Star Trek: The Next Generation 5x23

Was passiert?
Ein einzelner Borg wird schwer verletzt aus einem verunglückten Borg-Schiff gerettet, was für die Föderation eine Chance bedeutet, einen Schlag gegen einen unbarmherzigen Feind durchzuführen. Doch ist sich die Crew uneins über die Vorgehensweise. An welchem Punkt übertritt man die Feine Linie zwischen Kriegsführung und Genozid? Picard ist zu einem emotionalen Spagat gezwungen und muss versuchen, Rationalität mit Erinnerungen und negativen Gefühlen in Einklang bringen…
Dies & das
- Der Episodentitel ist vermutlich genau wie „I, Mudd“ eine Referenz an Asimovs „I, Robot“, welches wiederum eine Referenz an Graves „I, Claudius“ darstellte. Asimov war ein enger Freund von Gene Roddenberry.
- Rick Berman sagte einmal über die Episode: „The minute I saw the story I fell in love with it. The dramatic relationships are so vivid. Guinan, who comes from a people who were destroyed by the Borg, Picard who was brutalized and violated by the Borg - both are put in the position of being prejudiced. Geordi and Dr. Crusher are in the position of being open-minded and eventually sympathetic to this young man and the end result is a wonderful series of relationships and wonderful scenes between Guinan and the Borg.“.
- Für Michael Piller war die Episode „everything I want Star Trek to be.“.
- Jonathan del Arco war als Kind immer ein Fan der Ur-Serie gewesen und hatte später sogar erfolglos für die Rolle des Wesley Crusher vorgesprochen.
Synchro-Anomalien
- In der ersten Synchronfassung wurde Hugh noch als „Du“ bezeichnet obwohl es sich bei seinem Namen um ein Wortspiel auf „you“ handelt. 1996 wurde der Fehler jedoch korrigiert.
- Die Synchro korrigiert aber auch einen Fehler: Im Original weist Riker Dr. Crusher an, ein medizinisches Außenteam mit zum Planeten zu nehmen. Es kommt dann aber nur Crusher mit. Im Deutschen sagt er passender sie solle eine „Notfallausrüstung“ mitnehmen.

Unwillkommen
„Kill it now! Make it appear that it died in the crash.“ (Worf)
„Infect it? You make sound as if it's a disease.“ - „Quite right, Doctor. If all goes well... a terminal one.“ (Crusher und Picard)
„I just think we should be clear about that. We're talking about annihilating an entire race.“ -
„Which under most circumstances would be unconscionable, but as I see it, the Borg leave us with little choice.“ (Crusher und Picard)
„When I look at my patient, I don't see a collective consciousness, I don't see a hive. I see a living, breathing boy who has been hurt and who needs our help.“ (Crusher)
„You felt sorry for me. Look what it got you.“ (Guinan)
„You felt sorry for me. Look what it got you.“ - „Just look around, pal. You're hardly in a position to make any demands.“ (Hugh und LaForge)
„You will be assimilated.“ - „Yes, we know, but before that, we'd like to ask you a few questions.“ (Hugh und LaForge)
„Let me tell you something, when this kid's big brothers come looking for him, they're not gonna stop until they find him. And they'll come looking for us, and they will destroy us. And they will not do any of the soul-searching that you're doing now.“ (Guinan)
„If you are going to use this person…“ - „It's not a person, damn it! It's a Borg!“ (Guinan und Picard)
„Resistance... is not futile?“ (Hugh)
„Captain, I do not want to forget that I am Hugh.“ (Hugh)
Unterrepräsentiert
Eines kann man den Produzenten der Serie Star Trek: The Next Generation definitiv nicht vorwerfen: Dass sie nach dem großen Erfolg mit dem immer noch ikonischen Borg-Zweiteiler „The Best of Both Worlds“ das Thema in der Folge ohne Rücksicht auf Verluste ausgeschlachtet hätten. Fast zwei Staffeln mussten die Fans gar auf eine Fortsetzung und Rückkehr der Gegenspieler warten. Eine seltene, aber äußerst weise, weil behutsame und clevere Entscheidung.
Als man sich dann entschied, die Borg doch zurückzubringen, stand natürlich sofort die offensichtliche Frage im Raum: Wie geht man vor? Möglichkeit 1: Sie kommen umso härter und drastischer zurück als noch beim ersten Mal. Oder Möglichkeit 2: Sie werden vermenschlicht und uns somit auf einer ganz anderen Ebene nähergebracht als zuvor. Man entschied sich für die zweite Variante.

