
© lbert (Luke Pasqualino) und Billy (Lucien Laviscount) kämpfen ums ganz große Geld. / (c) Crackle
Mit der Crackle-Serie Snatch versucht der als Zauberlehrling Ronald Weasley bekannt gewordene Schauspieler Rupert Grint das zu schaffen, was seinen „Harry Potter“-Kollegen Daniel Radcliffe („Swiss Army Man“) und Emma Watson („Die Schöne und das Biest“) längst gelungen ist: die Loslösung vom Kinderstarimage. Solche Wagnisse beobachten Fans stets mit Spannung und so ist es kaum verwunderlich, dass Grint, obwohl er in der Serie nur die zweite Geige spielt, im Zentrum aller Werbeposter steht.
Crackle weiß sehr wohl, dass man so die besten Chancen hat, Snatch bekannt zu machen. Anders als bei anderen Filmadaptionen kann man nämlich nicht darauf vertrauen, dass sich herausragend viele Menschen ans Originalwerk erinnern, zumal der 2001 erschienene Guy-Ritchie-Streifen „Snatch“ selbst nicht die besten Kritiken bekam, wenngleich er bei einigen Zuschauern mit einem starken Cast (Brad Pitt, Benicio del Toro, Jason Statham, etc.) und gutem Sinn für Humor Eindruck hinterließ.
Viele werden sich vermutlich nun zwei Fragen stellen: Erstens: Was ist eigentlich dieses „Crackle“, von dem hier ständig die Rede ist? Und zweitens: Warum wurde „Snatch“, der Film, überhaupt zur Serie adaptiert? Nach Sichtung der Pilotepisode All That Glitters kann ich zumindest die erste Frage mit Sicherheit beantworten: Crackle ist ein amerikanischer Streaminganbieter im Besitz von Sony Pictures Entertainment. Snatch ist für ihn nach StartUp die zweite große Eigenproduktion.
Fake it 'til you make it
Die Geschichte der Serie spielt wie beim Film im Kriminellenmilieu Londons. Für manche Zuschauer dürfte hier das erste Hindernis auftreten, da die Figuren einen heftigen Cockney-Akzent sprechen, bei dem auch ich nicht jedes Wort verstehen konnte. Wer damit leben kann, muss rasch den nächsten Rückschlag verkraften: Protagonist der Serie ist nicht wie versprochen Grints exzentrischer Ganove Charlie, sondern dessen leicht weinerlich/zickig auftretender Freund Albert (Luke Pasqualino). Dieser wuchs unter kriminellen Eltern auf und lebt im Schatten seines auf der Straße berühmten, jedoch inzwischen inhaftierten Vaters Vic Hill (Dougray Scott).
Alberts eigene Ambitionen beschränken sich zu Beginn der Serie auf kleine Betrügereien. Er weiß aber, dass dieses Geschäftsmodell nicht zukunftstauglich ist und so entschließt er sich, sein erstes großes Ding zu drehen. Mit einem jungen Underground-Boxer namens Billy (Lucien Laviscount) plant er einen Wettbetrug, der ihn reich machen und seinem Vater eine Lektion erteilen soll.

Aller Anfang ist schwer und das gilt auch für Kriminelle: Der Boxbetrug geht schief - Albert, Charlie und Billy verlieren 15 Tausend Pfund. Die drei haben es satt, am untersten Ende der Nahrungskette zu stehen, also denken sie nicht lang nach, als ihnen die verführerische Gangsterbraut Lotti (Phoebe Dynevor) die Möglichkeit eröffnet, ihren Ex-Lover, den überheblichen Superschurken Sonny Castillo (Ed Westwick), auszunehmen.
Sonnys Truck zu überfallen, entpuppt sich für Albert, Charlie und Billy als beste und eines Tages vielleicht auch als schlechteste Entscheidung ihres Lebens. Eine Ladung Goldbarren belohnt ihre Kühnheit und lässt die Pilotepisode von Snatch an einem Punkt zurück, der zumindest leichtes Interesse am weiteren Verlauf der Geschichte weckt. Ich bin jedenfalls gespannt, zu sehen, wie die drei Halbstarken ihren plötzlichen Reichtum zelebrieren und wie sie gegebenenfalls damit umgehen werden, wenn Sonny ihnen auf die Schliche kommt.
Fazit
Snatch ist sicher nicht die schlechteste Filmadaption, die uns Serienjunkies in den letzten Jahren vorgesetzt wurde. Die Vorlage ist zwar in sämtlichen Belangen überlegen - egal, ob in Sachen Drehbuch, Schauspiel, Inszenierung oder Humor -, doch die Serie ist zumindest eine würdige Hommage. Fragt sich nur, wieso statt einer Hommage an einen mäßig berühmten Film nicht einfach ein originelles Konzept verfolgt wurde. Warum das Risiko eingehen, sich mit einem Film zu messen, wenn man ohnehin einen Großteil der Handlung und sogar die Exposition verändert?
Es erscheint höchst verwunderlich, dass Crackle bei seinen Eigenproduktionen nicht mehr Mut beweist. Was hat der Streaminganbieter, so unbekannt er eh schon ist, denn zu verlieren? Man mag es fast bezeichnend nennen, dass das Gewagteste an der Pilotepisode von Snatch das Kleid von Phoebe Dynevor ist. Die Serie bietet nichts, was der Film nicht auch geboten hat. Zugute halten kann man dem Serienschöpfer Alex De Rakoff einzig, dass er im Gegensatz zu Guy Ritchie ein paar weibliche Figuren integriert hat - auch wenn die relativ klischeebeladen sind.
Statt zehn Episoden einer mittelmäßigen und uninspirierten Serie, wären die meisten wohl besser beraten, den Film zu schauen. Wer nach einer guten Serie über die Kunst des Betrügens sucht, wird an Better Call Saul mehr Freude haben. Diejenigen, die Snatch trotzdem sehen wollen, können dies ab dem 23. Mai 2017 beim Pay-TV-Sender SONY AXN tun.