State of Affairs 1x01

Charleston „Charlie“ Tucker (Katherine Heigl) weigert sich zu Beginn der Pilotepisode der neuen NBC-Dramaserie State of Affairs, gemeinsam mit ihrer Psychologin zum Kern ihres Traumas vorzudringen. Statt die Ereignisse aufzuarbeiten, die in Afghanistan zum Tod ihres Verlobten führten, ertränkt sie ihre Sorgen lieber in Alkohol und bedeutungslosen One-Night-Stands. Charlie ist eine abgeschwächte Version von Carrie Mathison, der Heldin aus Homeland.
That's my girl
Wie Carrie arbeitet auch sie bei der CIA. Dort ist sie in leitender Funktion für die Zusammenstellung des „Book“ zuständig, in dem jeden Morgen die zehn gefährlichsten Bedrohungen für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten zusammengefasst werden. Diese werden dann in einem Briefing der US-Präsidentin Constance Payton (Alfre Woodard) vorgestellt. Gemeinsam entscheiden Payton und ihr Berater David Patrick (David Harbour), welchen Bedrohungen höchste Priorität eingeräumt wird.
Die Auftaktepisode präsentiert als ersten Fall ein kompliziertes Geflecht außenpolitischer Vorgänge. In Kenia ist der Entwicklungshelfer Benjamin Butler (Gavin-Keith Umeh) von einem Arm der in Ostafrika operierenden Terrormiliz al-Shabaab entführt worden. Im Entführungsvideo fordern die Terroristen, mehrere Gefangene aus Guantanamo zu entlassen. Geschehe dies nicht, würde Butler vor laufender Kamera enthauptet werden. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, enthaupten die Entführer einen anderen Entwicklungshelfer, der sich schon länger in ihrer Geiselhaft befand.
Dieser Fall rückt also sofort an die erste Stelle im „Book“. Dann kommt es jedoch zu einer Entwicklung, die die Entführung Butlers in den Schatten stellen könnte. Der Kommandierende einer Sondereinsatztruppe meldet sich bei Charlie und behauptet, er habe den gesuchten Topterroristen Omar Fatah (Farshad Farahat) im Visier. Die angegebenen fünfzig Prozent Ergreifungswahrscheinlichkeit sind Charlie jedoch nicht genug, um diesen Vorgang ins Bedrohungsbuch aufzunehmen.
Dabei müsste Fatah ganz oben auf ihrer persönlichen Liste stehen. Er ist nämlich für den Tod ihres Verlobten verantwortlich, der sie immer noch nicht loslässt (ein wichtiges Indiz dafür: Sie hat bis heute nicht die Bilder von sich und ihm abgehängt). Auch für Präsidentin Payton ist die Ergreifung Fatahs von höchster Priorität. Charlies Verlobter war ihr Sohn. Weil der Misserfolg einer solchen Mission aber dazu führen würde, dass Fatah und ein höhergestellter Terrorführer auf lange Sicht nicht mehr zu ergreifen wären, entscheidet sich Charlie dagegen.
We don't waterboard people, we just drown them
Diese Entscheidung nimmt wiederum ihr Vorgesetzter, CIA-Direktor Skinner (Dennis Boutsikaris), zum Anlass, ihre Ablösung zu lancieren. Er glaubt, sie hätte Payton unbedingt über die mögliche Ergreifung Fatahs informieren müssen. In Begleitung eines angeblichen Überläufers macht er sich auf den Weg zu Payton, um dort gegen Charlie zu intrigieren. Das zentrale action set piece der Episode konzentriert sich denn auch auf die Umstände dieser Verwerfungen.
Charlie vermutet, dass der Informant nur vorgegeben habe, bei der CIA auspacken zu wollen, in Wirklichkeit aber für die Gegenseite spioniere. Eine ähnliche Aktion habe er schon einmal beim französischen Geheimdienst durchgezogen, wo er mittels eines im Futter seines Mantels eingenähten Handys geheime Unterredungen aufgezeichnet habe.
Während Charlie also versucht, den auf sie angesetzten Sicherheitsbeamten zu entkommen, bittet sie einen Freund darum, den Informanten abzufangen, bevor er das Weiße Haus erreiche. Das alles funktioniert auch problemlos. Es stellt sich tatsächlich heraus, dass der Informant für die Gegenseite spionierte, dieses Mal hatte er das Handy in seinem Hut versteckt. Charlie schafft es indes, ihre Verfolger abzuschütteln und zu Präsidentin Payton zu gelangen, um ihrer Absetzung durch Skinner zuvorzukommen.
Dieses zentrale Verwirrspiel hat mehrere offensichtliche Probleme. Wie kann ein Informant in das CIA-Hauptquartier und dort in sensible Bereiche gelangen, ohne vorher durchsucht zu werden? Ist es wirklich so einfach, den Chef der CIA davon zu überzeugen, dass man zum Secret Service gehört? Würde er wirklich seinen Informanten kommentarlos ziehen lassen? Und wie schafft es Charlie ins Oval Office, obwohl sie gerade von der CIA unter Beobachtung gestellt wurde?
I'm going to end every single one of their lives
Solche Fragen mögen pedantisch sein. Weil der Plot dieser Auftaktepisode aber so viele Lücken hat, geht der Geschichte nahezu vollständig die Brisanz verloren. Wenn solch massive Probleme stets so einfach zu bewältigen sind, wo bleibt dann noch die Herausforderung? Wo bleibt die Spannung? Wo bleibt die Unsicherheit darüber, ob eine Operation nun gelingt oder nicht?
Der Pilot gibt uns einen sehr genauen Einblick in die zukünftige Ausrichtung der Serie. Es wird wohl in jeder Episode eine neue Bedrohung geben, der sich Charlie und ihr Team stellen müssen. Der übergreifende Erzählstrang wird sich mit der Suche nach Omar Fatah und seinen Hintermännern beschäftigen. Eine neue Sichtweise auf das Spionagegenre werden wir dabei wahrscheinlich nicht bekommen - eher einen Aufguss von Homeland, Scandal und The Blacklist.
Die technische Umsetzung von State of Affairs bleibt auf erwartbarem Niveau, auch hier scheint es in Zukunft keine Überraschungen zu geben. Der Pilot sieht so aus, wie die meisten Networkpiloten eben aussehen: professionell, aber völlig durchschnittlich. Keine neuen Blickwinkel, keine überraschenden Kameraeinstellungen, keine auffallende Farbgebung, kein bemerkenswerter Score. Heigl versprüht weniger Charisma als Claire Danes oder James Spader, dafür sind die übrigen Haupt- und Nebenrollen mit interessanten und fähigen Darstellern besetzt - allen voran Alfre Woodard als US-Präsidentin.
Insgesamt ist das aber zu wenig, um mein Interesse zu wecken. Hätte sich die Pilotepisode auf die interessante Arbeit des Teams konzentriert und einen weniger absurden Plot (inklusive großer Enthüllung am Ende - natürlich konnte Fatah kein einfacher Terrorist sein) ausgerollt, würde ich mir vielleicht noch eine weitere Episode ansehen. So bleibt es bei diesem in jeglicher Hinsicht durchschnittlichen Auftakt.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 18. November 2014State of Affairs 1x01 Trailer
(State of Affairs 1x01)
Schauspieler in der Episode State of Affairs 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?