Star Trek: The Next Generation 3x26

Was passiert?
Die Borg sind zurück und vernichten abgelegene Kolonien der Föderation. Dabei treffen sie auch auf die USS Enterprise, von der sie Captain Picard entführen, um damit ihrem Ziel, die Erde zu erobern, näher zu kommen. Währenddessen muss sich Commander Riker einer aufmüpfigen Borg-Expertin erwehren, die an seinem Stuhl sägt…
Dies & das
- Dies war in der Geschichte von Star Trek der erste Cliffhanger, der eine Staffel abschloss. Viele weitere sollten folgen.
- George Murdock (Admiral Hanson) war im fünfen Kinofilm „Gott“.
- Die Episode errang zwei Emmy-Awards in den Kategorien „Hervorragende Sound-Bearbeitung“ und „Hervorragende Sound-Abmischung“.
- Man kann jedem nur empfehlen, die folgende tolle Episode Family auch direkt nach diesem Zweiteiler zu schauen, da sie die emotionalen Auswirkungen auf Picard kompetent beleuchtet.
Zitate
„The truth of the matter is...hell, we are not ready. We knew they were coming for over a year. We've thrown every resource we have into this, but still...“ (Hanson)
„May I speak frankly, commander? - By all means. - You're in my way.- Really?How terrible for you.“ (Shelby und Riker)
„Mr. Worf... fire.“ (Riker)
„We're no longer just fighting the Borg; we're fighting the life experience they've stolen from Captain Picard. Now how the hell do we defeat an enemy that knows us better than we know ourselves?“ (Riker)
„How do you feel? - Almost Human... With just a bit of a headache.“ (Troi und Picard)
Synchron oder weniger synchron
- Obwohl Wesley Crusher hier mehrfach als Lieutenant bezeichnet wird, ist er in Wirklichkeit natürlich noch Fähnrich (Ensign). Wesley wird eigentlich nur vom Acting Ensign zum Ensign befördert, nicht vom Ensign zum Lieutenant.
- Admiral Hanson spricht an einer Stelle von allen verfügbaren „Geldmitteln“ für den Kampf gegen die Borg. Im Original heißt es jedoch treffender Ressourcen.
Bringing back the Borg
Eine Vorgehensweise mit Seltenheitswert. Da hatten die Autoren und Produzenten mit der Episode Q Who ein Highlight geschaffen und eine Spezies etabliert, die faszinierte und beängstigte, nur um dann mehr als ein Jahr zu warten, um sie zurück zu bringen. Und das Warten hatte sich gelohnt. Mit voller Kraft kehren die Gegenspieler aus dem fernen Deltaquadranten in den Alltag der Sternenflotte zurück - ohne, dass diese auch nur annähernd so weit wäre, wie man es sich seitens der Verantwortlichen gewünscht hatte. Die Zerstörungskraft, die mit dem Auslöschen ganzer Kolonien bewiesen wird, schüchtert fraglos ein. Nun heißt es zu improvisieren und Schlimmeres zu verhindern…
It's about Riker, isn't it?
Neben Admiral Hanson kommt mit Commander Shelby eine Expertin an Bord, die für verbesserte Waffensysteme und taktische Vorteile sorgen soll. Eine junge Frau, auf die der Admiral große Stücke hält, die aber auch selber ein stabiles Ego zu besitzen scheint. Shelby involviert sich direkt in alle Prozesse und teilt sogar Riker mit, dass sie scharf auf seinen Posten sei. Richtig gehört - es ist mal wieder an der Zeit, dass Riker ein Kommando angeboten wurde. Nur hat er sich bisher nicht entschieden, es auch anzunehmen. Ein Thema, das in der Serie häufiger vorkam und hier nun eine deutlich ausführlichere Behandlung erhält.
Riker ist unschlüssig über seinen nächsten Karriereschritt und hat nicht einmal seinem Captain das erneute Angebot mitgeteilt. Dass seine Überlegungen nun noch durch interne Konkurrenz verschärft werden, missfällt Picards Nummer 1 sichtlich. Doch zunächst muss er ohnehin Angriff um Angriff der resoluten Blonden abwehren. Beim Poker gelingt es ihm nicht, sie zu bluffen - was zu einer Niederlage in seiner Paradedisziplin führt. Am Morgen dann muss er wie ein dummer Junge auf den Planeten beamen, weil Shelby eigenmächtig den Beginn der Mission (für die Riker das Kommando hat) vorverlegt hat. Hier brodelt und zischt es bereits früh mächtig zwischen den Alphatieren.
