Star Trek: The Next Generation 4x21

Star Trek: The Next Generation 4x21

Ein Vierteljahrhundert nach Erstausstrahlung so aktuell wie nie zuvor? Das kann fast nur „Star Trek“ sein. Anhand einer kaum für möglich gehaltenen Hexenjagd an Bord, erklärt die Serie uns Motive wie Fremdenhass und Angst und lässt uns nachdenklich zurück. Euer Platz 6!

Offizielles Szenenbild aus der „Star Trek: The Next Generation“-Episode „The Drumhead“. / (c) Paramount
Offizielles Szenenbild aus der „Star Trek: The Next Generation“-Episode „The Drumhead“. / (c) Paramount

Was passiert?

Ein klingonischer Austauschoffizier soll Interna an die Romulaner weitergegeben haben. Ein unschöner Fall, mit dem die wirklichen Probleme jedoch erst beginnen. Denn plötzlich rückt ein junger medizinischer Techniker in den Fokus der extra zur Enterprise geschickten Ermittlerin Satie. Gemeinsam mit ihrem Team und einem stark motivierten Worf beginnen Verhöre, die für einige Überraschungen gut sind…

Dies & das

  • Wie so oft wurde aus dem Wunsch nach einer „bottle episode“ eine emotionale und inhaltlich relevante Dreiviertelstunde, die mehr Eindruck macht, als die größte Effektschlacht.
  • Autorin Jeri Taylor arbeitete eine Idee von Ronald D. Moore aus, die ursprünglich „It can't happen here“ hieß.
  • Für Komponist Ron Jones war es nach vielen Scharmützeln mit Rick Berman die letzte Arbeit an der Serie. Ihn ersetzte Jay Chattaway.
  • Für Jonathan Frakes, Michael Dorn und auch Jeri Taylor ist dies eine ihrer Lieblingsfolgen.
  • Bruce French war später noch in Caretaker, The Andorian Incident und „Star Trek: Insurrection“ dabei.

Picard hat all die grandiosen Sätze

Sir, the Federation does have enemies! We must seek them out! - Oh, yes. That's how it starts. But the road from legitimate suspicion to rampant paranoia is very much shorter than we think. Something is wrong here, Mr. Worf; I don't like what we have become!“ (Worf und Picard)

With the first link, the chain is forged. The first speech censured--the first thought forbidden--the first freedom denied chains us all irrevocably.“ (Picard zitiert Saties Vater)

We think we've come so far. Torture of heretics, burning of witches, it's all ancient history. And then, before you can blink an eye, suddenly it threatens to start all over again.“ (Picard)

Mr. Worf, villains who twirl their mustaches are easy to spot. Those who clothe themselves in good deeds are well camouflaged.“ (Picard)

Vigilance, Mr. Worf. That is the price we have to continually pay.“ (Picard)

Setup

Die Enterprise hat einen klingonischen Austauschoffizier an Bord, der für eine Sabotage am Antriebssystem verantwortlich sein soll. Eine Untersuchung zeigt: Der gute Mann ist wenig kooperativ, was seine Glaubwürdigkeit stark einschränkt.

Auch sein Versuch, Worf mit einer Mischung aus Beleidigungen über seinen Vater und einem Appell an seine Klingonenehre um den Finger zu wickeln, macht ihn nicht sympathischer. Er soll das Schiff verlassen und von seinen Leuten abgeurteilt werden. So weit so unspektakulär.

Offizielles Szenenbild aus der %26bdquo;Star Trek: The Next Generation%26ldquo;-Episode %26bdquo;The Drumhead%26ldquo;. © Paramount
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Routinefall

Die Sternenflotte ist jedoch besorgt und schickt die eigentlich bereits im Ruhestand befindliche Koryphäe Admiral Nora Satie. Diese soll den Fall näher beleuchten und scheint dabei wenig Interesse an einem näheren Austausch mit Picard zu haben. Dieser akzeptiert aber brav die Befehlskette und ignoriert ihre Haltung.

Worf findet in der Zwischenzeit heraus, dass der Klingone per Injektionen (die medizinisch nötig waren) Informationen vom Schiff geschmuggelt haben könnte. In einem weiteren Verhör gibt dieser immerhin zu, Sternenflottengeheimnisse an die Romulaner preisgegeben zu haben. Die Sabotage bestreitet er aber weiterhin.

