Sneaky Pete 1x10

Sneaky Pete 1x10

Die erste Staffel der Amazon-Eigenproduktion Sneaky Pete schließt mit einer ihrer besten Episoden ab. Äußerst schwungvoll werden in The Longest Day die vielen losen Enden zusammengeführt, die die Geschichte aufgeworfen hat. Besonders das Ensemble glänzt dabei.

Das Leben eines Trückbetrügers ist einsam. (c) Amazon
Das Leben eines Trückbetrügers ist einsam. (c) Amazon
© as Leben eines Trückbetrügers ist einsam. (c) Amazon

Bevor die Dramedy Sneaky Pete bei Amazon landete, versuchten ihre beiden Schöpfer, niemand Geringeres als Breaking Bad-Star Bryan Cranston und House-Macher David Shore, das Format bei CBS unterzubringen. Dort wurde auch der Pilot produziert, was man ihm deutlich anmerkt. Wäre die Serie beim Network geblieben, wäre die Aufteilung der Auftaktepisode ein guter Gradmesser für den weiteren Verlauf der ersten Staffel gewesen: Ein staffelübergreifender Handlungsbogen wäre dann von vielen Episodengeschichten komplementiert worden - ein klassisches Procedural eben.

No Use To Anybody

Weil der Stoff für die Entscheider bei CBS dann wohl doch zu kantig war, gaben sie dem Projekt keine weiteren Aufträge. Also machte sich Cranston auf die Suche nach einem neuen Zuhause, und auf dem Weg zum global operierenden Streaminganbieter packte er Justified-Schöpfer Graham Yost ein, was sich als großer Glücksfall für sein Baby herausstellen sollte. Im fertigen Endprodukt ist nicht nur Yosts Handschrift deutlich zu lesen, er hat auch viele bekannte Gesichter aus seiner Zeit als Chef des FX-Neowesterns mitgebracht - vor und hinter der Kamera.

Statt - wie in der nur mittelmäßig überzeugenden Pilotepisode - einen Teil jeder Episode einem vergessenswerten Fall der Woche widmen zu müssen, konnte sich das Kreativteam ganz auf die dramaturgischen Fleischtöpfe konzentrieren. Herausgekommen ist eine hervorragende erste Staffel, die nicht nur vom überbordenden Talent ihrer Darstellerriege profitiert, sondern auch vom halsbrecherischen Tempo, in dem neue Figuren, neue Geschichten und neue Wendungen eingeführt werden. Trotz dieser Reichhaltigkeit schafft es die Serie stets, nicht überfüttert zu wirken.

Natürlich dauert es bis zur Finalepisode, bis sämtliche losen Fäden zusammengeführt werden, was einem Format dieser Bauart in der DNA eingeschrieben ist. Dass es bis dahin - und auch nach der Auflösung - keine nennenswerten logischen Stolpersteine zu bemängeln gibt, ist ein weiterer Verdienst von Yost und seinen Autoren. Hinzu kommt eine ausgewogene Konzentration aus Plot und Figuren, sodass am Ende nicht nur ein narrativer, sondern auch viele kleine emotionale Höhepunkte zu feiern sind. Gibt man diese dann noch in solch begabte Hände wie die der Haupt- und Nebendarsteller, kann man fast nichts mehr falsch machen.

Am Ende ist es Julia (Marin Ireland), die der Familie aus der misslichen Lage hilft.
Am Ende ist es Julia (Marin Ireland), die der Familie aus der misslichen Lage hilft. - © Amazon

Ganz im Gegensatz zu der gut geölten Maschinerie hinter den Kulissen scheint für Marius Josipovich (Giovanni Ribisi) beinahe alles schiefzugehen, was nur schiefgehen kann (auch das ein Baustein, der Serien dieser Art zugrunde liegt). Zu Beginn der Finalepisode The Longest Day bricht er zwar mit dem schlussendlich doch erbeuteten Geld nach New York auf, das durch viel Geschick und einige glückliche Zufälle in seinem Schoß gelandet ist. Allerdings muss er dafür seine falsche Großmutter Audrey (Margo Martindale) hintergehen, was ihm sichtlich leid tut.

Always A Risk

In der Abwägung zwischen vorgetäuschter und echter Familienbande ist es jedoch nicht weiter verwunderlich, dass sich Marius dafür entscheidet, der Leidenszeit seines Bruders Eddie (Michael Drayer) endlich ein Ende zu bereiten. Außerdem steht ja noch der größte Betrug von allen aus, die Rache an Vince (Cranston) für den Mord an Charlie (Wayne Duvall). Hierzu begibt sich Marius als „Marti Josephs“ an den Pokertisch, wo bereits Vince sitzt und mit Eddies Hilfe versucht, den erfolgreichen Zocker Mukherjee (Pej Vahdat) des Betrugs zu überführen.