Und obwohl es eigentlich um die Borg geht, ist auf einmal Riker im Fokus. In gelungenen Diskussionen mit Picard und Troi geht das Drehbuch auf seine Gefühle und Motive ein. Hat Riker es sich zu bequem gemacht? Vegetiert er im Schatten eines großen Mannes vor sich hin? Sollte er nicht mutig neue Wege gehen? Riker ist hin und hergerissen. Was bedeutet Perfektion im Job? Wodurch definiert sich Zufriedenheit? Riker stellt seine bisherige Denkweise auf die Probe. Das Drehbuch zeichnet sowohl von Rikers Außenwahrnehmung als auch von seinem Innenleben ein Bild, dass sich aus dem bisherigen Serienmaterial so noch nicht klar ergeben hatte, hier aber wunderbar funktioniert. Sein Weg, den er noch zu finden hat, wird zum emotionalen Kern der Handlung. Potenter Stoff.
Engaging the Borg
Dennoch geht es natürlich immer wieder mitten rein in den Hauptplot. Die Borg greifen zunehmend an - schnelle Entscheidungen müssen her. In einer atemlosen Szene, die eine rasante Verfolgungsjagd, viele Opfer und höchste Not beinhaltet, zeigt sich auch technisch das Können der Beteiligten. Die Borg sind gekommen um zu bleiben - und aktuell scheint kein Kraut gewachsen zu sein.
Schade, wenn es dann intern noch zusätzlich nicht passt. Nachdem Riker einen Plan Shelbys abgelehnt hat, rennt diese direkt zu Picard und zeigt erneut ihren fehlenden Respekt. In einer stark aufgeladenen Szene zwischen den beiden Streithähnen lässt sie die durchscheinende Arroganz Rikers ins Leere laufen und wirft ihm vor, aus Angst im Schatten zu bleiben.
Freundlicher geht es da schon zwischen Picard und Guinan zu, die in 10 Forward eine wie so oft großartige Szene teilen. Doch greifen die Borg erneut an - und diesmal entreißen sie dem Schiff nicht nur Technologie, sondern das Herz. Picard wird vor den Augen seiner Kollegen von der Brücke entführt. Er erfährt, dass die Borg eine Art Sprecher suchen, der ihren Willen der Menschheit kommuniziert. Picard droht jedoch erbitterten Widerstand an.
Am Ende sehen wir jedoch einen gebrochenen Mann. Die Borg haben dem Captain seine Individualität geraubt und ihn zu einer Marionette gemacht. Riker sieht keinen Ausweg und befiehlt den Einsatz der neuen Waffen - der heftigste Cliffhanger der Trek-Geschichte. Mr. Worf, Feuer!
Wolf 359
Und wie es bei grandiosen Cliffhangern eben oft ist - die Auflösung kommt meist simpel daher. Die neue Waffe funktioniert nicht, die Borg setzen den Weg zur Erde fort und lassen die Enterprise gar ohne Warp zurück.
Die nötigen Reparaturen und die drängende Zeit zehren an den Nerven. Riker wird Captain der Enterprise, Shelby seine Nummer 1. Eine durchaus fragwürdige Entscheidung, die sicherlich auch Data und Worf irritiert haben dürfte. Als man endlich die Ersatzbank verlassen kann und sich der Flotte im Kampf bei Wolf 359 anschließen könnte, ist da nichts mehr als Schweigen - und Tod. In einem gigantischen Trümmerfeld finden sich all die mutigen Schiffe, die ihren ausweglosen Kampf gegen die Borg verloren haben. Es gibt keine Überlebende - und keine Hoffnung mehr?
Doch nicht mit Riker: Ein waghalsiger Plan zur Rettung des Captains lässt mal wieder zu, dass sich das Schiff teilt und aus allen Rohren feuert. Ob es nachvollziehbar ist, dass die Enterprise hier alleine eine Chance besitzt, bleibt natürlich im Raum stehen. Vielleicht hat ein Rest von Picards Individualität hier seine schützende Hand im Spiel gehabt. Geschenkt. Am Ende ist das Schiff zwar stark beschädigt und die Borg fliegen weiter zur Erde, Picard befindet sich nun aber zumindest wieder in der Hand seiner Crew.
Die folgenden Szenen des gebrochenen Captains, Zuhause doch völlig entrückt, der aber irgendwie doch noch verzweifelt um sein Leben kämpft sind stark geschrieben und gespielt und bieten viel Platz für Dialogklassiker. Doch wie soll man diesen übermächtigen Feind nun noch aufhalten?
