Station 19 4x16

Station 19 4x16

Die Feuerwehrleute im chronischen Beziehungschaos von Station 19 werden in der aktuellen Staffel auf einige der größten gesellschaftspolitischen Probleme der USA angesetzt - mit gemischtem Ergebnis. Ein Gastbeitrag von sw2012.

Poster zur 4. Season der Serie Station 19 (c) ABC
Poster zur 4. Season der Serie Station 19 (c) ABC
© oster zur 4. Season der Serie Station 19 (c) ABC

Drei Staffeln lang ging es in Station 19 beziehungsweise Seattle Firefighters fast nur um drei Dinge: Feuerwehr-Notfälle, Beziehungsstress und Karriere-Kämpfe. In der abgelaufenen vierten Staffel geht der Spin-Off von Grey's Anatomy nun nicht nur die Pandemie an, sondern befasst sich mit Rassismus nach dem Fall George Floyd. „It just felt really important“, erklärte Showrunnerin Krista Vernoff im Dezember Variety dazu. Die Schauspieler hätten schon seit Anfang der Serie das Thema aufgreifen wollen und auch die Autoren hätten dazu gedrängt. Viele der Diskussionen im writers' room fanden demnach im folgenden Sommer statt, als man sich ganze Tage für Protestmärsche frei genommen hatte.

Du kannst die Serie Station 19 jetzt sofort bei Disney+, Sky Go oder , Joyn PLUS+, Amazon Prime Video iTunes oder Magenta TV streamen.

I can't breathe

Zunächst eine zeitliche Einordnung: Die vierte Staffel wurde in den USA ab November 2020 ausgestrahlt. Sie spielt Anfang und Mitte 2020 - in einer Zeit von Maskenpflicht und Lockdowns, als Impfstoffe noch Zukunftsmusik waren. Präsident Donald Trump ist noch an der Macht, das Vorgehen seiner Regierung gegen die Pandemie ist umstritten.

Wir erinnern uns weiter: Am 25. Mai 2020 kniet der weiße Polizist Derek Chauvin mehr als neun Minuten lang auf den Hals des Afroamerikaners George Floyd, der dadurch stirbt. Eine Welle der Empörung geht durch die USA, dann um die Welt. Chauvin wird am 20. April 2021 - einen Tag vor Beginn der Ausstrahlung in Deutschland - unter anderem des second-degree unintentional murder schuldig gesprochen. Am 25. Juni - etwa drei Wochen nach dem Ende der Staffel in den USA - wird das Strafmaß auf 22,5 Jahre festgelegt.

Wir werden hier nicht auf den Fall Floyd selbst eingehen. Vielmehr beschäftigen wir uns mit der Frage: Wie haben die Macher von Station 19 den diesen Handlungsstrang aufgezogen?

These kids lie all the time

Es gibt zwei zentrale Episoden. Die erste davon, Out of Control, ist die fünfte der Staffel und wurde in den USA direkt vor der Winterpause Mitte Dezember ausgestrahlt.

Darin weist eine schwarze Mutter unsere Feuerwehrleute darauf hin, dass in einem Haus eines weißen Mannes ihre Tochter und deren Freundin festgehalten werden. Die herbeigerufene Polizei zweifelt ihre Geschichte an. In dem Haus bricht ein Feuer aus, die beiden afroamerikanischen Feuerwehrmänner Dean Miller (Okieriete Onaodowan) und Robert Sullivan (Boris Kodjoe) retten die Jugendlichen auf eigene Faust. Nachdem ein weißer Polizist sich offenbar der Darstellung des Kidnappers anschließt, die jungen Frauen seien eingebrochen und hätten Brandstiftung verübt, kommt es zu einem Handgemenge. Am Ende werden Dean, Robert und die Mutter - alle drei Afroamerikaner - bei vorgehaltenen Schusswaffen festgenommen.

Szenenfoto aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters
Szenenfoto aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters - © ABC
Ausschnitt aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters
Ausschnitt aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters - © ABC

Es lohnt sich, etwas Zeit mit der Szene zu verbringen. Zwar gehören eine weiße Frau und ein schwarzer Mann zur Polizei-Truppe, im Bild sind aber meist die weißen, männlichen Polizisten. Der Kidnapper-Sympathisant ist dabei sichtlich älter, während ein etwas jüngerer, weißer Kollege zeitweilig versucht, mäßigend einzuwirken. Diese Verteilung der Beamten auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen entspricht grob der Statistik: Die Polizei von Seattle (SPD) ist laut einer Studie zu 76 Prozent weiß und neun Prozent schwarz, Männer machen 85 Prozent der Beamten aus.