Und wie schon bei Klingone „Ich kann auch ein bisschen zivilisiert“ Worf oder später auf DS9 mit Ferengi „Ich kann auch fast legal“ Quark oder Cardassianer „Mit mir kann man Pferde stehlen“ Garak erschufen die Autoren aus einem ehemaligen Feindbild eine differenzierte Figur, die nach und nach die Sympathien der Crew gewinnt. Man muss der Serie zu Gute halten, dass diese Vorgehensweise hier Franchise-intern noch verhältnismäßig frisch war. In der Rückschau wurde dieses Klischee danach aber so oft bedient, dass es zunehmend verwässert schien. Doch soll dies nicht zum Schaden der aktuellen Episode sein.
Unerwartet
Auch diesmal begann alles mit einer routinemäßigen Kolonisierungsmission. Doch führte ein Notsignal die Crew auf den Planeten und direkt zur Absturzstelle eines Borg-Schiffes. Bezeichnend, mit welcher Kälte und Vehemenz Picard auf die Neuigkeiten reagiert. Seine Vorgeschichte als Locutus spiegelt sich in seinem entsetzten Gesicht, als Dr. Crusher ernsthaft damit beschäftigt ist, dem einzigen überlebenden Borg zu helfen. Und obwohl Worf wie sein Captain am liebsten einen schnellen Tod für „die Kreatur“ herbeiführen würde, bleibt der Captain den Argumenten seiner Chefärztin gegenüber offen und erlaubt, die Drohne an Bord zu bringen.
Ungern
Nicht nur Data ist die Erregung seines Captains aufgefallen - auch Troi besucht ihn wenig später in seinem Bereitschaftsraum. Doch besteht aktuell für Picard wenig Bedarf an Gesprächen. Er möchte viel lieber die Chance nutzen, die sich ihm und dem ganzen Quadranten bietet: Einen Computervirus in den Borg zu implantieren, der im besten Fall seine ganze Spezies infiziert und auslöscht.
Aus diesem Gedanken entsteht eine der vielen in der Serie so beliebten Diskussionen im Besprechungsraum. Fragen wie „Wer hat wem überhaupt den Krieg erklärt?“, „An welche Regeln gilt es sich zu halten?“, „Gibt es Borg-Zivilisten?“ zeugen von einer durchaus vorhandenen Sensibilität seitens der Autoren der Serie und im Übertrag der Charaktere.
Crusher nimmt naturgemäß erneut die Gegenposition zu Picard ein und hinterfragt diesen angedachten Genozid auf das Schärfste. Als Medizinerin ihre Pflicht und ihr gutes Recht. Doch scheint Picard wild entschlossen, seine Plan in die Tat umzusetzen und die Borg-Bedrohung ein für alle Male aus der Welt - nein, aus seiner Welt - zu schaffen

Unschlüssig
Der Borg sucht unterdessen in seiner Zelle deutlich Grundlegenderes. Ein Terminal zur Energieaufnahme würde ihm schon reichen. Geordi betritt in Gesellschaft seiner Eskorte Worf die Zelle, um ihm zu helfen. Das Schlimmste, was der Besucher wagt, ist jedoch in fast schon kindlicher Naivität das Mantra seiner Spezies aufzusagen - und wird durch Geordis Ironie gnadenlos ausgekontert. Der einsame Borg wirkt hier erstmals unfreiwillig komisch. Ein Wesenszug, den seine Spezies - abgesehen von ihrem retrospektiv etwas gewöhnungsbedürftigen Laufstil - bisher nicht innehatte.
Bei Laforge erwacht unterdessen der Forscherdrang, was jedoch wiederum Moralapostel Crusher auf den Plan ruft. Eine definitiv undankbare Rolle für die Ärztin, die ab diesem Moment anfängt zu nerven. Immerhin ist sie aber auch noch an einer zentralen Szene beteiligt, als der Borg einen Namen wählt und dabei (zumindest im englischen Original sinnvoll) von „you“ auf „Hugh“ kommt. Eine weitere spannende Erkenntnis: Hugh verstört die Ruhe in seinem Kopf, die fehlenden Stimmen des Kollektivs, die sonst immer bei ihm sind.
Ein weiterer interessanter Faktor ist Guinan. Auch sie hat wie Picard keine allzu positive Vergangenheit mit den Borg. Auch sie steht allen Mitgliedern dieser Spezies per se ablehnend gegenüber. Beim Fechten mit Picard gelingt es ihr überdeutlich, ihren Standpunkt zu vertreten. Sie spielt Schwäche, bietet ihrem Captain die Chance, zu zögern und auf diese einzugehen und attackiert ihn als Dank mitten hinein in die fehlende Deckung. Eine treffende Analogie für fehlgeleitetes Mitleid hat sie hier durchaus gefunden. Doch hat sie auch Recht damit?
Auch Geordi zweifelt inzwischen an seiner Haltung. Und auch hier kann Guinan kaum glauben, was sie hört. Die Vermutung liegt nahe, dass sie sich der Problematik nicht aussetzen will, dass sie ihre Denkweise gar nicht auf die Probe stellen möchte. Doch wäre Guinan nicht Guinan, wenn sie es nicht später dennoch tapfer täte. Und tatsächlich - dieser Borg ist anders als gedacht. Er hinterfragt, ob Guinan assimiliert werden möchte. Er räumt ein, dass Widerstand unter Umständen nicht zwecklos sei und zeigt Verständnis für Guinans Einsamkeit - da er diese ebenso empfindet. Alleine unter den Besatzungsmitgliedern der Enterprise. Hugh spiegelt Guinans Gefühle und erreicht damit ihr Herz - und ihren Verstand.
Unvermeidbar
Geordi plagen zunehmend Zweifel. Der Plan, ein Paradoxon als Virus in das Kollektiv einzuschleusen, erscheint zwar durchführbar, er möchte seinen neuen Freund jedoch nicht auf diese Weise benutzen. Er spricht von Gefühlen, von Heimweh und handelt sich dafür von Picard nur eine für den Intellekt des Captains etwas zu schlichte Analogie zu Tierversuchen ein. Es folgt der Befehl, die emotionale Bindung zu beenden. Jetzt kann nur noch Guinan helfen. Wenn jemand Picards Schale durchbrechen kann, dann sie. Doch ist akut gar nicht viel dafür nötig: Einzig der Hinweis, er solle sich Hugh von Angesicht zu Angesicht stellen, reicht.