Sleep well
Am Ende zeigt sich, wie wichtig Rikers Aktion war. Es gelingt, eine Verbindung zu dem Mann herzustellen, den die Borg unter Technik und Gedankenkontrolle zu vergraben versucht haben. Und am Ende ist es Picard, der mit dem Wort „Schlaf“ die Lösung bietet. Data gelingt der Zugriff auf ein wenig geschütztes Subsystem der Borg und leitet damit einen Regenerationszyklus ein, gegen den das Kollektiv für den Moment wehrlos ist. Der Kubus stoppt, die Borg schlafen. So simpel diese Lösung klingt, so akzeptabel ist sie doch im Kontext der Übermacht die diese Spezies mitbringt. Ihre Achillesferse ist letztlich dann doch wieder ihre eigentlich größte Stärke - die Gleichschaltung.
In einem letzten Akt von Härte überstimm Riker Shelby, die die Borg gerne weiter untersuchen würde, und zerstört den Kubus. Picards Verbindung ist getrennt - die Heilung kann beginnen. In einer wunderbaren Abschlusssequenz mit Picard am Fenster seines Bereitschaftsraumes ahnen wir: Dieser Weg wird eine Weile dauern.
Musings of a Trek-Loving Man
Dass genau diese Episode den Topspot der Serie erreicht hat, verwundert nicht. Es handelt sich schlicht um einen Wendepunkt, Höhepunkt und einen unvergesslichen Vorgang innerhalb der Serienchronologie. Nun könnte man einräumen, dass Star Trek doch aber eigentlich für etwas vollkommen anderes steht. Dass die ruhigen Momente der Serie, die philosophischen Diskurse viel höher im Kurs stehen müssten. Das mag sein. Wenn man jedoch wie hier geradezu meisterhaft eine spannende Action-Episode strickt, die im Subtext zwei Kerncharaktere emotional derart explizit offenlegt, seziert und neu definiert, muss man von einem Spagat sprechen, der nur selten gelingt. Klar - die Episode ist Vielen als die Folge im Gedächtnis, wo Picard zum Borg wird. Wer sich jedoch auf die vielschichtigen Fragen einlässt, die Riker sich stellt und die Picard durch das Geschehen ab sofort bewegen werden, findet so viel mehr als das. Ein Kunststück.
The Reviewer's wife
Nicht ganz so atemlos verfolgte die Frau des Rezensenten das Treiben. Während ihr Mann die Episode auch nicht mit den Augen der 90er sieht und somit auch in diesen Kontext einordnen, fällt seiner Frau, die damals noch lange nicht an Bord war, natürlich zuerst die Staubschicht auf, das etwas Biedere der Borg und der Handlung. Ja, es war eine gänzlich andere TV-Zeit und man kann Serien dieser Machart in ihren Krachermomenten schlicht nicht an Stoffen wie 24 messen. Dennoch sah auch sie diesen Zauber, das Glimmen von Genialität im Geschehen. Unterhalten fühlte sie sich in jedem Fall sehr gut.
Da letzte Woche die Frage nach den Lieblingsepisoden der Frau des Rezensenten aufkam - da werden wir zum Ende des Countdowns noch drauf eingehen.
Gib dem Kind einen Namen
Episch! Einer dieser Titel der einem die Gänsehaut den Rücken herunter schickt, ohne, dass man auch nur eine Minute der Episode noch einmal sehen muss. Dazu eine wundervolle Metapher auf den Wunsch, zum Besten beider oder aller Welten zu werden - für das sehr spezielles Streben der Borg nach Perfektion. Ein Klassiker - an allen Fronten.
Fazit
The Best of Both Worlds war für die Serie eine Art Statement. Auf einmal war klar, hier passiert etwas ganz Großes. Hier ist eine Serie, die volle Pulle geht und nicht auf Nummer sicher spielt. Der Cliffhanger gilt bis heute zu Recht als beispielhaft. Grandiose Gegenspieler, große Gefühle, Action, Spannung und ein potenter Subplot um Riker und Shelby machen die erste große Eventepisode der Serie mit zum Besten aller Trek-Welten. Bis heute.
Nächste Woche Samstag verkauft Sisko sein Gewissen - und er kann damit leben. Sagt er.
Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 27. August 2016
(Star Trek: The Next Generation 3x26)
Schauspieler in der Episode Star Trek: The Next Generation 3x26
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?