Star Trek 1x22

Star Trek 1x22

Schlafender Löwe oder zahnloser Tiger? Der erste Auftritt von Khan bereitet zwar den Boden für das wunderbare zweite Kinoabenteuer, ist aber im Gegensatz zu Darsteller Montalbans Leistung bei weitem nicht so herausragend wie sein Ruf.

Szenenbild aus der Episode „Space Seed“ / (c) NBC
Szenenbild aus der Episode „Space Seed“ / (c) NBC

Was passiert?

Die USS Enterprise fängt einen Notruf auf und entdeckt dabei ein Erdenschiff aus dem 20. Jahrhundert. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei den Passagieren um eine Gruppe Supermenschen unter der Führung des Diktators Khan Noonien Singh. Kurz nach dieser Erkenntnis beginnen diese, die Enterprise zu übernehmen…

Dies & das

  • Star Trek: The Wrath of Khan“ ist die Fortsetzung der Geschehnisse, während „Star Trek Into Darkness“ die Geschichte neu schreibt.
  • Die Botany Bay war ein frühes Design von Matt Jeffries für die Enterprise, das er aufhob, um es irgendwann für ein anderes Schiff verwenden zu können.
  • Die Musik wurde fast komplett aus der Episode Charlie X recycelt.
  • Ein sehr auffälliger Kontinuitätsbruch geschieht, als Scotty im Transporterraum die Kontrollen verlässt um sich dem Team auf der Plattform anzuschließen. Kurz darauf sieht man nämlich, wie er (beziehungsweise seine Arme) doch wieder die Kontrolle bedient.

Synchro-Anomalien

  • Eine ausgesprochen aufgeräumte Synchronisation, die mit nur wenigen Kalauern (“Lass dem Kind doch die Banane” auskommt - Kompliment!

Khaaaaaaan!

Khan is my name. - Khan, nothing more? - Khan.“ (Khan und Kirk)

Go or stay, but do it because it is what you wish to do.“ (Khan)

It appears we will do well in your century, Captain.“ (Khan)

I will take her. And I've gotten something else I wanted. A world to win, an empire to build.“ (Khan)

It would be interesting, captain, to return to that world in a hundred years and to learn what crop has sprung from the seed you planted today.“ (Spock)

Begegnung mit der Vergangenheit

Die Crew trifft auf ein unbekanntes Schiff namens Botany Bay, sehr alte und definitiv von der Erde, das man jedoch nicht auf Anhieb in den Datenbanken findet, da die Aufzeichnungen aus dieser Zeit nur bruchstückhaft sind. Die Eugenischen Kriege haben damals auf der Erde getobt und eine Armee von Supermenschen hervorgebracht.

Gut, dass man eine neue Expertin in Gestalt von Lieutenant Marla McGivers an Bord hat, die Kirk bei dieser Gelegenheit gleich einmal auf die Probe stellen möchte. Schlecht für sie, dass sie deswegen ihren kleinen, privaten Zeichenkurs unterbrechen muss. Noch schlechter jedoch: Sie trägt rot.

Die Sensoren melden reduzierte Herztöne und eine starke Energiequelle auf der Botany Bay - ein klarer Fall also für ein mutiges Außenteam. Doch Moment - hatte nicht eben jemand etwas von Supermenschen gesagt?

Erster Auftritt einer Ikone

An Bord befinden sich 73 Menschen in Kälteschlafeinrichtungen, die auch nach dieser langen Zeit zum großen Erstaunen aller noch intakt sind. Als McCoy das Licht einschaltet, aktiviert sich die Aufwach-Sequenz einer Kapsel, vermutlich die des Commanders.

Ein Beitrag zum wunderbaren Frauenbild der sechziger Jahre folgt auf den Fuß: Wenn ein heißer Mann in der Nähe ist, werden die besten Expertinnen und intelligentesten Profis zu schmachtenden Teeangern. McGivers zumindest ist direkt verliebt - ihr Blick und die Musikuntermalung sprechen Bände. Wunderbare, einfache Welt von vor fünfzig Jahren.

