Mit Stitchers versucht ABC Family, eine Mischung aus Crime-Procedural und Sci-Fi-Elementen zu etablieren und seinem vorwiegend jüngeren Publikum schmackhaft zu machen. Dabei ist es allerdings kein großer Verlust, die Gedächnisstickerei schnell wieder zu vergessen.

Emma Ishta und Kyle Harris in „Stitchers“ / (c) ABC Family
Emma Ishta und Kyle Harris in „Stitchers“ / (c) ABC Family
© (c) ABC Family

Die junge Studentin Kirsten (Emma Ishta) wird von einem geheimen Zweig einer US-Behörde angeworben, um Teil eines unorthodoxen und technologisch fortschrittlichen Projektes zu werden. Von einem geheimen Labor aus klinkt sie sich in die Erinnerungen von Verstorbenen ein und hilft so dabei, deren Todesfälle in ein neues Licht zu rücken.

I don't understand it but I see it

Kirsten ist nicht nur äußerst intelligent, ihre kognitive Störung, keine Zeitwahrnehmung zu besitzen, hat ihren Verstand durch alternative Denkmethoden besonders geschärft. Das ist auch einem geheimen Teil einer US-Behörde aufgefallen, der die clevere junge Frau für sein außergewöhnliches Programm rekrutieren möchte.

Eine kleine Entführung und eine Entscheidung später befindet Kirsten sich 200 Meter tiefer im geheimen Labor, in dem die Gedanken kürzlich Verstorbener mit dem Bewusstsein mutiger Mitarbeiter verknüpft werden. Da sich die Gesundheit des letzten Testsubjekts rapide verschlechtert haben muss, ist Kirsten jetzt die glückliche, die sich der gefährlichen Prozedur stellen darf.

Da es schließlich einen Bombenleger beziehungsweise dessen explosive letzte Abschiedsgrüße zu finden gilt, begibt sie sich unter Anleitung und Begleitung des jungen Technikers Cameron (Kyle Harris) in die Gedankenwelt des Verstorbenen. Der Trip in dessen Erinnerungen erweist sich zwar erwartungsgemäß als äußerst gefährlich für Kirsten, doch ihr gelingt es, die wichtigsten Informationen zu extrahieren, um die Umstände der letzten Explosion und die Platzierung weiterer Bomben in Erfahrung zu bringen.

Das Vertrauen ihrerseits in die Kompetenz ihrer neuen Kollegen hält sich jedoch in Grenzen, so dass Kirsten zusammen mit Cameron sich anschickt, zwei potentielle Opfer vor den folgenden Bombenexplosionen zu schützen. Dies ist auch bitter nötig, denn die beiden schaffen es, durch ihr beherztes Eingreifen das Leben vieler Menschen zu retten.

I'm not striking the right tone here

Stitchers zögert nicht lange, um ein äußerst flottes Erzähltempo aufzubauen. Das trägt dazu bei, dass die Prämisse möglichst schnell beim Zuschauer untergebracht wird, sorgt aber auch für den Eindruck, dass die Pilotepisode mit dem Titel A Stitch in Time insgesamt ziemlich gehetzt wirkt.

Das spiegelt sich auch in den Dialogen wider, denn man hat das Gefühl, dass gleichzeitig zu viele Informationen, Erklärungen, Witze und darauffolgende Konter untergebracht werden sollen. Zudem wird Kirstens (Emma Ishta) Ausgangssituation als Dilemma verkauft, obwohl die Situation nicht ansatzweise so ausweglos ist, wie die Regierungsagentin es ihr weismachen will.

Schließlich ist die Suspendierung nur temporär und laut Kirsten unbegründet - und wie um alles in der Welt soll sie von ihrer Kommilitonin und Mitbewohnerin deswegen aus ihrem (eigenen?) Haus geklagt werden? Außerdem interessiert sich die Protagonistin auch herzlich wenig für gesundheitliche Risiken der Prozedur und lässt sich ohne großartige Bedenken ziemlich schnell einfach rein ins Vergnügen werfen.

Wichtiger ist jedoch ein Kritikpunkt, der für die größte Irritation sorgt: die Haupfigur Kirsten. Es ist mir lange nicht mehr untergekommen, dass ich eine Hauptfigur nach so kurzer Zeit als dermaßen nervtötend empfand. Dabei begründen die Autoren ihre Defizite in zwischenmenschlichen Beziehungen mit ihrer Kondition der verzerrten Zeitwahrnehmung. Ihr Verhalten soll offensichtlich als schrullig herüberkommen, doch sie wirkt mit ihrer Art einfach nur unsympathisch.

Sie verhält sich mit ihren ständigen Widerworten und prompten Gegenfragen wie ein Kind, das sich gegen seine Eltern auflehnt, und wirkt dabei auch noch besserwisserisch und kalt. Sicherlich ist gerade so ein fehlendes Sympathiegefühl ein sehr subjektiver Eindruck, dies ändert jedoch nichts daran, dass eben diese Figurenzeichnung die Pilotepisode nur schwer erträglich macht.

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Kyle Harris sticht derweil als redseliger zukünftiger love interest für Kirsten hervor, der allerdings Probleme hat, aus seiner (wahrscheinlich drehbuchbedingten) hölzernen Kollegin einen Funken an menschenähnlichen Reaktionen herauszuholen. Dementsprechend hat er es schwer, eine erkennbare Chemie zwischen ihnen aufzubauen. Vielleicht wäre Allison Scagliotti (Warehouse 13), die Kirstens Mitbewohnerin Camille spielt, eine bessere Wahl als Newcomerin Emma Ischta gewesen, was die exzentrischen Darstellungen der Hauptfigur angeht.

Auf der technischen Seite ist ebenfalls Luft nach oben. Die milchig wirkenden Lichteffekte in der Distanz verleihen der Optik eine eher billig wirkende Atmosphäre und auch das „Stitchen“ klingt wesentlich spektakulärer, als es letztendlich umgesetzt ist. Gerade aus diesen Szenen könnte man deutlich mehr herausholen und der Kreativität freien Lauf lassen, anstatt den Zuschauer beispielsweise mit schnell aneinandergeschnittenen Bildfetzen zu bombardieren.

Der Fall mutet ebenfalls eher uninspiriert an, denn gerade das Bombenentschärfungsszenario am Ende der Episode ist alles andere als ein kreativer Geistesblitz. Dieser kann auch nicht wirklich mit Spannung glänzen, da wohl kaum davon auszugehen ist, dass unsere Protagonisten in der ersten Episode in die Luft fliegen.

Grundsätzlich versucht Stitchers sich an einer Mischung von Formaten wie Bones, Unforgettable und iZombie. Doch gerade im Vergleich zum noch frischen „iZombie“ fehlt es dem ABC Family-Piloten an einer Hauptfigur, hinter die man sich als Zuschauer stellen möchte.

Fazit

Mit A Stitch in Time liefert ABC Family einen ziemlich mäßigen Einstand für sein neues Sci-Fi-Procedural ab. Dieses scheitert hauptsächlich an einem flachen Fall und einer Hauptfigur, die den Zuschauer in negativem Sinne wahnsinnig macht. Wer trotzdem mit der Protagonistin warm werden kann und eine Affinität für Procedurals mit einem Touch Science-Fiction hat, mag dem Format noch etwas abgewinnen, alle anderen können sich den Trip in die Erinnerungen der Verstorbenen getrost sparen.

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