Picard zeigt Größe. Natürlich zu seinen Bedingungen und in seinem Raum. Und er zeigt Mut und beordert Worf sogar vor die Tür. Picard ist in diesem Moment wieder Locutus und spielt seine Rolle dem Borg gegenüber aus - der ihn auch sofort erkennt. Mit Kälte und Dominanz will Picard den wahren Borg wiederfinden. Er will aufdecken, was er unter der Oberfläche aus Höflichkeit und Freundlichkeit vermutet.
Picard, ganz der Hardliner, stellt Frage um Frage. Doch selbst die Borg-Identifizierung erhält er erst nach mehreren Anläufen. Und auch sonst hat Hugh die Argumente auf seiner Seite: Die Crew möchte nicht assimiliert werden, sie wird sich wiedersetzen, Widerstand ist nicht zwecklos. Hugh fragt, ob Geordi assimiliert werden muss und erklärt, dass dieser es aber nicht wolle. Dass er lieber sterben würde. Dass es nicht richtig wäre. Dass Geordi ein Freund sei. Dass er, Hugh, ihm nichts tun wird. Dass er Hugh sei. Picard ist zu Recht beeindruckt. Dieser Borg hat in kurzer Zeit definitiv einiges von der menschlichen Natur verstanden.
Unvorstellbar
Hugh hat Picards Widerstand gebrochen. Zwar anders, als die Borg sich das in der Regel vorstellen, aber doch effektiv und kompetent. Die Individualität, die man Hugh geben konnte, bringt den Captain auf einen neue Idee. Man könnte das Kollektiv mit dieser Individualität infizieren - sie somit zwingen, ihre Lebensweise neu auszurichten. Ein wahrer Diplomatenvirus á la Schöngeist Picard - herrlich. Doch will Hugh überhaupt zurück? Möchte er gar Asyl auf der Enterprise beantragen? Eine Frage, die sich der erst seit Kurzem für sich selber denkende Borg nie zu stellen gewagt hätte. Zudem eine Wahl, die viel später eine gewisse Seven of Nine nie erhalten würde. Dort entschied Captain Janeway für sie und zwang sie in eine Rolle, die sie unter anderen Umständen möglicherweise nie gewählt hätte.
Auch Hugh tut sich schwer, doch ist sein Lösungsansatz so simpel wie einleuchtend. Hugh will Geordi schützen - seinen Freund. Solange er auf der Enterprise wäre, würde das Kollektiv nach ihm suchen und ihn orten können. Schade für Hugh, dass offenbar kein qualifizierter Doktor in Sicht war um seine Sorgen zu zerstreuen. Der Holodoc der Voyager hatte dieses technische Problem schließlich relativ problemlos bewältigen können. Dennoch ist es beschlossen: Hugh kehrt zurück. Und dabei klingt sein einziger Wunsch so menschlich wie nur denkbar: Er möchte nicht vergessen, dass er Hugh ist.
Wieder bei der Absturzstelle erwartet er das Kollektiv. Durchaus riskant, dass Geordi in nur geringer Entfernung zuschaut. Am Ende bleibt der Chefingenieur der Enterprise allein zurück. Doch Hughs letzter Blick vor dem Beamvorgang zu Geordi macht Hoffnung. Für den Moment ist sein neuer Freund zwar verschwunden, was die Zukunft bringen wird, ist jedoch für Hugh noch offen.

