Sons of Anarchy 6x09

Der Titel der Episode John 8:32 führt zu einer Bibelstelle, die uns folgendes sagt: „Und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Viele Figuren in dieser Sons of Anarchy-Episode dürfen einen Blick hinter die Lügen und Intrigen der letzten Wochen und der vergangenen Jahre werfen. Dabei schrecken die Serienautoren auch vor potentiell übersinnlichen Begegnungen nicht zurück.
Mutter und Schwiegertochter
Die Sons of Anarchy-Macher geben sich alle Mühe, Tara (Maggie Siff) und Gemma (Katey Sagal) einander gegenüberzustellen. Schon die parallel montierten Gespräche mit ihren Männern zu Beginn der Episode John 8:32 lassen es erahnen, das Ende der Episode macht es glasklar. Die große Frage ist: Was ist passiert, dass Gemma in der Situation die ehrliche ist, diejenige, die ihrem Mann ihre Geheimnisse offenbart und ihren Sohn aufrichtig vor Verrat schützen will?
Sie hat in Nero (Jimmy Smits) jemanden gefunden, der eine moralische Gratwanderung hinter sich hat. Sie kann ihm selbst ihr dunkelstes Geheimnis - ihre Beteiligung an John Tellers Tod - anvertrauen weil er selbst schwierige Entscheidungen in einer komplizierten Gangwelt getroffen hat, wie die seinen Neffen Arcadio zu erschießen. Andererseits ist er im Moment die moralische Instanz der Story, nachdem so viele andere, darunter Jax (Charlie Hunnam) und Tara, ihren Weg verloren haben. Gemma kann ihm vertrauen, er ist der Gute, hat schon mehrfach - zuletzt wieder Tyne (CCH Pounder) gegenüber - seine Loyalität zu einem Club bewiesen, der ihm vor allem Ärger eingebracht hat. Aber auch die große Liebe. Gemma ist das einzig Positive, was er aus der Sache bekommen hat, sie kann sich sicher sein, dass er sie wirklich liebt.
Nero versucht die verhärteten Fronten aufzubrechen und tut etwas, was man bei den Sons of Anarchy nur selten sieht: Er spricht alle Beteiligten offen darauf an, versucht sie, auf eine Seite zu bringen. Vor einiger Zeit hätte er bei einigen sicher noch etwas erreichen können, doch er kommt zu spät.
Tara ist seit dem Gefängnisaufenthalt wie ausgewechselt. Das erkennt auch Jax schon früh, doch er ist nicht der Geübteste im offenen Umgang mit privaten Konflikten. Also richtet er seine Aufmerksamkeit nach wie vor lieber auf die Ganggeschäfte. Nach Gemmas Einmischung wird das nun richtig schwierig. Ihre Beweise für Taras Lügen sind zwar lückenhaft, immerhin hat Jax nichts von dem Gespräch mit Margaret (McNally Sagal) mitbekommen. Doch die Sons of Anarchy-Autoren bauen wohl darauf, dass wir und Jax tief drinnen weiter daran glauben, dass eine Mutter ihren Sohn nicht so eiskalt ins Gesicht lügt.
Es wirkt auch ein bisschen als wenn Jax das Ganze schon geahnt hat, aber von sich fortgeschoben hat. Gemmas Anschuldigungen nimmt er als Aufhänger, der Sache nachzugehen. Die Bestätigung holt er sich von einer zu Tode verängstigten Ally Lowen (Robin Weigert), die von Unser (Dayton Callie) in die Falle gelockt wird. Offenbar reicht nicht einmal Unsers Wort, der ja immerhin die wichtigste Bestätigung für den Plan hat: Tara hat die einstweilige Verfügung von ihm geholt bevor Gemma ihre Schwiegertochter angeblich angegriffen hat. Nun hat Jax also die Bestätigung von allen Tara-Verbündeten, die er nicht hasst. Und geht als erstes trotzdem zurück zum Club um sich der Sache mit dem wütenden Mädchen anzunehmen.
