebrüder Duffer, ihr Autorenteam und die Regisseure weit mehr Interesse an der wilden Hatz nach Antworten auf die vielen Fragen haben, als sich wirklich mit den Charakteren zu beschäftigen. Zumindest erscheint es einem so in den ersten vier Folgen der neuen Staffel, die generell ein wenig damit zu kämpfen haben, den Zuschauer bedingungslos packen zu können. Die Erzählmechaniken sind einem vertraut und nicht mehr so frisch wie noch in Staffel eins. Ich erwische mich sogar dabei, wie ich ohne große Investition in die neue Geschichte sehr salopp die Episoden schaue, hier und da ein paar Informationen mitnehme, letzte Endes aber doch recht kalt gelassen werde.
Das einzigartige, bereits beschriebene Gefühl, dass immer wieder in der ersten Staffel aufkam, bleibt bei mir aus, weil man eben nur all zu selten den gleichen Trick zweimal aufführen kann. Doch es gibt andere Möglichkeiten, diesen Umstand zu kompensieren. Und zwar, indem man sich weniger auf den Plot und mehr auf die Charaktere konzentriert. Aber auch hier gestaltet sich die erste Hälfte der zweiten Staffel von „Stranger Things“ alles andere als einfach. Am ehesten tut sich noch Eleven (Millie Brown) hervor, deren Geschichte in Staffel zwei tatsächlich eine starke Wendung nimmt und den Charakter komplexer, tragischer, ja schlichtweg interessanter macht, ohne dabei zu vergessen, was sie bisher erlebt hat.
Der Rest der Freundesbande bleibt anfangs jedoch überraschend blass. Allen voran Will Buyers (Noah Schnapp, der eigentlich gut aufspielt), das Opfer aus der letzten Staffel, stellt eine Herausforderung für mich dar. Auf der einen Seite baut man in gewisser Weise eine Empathie für den Jungen auf, der ein schweres Trauma hinter sich hat. Da er aber in Staffel eins als eigenständiger Charakter im Grunde genommen nicht existiert hat (er war vielmehr das Zentrum des Rätsels), wäre es vielleicht nicht verkehrt gewesen, ihn noch einmal richtig zu etablieren. Ohnehin kommt es mir so vor, als würde man sich gelegentlich zu sehr darauf verlassen, wie beliebt die Figuren bei den Zuschauern sind. Dadurch ist man nicht wirklich dazu gezwungen, sie als Charaktere weiterzuentwickeln. Das Publikum möchte diese Wohlfühlwelt, das Publikum möchte ihre jugendlichen, unschuldigen Helden und deren Abenteuerlust. Und das Publikum bekommt all das.

Ende gut, alles gut?
Mir persönlich reicht das aber nur bedingt. Von einer zweiten Staffel, egal von welcher Serie, erwarte ich mir irgendeine Art von Fortschritt, vor allem, was die Charaktere betrifft. Dieser ist in der zweiten Staffel von Stranger Things in den ersten Episoden aber nur vereinzelt zu erkennen. Man dreht über ein paar Neuzugänge an den Stellschrauben, aber selbst diese brauchen ihre Zeit, wenn sie denn überhaupt Szenen von nachhaltigen Wert bekommen. Bei den arrivierten, erwachsenden Darstellern kann sich David Harbour als Chief Hopper indes über einen sehr soliden Handlungsstrang und reichlich Arbeit freuen, während Winona Ryder mit ihrer Figur der Joyce etwas zu sehr auf der Stelle tritt. Natalia Dyer und Charlie Heaton aka Nancy und Jonathan sind derweil zu Beginn der neuen Staffel ziemlich nebensächlich, was sich zur Halbzeit aber ändert.
Was mich sehr überrascht, ja teilweise sogar ein wenig schockiert hat, ist, wie einige Szenen, die viele als neue „Magic Moments“ wahrnehmen werden, komplett an mir vorbeigehen. Es kommt sogar vor, dass ich derartige Augenblicke als unfreiwillig komisch empfinde und nicht anders kann, als laut aufzulachen. In dieser Hinsicht kann ich „Stranger Things“ einen schönen Unterhaltungswert abgewinnen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob sich die Macher das so vorgestellt haben.
Viele Fans der ersten Staffel von „Stranger Things“ werden großen Spaß mit der zweiten Staffel haben, weil diese immer wieder genau das Bedürfnis erfüllt, was sich nach der ersten Staffel entwickelt hat. Ich bin sehr weit davon entfernt, hier von einem qualitativen Totalausfall zu sprechen, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich einfach mehr erwartet. Auch ich wurde im letzten Jahr verzaubert und konnte über valide Kritikpunkte hinwegsehen, weil ich insgesamt emotional wunderbar gepackt und fasziniert wurde. Mit dem Welpenschutz für die Duffer Brothers ist es jetzt vorbei. Allein eine Schippe auf das Mysterium der Serie draufzupacken, genügt nicht. Der Plot ist Trumpf, gerade zu Beginn der neuen Staffel. Ob das immer die richtige Entscheidung ist, kann man diskutieren.
Ich bin dennoch sehr gespannt, wo sich diese neue Staffel am Ende einpendeln wird. Ohne zu viel verraten zu wollen, zieht die Handlung auf halber Strecke (ab der fünfte Episoden wird aufgedreht) an und es kommt reichlich Bewegung in den Laden. Auf einmal ist man wieder voll drin, auf einmal kocht wieder das Adrenalin hoch. Bezüglich den Folgen davor werde ich aber jeden verstehen können, der sich ab und an vielleicht sogar etwas gelangweilt fühlt. Möglicherweise ist das aber auch der Trick der neuen Folgen. Auf einen unscheinbaren, routinemäßiger Auftakt folgt ein außergewöhnlicher Schlussakt, der mir persönlich vielleicht doch noch etwas Neues geben kann, eine überraschende Entwicklung oder eine emotionale Reaktion, von denen ich bei der Sichtung der ersten Staffel etliche hatte, so manipulativ diese auch oft hervorgerufen wurden.
Die ersten Stunden der zweiten Staffel von Stranger Things machen nicht viel falsch, sie machen aber im Grunde genommen auch nicht viel anders. Und genau das werden sich viele gewünscht haben. Aber eben nicht alle.
Trailer zur zweiten Staffel von „Stranger Things“:
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 24. Oktober 2017Stranger Things 2x01 Trailer
(Stranger Things 2x01)
Schauspieler in der Episode Stranger Things 2x01
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