Star Trek: Discovery 3x12

© ast der Serie Star Trek: Discovery (c) CBS All Access
There Is A Tide...
Wie sich letzte Woche bereits angedeutet hat, befinden wir uns im Endspurt der Staffel. Von Saru (Doug Jones), Culber (Wilson Cruz), Adira (Blu del Barrio) und Sorgenkind Su'Kal (Bill Irwin) gibt es dabei nichts zu sehen, da werden wir und Paul (Anthony Rapp) bis zur letzten Episode noch etwas bangen müssen. Autor Kenneth Lin und Regisseur Jonathan Frakes kümmern sich stattdessen ausschließlich um die Discovery, zu der Book (David Ajala) und Michael (Sonqua Martin-Green) überraschend schnell aufschließen können.
Während es in erster Linie gilt, das Schiff zurückzugewinnen und Osyraa (Janet Kidder) von weiteren Reisen mit Hilfe des Sporenantriebs abzuhalten, dreht sich ein ebenfalls großer Teil der Episode um Verhandlungen zwischen der Emerald Chain und der Föderation.
Im Großen und Ganzen erwarten uns nach den ersten, actionreichen Sequenzen drei bis vier Handlungsstränge, die sich um Osyraa und Admiral Vance (Oded Fehr), Michael als John McClane, unsere Brückenoffiziere plus Book und Ryn (Noah Averbach-Katz) und um Paul Stamets sowie Osyraas Wissenschaftler Aurellio (Kenneth Mitchell) drehen.
Für Szenen aus dem Verubin Nebel wäre da ohnehin nur wenig Platz geblieben, denn Jonathan Frakes hat bereits alle Hände voll zu tun, um diese Handlungsstränge einigermaßen auszubalancieren. Trotz der ernsten Lage kommt der Humor dabei nicht zu kurz und spendiert uns zusammen mit guten Portionen Action und Drama eine unterhaltsame vorletzte Episode, die mit Spannung auf das Finale warten lässt.
Ausgangssituation
Vor den Opening Credits gilt es, eine Ausgangssituation zu etablieren, die einerseits Osyraa mit der Discovery in den geschützten Bereich der Sternenflotte bringt und andererseits Michael und Book an Bord holt, damit unsere gefangene Crew eine Chance zur Zurückeroberung des Schiffs erhält. Außerdem kehrt mit Zareh (Jake Weber) der Bösewicht aus Far From Home zurück.
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Osyraas Taktik, um in den inneren Bereich des Sternenflottenhauptquartiers vorzudringen, ist nicht unbedingt originell, aber funktioniert. Dass Admiral Vance diese List erst erkennt, als es zu spät ist, lässt sich ihm kaum verübeln. Immerhin musste er davon ausgehen, dass sich unsere Crew an Bord befindet, die Kommunikation ausgefallen ist und der Beschuss durch die Viridian einem vorherigen Gefecht geschuldet ist, bei dem die Discovery die Flucht ergreifen musste.
Kopfzerbrechen bereitet eher, wie Book und Michael so schnell zum Ort des Geschehens gelangen konnten, dass es ihnen obendrein noch gelingt, Books Schiff mit einem gewagten Manöver in den Shuttle-Hangar der Discovery zu befördern. Als Erklärung sollen wie schon letzte Woche bei Osyraas Ankunft am Rande des Verubin Nebels wohl Transwarp-Kanäle dienen, die Book als „Courier-Netzwerk“ bezeichnet und die aufgrund der veranschaulichten Hindernisse nicht mehr genutzt werden. Dennoch wirkt der Zeitfaktor arg konstruiert und wo war eigentlich die Viridian, als Book und Michael zur Landung auf der Discovery ansetzten?
Zuletzt kehrt Zareh zurück, den ich nun gar nicht vermisst habe. Erst später wird klar, dass er in Osyraas Abwesenheit die Stellung an Bord der Discovery halten soll und dabei die Rolle des Hans Gruber aus „Die Hard“ (dt.:„Stirb langsam“, 1988) übernimmt. Aber mehr dazu gleich.
Osyraa und Vance
Es kommt sicher überraschend, dass Osyraa nicht zum Großangriff ansetzt, sondern diplomatische Gespräche mit der Föderation sucht und sogar ein Waffenstillstandsabkommen dabei hat. Schließlich hat sie erst vor ein paar Episoden und nach dem Vorfall auf/bei Kwejian der Föderation den Krieg erklärt. Die Skepsis von Vance ist auf jeden Fall angebracht, zumal es (milde ausgedrückt) nicht gerade die eleganteste Art ist, erstmal die Discovery zu entführen und dann noch mit der eben erwähnten Taktik in die Tür zu fallen, um anschließend ein Friedensangebot zu unterbreiten. Ein Auftakt zu diplomatischen Gesprächen sieht anders aus.