I'm scared because I'm eight minutes away from being another George Floyd

Nach den (vorübergehenden) Festnahmen kommt es auf der Feuerwache zu ersten Diskussionen über Rassismus und Polizeibrutalität. Dean strengt eine Klage an. Bis der Name „Floyd“ fällt, dauert es dann bis zum Ende der elften Episode, Here It Comes Again. Die Nachricht wird den Figuren über die Medien zugetragen. Dadurch gelangen wir in der nächsten Folge zur zweiten zentralen Episode dieses Handlungsstrangs, Get Up, Stand Up. Sie wurde in den USA am 22. April 2021 ausgestrahlt, zwei Tage nach dem Schuldspruch gegen Chauvin.

Im Wesentlichen besteht die Folge aus Dialogen, die zum Teil die Grenze zum Monolog überschreiten. Denn Chefin Maya Bishop (Danielle Savre) hat die Psychologin Diane Lewis (Tracie Thoms), selbst eine Afroamerikanerin, hinzugezogen, um das Trauma der Bilder zu bewältigen zu helfen.

Die folgenden Diskussionen drehen sich nicht nur um die Beziehung von schwarzen und weißen Amerikanern, sondern auch darum, wie andere Minderheiten wie Hispanics und Homosexuelle mit der Situation angesichts ihrer eigenen Erfahrungen umgehen. Diese Szenen gehören zu den emotional stärksten der Staffel. Es ist offensichtlich, dass die Autoren die Dialoge mit Herzblut geschrieben und die Schauspieler darin einen Teil ihrer Seele offenbart haben.

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Ausschnitt aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters
Ausschnitt aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters - © ABC

Being black in America is a life-threatening condition

Die Aufteilung des Themas in zwei große Blöcke, einmal zu den Festnahmen und einmal zu Floyd selbst, erlaubt es Station 19, eine deutlich tiefer gehende Debatte zu transportieren. Zunächst gibt es allgemeine Diskussionen über Rassismus und die Arbeit der Polizei, um dann in Get Up, Stand Up einzelne Facetten beleuchten zu können. Dazu gehört ein Gespräch von Diane mit Travis (Jay Hayden), der als homosexueller weißer Mann selbst Diskriminierung ausgesetzt ist, über seine Rolle in dem Gefüge. Selten wird dem Zuschauer eine solche Tiefe zu einem Thema geboten.

Moment, die Zuschauer...

So wichtig das Thema Rassismus und Polizeigewalt ist, so sehr es den Autoren und Schauspielern am Herzen gelegen haben mag, am Ende ist Station 19 eine Fernsehserie aus einem Genre, das zwar immer wieder gesellschaftliche Themen anreißt, ihnen aber üblicherweise nicht einen so großen Teil der Sendezeit widmet. In diesem Zusammenhang müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass ausgerechnet Get Up, Stand Up die niedrigste absolute Zuschauerzahl aller Folgen dieser Staffel aufweist, mit einem Einbruch von gut zwölf Prozent zur Vorwoche. Die Werte erholen sich bis zum Ende der Staffel auch nicht mehr auf das vorherige Niveau.

I do think the country is changing

Wie viel man in diese Zahl hinein interpretieren darf, ist unklar. Schauen wir uns völlig unwissenschaftlich die Foren zu Station 19 an, finden wir kaum Beschwerden über die Beschäftigung mit dem Thema Rassismus oder Polizeigewalt.

Wohl aber gibt es Klagen über die Art, wie die Polizei dargestellt wird. Auch mindestens eine Polizeiorganisation in den USA hat die Darstellung der Beamten in Station 19 als einseitige Karikatur verurteilt. Interessanterweise taucht in der vorletzten Folge Say Her Name bei einer erneuten Konfrontation zwischen schwarzen Feuerwehrleuten und weißen männlichen Polizisten plötzlich deren afroamerikanische Chefin auf, die ein Machtwort spricht.

Es ist reine Spekulation, aber dieser kurze Moment könnte dazu dienen, eine andere Darstellung der Polizei in der Serie einzuleiten. Mit deren Dämonisierung als ein Hort von Rassisten könnte der Sender ABC Ärger mit einem großen Teil der amerikanischen Zuschauer riskieren, insbesondere den republikanischen, denn die Einstellung zur Polizei verläuft in den USA klar entlang der Parteigrenze: Wie die New York Times im August 2020 berichtete, vertrauen 82 Prozent der Republikaner der Polizei (Tendenz steigend), aber nur 28 Prozent der Demokraten (Tendenz fallend).

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Ausschnitt aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters
Ausschnitt aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters - © ABC

This year has been so much

Es versteht sich von selbst angesichts der Themen, dass in dieser Staffel der Humor zurückgefahren wurde. Im Wesentlichen werden als comic relief Dragqueens, ein Tiger auf der Flucht und Feuerwehrleute auf Schlittschuhen geboten. Problematischer ist, dass es in der ganzen Staffel kaum Brände gibt. Das ist vermutlich zu einem großen Teil den Pandemie-Bedingungen am Dreh geschuldet. In der wirklichen Welt müssen echte Feuerwehren (zum Glück) auch nicht jeden Tag irgendwas löschen. Aber eine Feuerwehr-Serie ohne Feuer, das geht nicht ewig gut.