Weiterhin findet Spock keine Informationen über die Botany Bay und dennoch behandelt man den unbekannten Gast ohne Vorsichtsmaßnahmen auf der Krankenstation. Dort erholt er sich offenbar schnell und wird in seiner Bewusstlosigkeit auch weiterhin von McGivers umgarnt. Das bleibt auch ihrem Captain nicht verborgen, der sie zur Rede stellt, aktuell aber auf Konsequenzen verzichtet.

Nachdem Khan erwacht ist und sich mit etwas Gymnastik in Form gebracht hat, greift er McCoy an, lässt jedoch von ihm ab, da der Doktor mit Mut und Schlagfertigkeit beeindruckt.

Im Dialog mit Kirk gibt er den interessierten Ex-Ingenieur, der gerne wissen möchte, was es mit diesem tollen neuen Schiff auf sich hat. Kirk überlässt ihm alle relevanten Baupläne und Daten - ein wenig schlafmützig stellt sich der Captain an dieser Stelle leider schon an.

Und auch Marla „Weichzeichner“ McGivers erliegt weiterhin seinem Charme - er lobt ihre Haare, plänkelt, schmeichelt und gockelt um sie herum und verrät ihr sogar von seinem finsteren Plan, das Schiff übernehmen zu wollen. Großartig gespielt und geschrieben ist die Szene, in der er sie erst wegstößt um ihr dann klipp und klar zu sagen, sie solle entweder gehen oder bleiben, aber in jedem tun was sie wirklich möchte. Wie ein kleines Mädchen steht McGivers daraufhin an der Tür und hat nur noch einen Wunsch: In der Nähe dieses kraftstrotzenden Alphatieres zu bleiben, der sich offenbar auch sehr gut auf Psychologie versteht…

And so it begins…

Die Crew findet inzwischen endlich mehr über den Besucher heraus. Es handelt sich um Khan Noonien Singh, einen der letzten Tyrannen und Diktatoren der Erde des 20. Jahrhunderts. Kirk stellt seinen Gast sofort unter Arrest und erneut zur Rede, doch dieser beteuert, nur ein neues Leben beginnen zu wollen.

Kirk verlässt ihn, hat die Rechnung aber freilich ohne Marla McGivers gemacht. Im Überschwang der Gefühle befreit sie Khan, bringt ihn zur Botany Bay und hilft, seine Crew zu erwecken. Mit ihr will dieser das Universum erobern. Doch zuerst braucht Gott - Verzeihung - Khan ein besseres Raumschiff und eine größere Crew. Indem er auf der Enterprise Captain Kirk an den Rand des Todes bringt, will er neue Untergebene von seiner Sache überzeugen und ist schlussendlich auch bereit, Kirk und weitere zu ermorden - sofern nötig.

And so it ends…

Doch oh Schreck - die Episode ist fast um. Nun geht alles sehr schnell. Eigentlich natürlich sogar viel zu schnell. McGivers macht nun doch einen Rückzieher, Khan beleidigt sie, lässt sie aber gehen - keine gute Entscheidung, wie sich zeigen wird. Hier scheitert ein großer Mann an seinem zu großen Ego.

Denn befreit McGivers kurz darauf reumütig ihren Captain, möchte aber, dass Khan leben darf. Liebe ist wunderbar. Mit einem Gasangriff treibt man den Tyrannen aus seinem Versteck und es kommt zum unvermeidlichen Faustkamp Mann gegen Mann. Die Rocky-Filme sind nichts dagegen.

Überraschenderweise gewinnt Kirk sogar - vielleicht auch deswegen, weil er seinen Stuntman für sich hatte kämpfen lassen. Dieser war in jedem Fall in diversen Einstellungen leider viel zu deutlich zu erkennen gewesen. Ein Fall fürs Schiedsgericht?

Verhandlung

Nach einer kurzen Verhandlung werden alle Anklagepunkte fallengelassen. Khan und seine Crew werden auf einem unbewohnten Planeten ausgesetzt und dürfen versuchen, diesen für ihre Zwecke nutzbar zu machen. McGivers erhält die Chance, sich der Gruppe anzuschließen oder vor ein Kriegsgericht zu kommen: Sie wählt Khan. Welch Wunder.