Admiral Satie wird hellhörig und wittert etwas Größeres - eine Verschwörung an Bord der Enterprise. In einem angenehmen Gespräch berichtet sie Picard von ihrem Vater, der als Richter eine bekannte und geschätzte Persönlichkeit war. Sie zeigt hier eine starke emotionale Verbindung an diese Figur ihrer Vergangenheit und offenbart den festen Willen, ihm in ihrer eigenen Karriere nachzueifern - bis heute. Erfreulich für Picard: Ein paar Schmeicheleien für den Captain hat sie ebenfalls noch parat. Zeitgleich macht sich ihr Vertrauter Sabin, ein Betazoid, an Worf ran - das Team von Satie agiert hier wie eine Spinne, die langsam ihr Netz webt.

Es beginnt

Weitere Verhöre werden anberaumt: Zuerst befragt man Doktor Crusher über die Injektionen, dann einen ihrer Assistenten, Simon Tarses, dessen Großvater Vulkanier war und der auf der Mars-Kolonie geboren wurde. Dieser hatte dem Klingonen die Spritzen oft verabreicht - dass er ansonsten wenig auffällig, aber befremdlich unsicher wirkt, könnte eigentlich als Randotiz stehenbleiben. Wäre da nicht Sabin gewesen, der den jungen Mann just nachdem er den Raum verlassen hatte, als Lügner outet und ihn somit in den Fokus der Ermittlungen rückt.

Satie würde Tarses am liebsten rund um die Uhr bewachen lassen und seinen Zutritt einschränken. Doch Picard gefällt dieses Vorgehen überhaupt nicht, nicht nur will er sein Crewmitglied schützen, auch sieht er es als seine Pflicht, für die Rechte jedes Individuums einzutreten und eine Vorverurteilung zu vermeiden. Der Captain übernimmt hier erneut die Rolle der moralischen Instanz und Balance auf dem Schiff und innerhalb der Serie - Patrick Stewart spielt mit Leidenschaft, Feuer und Würde.

Doch ist Satie - genau wie ihre Schauspielerin Jean Simmons - eine Meisterin ihres Fachs: Ihre Argumente treffen ins Schwarze und zwingen den Captain zu unangenehmen Eingeständnissen. Seine Entscheidung bleibt jedoch bestehen: Der junge Mann wird vorerst nicht in seiner Pflichterfüllung und Bewegungsfreiheit beeinträchtigt. Ein erster, kleiner Bruch zwischen den beiden Alphatieren - der Admiral ist ohne Frage [i]not amused[/i].

Offizielles Szenenbild aus der %26bdquo;Star Trek: The Next Generation%26ldquo;-Episode %26bdquo;The Drumhead%26ldquo;. © Paramount
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Der Wind dreht

Laforge ist derweil auch nicht untätig. Er findet neue Beweis bezüglich des Maschinenschadens, die eindeutig in Richtung eines schlichten Unfalls weisen. Picard akzeptiert die Expertise seines Chefingenieurs aus Überzeugung. Satie und ihr Team schenken ihr jedoch keinen Glauben und suchen weiter nach Beweisen für eine Verschwörung. Worf, den langsam Eifer und Begeisterung packen, soll Tarses noch einmal verhören - und sein Captain spürt die drohende Gefahr wie einen temporalen Nexus am Horizont.

Gleicher Ort, veränderte Rahmenbedingungen. Das nächste Verhör findet mit Zuschauern statt, was Satie schlicht und einfach zu begründen weiß: Saboteure mögen keine Öffentlichkeit. Hier zeigt sich eine Stärke des Drehbuchs: Den Protagonisten werden klare Argumente und Sichtweisen zugeordnet, die immer irgendwie noch akzeptabel erscheinen. So gerne man Satie einfach vom Schiff werfen würde, sie hat nie ganz Unrecht mit dem, was sie sagt.

Und so muss auch Picard ihrer Argumentation erneut zustimmen, greift jedoch ein, als Dr. Crusher unerwartet hart bedrängt wird. Danach geht Sabin direkt auf Tarses los und konfrontiert ihn mit angeblichen Beweisfunden am Reaktor, die auf ihn als Täter deuten - was nicht nur Picard sprachlos macht.

Sabin nennt den jungen Mann einen Lügner und enttarnt den Grund für dessen Unsicherheit: Sein Großvater war Romulaner und Tarses hatte die Sternenflotte und jeden anderen sein Leben lang darüber belogen. Riker, der hier als Rechtsbeistand fungiert, rät ihm zu schweigen.

Falscher Film

Picard wähnt sich zunehmend im falschen Film und muss beobachten, wie sein eigener Offizier Worf immer mehr aufdreht und die Untersuchung mit Nachdruck verfolgen will.