Das größte Problem der vierten Staffel ist allerdings das chaotische Erzähltempo. Zwischen Rassismus und Polizeigewalt, den Pandemie-Geschichten und den vorgeschriebenen Crossovers mit Grey's Anatomy werden die anderen Plots gekürzt, irgendwo dazwischengequetscht oder einfach fallen gelassen. Besonders in den letzten beiden Folgen jagt die Handlung von einem Strang zum nächsten, als wäre den Autoren am Schluss plötzlich aufgefallen, dass ihnen die Zeit davonläuft.

Have a wedding for 19

So wird Deans Klage so schnell abgehandelt, dass man es verpassen konnte, wenn man sich zur falschen Zeit schneuzt. Andys (Jaina Lee Ortiz) Mutter, der große Cliffhanger aus der vorherigen Staffel? Irgendwann einfach kein Thema mehr. Ihre Ehe mit Robert (Boris Kodjoe) besteht gefühlt nur aus Streit oder Bettszenen. Ben (Jason George) wird quasi im Vorbeigehen ein Hoden entfernt. Jack (Grey Damon) vertieft seine Beziehung zu Inara (Colleen Foy), bevor sie sich am Ende abrupt trennen. Vic (Barrett Doss) lernt ihre Eltern besser kennen, aber die Figur dient zum großen Teil nur dem Hauptplot. Travis' (Jay Hayden) Vater gesteht sich seine Liebe zu einem Mann ein, ein riesiger Schritt für seine Selbstakzeptanz als Schwuler - nur, auch das und die Folgen für Travis, geschweige denn seiner Mutter, werden ruckzuck abgehandelt.

Unter dem großen fast forward leidet Maya als Figur von Danielle Savre vielleicht am meisten. Ihre Beziehung zu Carina (Stefania Spampinato) findet einen romantischen Höhepunkt in einer Hochzeit, die aber von den Machern übers Knie gebrochen wird. Endlich findet Maya auch den Mut, ihrem Vater die Meinung zu geigen und ihre Mutter zu sich zu rufen - aber eine Entwicklung, die über Staffeln hinweg vorbereitet wurde, wird ebenfalls in Minuten durchgehechelt. Und am Ende ist sie plötzlich nicht mehr Chefin, möglicherweise weil Robert irgendwas gemacht hat. Oder war er es doch nicht? Dem Zuschauer schwimmt der Kopf.

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Ausschnitt aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters
Ausschnitt aus der 4. Staffel der US-Serie Seattle Firefighters - © ABC

Fazit

Station 19 hat sich in der vierten Staffel eines großen, wichtigen Themas angenommen und es gelungen auf seine eigene, kleine Welt heruntergebrochen. Allerdings hat die Serie dafür einen erzählerischen Preis bezahlt.

Auch am Anfang der nächsten Staffel dürfte es bei der Handlung zunächst weiter wüst zugehen. Die große Schwesterserie Grey's Anatomy hat in der letzten Episode ihrer jüngsten Staffel, Someone Saved My Life Tonight, einen Zeitsprung von mehreren Monaten bis April 2021 hingelegt. Damit umgeht das gemeinsame Universum zwar eine Beschäftigung mit der bitter geführten Präsidentenwahl und kann mit geimpften Figuren in die neuen Staffeln gehen. Aber wegen des Gebots der Crossovers wird Station 19 den Zeitsprung schnell nachziehen müssen. Wie es dann auf unserer Feuerwache aussehen wird, können wir im Moment nur raten...

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Hier abschließend noch der Trailer zur aktuellen Staffel der Serie „Station 19“ beziehungsweise „Seattle Firefighters“ (dem deutschen Titel der Produktion):

Verfasser: Mariano Glas am Sonntag, 18. Juli 2021

Station 19 4x16 Trailer

Episode
Staffel 4, Episode 16
(Station 19 4x16)
Deutscher Titel der Episode
Für immer und ewig
Titel der Episode im Original
Forever and Ever, Amen
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 3. Juni 2021 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 1. September 2021
Erstausstrahlung der Episode in der Mediathek
Mittwoch, 1. September 2021
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Mittwoch, 1. September 2021
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 1. September 2021
Autor
Kiley Donovan
Regisseur
Paris Barclay

Schauspieler in der Episode Station 19 4x16

Darsteller
Rolle
Jason Winston George
Barrett Doss
Vic
Jay Hayden
Okieriete Onaodowan
Danielle Savre
Stefania Spampinato

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