Dieser scheint nicht allzu frustriert von der Aussicht zu sein, einen ganzen Planeten zu zähmen. Er plant, die Welt zu erobern und dort ein Imperium aufzubauen. Ob diese Aussicht wirklich erfreulich ist? Eher schon inszenierte man an dieser Stelle das Ergebnis der Handlungen aller hier eine Spur zu kurz, gediegen und freundschaftlich.

Khans Denke ist dabei absolut klar: Lieber in der Hölle regieren, statt im Himmel zu dienen. Und McGivers ergänzt: Lieber mit dem Teufel schlafen, als sich bei Wasser und Brot zu langweilen.

Spock hat das Schlusswort: Er würde gerne in 100 Jahren noch einmal vorbeischauen um zu erfahren, wie sich die kleine Gruppe entwickelt hat - doch ist sein Captain mehr als skeptisch, ob man diesen Tag erleben wird…

Beiwerk

Eines steht außer Frage: Ricardo Montalban hatte hier wie auch später im zweiten Kinofilm eine grandiose Präsenz in der Rolle des Khan. Auch wenn das Material letztlich wenig hergab, ist es kein Wunder, dass er als einer der besten - wenn nicht der Beste - und auffälligsten Gegenspieler der Serie im Gedächtnis blieb.

Technisch gesehen lässt sich hingegen wenig Verwertbares finden: Der Weichzeichner zur Betonung der Schönheit von Khans neuer Freundin nervt - ebenso wie die verliebt-penetrante Musik und ihr unprofessionelles Gehabe - ein klarer Wink in Richtung Drehbuch und Zeitgeist.

Die Story köchelt auf Minimalniveau und kann zwar in keiner Phase ihren Kultstatus rechtfertigen, stellt aber guten Standard für die Zeit der Produktion dar - Malen nach Zahlen von A über B nach C und zum Ende.

The Reviewer's wife

Zum ersten Mal in der Geschichte dieses Countdowns schlief die Frau des Rezensenten bei einer Episode fast ein - zuletzt war ihr das im Kino bei „Star Trek: Insurrection“ passiert. Damals aber noch ohne den Rezensenten an ihrer Seite. Somit konnte sie leider wenig zur Episode an sich beitragen und musste es bei einem „wird schon seinen Grund haben, warum ich eingenickt bin“ belassen.

Gib dem Kind einen Namen

Ein schöner, mehrdeutiger Titel, der sich sowohl darauf bezieht, dass die Erde die Ergebnisse ihres Handelns bezüglich der ins All geflohenen Supermenschen irgendwann wird ernten müssen, als auch auf die Saat, die Kirk mit seiner Entscheidung auf Ceti Alpha V ausbringt und später im zweiten Kinofilm erkennen muss.

Fazit

Obwohl die Episode im Serienkontext originell und auf gewisse Weise reif daherkommt, muss man den Ikonen-Status der Figur des Khan leider doch eher Ricardo Montalbans Spiel und dem zweiten Kinofilm zuschreiben. Hier stört das Geplänkel mit der wenig professionellen McGivers sowie die Leichtfertigkeit mit der man Khan erst willkommen heißt und später mitsamt seiner Crew zurücklässt. Wenig Handlungstiefe führt aber auch zu wenig Angriffsmöglichkeiten: Space Seed ist eine gemächlich-spannende, leidlich-anspruchsvolle Episode mit einem starken Gastdarsteller, dessen Background aber nur von Andeutungen lebt und viel zu wenig Ausarbeitung nach sich zieht. Eine gute Dreiviertelstunde, die aber deutlich weniger brillant ist, als man meinen könnte.

Nächste Woche geht es im Review-Countdown weiter mit TNG & DS9: Picard steht unfreiwillig vor Gericht und Jake erinnert sich an den Tag, als er seinen Vater verlor...

Verfasser: Björn Sülter am Sonntag, 24. Januar 2016
Episode
Staffel 1, Episode 22
(Star Trek 1x22)
Deutscher Titel der Episode
Der schlafende Tiger
Titel der Episode im Original
Space Seed
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 16. Februar 1967 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 21. Oktober 1972
Autoren
Cacey Riggan, Samantha Boscarino, Cacey Riggan
Regisseure
Marc Daniels, Massimiliano Ubaldi, Joey Honsa, Kiele Sanchez

Schauspieler in der Episode Star Trek 1x22

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