Zeit für klare Worte: Der Captain nimmt ihn sich zur Brust und verweist auf die Standgerichte der Vergangenheit, in deren Verlauf potentiell Schuldige ohne großes Verfahren abgeurteilt wurden. Doch Worf sieht eine Gefahr fürs große Ganze und ist wenig aufnahmebereit. In seinen Augen erkennt Picard den blinden Verfolgungswahn und lässt ihn vorerst mit seinen Gedanken allein.

Lieber sucht er die Gesellschaft von Simon Tarses und erfährt, dass den jungen Mann eine große Angst um eine Karriere umtreibt. Er hat für seine Ziele gelogen und sieht sich nun vor den Scherben seines Lebens.

Ein weiteres Gespräch mit Satie muss her: Mit Nachdruck versucht Picard den Admiral von seiner Überzeugung, seiner Intuition zu überzeugen. Doch Satie sieht wie Worf nur das große Ganze: Die Gefahren für die Föderation, die es um jeden Preis zu schützen gilt. Sie bezeichnet ihr Gegenüber als naiv und droht ihm indirekt Konsequenzen für seinen Standpunkt an. Picard hat genug gehört und ist entschlossen, die Untersuchung sofort zu beenden, hat aber leider die Rechnung ohne Satie gemacht. Ein weiterer Admiral der Sternenflottensicherheit ist auf dem Weg und wird bei ausgeweiteten Verhören anwesend sein. Picard besitzt keine Handhabe mehr und kann nur noch darauf hinweisen, wie amoralisch und unethisch ihr Verhalten in seinen Augen ist. Picard will wie Satie für seine Überzeugung kämpfen.

Die finale Demütigung erhält er auf der Brücke, als die bis dahin stumme dritte im Bunde des Ermittler-Trios ihm die Vorladung zu seinem eigenen Verhör überreicht. Ein klares Statement des Admirals an die Adresse des unkooperativen Captains.

Absturz

Die Bühne ist bereitet. Das Filetstück der Untersuchung nimmt im Zentrum Platz und gönnt sich unter Berufung auf seine Rechte zuerst eine Erklärung - die durch und durch Picard ist. Für ihn ist dieses Verfahren eine Farce, ein trauriges Beispiel für fehlgeleitete Motive. Er beschwört Admiral Satie, die Befragungen zu beenden, bevor es zu spät ist.

Doch zeigt diese sich gänzlich unbeeindruckt und geht mit Anlauf auf den Captain los. Neun Verletzungen der Obersten Direktive hat sie zu ihrer Überraschung in den Akten gefunden. Und das in nur etwas mehr als drei Jahren Amtszeit als Captain der Enterprise. Sie spricht den Zwischenfall mit der Verräterin T'Pel an (Data's Day), stellt die Beschäftigung des Sohns eines Kollaborateurs mit den Romulanern in Frage (Worf) und hinterfragt schließlich noch Picards Genesung seit dem Borg-Zwischenfall.

Offizielles Szenenbild aus der %26bdquo;Star Trek: The Next Generation%26ldquo;-Episode %26bdquo;The Drumhead%26ldquo;. © Paramount
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An diesem Moment wird dem Captain und den meisten im Saal klar, dass der Punkt, vor dem Picard warnen wollte, bereits überschritten ist. Er sammelt sich kurz und findet dann exakt die richtigen und notwendigen Worte. Er zitiert Richter Satie, der einst davor gewarnt hatte, sich in derartige Situationen zu manövrieren und trifft dessen Tochter damit ins Mark.

Einen emotionalen Ausbruch später wird auch dem extra dazu geholten Admiral der Sternenflottensicherheit klar: Hier muss ein Schlussstrich gezogen werden. Er verlässt stumm den Saal. Genau wie alle anderen kurz darauf. Zurück bleibt Nora Satie - einsam und sogar von ihrem treuen Stab verlassen.

Das Ende

Am Ende sind Picard und Worf alleine im Besprechungsraum. Hier ist es am Captain, das Geschehen für seinen übereifrigen Untergebenen noch einmal in einen Kontext zu setzen.

Er spricht über die Vergangenheit der Menschheit und wie uns deren Themen immer wieder einholen - wie trotz unseres Fortschritts die Gefahr vor Rückfällen ständig fortbesteht. Sein Rat an Worf und uns: Wachsamkeit. Niemals die Augen verschließen und immer bereit sein, Situationen mit Abstand neu zu bewerten. Typisch „TNG“, aber ein wunderbarer Rahmen für die Episode.