Während der erneut verloren geglaubte Enkelsohn in New York die Sicherheitseinzahlung eines Klienten veräußert, sind Otto (Peter Gerety), Audrey und Taylor (Shane McRae) zu Hause schwer damit beschäftigt, die Fehltritte der vergangenen Nacht auszumerzen. Dank des Verhandlungsgeschicks von Julia (Marin Ireland) geht das alles glatt, wobei es zu einer der vielen köstlichen schwarzhumorigen Szenen mit deren Ex-Mann Lance (Jacob Pitts) kommt, der leider nicht die hellste Leuchte ist. Alleine für seine Reaktionen auf Dinge, die um ihn herum passieren, auf die er aber keinen Einfluss hat, verdient Pitts einen Preis.

Im Kasino geht es derweil hoch her. Vince schöpft den richtigen Verdacht, versteht aber nicht, dass es noch ein weiteres Con-Level gibt. Wie wir erst später herausfinden, ist Mukherjee gar nicht in die Pläne eingeweiht. Auch Eddie kennt nicht jedes Detail des verzwickten Vorhabens. Einige Rückblenden später, die drängendsten offenen Fragen sind geklärt, heißt es Abschied nehmen. Obwohl sich die Brüder nur kurz wiedergesehen haben, trennen sich ihre Wege schon wieder. Eddie begleitet Karolina (Karolina Wydra) nach Las Vergas, Marius hat noch einiges in Connecticut zu erledigen.

So sieht familiäre Enttäuschung aus.
So sieht familiäre Enttäuschung aus. - © Amazon

Dort ist es längst zu mehreren emotionalen Auseinandersetzungen gekommen. Zum einen haben sich die ehemaligen Kollegen und Freunde Otto und Sam (Jay O. Sanders) ausgesprochen, was die Avancen angeht, die Letztgenannter Audrey gemacht hatte. Außerdem hielt Sam Nachtwache über die verängstigte Carly (Libe Barer), die sich nach der unheimlichen Begegnung mit Winslow (Michael O'Keefe) - eine der besten Szenen der gesamten Staffel - auf der Farm verständlicherweise nicht mehr sicher fühlte. Der emotionale Höhepunkt - und eine Schauspiel-Meisterklasse - ist da aber immer noch nicht erreicht.

This Is Not A Life

Dazu kommt es schließlich zwischen den geschundenen Eheleuten Audrey und Otto. Unter Tränen beichtet er, dass er den Auftragsmörder angeheuert habe, um sich selbst umbringen zu lassen, damit Audrey wenigstens das Geld seiner Lebensversicherung bekomme. Ihre Antwort darauf ist eine entsetzte Ohrfeige - und das Geständnis, dass es nur zwei Dinge in ihrem Leben gibt, die ihr wirklich wichtig sind: er und die Familie. Mit entsprechend gemischten Gefühlen sehen sie also gemeinsam der überraschenden Wiederkehr ihres „Enkelsohnes Pete“ entgegen. Er gibt ihnen - und seiner ehemaligen Partnerin Katie (Virginia Kull) und deren Ehemann Brendon (Brad William Henke) - das Geld zurück, verschweigt aber weiter, dass er gar nicht Pete ist.

Die Geschichte könnte nun zu Ende sein, sämtliche losen Enden sind verschnürt. Aber natürlich hegen die Serienmacher Ambitionen auf eine zweite Staffel, die ihnen von Amazon auch gegönnt wurde. Also muss Marius noch entführt werden und abermals in die Rolle des Auftragsempfängers gezwungen werden, und Julia muss sich auf einen zwielichtigen Deal mit Dockery (Chaske Spencer) einlassen, um sich von der Familienschuld zu befreien. So schnell sind die Grundsteine für die nächste Staffel gelegt.

Ob sich diese noch einmal so erfolgreich gestalten lässt, darf zumindest angezweifelt werden. In kommenden Episoden wird Cranston höchtwahrscheinlich nicht zur Verfügung stehen, entweder weil er andere Engagements vorzieht, oder weil seine Figur eine lange Haftstrafe zu verbüßen hat. Die Serie kann freilich auch ohne ihn sehr gut funktionieren, schließlich leidet sie keinesfalls unter einem Notstand begabter Schauspieler. Ein bisschen enttäuschend wäre es aber, wenn es einfach eine neue Hetzjagd nach einem dicken Geldbündel geben würde, das sämtliche Beteiligten zu halsbrecherischen Aktionen verführt. Andererseits könnte man aus der Serie ein charakterfokussiertes Format machen. Das wäre für diese Darsteller wohl auch eine spannende Aufgabe.

Bevor wir uns aber zuviele Gedanken über die kommende Staffel machen, wollen wir mit einem positiven Fazit zur ersten abschließen. Von allen einstündigen Formaten, die Amazon bisher hervorgebracht hat, hat mir Sneaky Pete am besten gefallen. Man könnte nun behaupten, dass das bei all dem involvierten Talent kein Wunder ist, aber oftmals scheitern solche Projekte auch angesichts ihrer zu hohen Stardichte. Hier ist es gutgegangen, und es hat viel Spaß gemacht.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 20. Januar 2017
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Sneaky Pete 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Ende ohne lose Enden
Titel der Episode im Original
The Longest Day
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 12. Januar 2017 (Amazon Prime Video)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. Februar 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 17. Februar 2017
Regisseur
Michael Dinner

Schauspieler in der Episode Sneaky Pete 1x10

Darsteller
Rolle
Shane McRae
Libe Barer
Peter Gerety
Margo Martindale

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