Ein stärkeres letztes Bild lässt Tara zurück. Sie weiß von Ally Lowen, dass Jax den Plan kennt. Doch sie sieht einem Prozess entgegen, sie kann nicht weglaufen und macht auch nicht den Eindruck als wenn sie das wollen würde. Sie singt den gemeinsamen Sohn in den Schlaf, mit einer Waffe auf den Knien. Sie erwartet die Rückkehr ihres Ehemannes gut vorbereitet. Und hat vielleicht noch mehr im Ärmel als eine Waffe. Ihr Plan war kalt und grausam, die Schwachstellen waren ihre Verbündeten. Es dürfte spannend werden, was sie nun noch vorhat, mit dem Rücken zur Wand und auf sich alleine gestellt.
Die leidgeprüfte Liebe
Jax weiß nun, dass seine Frau ihn hintergangen hat. Das alleine dürfte interessant werden. Doch so ganz aus dem Blauen heraus trifft es ihn nicht. Die beiden haben immer mehr Abstand zueinander gewonnen, der so weit geht, dass Jax in den Verhandlungen mit Tyne von der darauf hingewiesen werden muss, dass er auch noch ein persönliches Anliegen haben könnte. Von alleine bringt er Taras Fall nicht in die Verhandlungen ein.
Jax steht nun schon einige Zeit an der Spitze des Clubs, in der Zeit ist er allein von den Iren auf grausame Art betrogen worden. Auch davor haben nicht alle SAMCRO-Verbündeten mit offenen Karten gespielt. Den Betrug der Geschäftspartner ist Jax gewohnt, auch innerhalb des Clubs hat er durch Clay (Ron Perlman) und Tig (Kim Coates) einiges mitmachen müssen. Er hat sich immer als jemand gezeigt, der seine Rache kalt serviert und relativ gut durchplant. Nicht ganz so gut wie Tara, aber Welten besser als der heißblütige Tig es oft getan hat.
Doch nun ist er von seiner eigenen Ehefrau, der Mutter seines Sohnes und Ziehmutter seines ersten Sohnes betrogen worden. Die Sache mit Opie (Ryan Hurst) hat ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben. Es dürfte interessant werden, wie er auf Taras Verrat reagiert.
Und das könnte noch nicht einmal das Ende der schlimmen Neuigkeiten sein. Nach langer Zeit ist durch Nero und Tara der Tod von Jax' Vater wieder auf dem Tisch. Und was Nero vielleicht noch weglächeln kann, wird an Jax nicht so spurlos vorbeigehen: Seine Mutter hat Clay den Segen gegeben, seinen Vater zu töten. Die einzige Loyalität, die Jax noch um sich finden wird, ist im Club, auch wenn Juice (Theo Rossi) und Tig durch Schuld in seine Abhängigkeit geraten sind. Zumindest Bobby (Mark Boone Junior), Chibs (Tommy Flanagan) und Happy (David LaBrava) haben sich aus freien Stücken für Jax entschieden.
Die Begleiterin
In der Episode John 8:32 bringen die Sons of Anarchy-Autoren eine angedeutet übernatürliche Note in die Story. Jax hat schon mehrfach diese mysteriöse Obdachlose getroffen, immer wieder war sie kurz vor wichtigen Veränderungen da. Zum Beispiel im Park als Jax und Tara in der Episode Hands auf dem Weg in die vermeintliche Freiheit Rast machen, kurz bevor Tara angegriffen und ihre Hand zertrümmert wird oder im Finale der ersten Staffel, The Revelator. Nun hat diese Frau einen Namen, Emily (Olivia Burnette), und eine Geschichte: Sie ist nämlich tot, gestorben bei dem Unfall, der auch John Teller das Leben kostete. Und sie hat eine Tochter, die jetzt Rache an den Sons of Anarchy nehmen will.