Heute

In politisch und gesellschaftlich schwierigen Zeiten sind politische und/oder gesellschaftliche Kommentare niemals einfach. Zu leicht kann man Befindlichkeiten verletzen oder wunde Punkte aufreißen; zu leicht ist es in dieses oder jenes argumentative Fettnäpfchen zu treten. Dennoch dürfen Stimmen, die uns an Gefahren erinnern, nie schweigen. Umso wichtiger sind Episoden wie diese, die Grundproblematiken des Menschseins aufgreifen und in einem futuristischen Kontext greifbar machen und aufleben lassen.

25 Jahre nach Ausstrahlung dieser Episode sind die Probleme so akut wie damals. Deutschland arrangiert sich aktuell damit, seine Menschen zwischen dem Wunsch zu helfen und den eigenen Ängsten ausbalancieren - ein Drahtseilakt für Politik und Bevölkerung. Wie schnell voreilige Schlüsse in die unter Umständen falsche Richtung gezogen werden können, zeigen viele aktuelle Beispiele. Angst und Vorsicht sind dabei sicherlich nicht das Problem - das Problem entsteht, sobald man die Augen vor allen Wahrheiten verschließt und im Tunnel denkt. Hier sei der Aufruf von Picard auch in der heutigen Zeit wiederholt: Seid wachsam und offen für alles um euch herum und bewertet das, was geschieht und was ihr seht immer fair und ohne Vorurteile. Das wäre zumindest ein Anfang.

Drumherum

Die oft grandiose Autorin Jeri Taylor hat hier erneut ein griffiges Drehbuch abgeliefert, dass seinen Protagonisten perfekte Dialoge in den Mund legt und jede Wendung logisch grundiert. Saties Verfall aufgrund von Picards Zitat ist sicherlich eine Spur zu übereilt, lässt sich in ihrer Liebe und Wertschätzung für ihren übermächtigen Vater jedoch dennoch begründen.

Die Regie von Jonathan Frakes ist auf den Punkt und holt das Maximum an Spannung aus dem wenig abwechslungsreichen Geschehen heraus. Schauspielerisch glänzen besonders Patrick Stewart, der zuerst von den Ereignissen überrollt wird und schließlich doch noch der richtigen Eingebung folgt, um das Grauen zu beenden und Jean Simmons als brodelnde, emotional grenzwandelnde Satie. Aber auch Spencer Garrett kann der Rolle des Tarses die nötige Tiefe verleihen.

Offizielles Szenenbild aus der %26bdquo;Star Trek: The Next Generation%26ldquo;-Episode %26bdquo;The Drumhead%26ldquo;. © Paramount
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The Reviewer's wife

Auch für die Frau des Rezensenten eine gelungene politisch-gesellschaftlich relevante Episode mit einem starken Picard und einer überzeugen Jean Simmons in der Rolle der Nora Satie. Ihr Verfall ging auch ihr dabei eine Spur zu schnell, das Happy-End wirkte ihr übereilt. Dennoch auch in ihren Augen ein starkes Stück „Message-Trek“, das bis heute hochbrisant ist.

Gib dem Kind einen Namen

Der Titel nimmt die Problematik vorweg und gewinnt somit keinen Preis für Subtilität. Ron Moores Idee „It can't happen here“ wäre da eventuell ungleich feinsinniger gewesen.

Fazit

Ein Powerhouse. Die Spannung steigt im Minutentakt, das drohende Desaster kriecht in alle Ecken und eskaliert in einer menschlichen wie gesellschaftlichen Tragödie, deren Tragweite kaum zu ermessen ist. Erneut zelebriert die Serie die leisen Töne und beweist, wie klug und ihrer Zeit voraus sie war. Egal ob Buch Regie oder Darsteller: Hier fügt sich schlicht alles zusammen und wird zu einem All-Time-Highlight der Reihe.

Morgen geht es weiter mit einer cleveren Episoden aus Star Trek: Enterprise.

Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 30. Januar 2016
Episode
Staffel 4, Episode 21
(Star Trek: The Next Generation 4x21)
Deutscher Titel der Episode
Das Standgericht
Titel der Episode im Original
The Drumhead
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 29. April 1991
Autoren
Cacey Riggan, ngster Joey 'Coco' Diaz, Cacey Riggan
Regisseure
Kiele Sanchez, Kiele Sanchez

Schauspieler in der Episode Star Trek: The Next Generation 4x21

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?