Aber gut, nehmen wir mal kurz an, dass Osyraa tatsächlich einen Gesinnungswechsel hatte und ihre beziehungsweise die Vorgehensweise der Emerald Chain aus der Not geboren wurde. Letzteres wäre ein Punkt gewesen, der in vorherigen Folgen mindestens hätte angedeutet werden müssen. In etwa nach dem Motto, dass die Chain keine andere Wahl hatte, als auf Arbeitslager, Sklaverei und die Ausbeutung von Prä-Warp Welten zu setzen, um das eigene Überleben zu sichern. Das mag zwar nicht besonders glaubwürdig klingen und trotzdem verwerflich sein, aber mit ein wenig Geschick hätte sich so (im Vorfeld bereits) aus dem schablonenhaften Bösewicht Osyraa vielleicht eine Antiheldin Osyraa machen lassen, der bloß daran gelegen ist, irgendwie zu überleben und nun Hilfe sucht und dafür bereit ist, alle Fehler der Vergangenheit zu beseitigen.
Ohne diese Vorarbeit (die leider nicht stattfand), fehlt der gesamten Konversation mit Vance das nötige Fundament. Stattdessen wird jetzt auf die Schnelle probiert, eine andere Seite von Osyraa aufzubauen. Gerne möchte man ihr Glauben schenken, aber ihre vorherigen Auftritte lassen das zu keiner Zeit zu, auch wenn sie es jetzt ehrlich meinen sollte.
Nichtsdestotrotz bin ich unterm Strich doch eher positiv überrascht von dieser (kurzzeitlichen) Entwicklung, denn zur Abwechslung geht es auch mal ohne große Ballerei und Gefechte. Zudem ist Oded Fehr sehr gut in seiner Rolle und stellt als Admiral Vance genau die richtigen Fragen und Forderungen. Ein bisschen Grinsen musste ich auch, als er Osyraa erklärt, woher das replizierte Essen kommt. Da hat sie sich bestimmt gewünscht, sie hätte zur Begrüßung einen Korb mit frischem Obst mitgebracht. Wobei selbst diese kleine, amüsante Ausführung aufzeigt, dass die Föderation auch in der fernen Zukunft ihre Ideale und Werte nicht verloren hat. Es mag da draußen Ausnahmen wie Deep Space 253 geben, einer Station, zu der es seit über 80 Jahren keinen Kontakt mehr gab, aber nicht hier im Hauptquartier.
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Michael Burnham
Ich hätte ja darauf getippt, dass Michael und Book zurück in den Nebel fliegen, um Saru, Hugh und Adira zu retten und womöglich auch, um Su'Kal mit der Außenwelt bekannt zu machen. Aber da lag ich wohl falsch. Stattdessen erwartet uns eine Hommage an meinen Lieblingsweihnachts(action)film, was anhand von unzähligen offensichtlichen wie versteckten Referenzen deutlich wird. Passt das hier rein? Ich würde meinen ja, denn für mich ist der Unterhaltungswert damit enorm gestiegen.
Wobei es nicht Michaels Mission ist, die Brückencrew zu befreien oder Hans Gruber, äh, Zareh aus einer Luftschleuse zu befördern, sondern schlicht zu Paul Stamets vorzudringen und weitere Sprünge mit dem Sporenantrieb unmöglich zu machen, indem sie ihn in Sicherheit bringt. Bis dahin wird es mehr als einmal knapp für Michael, die ähnlich wie John McClane auf Improvisationen angewiesen ist. Mache ich mir als Zuschauer dabei ernsthaft Sorgen um sie? Nein, natürlich nicht. Trotzdem fand ich es spannend, ihr zu folgen und frage mich, ob es auch im Finale nächste Woche noch ein paar Referenzen zu besagtem Film geben wird.
Worüber aber unbedingt noch gesprochen werden muss, sind die Szenen mit Paul. Als sie ihn schließlich erreicht, will dieser nämlich gar nicht von Bord gebracht werden. Anthony Rapp verdient sich auch diese Woche wieder ein großes Lob für seine Darbietung. Nicht nur wegen seiner emotionalen Diskussion mit Michael, aber hier schneiden die Worte besonders deutlich ins Fleisch und lassen seine Verzweiflung wegen Hugh und Adira spürbar wirken, deren Überlebenschancen mit jeder Minute sinken. Entscheidet Michael richtig, wenn sie ihn trotzdem aus der Discovery befördert? Auf jeden Fall, denn so lange die Discovery nicht wieder in eigenen Händen ist, kann das Risiko einer Rettungsmission für die fehlenden Besatzungsmitglieder nicht eingegangen werden. Schmerzhaft für Paul und schwer für Michael umzusetzen, aber ja, durchaus korrekt gehandelt.