Doch sie hat den richtigen Zeitpunkt abgewartet, Jax ist am Steuer und das führt dazu, dass er ihr am Ende hilft und dafür sorgt, dass ihr Vater und sie nicht ihr Haus verlieren. Dafür stellt Jax sich in die Schuld von Oswalt (Patrick St. Esprit), den wir lange nicht mehr gesehen haben und vielleicht auch fürs Erste nicht mehr wiedersehen werden. Aber wenn er dann auftaucht, sollten wir uns erinnern, dass Jax ihm einen Gefallen schuldet, weil er sich und den Club von der Schuld freikaufen wollte, am Tod einer jungen Mutter beteiligt gewesen zu sein.
Man weiß nicht ob es ihre unsterbliche, gepeinigte Seele sein soll, die ihn da seit Jahren verfolgt oder ob es sich alles in seinem Kopf abspielt oder ob er andere Menschen mit ihr verwechselt, wie es dem Witwer oft passiert. Wir werden es wohl nicht erfahren, aber diese Seite der Geschichte, die uns und Jax schon so lange verfolgt, endlich aufgegriffen zu sehen, das macht die Episode John 8:32 zu einer großartigen Sache. Die Verbindung der Obdachlosen zu Johns Tod fühlt sich an als wenn das Tor zum ganz großen Finale ein Stück weit aufgestoßen worden wäre. Jax kann der Wahrheit nicht entkommen.
Wahnsinn
Während alle anderen sich mit der Wahrheitsfindung beschäftigen, nutzt Clay die Gunst der Stunde und sorgt für das nötige Blutvergießen und den Wahnsinn, die jede Sons of Anarchy-Episode offenbar braucht. Die Story in der Gefängniskapelle ist zwar von Ron Perlman amüsant gespielt, aber auch ein bisschen zu bemüht wahnsinnig geschrieben. Er muss in der Psychiatrie landen, um von dem gekauften Doktor mit einem Telefon versehen werden zu können. So nutzen die Autoren, diese sonst so stille Episode mit der Verrücktheit zu versehen, die fehlt.
Leichte Anfälle von Wahnsinn könnten Jax auch befallen haben als er sich entschieden hat, Galen (Timothy V. Murphy) an Tyne auszuliefern um selbst freizukommen. Galen ist ja nun alles andere als ein Einzelgänger und seine Hintermänner haben Teller Morrow explodieren lassen. Sich diese Zeitgenossen zu echten Feinden zu machen, ist ein gewagter Schritt. Immerhin hat Jax dazugelernt und die Idee am Tisch abstimmen lassen anstatt einen mutigen Alleingang hinzulegen. Bobby hat in der letzten Episode gestanden, dass er nicht weiß, ob der Club durch die ganze Sache durchkommt. Doch bisher sieht es aus, als wenn die große Stärke aus dem Inneren des Clubs kommt. Sie haben neue Mitglieder und alle die nun noch dabei sind, stehen auf einer Seite, kämpfen gemeinsam. Wenn sie diese Loyalität nicht wieder durch Geheimnisse aufs Spiel setzen, sieht es gut aus für die Zukunft des Clubs.
Fazit
Die Zeit der großen Offenbarungen ist in jeder Staffel Sons of Anarchy eine gute Gelegenheit für starke Episoden. Da macht auch John 8:32 keine Ausnahme. Allein für die Story um die obdachlose Frau und das starke Bild, das Tara am Ende hinterlässt, ist die Episode sehenswert. Doch auch alles dazwischen ist sehr gelungen, wenn auch nur mit einem weinenden Auge zu genießen: Dass Jax endlich den Blick auf den Tod des eigenen Vaters richtet, das große Geheimnis, der Motor der Geschichte, bringt auch die Endlichkeit der Serie ins Bewusstsein.
Verfasser: Serienjunkies.de am Donnerstag, 7. November 2013(Sons of Anarchy 6x09)
Schauspieler in der Episode Sons of Anarchy 6x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?