Unwichtig
Die Episode punktet mit Dialogen und Darstellerleistungen. Dass der Planet, auf dem Hugh gefunden wird, wie der knuffige Felsplanet aus der Classic-Serie aussieht - geschenkt. Dass die Borg hier noch eher die Wackeldackel des Deltaquadranten sind und durch ihren tapsigen Laufstil eher amüsieren als ängstigen - geschenkt. Auch der Score punktet eher mit Beliebigkeit.
Dafür spielen sowohl Patrick Stewart als auch Whoopi Goldberg ebenso groß auf wie Gast Jonathan del Arco als Hugh. Und das ist es letztlich, womit eine Episode wie diese fällt oder wie hier eben glänzt.
The Reviewer's wife
Die Frau des Rezensenten war nie ein großer Fan der Borg - auch der „ewige Trek-Dreh“, Bösewichte irgendwann menscheln zu lassen, wurde nie ganz ihre Sache. Da die Episode zudem Picard in den Mittelpunkt stellte („der soll nicht wieder so rumjammern“) war am Ende nicht viel zu holen. Gut, okay, Mittelmaß - mehr nicht.
Gib dem Kind einen Namen
Wie bereits oben erwähnt spielt der Originaltitel schön mit den literarischen Vorlagen „I, Robot“ und „I, Claudius“, stellt aber den inneren Konflikt des Borgs somit auch klar in den Mittelpunkt des Interesses. Wer bin ich? Was heißt Borg? Was bin ich?
Auf Deutsch ließ man „Borg“ weg und nahm stattdessen den Namen „Hugh“ in den Titel. Machbar aber „Ich, Borg“ wäre auch nett gewesen.
Fazit
I Borg war die Vorreiterepisode im Bereich Aufweichung der Grenzen zwischen Freund und Feind. Ihr Erfolg führte zu einer großen Schar an Nachahmern - durchaus ein verdienter Ruhm. Geschliffene und auch schmerzende Dialoge sowie starke Darstellerleistungen fördern Gefühle bei den Charakteren zu Tage, die die Serie emotional erden, und die Ereignisse bei Wolfs 359 im Rückblick noch realer zeichnen.
Morgen geht es im Review-Countdown weiter mit Platz 8 von der DS9-Crew. Dann am Start: Der wohl härteste Kriegsalptraum im Serien-TV.

Übersicht zum Review-Countdown
Hier findet ihr die bisher erschienenen Reviews nach Serien sortiert zum Nachlesen:
Star Trek
Where no man has gone before (Pilot)
The Conscience of the King (Klein aber fein)
Tomorrow is Yesterday (Platz 10)
A Piece of the Action (Platz 9)
Spock´s Brain (Trash oder Fun?)
The Naked Time (Platz 8)
Star Trek: The Next Generation
Encounter at Farpoint (Pilot)
Lower Decks (Klein aber fein)
Data´s Day (Platz 10)
First Contact (Platz 9)
Phantasms (Trash oder Fun?)
Star Trek: Deep Space Nine
Emissary (Pilot)
Nor the battle to the strong (Klein aber fein)
The Wire (Platz 10)
Hard Time (Platz 9)
Our Man Bashir (Trash oder Fun?)
Star Trek: Voyager
Caretaker (Pilot)
11:59 (klein aber fein)
Drone (Platz 10)
Blink of an Eye (Platz 9)
Bride of Chaotica! (Trash oder Fun?)
Star Trek: Enterprise
Broken Bow (Pilot)
Alle restlichen Reviews zur Serie (aktuell bis Anfang Season 3) findet ihr auf der Serienseite.
Star Trek: Die Kinofilme
„Star Trek: The Motion Picture“
„Star Trek: The Wrath of Khan“
„Star Trek: The Search for Spock“
„Star Trek: The Voyage Home“
Diverses
„Star Trek: Renegades“
Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 14. November 2015(Star Trek: The Next Generation 5x23)
Schauspieler in der Episode Star Trek: The Next Generation 5x23
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?