Aurellio (und Paul)
Mit Aurellio darf Kenneth Mitchell erneut in der Serie auftreten. Dieses Mal ohne viel Make-up in einer menschlichen Rolle. Aurellio hat die Aufgabe, den Sporenantrieb auch für andere Schiffe verfügbar zu machen. Er steht Osyraa wohlgesonnen gegenüber, denn sie war es, die ihm einst sein (weiteres) Leben überhaupt möglich machte. Damit wird untermauert (aber wie gesagt zu spät), dass Osyraa auch eine gute Seite hat. Wie falsch Aurellio mit seiner Ansicht liegt, wird ihm aber direkt durch Paul aufgezeigt, der bereits erste Zweifel weckt.
Es mag nur eine kleine Nebenhandlung sein, aber die hat es in sich und soll sich schließlich auch am Episodenende auswirken.
Pluspunkt ist natürlich auch, dass Paul Adira als sein Kind bezeichnet, aber wie er mit diversen Anmerkungen zu seinem Gegenüber durchdringt, kann sich allemal sehenlassen. Ohne diesen Dialog hätte Aurellio später vielleicht die Brücke verlassen und nicht mit angesehen, wie Osyraa Ryn kaltblütig und unnötigerweise ermordet. Jetzt hat er Gewissheit über die Person, für die er arbeitet und kann nächste Woche vielleicht den Tag für alle anderen retten. Jedenfalls, sofern er der Chance dazu erhält. Denn neben Michaels Notruf an Gabrielle (Sonja Sohn) steht mittlerweile auch unsere Brückencrew mit Tilly (Mary Wiseman) an der Spitze kurz davor, zum Gegenangriff überzugehen.
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Brückencrew
Zunächst mal schade, dass Jett Reno (Tig Notaro) nicht zur Brückencrew gehört und somit vermutlich bereits zusammen mit dem Rest der Besatzung von der Discovery geschafft wurde. Nicht aber die Brückencrew, die ungefesselt und von nur wenigen Wachen in Schach gehalten wird. Falls es eine Erklärung dazu gab, weshalb niemand in Zellen oder hinter einem Schutzfeld weggesperrt wurde, ist mir die entgangen.
Was ich aber sehen wollte, habe ich bekommen. Es braucht keine Michael Burnham, um Tilly, Owo (Oyin Oladejo), Rhys (Patrick Kwok-Choon), Detmer (Emily Coutts), Bryce (Ronnie Rowe) und die anderen herauszuhauen. Das schaffen die auch alleine und mit ein bisschen Teamwork, bei dem auch Ryn zum Einsatz kommt, der dafür sorgt, dass sich unsere Crew unbemerkt durchs Schiff bewegen kann. Tilly übernimmt die Leitung und gibt die Vorgehensweise an, wie es sich für den acting Captain gehört. Und wer hätte nicht zuerst einen Abstecher zur Waffenkammer gemacht?
Obendrein taucht schließlich noch unsere KI auf, die sich in den niedlichen Robotern versteckt hat und später auf den Namen Zora (Annabelle Wallis) hören wird. Das sind doch mal gute Aussichten für die nächste Woche und ich fände es sehr dufte, wenn Tilly & Co. dann Michael und Book raushauen dürfen und die Discovery wieder in die richtigen Hände bringen.
Fazit
Nicht alles weiß zu überzeugen, wobei mir am meisten Kopfzerbrechen noch die flink eingeführte Ausgangssituation bereitet und auch Osyraas plötzliches Friedensangebot zu … plötzlich kommt. Ansonsten fehlt sicher noch Let It Snow von Vaughn Monroe, um ein paar Szenen musikalisch zu untermalen. Allzu groß fallen diese Kritikpunkte bei mir aber nicht ins Gewicht, denn die Folge liefert trotzdem sehr gut ab, lässt die knapp 48 Minuten wie im Flug und äußerst unterhaltsam vergehen und bereitet das große Finale der nächsten Woche adäquat vor. Von mir gibt es vier von fünf Sternen. Und von euch?
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Verfasser: Christian Schäfer am Samstag, 2. Januar 2021Star Trek: Discovery 3x12 Trailer
(Star Trek: Discovery 3x12)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Discovery 3x12
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